Unsa Senf

Ein Sicherheitsgipfel und seine Folgen

18.07.2012, 12:43 Uhr von:  Redaktion

Es war mal wieder soweit. Die ausufernden Gewaltszenen und nahezu brennenden Stadien in den letzten Woche und Monaten der abgelaufenen Spielzeit riefen die ganz Großen dieser Republik auf den Plan: Vertreter der Fußballverbände und Politiker rückten aus. Um genauer zu sein, fuhren sie wild entschlossen nach Berlin und luden zur fast schon auserkorenen finalen Sicherheitskonferenz ein. Und Vereinsvertreter der Klubs aus Liga 1 bis 3 folgten diesem Ruf.

Und wer folgte mal wieder nicht, wer ließ sich nicht blicken auf jener Konferenz und brachte sinnvolle Vorschläge zur Verbesserung der Situation? Genau, die Fans. Diese eigentümliche ethnische Minderheit von geringem Wert für das öffentliche Leben und von noch viel geringerem Wert für Verbände und Offizielle. Kopfschütteln bei DFB-Präsident Niersbach und Liga-Präsident Rauball. Die Fans oder zumindest ihre Vertreter sind nicht erschienen. Ein Dialog kann so nicht stattfinden! Fertig, aus, Micky Maus.

So ähnlich hat sich das ganze am gestrigen Tag zugetragen – könnte man zumindest annehmen. Denn die Reaktionen und Begründungen von offizieller Seite für die auf der Sicherheitskonferenz in sehr kurzer Zeit dingfest gemachten Beschlüsse sind an Heuchelei kaum zu überbieten. Wie gerne wären die Fans in Form ihrer Vertreter von Fan-Projekten, Fan-Betreuungen und Arbeitsgemeinschaften Teil des runden Tisches gewesen. Wie gern hätten sie aufgrund ihrer zweifelsohne vorhandenen Expertise einen nützlichen Beitrag zum Wohle des Fußballs geleistet. Doch Einladungen wurden nie verschickt. Der DFB hielt es schlichtweg nicht für nötig, das höchste Gut des deutschen Fußballs, nämlich seine Anhängerschaft, zu involvieren. Liga-Vertreter Rauball versuchte zwischendurch, dieses Phänomen wenig erfolgreich zu erklären, als er auf die Verantwortlichkeit der Vereine anspielte und dass Fans ja letztlich nicht in der ausführenden Rolle von Maßnahmen und Gerichtbarkeiten seien. Nein, das sind sie nicht. Fans haben in diesen Tagen anscheinend nur noch die Funktion einer stillen Begleiterscheinung des deutschen Fußballs. Es geht halt nicht so richtig ohne sie, aber wirklich gebraucht werden sie nicht. Es war ein Sicherheitsgipfel im Berliner Nobelhotel Intercontinental, auf dem so einige diffuse Aussagen getroffen wurden.

Später am Nachmittag auf einer anderen Veranstaltung, die gleich noch näher beschrieben wird, lässt sich ein Vereinsvertreter eines Zweitligisten zu folgendem Statement hinreißen, mit dem er sicherlich den Nerv der meisten anwesenden Fans trifft: „Das war eine Veranstaltung für die Politik und für die Liga.“ Bingo! Mit Fans und ihren Anliegen, Wünschen und Vorschlägen hatte das Ganze ungefähr so viel zu tun wie Hochseeangeln in der Sahara. Jannis Busse, der als Sprecher der Initiative „Pyrotechnik legalisieren“ ohnehin schon schlechte Erfahrungen mit dem DFB gemacht hat, ergänzte: „Das Schlimmste ist die Ignoranz, mit der vorgegangen wird. Es wird von einem Dialog gesprochen, der eigentlich in der AG-Fandialog stattfindet, aber gleichzeitig werden Beschlüsse verkündet, die normalerweise mit Fanvertretern hätten diskutiert werden müssen. Die Fans werden übergangen, nicht nur heute, sondern auch generell. Und nach außen hin wird das dann als offen verkauft und ist so an Verlogenheit nicht mehr zu überbieten.“ Dieses Statement gab Busse im Zuge eines Expertengesprächs, das von ProFans, IG Unsere Kurve, der AG der Fananwälte und der BAG der Fan-Projekte organisiert und ausgerichtet wurde. Nur ein paar hundert Meter entfernt von der Sicherheitskonferenz, ebenfalls in einem Berliner Nobelhotel, generierten die Fanorganisationen nicht weniger mediale Aufmerksamkeit und lieferten wie immer konstruktive Ansichten und Meinungen zur Thematik. Die Beschlüsse der Konferenz nebenan verfolgten alle Beteiligten mit Schrecken und Befürchtungen.

