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"The one who does not remember history..."

08.09.2011, 23:06 Uhr von:  Redaktion

„The one who does not remember history is bound to live through it again."

Dieses Zitat stammt von dem amerikanischen Philosophen George Santayana. Es soll den Leser dazu ermahnen, die Fehler der Vergangenheit nicht zu vergessen, damit sich schlimme Geschichte nicht wiederholt. Im Konzentrationslager Auschwitz I, dem Ort, der symbolisc h für die Massenvernichtung unter Adolf Hitler im Dritten Reich steht, ist eine kleine Tafel mit eben diesem Zitat installiert. Es gibt wohl wenige Orte auf der Welt, an denen seine Wirkung besser zur Entfaltung kommen könnte. Und es schien mir - nach zahlreichen verworfenen Formulierungen - die gelungenste Einleitung für die folgenden Schilderungen zu sein.

Ein kleiner Rückblick: Am späten Abend des 31. August, ein Mittwoch, machte sich eine 40-köpfige und bunt gemischte Gruppe von Borussia-Fans auf den Weg nach Auschwitz, um sich mit dem wohl dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte an ihren Originalschauplätzen auseinanderzusetzen. Die meisten von uns konnten nur erahnen, was da die nächsten Tage alles auf sie zukommen würde. Und auch ich habe mich mit einem äußerst flauen Gefühl im Magen in den Reisebus vor der Lenz-sTUbe gesetzt. Spätestens jetzt werdet ihr gemerkt haben, dass es unglaublich schwieri g ist, einen solchen Bericht aus einer möglichst objektiven Perspektive zu schreiben. Deshalb versuche ich das in den folgenden Zeilen gar nicht erst „auf Teufel komm raus“, denn die vielen Eindrücke, die jeder im Verlauf dieser Reise gewonnen hat, sind höchst individuell und subjektiv. Eins sei allerdings schon einmal gesagt: Diese Fahrt ist den Organisatoren von The Unity, unterstützt von der BVB-Fanbetreuung und dem Dortmunder Fanprojekt, mehr als gelungen! Zumal es jeden von uns dank der finanziellen Unterstützung von Borussia und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk nicht mehr als 50 Euro kostete. Danke dafür!

Donnerstag: Oswiecim – ein großes Puzzle

Der polnische Name der Stadt, die wir nach ungefähr 13 Stunden Fahrt erreichten, lautet Oswiecim. Das deutsche Wort „Auschwitz“ wird von den meisten Polen hingegen heute nur noch in Verbindung mit den (insgesamt drei) Konzentrationslagern der Stadt benutzt. Unsere Ankunft in Oswiecim war gleichzeitig der Auftakt eines riesigen Puzzles. Natürlich hatte jeder schon einmal etwas von der Stadt und dem Holocaust gehört. Manc he mehr, manche weniger. Die nächsten Tage sollten wir damit verbringen, mehr über Oswicim, die Konzentrationslager, die Massenvernichtung und natürlich das System hinter der ganzen Geschichte zu erfahren. Puzzleteil für Puzzleteil.

In unserer ersten Unterkunft, dem Zentrum für Dialog und Gebet, lernten wir Andreas kennen, der die nächsten Tage unser Guide , Wegweiser und Ansprechpartner sein sollte. Er ist Historiker, hat einige Zeit lang in Krakau studiert und wir haben ihn jederzeit als offenen und sympathischen Kerl erlebt. Was natürlich nicht zuletzt daran lag, dass er selbst Fußballfan, genauer gesagt von St. Pauli ist, und man sich abends beim Bierchen auch ganz locker über die schönste Nebensache der Welt mit ihm unterhalten konnte.

Er führte uns über den Fluss Sola, der das Umland der drei Konzentrationslager vom Stadtkern trennt, in Richtung Altstadt. Im jüdischen Zentrum, zu dem auch die letzte von einst 20 Synagogen Oswiecims gehört, erfuhren wir viel über den Alltag der Juden vor der deutschen Invasion im September 1939. Die meisten Zeitzeugen, die in Filmen zu Wort kamen, blickten mit einem Lächeln auf ihr „kulturelles und gebildetes“ Leben vor dem Krieg zurück. Während die Juden damals gut knapp 70 Prozent der Bevölkerung in Oswiecim ausmachten, findet man dort heute kaum noch Anhänger dieser Weltreligion.

