Spielbericht Profis

Von Rettungsschirmen, Hebeln und Ergebnisfußball - wir leben noch!

02.11.2011, 18:59 Uhr von:  Redaktion

Erleichterung pur bei der international anerkannten Selbsthilfegruppe für Meister auf Abwegen: Das Sorgenkind Nummer eins, die angeschlagene Borussia aus Dortmund hat es auch ohne Schuldenschnitt geschafft, ihre leidige Euro-Krise zu beenden den vorzeitigen Ausschluss aus der Euro-Zone erst einmal abgewendet. Positive Randerscheinung: Mit dem ersten Sieg in der Königsklasse seit 2003 wahrt die Borussia zudem die minimale Chance, am Jahresende in den Kreis der G16, die Gruppe der europäischen Branchenführer, aufgenommen zu werden.

Denn der ausgefuchste Chefanalyst Jürgen Klopp begegnete der jüngsten Ergebniskrise auf internationalem Parkett mit knallhartem Ergebnisfußball und installierte vor der zuletzt ins Wanken geratenen Abwehr einen dreiköpfigen Rettungsschirm. Der hoch gehandelte Görze, sowie Käpt'n Kehl und Moritz Leitner sollten auf Kosten der attraktiven, zuletzt aber meist uneffizienten Offensive, für Risikominimierung sorgen. „Tannenbaum" wird diese in Dortmund bisher unbekannte Maßnahme liebevoll genannt.

Dem Anlass entsprechend hatte die Führungstroika, bestehend aus Aki Watzke, Susi Zorc und Chefanalyst Jürgen Klopp, gut 3000 griechische Interessenten ins ausverkaufte Dortmunder Kongreßzentrum geladen, die das Geschehen melodischen, selten jedoch wirklich stimmgewaltigen Gesängen begleiteten.

Und wer die Tagespresse der letzten Wochen aufmerksam verfolgt hat, dem ist geläufig, dass jedes noch so ausgefuchste Rettungspaket wirkungslos ist ohne einen passenden Hebel (sofern man den Staatschefs unseres Kontinents Glauben schenken darf). Ein Trend, der auch an Jürgen Klopp scheinbar nicht vorbei gegangen ist. Bereits sieben Minuten nachdem Vladislav Bezborodov die Verhandlungen eröffnet hatte, zeigte besagter Hebel, im Volksmund auch Dosenöffner, erstmals seine Wirkung und beförderte ganz Dortmund in einen Rausch kollektiver Erleichterung: Der, dessen Füße niemals still stehen, legte die Kugel - mitten in einer erneut nach Hurra-Fußball anmutenden Anfangsviertelstunden – mustergültig auf den schlaksigen Dortmunder Jungen ab, der das Ding gnadenlos in die Maschen hämmerte. So muss dat laufen! Erstmals ging der Deutsche Meister von 2011 in der Königsklasse in Führung.

Doch zu einem Zeitpunkt, zu dem die Young Guns in jeder anderen Partie wohl den nächsthöheren Gang eingelegt und auf den Ausbau der Führung gepocht hätten, entwickelte sich eine völlig neue Spielsituation. Fast schien es, als seien unsere Jungs angesichts der letzten Enttäuschungen in der Königsklasse stark verunsichert. Doch der folgende taktische Rückzug nach rasanter Anfangsphase, der den Griechen größere Spielanteile und Konterchancen ermöglichte, ist auch damit zu begründen, dass Jürgen Klopp das Risiko eines erneuten, möglicherweise vernichtenden Rückschlags mit trockenem, aber wirksamen Ergebnisfußball so gering wie möglich halten wollte. Dass diese Maßnahme richtig war, zeigen am Ende drei weitere Zähler auf unserem internationalen Punktekonto.

Fast analog dazu lässt sich auch das Stimmungsbild im weiten Eck beschreiben. Es wäre vermessen, das Auftaktspiel gegen Arsenal fortan als Maßstab für Europapokal-Heimspiele zu nehmen – anderer Anlass, andere Zeit. Am Dienstag war zu beobachten, dass sich die Verunsicherung auf dem Platz zeitweise auch auf die Tribünen übertragen hatte. Es schien, als traue man der (frühen) 1:0-Führung nicht so recht über den Weg. Dieser gewisse Pessimismus war es wohl auch, der in der Mitte der zweiten Halbzeit in ein absolutes Stimmungstief führte. Ich habe auf der Südtribüne noch nie ein so leises „Olé, jetzt kommt der BVB". Trotzdem: In der Schlussphase war der Großteil des Stadions wieder zur Stelle, um während der griechischen Schlussoffensive die letzten Prozent aus unseren Jungs heraus zu holen.

Die Rechnung ging auf: Die besonnen Griechen blieben zwar stets gefährlich, waren aber nicht in der Lage, ihre passablen Chancen zu verwerten. Als Dortmunder musst man sich am Ende nur noch darüber ärgern, dass Robert Lewandowski den Ball nach einem kapitalen Schnitzer von Keeper Megyeri aus spitzem Winkel nur an den Pfosten haute (63.), sodass der direkte Vergleich gegen Piräus nun verloren ist.