Doch wie sehen diese in den vorhergehenden Zeilen immer wieder angesprochenen Beschlüsse der Sicherheitskonferenz denn nun eigentlich konkret aus? Insgesamt kann das Ganze auf drei übergeordnete Punkte zusammengefasst werden.

1. Stehplätze bleiben erhalten - allerdings nur vorerst! (Näheres an späterer Stelle dieses Artikels)
2. Erhöhung der Zuwendungen für Fan-Projekte um 50 Prozent, Verschärfung der Richtlinie für Stadionverbote
3. Verhaltenskodex mit klarer Ablehnung und Sanktionierung von Pyro-Technik

So viel nun erst einmal zur groben Nennung der Punkte. Nun also etwas detaillierter. Wie oben schon kurz erwähnt, saßen auch Politiker (denn die sind ja bekanntlich im Fußball viel wichtiger als Fans) am runden Tisch der Sicherheitskonferenz und gaben ihren wertvollen, von Fachkenntnis untermauerten Input. Unter ihnen befand sich auch Innenminister Dr. Hans-Peter Friedrich, der bereits im Vorfeld in tollkühner Koproduktion mit dem Vorsitzenden der Ministerkonferenz, Lorenz Caffier, ein Verbot von Stehplätzen in den Raum gestellt und als Möglichkeit zur Reduzierung der Gewalt in Stadien vorgestellt hatte. Also ganz getreu dem Motto: Was in England seit Jahren den Fußball Stück für Stück auffrisst und somit schleichend zerstört, kann für die Bundesliga ja nur gewinnbringend sein! Eine heftige Diskussion entbrannte und viele Vereinsoffizielle stellten sich vor das deutsche Kulturgut Stehplätze und schützten damit auch Vereinsinteressen im finanziellen Bereich.

Gestern wurde dann also als erster Beschluss die Erhaltung der Stehplätze bekannt gegeben – wahrscheinlich zum Unmut von Innenminister Dr. Friedrich, aber das ist reine Spekulation. Schließlich hielt er sich mit geschickten Aussagen mindestens eine Hintertür offen, zum Beispiel durch die Erklärung: „Wir reden derzeit(!!!) noch(!) nicht über ein Verbot von Stehplätzen.“ Die Vermutung liegt nahe, dass genau dieses Thema wieder aufs Tableau gebracht wird, sobald die ersten Zwischenfälle mit Pyrotechnik oder kleineren Ausschreitungen in der neuen Saison verzeichnet werden. „Das ist ein Lippenbekenntnis von Innenminister Friedrich. Wenn die erste Fackel im Gästeblock angeht, wird er wieder auf der Thematik Stehplatzverbot herumreiten“, fügt ProFans-Sprecher Philipp Markhardt an. Zumal der Herr Innenminister unter der Hand auch schon andeutete, dass er konkrete Pläne schon im Kopf hat, die sehr schnell umgesetzt werden könnten, sollten negative Entwicklungen weiterhin Einzug in deutsche Stadien haben. Und "Stadionwelt" verkündet nun dazu passend auf seiner Website, dass laut der Gruppierung "Rot-Schwarze Hilfe" aus Nürnberg die Abschaffung der Stehplätze bereits beschlossene Sache sei. Passend schließt ihr kurzer Bericht mit den Worten: „Herzlichen Glückwunsch an alle Beteiligten! Ruhe in Frieden, deutscher Vereinsfußball!“ Ende offen… wobei sich viele denken können, was von Seiten der Fans in den kommenden Monaten passieren wird.

„Es ist zu befürchten, dass es in den Blöcken Protestreaktionen geben wird, im Jetzt-erst-Recht-Stil“, weiß auch Philipp Markhardt. Innenminister Friedrich jedenfalls hatte vor einiger Zeit ja auch schon erklärt, die Vereine mehr in die Pflicht nehmen zu wollen. Darin erkennt René Lau, Vertreter der AG Fananwälte, eine negative Tendenz: „Bei einer solchen Aussage befürchte ich, dass damit eher die Repressalien gemeint sind, das heißt höhere Strafen für die Vereine bei Vergehen und härtere Einzelsanktionen gegen Fans.“ Der Innenminister und der Beginn einer Never-Ending-Story.

Punkt zwei der Beschlüsse ist kontrovers zu betrachten und vom DFB taktisch clever zusammengefasst. Bildet doch der erste Teilaspekt den wohl einzig positiven Entschluss des runden Tisches, nämlich die Erhöhung der Zuwendungen für Fan-Projekte von bisher neun Millionen Euro um 50 Prozent von DFB und DFL. Länder und Kommunen müssen so zukünftig nur noch ein Drittel statt, wie bisher, die Hälfte der Finanzierung übernehmen. Bleibt halt nur zu hoffen, dass das Geld auch an den richtigen Stellen ankommt. Mit der sich für im Universum höher berufenen gottähnlichen Institution Joseph Blatter an der Spitze allen verbandsoffiziellen Handelns, kann man ja nie so richtig wissen wo Gelder dann im Endeffekt landen.