Alles in allem war das ein wirklich sinnvoller Tagesausflug, um Auschwitz auch losgelöst vom Holocaust zu begreifen. Viele vergessen, dass hinter diesem Namen mehr steckt als nur ein Ort, an dem Grausames geschehen ist. Nämlich eine Stadt, in der heute immer noch 40.000 Menschen leben. Mit polnischem Feierabendbier und den verschiedensten Gesprächsthemen fand der Tag (nach einer weitgehend schlaflosen Nacht im Reisebus) einen ruhigen Ausklang im Garten unserer Begegnungsstätte.

Freitag, Teil 1: Stammlager Auschwitz I - „Wenn Insekten, warum dann nicht auch Menschen?“

Wie bereits erwähnt besteht der Komplex Auschwitz aus insgesamt drei Konzentrationslagern: Das Stammlager Auschwitz I, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz III Monowitz. Wir hatten uns vorgenommen, die ersten beiden Lager zu besichtigen.

Das Stammlager ist eine ehemalige Militärkaserne und sehr gut erhalten, von Ruinen keine Spur. Die knapp 30 Steinbaracken, welche mittlerweile zu einem Museum umfunktionert wurden, waren anfangs für polnische Widerstandskämpfer gedacht, die gegen die Nazis arbeiteten. Hier wurden sie „konzentriert“ und in verschiedene Arbeitskommandos eingeteilt. Manche mussten in Lederfabriken schuften, andere wurden zur Lagererweiterung oder zum Bau des wenige Kilometer entfernten Lagers in Birkenau gezwungen. Morgen für Morgen passierten sie, unter strenger Beobachtung der SS-Offiziere, das Tor unter dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“. Tausende Personen „lebten“ hier in unmenschlichen Verhältnissen. „Der einzige Weg hinaus geht durch den Schornstein des Krematoriums“, hieß es unter den Häftlingen. Im Gegensatz zum weitaus größeren Vernichtungslager Birkenau gibt es in Auschwitz I „nur“ eine Gaskammer beziehungsweise ein Krematorium, das anfangs ausschließlich zur Verbrennung der Leichen benutzt wurde, bevor hier an Menschen die ersten Tests mit dem Todesgas Zyklon B durchgeführt wurden. In Anlehnung an die eigentliche Verwendung zum Töten von Insekten waren die Nazis der Meinung: „Wenn das mit Insekten funktioniert, warum dann nicht auch mit Menschen?“

Es mag sein, dass diese bloßen Fakten auf Papier verdammt nüchtern wirken. Doch tatsächlich war dieses Grauen für einige, wohlwissend dass man sich gerade am Ort des Geschehens befindet, nur sehr schwer greifbar. Natürlich war da dieses bedrückende Gefühl, dass genau hier schreckliche Dinge passiert sind. Ich persönlich habe versucht, die Bilder, die sich durch Filme und Bücher in meinen Kopf eingebrannt hatten, auf meine vor Ort gewonnen Eindrücke zu übertragen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt sind diese Versuche souverän gescheitert. Bis wir in Block 5 hinter einer Glasfront einen riesigen Berg Haare erblickten. Echte Menschenhaare, die den Insassen entfernt wurden und nach der Evakuierung des Lagers von den Alliierten gefunden wurden. So langsam begann ich zu realisieren, dass ich mich tatsächlich genau dort befinde, wo den Menschen vor vielen Jahren eben dieses Leid zugefügt wurde, von dem die Museumsangestellte mir gut eine Stunde lang erzählt hatte. Die großen Massen an gesammelten Schuhen, Löffeln, Brillen und die Zeichnungen der Häftlinge taten ihr übriges.

