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Der FC Bayern und seine Juden - Buchbesprechung

30.01.2012, 21:11 Uhr von:  Redaktion

Der Anfang des Jahres bekannt gewordene Wechsel von Marco Reus zum BVB hat die deutsche Fußballwelt in Aufregung versetzt. Fordert Dortmund die Bayern heraus? Sind wir auf dem Weg zu spanischen Verhältnissen? Die Spitzen des Rekordmeisters nahmen gleich die Fährte auf und jeder, der ein rotes Leibchen trug, durfte in die Mikrofone der gespannten Journalisten mitteilen, dass der FC Bayern trotzdem der größte Verein in Deutschland bleibe.

Als ob das jemand in Frage gestellt hätte! Es hat allerdings den Anschein, als würden sich die Wege von Borussia Dortmund und dem FC Bayern in den nächsten Jahren noch häufiger kreuzen. Es lohnt sich also vielleicht doch, den Rekordmeister etwas näher kennen zu lernen – Feindbeobachtung sozusagen. Wer dazu nicht nur auf Sport1 oder Sport-Bild angewiesen sein möchte, könnte zum Beispiel zu dem im letzten Jahr erschienenen Buch „Der FC Bayern und seine Juden" von Dietrich Schulze-Marmeling greifen, das von der Deutschen Akademie für Fußballkultur zum Buch des Jahres 2011 gewählt wurde.

Schulze-Marmeling, der auch verschiedene Veröffentlichungen über Borussia Dortmund vorzuweisen hat, widmet sich der erst in den letzten Jahren – teils auf Initiative der Ultra-Gruppierung Schickeria – wieder stärker ins Bewusstsein gekommenen jüdischen Tradition des FC Bayern. Gegründet wurde der Verein zur Jahrhundertwende am 27. Februar 1900 und etablierte sich gleich als elitärer und vornehmer Klub, in den anfangs nur die sogenannten Einjährig-Freiwillige eintreten durften, also Wehrpflichtige mit Abitur und dem nötigen Kleingeld, die Ausrüstung und Verpflegung selbst zahlen konnten. Seine Heimat fand der FC Bayern in der Münchener Maxvorstadt, einem Studentenviertel, und in der berühmten Künstlerkolonie Schwabing – nichts ist also falscher als der auch unter Borussen übliche Spottname „Bauern" für die Bayern. Beide Viertel waren bekannt dafür, dass sie viele Bürger aus fremden Städten anzogen und tatsächlich war auch der frühe FC Bayern geprägt von Zuwanderern und keinesfalls ein typisch bayrischer Verein. Einer der Vereinsgründer war sogar Dortmunder: Der jüdische Künstler Benno Elkan, der um die Jahrhundertwende die Akademie der Bildenden Künste besuchte. Heute findet man von ihm unter anderem am Dortmunder Ostfriedhof die 1904 entstandene Grabfigur „Die Wandelnde". Elkan war während des „Dritten Reichs" gezwungen, Deutschland zu verlassen und außer seinem Namen auf der Gründungsurkunde des FC Bayern sind im deutschen Fußball keine Spuren seiner Tätigkeit mehr zu entdecken.

Der Autor schildert in seinem Buch den Gründungsprozess sowie die frühe Entwicklung des FC Bayern bis 1945 und fragt dabei immer wieder nach der Bedeutung jüdischen Engagements im Verein. An erster Stelle steht dabei natürlich Kurt Landauer, der 1913 erstmals Präsident der Bayern wurde und bis 1933 insgesamt 14 Jahre an der Spitze des Vereins stand, der unter seiner Führung 1932 erstmals Deutscher Meister wurde. Schulze-Marmeling kann zudem auf zahlreiche jüdische Spieler oder Vereinsunterstützer verweisen, die den Aufstieg des Clubs ermöglichten. Obwohl der Klub oftmals wegen seiner prominenten jüdischen Mitglieder abfällig als „Judenklub" diffamiert wurde, entsprach der Anteil der jüdischen Mitglieder in etwa dem innerhalb des jüdischen Bürgertums. Dass sie dennoch auffielen lag alleine daran, dass den FC Bayern eine eher seltene liberale Offenheit auszeichnete und den Aufstieg in Führungspositionen nicht an rassische Kriterien knüpfte, sondern an individuelle Fähigkeiten.

Gerade dafür wurde der FC Bayern jedoch in den nationalsozialistischen Jahren von den neuen Machthabern verachtet. Während der Lokalrivale 1860 München sich dem Regime rasch öffnete, erfolgte erst in den Kriegsjahren eine funktionale Gleichschaltung des FC Bayern. Doch auch diese konnte alte Loyalitäten nicht zerbrechen. Als der Verein am 7. November 1943 zu einem Gastspiel in Zürich gastierte, saß der emigrierte ehemalige Vereinspräsident Kurt Landauer auf der Tribüne und verfolgte das Spiel seines alten Klubs. Nach dem Abpfiff nutzte die Mannschaft die Gelegenheit zu einer seltenen Sympathiebekundung, lief zu der entsprechenden Tribüne und grüßte Landauer demonstrativ. Der Verein aber, der die letzte Meisterschaft vor der Machtübername der Nazis gewann, erlebte in den NS-Jahren einen schleichenden Abstieg und konnte erst nach 1945 einen erneuten, diesmal dauerhaft erfolgreichen Angriff auf die deutsche Fußballspitze starten.


Schulze-Marmeling schildert diese Entwicklung mit viel Liebe zum Detail, manchmal etwas vom Weg abkommend und nicht immer besonders gut lesbar. Aber wer sich für die Geschichte des derzeitigen Rekordmeisters und die ersten Jahrzehnte des deutschen Fußballs interessiert, wird in diesem Buch einige spannende Entdeckungen machen.

PatBorm, Gastautor, 25.01.2012

Der FC Bayern und seine Juden ist im Jahr 2011 im Werkstatt Verlag erschienen. Hier kaufen.

Gastautorenbeiträge müssen nicht unbedingt mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

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