Und jetzt?

Durch das zeitgleiche 0:0 zwischen London und Marseille gestaltet sich die „Mission Achtelfinale" nicht gerade einfacher. Wenn wir mit nüchternem Blick auf die Tabelle der Gruppe F schauen, dann ist die Runde der letzten und besten 16 wohl nur noch mit zwei Siegen zu schaffen, wenn entweder Arsenal oder Olympique Punkte gegen Piräus verlieren. Deswegen ist es umso schöner, dass wir mit 3+1 Punkten erstmal auf einem Europa-League-Rang stehen.

>>> Hier findet ihr unsere Stimmungsvideos!

Noten

Roman Weidenfeller: Obwohl er bei der ein oder anderen Hereingabe eine etwas unglückliche Figur abgab, war er in den wichtigen Situationen zur Stelle. Note 3
Lukasz Piszczek: Stand hinten sicher und war zweikampfstark. Nach vorne ging allerdings kaum etwas, was allerdings auch der defensiven Spielweise geschuldet war. Note 3
Neven Subotic: Verzichtete auch heute nicht auf den ein oder anderen Patzer der Marke „Subotic", was glücklicherweise aber ohne Folgen blieb. Note 3,5
Mats Hummels: Gewann fast alle Zweikämpfe und verlieh der Viererkette so die nötige Sicherheit. Starkes Spiel! Note 2
Marcel Schmelzer: Zeitweise wirke er etwas desorientiert und fand vorne kaum statt. Er kann deutlich mehr, als das, was er aktuell Wochen zeigt. Note 3,5
Moritz Leitner: Stand erstmals in dieser Saison in der Startelf und zeigte eine gute Leistung. Eine nette Technik und der Mut bei seinen Distanzschüssen im zweiten Durchgang machen Lust auf mehr. Note 2,5
Mario Götze: Spielte heute einen defensiveren Part als in der Bundesliga, verlor mit zunehmender Spieldauer allerdings an Effektivität. Bereitete eine Riesenchance von Perisic (3.) und das Tor von Kevin Großkreutz mustergültig vor und überzeugte anfangs mit seinen unbestechlichen Dribblings. Manchmal hat man allerdings das Gefühl, mit einem Mann zu viel aufnimmt. Note 3,5
Sebastian Kehl: Unser Kapitän leistete sich auffällig viele Fehlpässe in der Vorwärtsbewegung, war als erfahrener Mann in der Arbeit nach hinten dafür umso wichtiger. Note 3,5
Ivan Perisic: Mehr als eine vergebene Großchance drei Minuten nach dem Anpfiff bekam man von ihm heute nicht zu sehen. Tauchte mehr und mehr ab. Schade! Note 4

Kevin Großkreutz: Knallhart aus der zweiten Reihe abgezogen, drin das Ding. So muss das laufen, das habe ich in der Vergangenheit das ein oder andere mal bei uns vermisst. Er war auch nach seinem Tor stets engagiert, tauchte aber etwas ab. Note 3
Robert Lewandowski: Dieses Spiel war nicht für ihn gemacht. Hing oft in der Luft und versemmelte zu allem Überfluss auch noch die Riesenchance zum 2:0 (63.) aus spitzem Winkel. Trotzdem blitzte seine Stärke, das Zweikampfverhalten im Ballbesitz, ein ums andere mal auf. Note 3,5
Kagawa (66.), Kuba (76.) und Santana (86.) standen für 'ne vernünftige Bewertung nicht lange genug auf dem Platz.

Statistik

Borussia Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Kehl - Leitner, Götze - Perisic, Lewandowski, Großkreutz.
Olympiakos Piräus: Megyeri - Modesto, Mellberg, Papadopoulos, Marcano - Orbaiz - Mirallas, Fejsa, Ibagaza, Holebas – Djebbour.
Einwechselungen: 66. Kagawa für Götze, 76. Kuba für Perisic, 86. Santana für Leitner - 59. Makoun für Fejsa, 67. Abdoun für Marcano, 79. Pantelic für Ibagaza.
Schiri: Bezborodov (Russland).
Tor: Großkreutz nach Vorarbeit von Götze (7.).
Westfalenstadion: 65.590 (ausverkauft).

Stimmen

Neven Subotic: „Das Spiel ist nicht so gut gelaufen, wie gedacht. Es hat zwar zum Sieg gereicht doch wir wissen, dass wir besser spielen können. Nun wollen wir die letzten zwei Partien gewinnen, um weiterzukommen."

Jürgen Klopp: „Ich bin sehr zufrieden, denn die Mannschaft hat den Plan für heute sehr gut umgesetzt. Wir haben brutal hart gearbeitet, über 90 Minuten gut verteidigt und sind in der Champions-League-Gruppe angekommen. Auch die Systemumstellung hat relativ gut funktioniert. Das war Ergebnisfußball, aber wir waren aggressiv und klar in unseren Aktionen, ohne weniger Gas zu geben."

MalteS, 02.11.2011

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