Warmlaufen

Eine Geschichte voller Missverständnisse

06.05.2011, 19:03 Uhr von:  Redaktion

Weserstadion BremenRückblick in das Jahr 1963: Erstmals Bundesliga. Erster Spieltag. Erstes Auswärtsspiel in Bremen. 1. Minute. Erstmals die BVB-Führung durch Timo Konietzka. Der erste Torschütze dieses noch jungen Wettbewerbs. Erstplatzierter der Blitztabelle. Der erste Schritt zu einer grandiosen Saison. Erster Bundesliga-Meister womöglich? Erstens kommt es anders… Meister wurde man eine Winzigkeit später.

Das Spiel der Premierensaison wurde 3:2 abgeschenkt und das daraus entstandene Trauma mit fünf Niederlagen an der Weser in Folge erst mal ordentlich gelebt. 1970 sollte es endlich mit dem ersten Sieg in Bremen klappen. Zweimal Werner Wiest und einmal Horst Trimhold schossen die Borussen zum 3:1-Erfolg. Grün-weiße Verschwörungstheoretiker behaupteten nach der Niederlage aber, die Schuld an der Heimniederlage habe einzig und allein der Trainer Hans Tilkowski. Die BVBTorwartlegende hatte den SV Werder zu Saisonbeginn `69 übernommen und ‚habe da was für seine alten Kumpels gedreht‘. Der DFB nahm daraufhin entschlossen die Ermittlungen auf und verurteilte den ehemaligen Bremer Trainer Günter Bröcker und - stellvertretend für den beteiligten BVB-Spieler Rudi Assauer - elf Spieler des FC Meineid 05 zu langen Spielsperren. In inoffiziellen Sitzungsprotokollen des DFB zur sogenannten ‚Bremer-Affäre‘, die mir zugespielt wurden, soll Chefankläger Kindermann gesagt haben: „Solange die Mauer steht, wird kein schwarzgelber Borusse einen Punktgewinn in Bremen bejubeln dürfen!“ Beide Vereine mussten schließlich eine Stillschweigeerklärung unterschreiben, die dem BVB zumindest vor weiterer Strafverfolgung bewahrte. Bröcker wurde als ‚Verbindungsmann’ zwischen den beteiligten Vereinen betrachtet, da Ex-Borusse Alfred ‚Adi‘ Preißler (gemäß Zeugenaussagen) ihm für den ‚ersten Auswärtszweier meiner Borussia bei den Fischköppen‘ seinen Trainerjob in Oberhausen in Aussicht gestellt haben soll.

Ein Jahr später (1971) übernahm Bröcker (sieben Spieltage vor Saisonende) tatsächlich den Trainerposten von Adi bei RWO. So verlor der BVB nun Jahr um Jahr in Bremen, wie es das ‚Urteil‘ vorsah, bis dem DFB ein folgenreicher Fehler unterlief. In der Saison 1978/1979 sollte der BVB am 20. Spieltag mal wieder zum ‚abschenken‘ an die Weser. Als Schiedsrichter wurde kurzfristig Heinz Aldinger angesetzt. Der kam mit der Referenz von drei gepfiffenen BVB-Auswärtsniederlagen in Folge, aber auch mit dem ‚Makel‘, ausgerechnet der Schiedsrichter des 3:1-Skandalsieges von 1970 gewesen zu sein. Jeder ahnt wahrscheinlich was kommen musste. Das Spiel nahm direkt Fahrt auf. Bremen machte das 0:1 für den BVB (Eigentor des Dänen Rondved). 1:1 Dreßel, 2:1 durch Reinders und als Schneider für die Dortmunder vor der Pause egalisierte, freute man sich allerorten, ob des aufregenden Spiels. Nach der Pause gingen die Hansestädter durch einen Elfmeter (Torschütze: Jürgen Röber) wieder in Front, um in der 78. durch den späteren Bremer Votava den erneuten Ausgleich hinzunehmen. Als sich der gemeine (unwissende) Zuschauer schon auf ein 3:3 einstellte und die Verantwortlichen des BVB nervöse Zuckungen bekamen, traf Uwe Bracht in der 89. wie aus dem Nichts zum 4:3 für die Norddeutschen. Nur noch wenige Sekunden bis zum Abpfiff und der schwarz-gelbe Mohr hätte wieder seine Pflicht getan. Der Schiedsrichter pfiff dann auch, hob aber nicht die Arme, sondern zeigte auf den Elfmeterpunkt im Bremer Strafraum. Lothar ‚Bananenflanke‘ Huber trat an und versenkte den Ball im Netz. Lothar Huber habe ich gefragt, wieso er den Strafstoß nicht wie vorgegeben versemmelt hat. Er sagte nur trocken: ‚Der Aldinger hat uns in der Hinserie beim 1:5 gegen die Schlacker sowas von verpfiffen, die Wut musste raus!‘ Danach war Schluss. Endstand: 4:4 und der ‚verbotene‘ Punktgewinn wurde Wirklichkeit. Sepp Herberger soll nach Erhalt der Nachricht vom Unentschieden in Bremen geraunt haben: „Hätte der liebe Gott den Gösmann (Hermann Gösmann, DFB-Präsident zu Zeiten des ‚Bremer-Skandals‘ und Vorgänger Herbergers) nicht schon im Januar zu sich geholt, dann hätte ihn DAS definitiv umgebracht.“

Nach diesem ‚ungeheuerlichen Vorfall‘ (Herberger) glühten eine Woche lang die Telefonleitungen zwischen Frankfurt, Bremen und Dortmund. Überlegungen ein Wiederholungsspiel anzuberaumen, wurden schnell wieder verworfen. Man einigte sich schließlich auf das Unentschieden. Der DFB soll aber mit dem Zwangsabstieg des BVB gedroht haben, falls sich ähnliches in Zukunft wiederholen sollte. Der beteiligte Schiedsrichter Aldinger, der sich keiner Schuld bewusst war, bekam einen Monat ‚Zwangspause‘. Er durfte nur noch einmal ein Spiel der Bremer leiten, welches dann mit 4:0 gegen den FC Meineid 05, wie beschlossen, beendet wurde. Bis zum Mauerfall lief es für den DFB wunschgemäß. Im ‚Friedensspiel 1990‘ - kurz vor der Wiedervereinigung - trennte man sich noch 1:1, an Nikolaus 1991 war es dann aber soweit: Der BVB schlug im Weserstadion 21 Jahre nach dem ‚Skandal von Bremen‘ durch ein Tor von Michael Lusch den SV Werder. Otto Rehagel auf der Bremer Bank soll es wohlwollend registriert haben. Hans Tilkowski hat die Verurteilung seiner Herzensliebe nie verwunden (er war unschuldig und das Spiel ‚sauber‘, wie man heute weiß) und verließ Werder am Saisonende. Sechs Jahre später musste er als Trainer des 1. FC Nürnberg gegen Borussia Dortmund in die Aufstiegsspiele zur 1. Bundesliga für die Saison 1976/1977. Der BVB gewann beide Spiele und stieg auf.

Walter, 06.03.2011

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