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Durchgelesen: Ultras im Abseits

30.04.2012, 14:02 Uhr von:  Redaktion

Gab es bis vor einigen Jahren kaum Lesewerk über die deutschen Ultras, erscheinen nun fast quartalsweise neue Bücher, die sich den Ultras versuchen zu nähern. Waren die ersten Bücher vor allem von subjektiven Erfahrungen geprägt, hat sich nun die Wissenschaft immer intensiver mit der „Jugendkultur Ultra“ auseinandergesetzt. Mittlerweile kann sich die Forschung auf eine Reihe von empirischen Daten, Interviews und Facharbeiten stützen. Das gesteigerte Interesse an den Ultras lässt sich auch leicht an den Universitäten beobachten. Einige Universitäten bieten mittlerweile regelmäßig Veranstaltungen und Seminare an und mit dem Institut für Fankultur hat die Professionalisierung der Forschung an Fans und Fankultur wohl einen neuen Höhepunkt erreicht.

Dr. phil. Martin Thein und Jannis Linkelmann, die beide am Institut für Fankultur mitwirken, haben nun ein weiteres Buch über Ultras herausgebracht. Der wissenschaftliche Hintergrund der Herausgeber schlägt sich dann auch im Buch nieder. Mit rund 15 € ist das Buch für Fachliteratur nicht besonders teuer und dennoch gehören einige Abschnitte eher zur schweren Kost und untermauern so den inhaltlichen Anspruch. Auf 272 Seiten versuchen eine Reihe von Schreiberlingen, dem Leser die Ultrakultur durch unterschiedliche Fragestellungen näher zu bringen. Hierbei wird ein breites Spektrum von Autoren angesprochen, es äußern sich überwiegend Wissenschaftler, aber auch Personen aus der Praxis wie Polizisten und die Ultras vom VfB Stuttgart kommen zu Wort. Insgesamt liest sich das Autorenverzeichnis ein bisschen wie ein "who is who" der Fanexperten. Fehlen tut eigentlich nur Prof. Gunter A. Pilz, was aber nicht zwangsläufig eine Schwäche sein muss.

Inhaltlich ist es wie so oft bei solchen Sammelbänden: Starke Kapitel wechseln sich mit eher enttäuschender Kost ab. Herausragend ist beispielsweise der Beitrag von Markus Verma, dem es gelingt, auch dem ultrafernen Leser die Gedankenwelt der Ultras nahe zu bringen. Natürlich kann auch dieser Beitrag keine Allgemeingültigkeit erreichen, einfach weil die Szene zu heterogen ist. Dennoch hat er die Hauptansichten, Motivationen und Dilemma, in denen sich die meisten Ultras befinden, sehr gut erfasst und zu Papier gebracht. Auch der Beitrag von Konrad Langer ist eine starke Abhandlung zum Thema Gewalt und Ultras, die nicht nur die aktuelle Situation skizziert, sondern auch die Entwicklung zum Status quo wiedergibt. Generell ist die Auseinandersetzung der Wissenschaftler mit der Thematik sehr differenziert und damit angenehm zu lesen.

Weniger ausgewogen sind naturgemäß die Beiträge der, nennen wir sie mal Stakeholder. Es wird sehr deutlich, dass hier ganz persönliche Motive verfolgt werden oder eine undifferenzierte Sichtweise vorherrscht. Während der Text von Michael Gabriel (wie so oft) in einem Plädoyer für eine bessere Ausstattung der Fanprojekte abdriftet, ist der Text von Gerald von Gorrissen (Fanbeauftragter des DFB) doch arg verbandsnah. Hier zeigt sich ein Konflikt, der schon auf dem Fankongress zum Tragen kam. Die Ultras vom VfB kommen dann in einem Interview zu Wort. Dieses Interview zeigt deutlich, dass Ultras nicht stumpfe Idioten sind, sondern zumindest die führenden Köpf sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst sind und sich auch kritisch selbst reflektieren können. Doch eine echte Schwäche des Interviews ist, dass die Fragen zu lieb gestellt worden. Da merkt man einfach die vorhandene Grundsympathie des Interviewers und teilweise fehlendes Insider-Wissen. So fällt es den Jungs um Commando Cannstatt recht leicht, eine wärmeres Bild von ihrer Bewegung zu zeichnen.

Zusätzlich kommen zwei Polizisten zu Wort. Deren Text ist wohl mit der schwächste Teil des Buches. Die Darstellung der Probleme der Polizei mit sturen Fans und die hohen Einsatzbelastung ist legitim und sicherlich auch eine nicht ganz unwichtige Ursache. Aber eben auch viel zu kurz. Die Tatsache, dass viele Problem auch aus der Organisation der Polizei herrühren, sowie die überalterte Einsatzkonzeption werden leider völlig ausgeklammert oder nicht gesehen. Hier haben andere Polizisten, wie beispielsweise Christian Kusch (auf dem Kongress Feindbilder im Abseits), deutlich mehr Reife und Selbstkritik gezeigt. Als positives Gegenbeispiel sticht hier das Interview mit Helmut Spahn (ehemaliger Polizist und DFB Sicherheitsbeauftragter) heraus. Dieser zeigt in dem Gespräch eine wohltuende Offenheit und Konstruktivität, die einigen Debatten sicherlich gut tun würden.

Als rote Linie zieht sich durch alle Beiträge, dass die Kommunikation jetzt das Gebot der Stunde sei und dass Verbände, Polizei, Vereine und Ultras sich wieder in offenen Gesprächen gegenübersetzen sitzen müssten, da es ansonsten nur Verlierer geben würde. Dabei ist die Hauptforderung an die Polizei, Verbänden und Vereinen endlich als zuverlässiger Partner entgegen zu treten, ehrlich und ergebnisoffen mit den Ultras zu diskutieren und sie zu behandeln, wie sie es als reife und gut organisierte Fans verdient haben. Gleichzeitig wird von den Ultras erwartet, dass man sich zu der eigenen Verantwortung bekennt, die man bei dem Thema Sicherheit der Zuschauer hat.

Insgesamt bleibt ein positiver Gesamteindruck. Die etwas knallige Aufmachung des Buches täuscht über den vorhandenen Tiefgang und den hohen Anspruch hinweg. Für 14,90 € gibt es ein solides Buch, das die meisten Leser vor allem durch seine Aktualität auf den momentanen Stand der wissenschaftlichen Betrachtung bringt, ohne sie dabei durch akademischen Anspruch zu überfordern. Jedem Interessierten, der mit Fußball und Ultras zu tun hat, kann man das Buch empfehlen. Gerade wenn er die Ultrablöcke bis jetzt nur aus dem Fernglas gesehen hat.

Ultras im Abseits

Verlag: Die Werkstatt

Seiten: 272 (Taschenbuch)

Preis: 14,90

mrg, 30.04.2012

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