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Durchgelesen: Tor zum Osten

06.06.2012, 00:10 Uhr von:  Redaktion

Tor zum OstenDas hat Spaß gemacht. Olaf Sundermeyers „Tor zum Osten“ ist ein launischer Reisebericht durch Polen, die Ukraine und Russland auf 208 Seiten.

Der gebürtige Dortmunder Olaf Sundermeyer hat mittlerweile seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt, von wo aus er immer wieder zu Erkundungstouren gen Osteuropa aufbricht. Passend zur kommenden Kommerz-EM in Polen und der Ukraine hat er seine Erlebnisse aus den beiden Ländern in Buchform abgefasst. Als kleines Bonusmaterial gibt es dann noch ein paar Seiten zum schlafenden Riesen Russland. Den größten Teil nehmen dabei die Berichte aus Polen ein. Es ist schon verwunderlich, obwohl Polen unser direkter Nachbar ist und obwohl man mittlerweile von Borussia Polonia spricht, weiß kaum jemand etwas über den östlichen Nachbarn. Einzig die deutsche Hopper-Szene sorgt immer wieder für Berichte aus dem Land, das immerhin 1974 und 1982 den dritten Platz bei der Fußballweltmeisterschaft erreichte. Doch die Geschichten und Anekdoten drehen sich nicht nur um die Reprezentacja (Polnischer Name der Nationalmannschaft), sondern beschäftigen sich auch mit dem Vereinsfußball und seiner ganz eigenen Fankultur. Dennoch kommen die Freunde des Fußballs, der Fußballgeschichte und Fußballstatistik nicht zu kurz. An Hand von ausgewählten Spielern werden immer wieder die Bedingungen, unter denen die Akteure in den Ländern agieren, verdeutlicht. Und gerade die polnischen Verhältnisse sind durch den Fall Piszczek plötzlich ganz nah an Dortmund. Da wiederum die Verpflichtung eines polnischen Talents diskutiert wird: Ein Grund mehr, sich mit dem Fußball im Nachbarland zu beschäftigen.

PolenDen oben angesprochenen Erzählstil behält der Autor dann auch für die Ukraine und Russland bei. Sundermeyer beschäftigt sich also mit beiden Ebene des Fußballs und ihrer Bedeutung für die Länder. Dass in Polen, Russland und der Ukraine dabei die Uhren anders ticken, wissen mittlerweile sicherlich die meisten Fußballinteressierten. Doch Olaf Sundermeyer gelingt es durch seine teilweise saloppe und trockene lakonische Schreibweise, den Leser mitzunehmen und dabei auch das liebenswerte an der „wilden Fußballwelt“ durchscheinen zu lassen. Was dem Leser schnell klar werden dürfte ist, dass man nicht mit den Erwartungshaltungen von westlichen Fußballfans die östliche deutsche Grenzen übertreten sollte. Und dies gilt für jede Ebene des Fußballs. Fans, Spieler, Verbände, Sponsoren und Politik bilden ein Konglomerat, was dazu führt, dass die Fußballkultur in diesem Teil Europas so anders ist als bei uns. Dabei vergisst der Autor aber auch nicht, sich den sportlichen Dingen zu widmen. Immer wieder werden die Beziehungen zur Bundesliga und anderen westeuropäischen Ligen herausgestellt. Gerade in der jüngeren Vergangenheit haben sich die Verbindungen unseres Ballspielvereins nach Polen verfestigt. Dass Olaf Sundermeyer selber aus Dortmund kommt, wird dabei sicherlich auch eine Rolle gespielt haben.

Gewöhnungsbedürftig ist beim Lesen allerdings der manchmal etwas sprunghafte Schreibstil. Gerade wenn man das Buch zwischenzeitlich mal ein, zwei Tage zur Seite legt, kann es einem passieren, dass man Mühe hat, den Faden wieder aufzunehmen. Das ist jedoch nicht allzu schlimm, da man das Buch sehr gut in wenigen Tagen weglesen kann. Besonders die persönlichen Begegnungen mit Funktionären, Sportlern, Sportjournalisten und Hooligans halten das Interesse aufrecht, weil Olaf Sundermeyer hier auch die Akteure zu Wort kommen lässt und Antworten bekommt. Dies ist keine Selbstverständlichkeit bei Berichten über den Osten, die durch die Brille des Westens gemacht werden. Bei diesen Gesprächen spiegelt sich dann ein völlig anderes Verständnis von Recht und Unrecht wider, das dann eben auch den Fußball in den Ländern beeinflusst.

Tor zum OstenFür BVB-Fans auf jeden Fall immer wieder interessant sind die Verbindungen zu Borussia. Beispielsweise finden die Geschehnisse in Lemberg sich auch hier im Buch wieder. Generell widmet der Autor Lemberg und seiner Fanszene recht viel Raum, was sicherlich für die meisten interessant sein dürfte, die dort anwesend waren.

Insgesamt ist das Werk von Olaf Sundermeyer ein gut zu lesendes Buch über den Fußball im Osten. Der Autor nimmt einen mit auf eine sehr persönliche Reise, die durch einige Glanzpunkte zu überzeugen weiß. Für 12,90 € kann man sich den Spaß auf jeden Fall gönnen, für EM-Reisende sollte es fast eine Pflichtlektüre sein, weil es ein Bild zeigt, das man wohl kaum während der durchgestylten EM zu sehen bekommen wird.

Das Buch gibt es, wie geschrieben, für 12,90 € im Buchhandel und im Internet zu erwerben. Man bekommt 208 Seiten kurzweiligen Reisebericht aus einer anderen Fußballwelt.

Titel: Tor zum Osten - Besuch in einer wilden Fußballwelt

Seiten: 208

Preis: 12,90 €

Verlag: Die Werkstatt

ISBN-10: 3895338532

mrg, 06.06.2012

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