Ein weiteres dieser anfangs erwähnten Puzzleteile war die Tatsache, wie kaltblütig die Nazis mit Zwangsarbeit und später auch Massenvernichtung (siehe Auschwitz-Birkenau am Freitag) kalkulierten. Jeder wusste, dass Männer in einem der Konzentrationslager im Schnitt nur sechs Monate, Frauen gar zwei bis drei Monate, überleben würden. Die Konzentrationslager und ihre Insassen waren wichtiger Teil eines ökonomischen und unmenschlich großen Systems. Rund um die Lager wurden Produktionsstätten gebaut, in denen die Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegsindustrie schuften mussten. Wer hierzu mehr erfahren will, darf sich gerne die Geschichte der IG Farben und des Lagers Auschwitz III anschauen, was an dieser Stelle einfach den Rahmen sprengen würde.

Freitag, Teil 2: Zeitzeugengespräch – Weihnachten in Auschwitz

Nach unserer Rückkehr in die Begegnungsstätte hatte jeder ein klein wenig Zeit, das eben Erlebte erst einmal sacken zu lassen, bevor uns nach dem Mittagessen die Ehre zuteil wurde, mit dem Zeitzeugen Wilhelm Brasse sprechen zu können. Er ist 93 Jahre alt, ehemaliger Insasse und La gerfotograf in Auschwitz I und hatte das große Glück, das Konzentrationslager lebendig zu verlassen. Erst spät hat er begonnen, mit Familie und Freunden über seine traumatisierende KL-Vergangenheit zu sprechen.

Drei Stunden lang hingen wir buchstäblich an seinen Lippen. Trotz seines hohen Alters waren die Schilderungen rund um das Leben im Lager unglaublich detailliert. Der gebürtige Pole erzählte in einwandfreiem Deutsch, wie er im März 1940 während eines Fluchtversuches an der polnisch-ukrainischen Grenze gefasst wurde. Nach einigen Monaten im Gefängnis bekam er von den Deutschen das Angebot, für die Wehrmacht in den Krieg zu ziehen. Wilhelm Brasse lehnte dieses Angebot ab und wurde ins Stammlager nach Auschwitz überstellt: „Ab dem 1. September 1940 war ich nicht mehr Herr Brasse, sondern nur noch eine Nummer im Lager.“ Mit etwas Glück und Geschick konnte er das anfängliche Chaos im Konzentrationslager nutzen und auf illegalem Weg in Arbeitskommandos wechseln, in denen die Kapos – das waren von der SS eingesetzte und privilegierte Häftlinge, welche die Arbeit der anderen Insassen kontrollierten – harmlosere Zuchtmethoden als hysterisches Rumschreien und Schläge an den Tag legten. „Viele haben das ohne Grund getan und wurden selbst zu Mördern“, erzählte er uns. Er arbeitete im Straßenbau und im Planierungskommando, musste Leichen aus den Kellern in die Krematorien fahren und sie dort ausladen – alles für etwas mehr Suppe, „die überhaupt nicht schmeckte.“

Doch die wohl erschreckendste und makaberste Geschichte handelte vom ersten Weihnachten im Lager: „Im Lager lag viel Schnee und die SS-Leute hatten in der Mitte des Lagers einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Doch am 24. Dezember lagen unter diesem Baum statt Geschenken acht bis zehn Leichen und drei Mann mussten „Stille Nacht, heilige Nacht“ spielen. Dieses Bild habe ich bis heute vor Augen.“

Später hatte er das große Glück, von der politischen Abteilung als ebenfalls privilegierter Lagerfotograf ausgewählt zu werden. Denn die meisten Häftlinge überlebten Auschwitz nur dann, wenn sie eine besondere Fähigkeit, die der SS von Nutzen war, mitbrachten. So auch Wilhelm Brasse. Von nun an hatte er Zugang zu einer anständigen Wasserversorgung und einer anständigen Toilette, konnte seine Unterwäsche waschen und bekam zusätzliche Essensrationen. Denn als Fachmann wurde er von der SS geschätzt. Vorzüge, die er allerdings teuer bezahlen musste. Denn ab Herbst 1942 musste er unter anderem für den bekannten Nazi-Arzt Dr. Josef Mengele arbeiten und dessen rassenidiologischen Menschenversuche fotografisch dokumentieren: „Er war ein schrecklicher Arzt. Im Herbst kam die erste Gruppe Jüdinnen aus Birkenau, von denen ich Aufnahmen machen sollte. Sie waren zwischen 15 und 17 Jahre alt und ganz nackt. Ich hatte aufgrund ihrer Scham schreckliches Mitleid mit ihnen. Nach der Befreiung des Lagers habe ich von ihnen Alpträume geträumt und habe dann 1958 Schluss mit dem Fotografieren gemacht. Seitdem habe ich keinen Fotoapparat mehr, aber ruhige Nächte.“

