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Kinder der Westkurve - besser und schöner geht es kaum

20.12.2012, 16:45 Uhr von:  Redaktion

Kinder der WestkurveNach dem Motto „von Fans für Fans“ ist wohl eins der großartigsten Werke über Fans entstanden, dass man in seinem Bücherregal haben kann. Das einzige wirklich Makel des Buches ist, dass es nicht über die BVB Fanszene ist. Dennoch hat dieses Buch auch für nicht HSV Fans viel zu bieten. Auf den insgesamt 660 Seiten haben die Autoren Thorsten Eikmeier, Jörn von Ahn, Philipp Markhardt, Thomas Reifschläger, Jan Möller, Malte Laband und Thorsten Ewert mal eben einen wohl nahezu kompletten Abriss über die Fans des HSV geliefert.

In den 13 Themenabschnitten widmet sich das Buch den Aspekten der vergangenen und heutigen Fankultur und bietet einen unheimlich tiefen Blick in das Dasein als HSV Fans. Als BVB Fan kommt man natürlich nicht umhin, sich teilweise wiederzufinden. Immerhin handelt es sich bei beiden Vereinen um Traditionsklubs, die beide schon Täler durchschritten und große Erfolge gefeiert haben. Eine besondere Leistung der Autoren ist dabei, dass man sich auch intensiv mit den Schattenseiten des Fußballs beschäftigt.

Die AutorenDa die Macher aus der aktiven Fanszene kommen, war es ihnen möglich einen intensiven Blick auf Dinge zu werfen, von denen viele nur vom Hörensagen wissen. Dieses Fachwissen und der besondere Zugang zu den Akteuren zeigen sich vor allem in den Kapiteln „Faszination Fußballgewalt“ und „HSV-Fans und Politik“. Hier wird ein Bereich ausgeleuchtet, der in offiziellen Vereinschroniken eher stiefmütterlich behandelt wird. Bei externen Autoren wird gerade hier ihre Unabhängigkeit dann doch zur Schwäche, da ihnen als Außenseiter kein Zugang gewährt wird. Hier setzt „Kinder der Westkurve“ sicherlich Meilensteine, die nicht unbedingt schön sind, aber zur Wahrheit eben dazu gehören.

Doch ab von diesen beiden Kapiteln hat dieses Werk natürlich noch viel mehr zu bieten. Die Geschichte der HSV Fans wird genauso ausreichend gewürdigt wie aktuelle Entwicklungen der Ultras-Szene und die Bedeutung der Fanorganisationen Dachverband und HSV Supporters Club. Gerade der HSV Supporters Club ist ein Beispiel für aktive Fanmitbestimmung in Vereinen. Das mag zwar den Einen (Bernd Hoffmann) oder Anderen (Springer Presse) nicht gefallen, ist aber aus einer erwachsenen und emanzipierten Fansicht her mehr als wünschenswert. Dabei wird der Weg der Supporters von ihren Anfängen bis zur heutigen Struktur mit eigener Lokomotive, festangestellten Mitarbeitern und über 50000 Mitgliedern nachvollzogen.

KiDeWeNeben all diesen ernsten Themen kommt auch der Unterhaltungsanspruch zum Tragen. Zum Teil lustige zum Teil skurrile Geschichten von Auswärtsfahrten vergangener Tage wissen den Leser immer wieder zu amüsieren. Dabei hört man sich immer mal wieder „Unfassbar!“ sagen, denn was früher möglich war, würde heute einen Empörungsschrei auslösen, der quer durch den Äther bis zum Mars schallen würde. Doch ganz ehrlich, es macht Spaß von früher zu lesen. Besondere Schmankerl bietet da natürlich das Kapitel „Fans der besonderen Art“. Dort wird ausgiebig über Touren berichtet, die so ähnlich auch noch so mancher Dortmunder zu berichten weiß, als man in Kiew mit knapp 20 Gästefans den BVB unterstützte.

Abgerundet wird das Werk durch Photographien, Bilder von Aufnähern und alten Fanmagazinen. Wer einmal im Hooligan Report Nr. 4 nachlesen konnte, wie damals ein Duell Hamburger SV vs. Schalke 04 ablief bzw. beschrieben wird, kann kaum glauben, dass damals Fußball überhaupt durchführbar war. Das so etwas dann auch noch öffentlich publiziert werden konnte – heute undenkbar. Auch bei den Bildern sind wirklich geile Teile dabei, für die wohl wirklich Bezeichnung Old School erfunden wurde. Sehr angenehm dabei ist, dass keine Bilder verpixelt wurden oder ähnliches. Anders als in vielen anderen Fanbüchern hat man hier einen unbeschränkten Blick auf Personen und Menschen, die eben auch den Fußball ein bisschen prägen, so wie es jeder von uns tut.

No SurrenderFür BVB Fans besonders interessant ist sicherlich das Kapitel für Fanfreundschaften. Die Beziehung zwischen den Hamburgern und Dortmundern wurde jahrelang von großen Teilen der damaligen Szene getragen und gelebt worden. Immerhin 10 Seiten ist den Autoren die vergangene Freundschaft wert. Dabei werden die Anfänge beleuchtet und auch der Bruch aus Hamburger Sicht skizziert. Ob diese Sicht der Dinge Objektiv ist, kann man dabei wohl nicht verifizieren. So etwas ist schon immer etwas subjektiv geprägt. Nichtsdestotrotz sind die Einblick in die damalige Zeit sehr interessant und für Fans jüngerer Generationen wohl mehr oder weniger unglaublich.

Doch was bleibt am Ende für unsere Leser, die wohl mehrheitlich BVB Fans sind? Vor allem der Wunsch danach ein solches Buch mal über den BVB und seine Fans in der Hand halten zu können. Es ist schon erstaunlich, wie man dermaßen umfassend von Fans über Fans berichten kann und dabei liebevoll an die Anekdoten, Geschichten, Bilder, Erinnerungsstücke und Fakten zusammengetragen hat. Das macht Spaß zu lesen, auch wenn man nicht HSV Fan ist. Es ist unglaublich wie es den Autoren so konsequent gelingt, die Fans in den Vorgrund zu stellen. Etwas was in dieser Form bisher wenige geleistet haben. Die Rauten haben hier die Messlatte für kommende Bücher in diesem Segment verdammt hochgehängt. Für Menschen die sich für Fans und Fan-Szenen in ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interessieren, ist dieses Buch eine wahre Wucht. Leider hat ein solches Format auch seinen Preis, immerhin 39,90 € muss berappen, um dieses Buch zum Eigentum zu machen. Dafür hat man stundenlang etwas davon und im Regal sieht es auch noch gut aus - nebenbei hat man damit eine Erinnerung im Regal, an eine Zeit die wir so vielleicht bald nicht mehr in Deutschland haben. Wenn man sich überlegt, für welchen Schrott man sein Geld teilweise raushaut, sind diese 40 € wirklich gut investiertes Geld.

DatenVolksparkstadion

Titel: Kinder der Westkurve

Seiten: 660

ISBN: 3000393234

Preis: 39,90 €

Erwerben könnt ihr die 658 Seiten über trolsen oder über HSV Supporters Club.

mrg, 14.12.2012

Ein Dank für die Bilder geht an Kinder der Westkurve.

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