Der zweite Teilaspekt dieses zweiten Punktes jedenfalls stellt die wahrscheinlich größte Frechheit an diesem für den Fußball ohnehin schon tristen Nachmittag dar. Es geht um die Aufstockung der maximalen Länge von Stadionverboten auf bis zu zehn Jahre, nachdem man 2007 noch eine erste Annäherung mit der Senkung auf drei Jahre bewirkt hatte. „Insbesondere die Diskussion, die Dauer der Stadionverbote wieder zu verlängern, ist unfassbar und ein Schlag ins Gesicht. Dieser Beschluss wurde mehr oder weniger über die Köpfe hinweg entschieden. Sollte dieser Beschluss endgültig durchgewinkt werden, dann wird es ganz schwierig für den DFB, überhaupt nochmal bei den Fans einen Ansprechpartner zu finden, mit dem man in Zukunft diskutieren kann“, bilanzierte Philipp Markhardt. Aber diskutieren möchte man ja anscheinend eh nicht von Seiten des DFB, also schafft man sich mit solchen völlig undurchdachten Beschlüssen einfach gleich alle etwaigen Gesprächspartner vom Hals.

Der letzte Punkt umfasste einen Verhaltenskodex, der hier nur erwähnenswert ist, weil er von allen Vertretern der Profiklubs unterzeichnet wurde, bis auf einen. Nicht nur, dass keine Unterschrift eines Vertreters von Union Berlin auf der Tafel mit dem Verhaltenskodex des DFB sichtbar war, nein: Union Berlin blieb dem Sicherheitsgipfel gleich völlig fern und setzte damit ein Zeichen, das man sich von viel mehr Klubs und ihren Vertretern gewünscht hätte. Und warum glänzten die Eisernen durch Abwesenheit? Die Antwort und Begründung dafür ist so simpel wie auch naheliegend. Dieser Kodex, der sich der Einhaltung der Grundwerte des Fußballs und der vereinsübergreifenden Distanzierung von Gewalt und dem Einsatz von Pyrotechnik verschreibt, wurde den Vereinen am späten Montagnachmittag zugeschickt, also einen Tag vor der Konferenz. So gab es also keine Möglichkeit diesen Kodex mit Fans oder höher gestellten Fanorganisationen zu besprechen. „Ein Kodex, der sich auf das Verhalten der Union-Fans auswirken soll, kann nur mit ihnen gemeinsam erarbeitet und umgesetzt werden“, erklärt Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin in einer Erklärung auf der Vereinshomepage. Damit hat er absolut Recht! Doch die Frage ist, warum alle anderen Vereinsvertreter diesen Kodex blind unterschrieben haben, ohne mit den Fans dementsprechende Absprachen zu treffen? Die Antwort und eine Interpretation sollen an dieser Stelle jedem selbst überlassen sein. Achja, übrigens werden sich die Kapitäne der Profiteams zu Saisonbeginn per Pamphlet in einer so was von überzeugenden Art an die Fans in den Stadien wenden, dass Pyrotechnik und sämtliche anderen Probleme wie von Geisterhand für alle Zeit verschwinden werden - das fehlerfreie Vorlesen der Spieler natürlich vorausgesetzt.

Vor dem Fazit noch eine kleine Randgeschichte. Mal wieder (wie auch schon auf dem Fankongress Anfang des Jahres) tauchte die Polizei auf, diesmal allerdings vor Beginn der Veranstaltung. Von den Hotelmitarbeitern wollte man wissen, was das denn für Leute seien, die dann später zur Veranstaltung stoßen würden. Da bleibt die Frage im Raum stehen, warum die Polizei nicht auch noch dreihundert Meter weiter gefahren ist und die Herren Verbandsoffizielle und geladene Gäste unter die Lupe genommen haben, denn da weiß man ja auch nicht immer ganz sicher, was das für Personen sind.

Als kleines Fazit schlussendlich bleibt stehen, dass der Sicherheitsgipfel viele Fragen aufwirft und die Unfähigkeit des DFB zum Dialog und sogar die Bereitschaft für eine Kommunikation mit den Fans schwärzer denn je aufblühen lässt. Und das, wo die verkündeten Beschlüsse dieser Konferenz weitreichende Auswirkungen haben könnten. Auf den Fußball, so wie wir ihn kennen und lieben.

Tim, 18.07.2012

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