Allein schon die Tatsache, dass knapp 40 Jugendliche dem 93-Jährigen drei Stunden lang fast ununterbrochen zuhörten z eigt, wie wichtig solche lebhaften Informationen wie die von Wilhelm Brasse für unser heutiges Verständnis sind.

Samstag: Auschwitz-Birkenau – Authentisch, anonym, bedrückend

Nach dem Frühstück mussten wir die Unterkunft wechseln, zogen in die Jugendbegegnungsstätte MDSM um und begannen den Tag mit einem ausführlichen Workshop. Aufgeteilt in sieben Gruppen nahm sich jede das Einzelschicksal einer Person vor, die das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebt hat. Arbeitsauftrag: Jedes Grüppchen musste von der jeweiligen Person besonders markante Zitate aus den persönlichen Aufzeichnungen herausarbeiten und später am Originalschauplatz in Birkenau vortragen. Danach ging es mit dem Bus Richtung KL.

Die Hauptintention dieses Lagers, in dem hunderttausende Menschen den Tod fanden, war die bloße Massenvernichtung von Leben. Ab 1942 offiziell mit dem Ziel der „Endlösung der Judenfrage“, also der Tötung von insgesamt elf Millionen Juden auf der ganzen Welt. Zu diesem Zweck wurde unter den ankommenden Juden eine Selektion durch die SS durchgeführt. Die Frage lautete: Arbeitsfähig oder nicht? Letztere, zu denen rund 80 Prozent der Juden zählten, wurden per Fingerzeig direkt in die Gaskammer befohlen und fanden dort unmittelbar den Tot. Den restlichen 20 Prozent wurde von den Nazis das Sch icksal auferlegt, sich in den kommenden Monaten zu Tode zu arbeiten. Die meisten starben an Hunger, Epidemien, an Typhus und Durchfall.

In Auschwitz-Birkenau angekommen wurden wir von der unglaublichen Größe des Lagers fast erschlagen. Was wir sahen war eine riesige, von Wachtürmen umringte Grünfläche. Von den ehemals mehr als 300 Baracken, in denen kaum einer genug Platz zum Schlafen fand, ist kaum noch etwas übrig geblieben. Nur die wenigen Steinunterkünfte und ein paar Holzbaracken hatten die Vernichtungswut der Nazis gegen Ende des Krieges überlebt. Auch die insgesamt sechs Gaskammern (zwei davon ehemalige Bauernhäuser) wurden gesprengt. Doch diese authentische, anonyme und bedrückende Atmosphäre ist die große Stärke der heutigen Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Hier wurde nach dem Krieg nichts rekonstruiert. Meine einstige Erwartung, hier das ganze Elend anhand zahlreicher heruntergekommener und miefiger Holzbaracken vor Augen geführt zu kriegen, erfüllte sich (glücklicherweise?) nicht. Noch intensiver als am Vortag im Stammlager versuchte ich, die Bilder aus meinem Kopf auf die vor mir liegenden Ruinen zu übertragen und das, was hier einst passierte, irgendwie greifbar zu machen. Es war erneut verdammt schwierig. Und so sehr ich es auch versuche, für das Erlebte lassen sich auch mit einigen Tagen Abstand kaum Worte finden. Was hier passiert ist, ist unmenschlich und erschreckend. Mit einem einzigen willkürlichen Fingerzeig entschieden SS-Leute über das Leben anderer Menschen. Dort, wo heute Gras wächst, lag früher kniehoher Dreck. Die Insassen fanden die primitivsten Hygienebedingungen vor und für Kinder war ein Überleben kaum möglich.

Selten war ich am Ende eines Tages so aufgewühlt. Dieser unglaublich große Input ging einigen von uns ziemlich nah und ich selbst e rtappte mich am Abend dabei, wie ich – anstatt das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen – die Eindrücke der letzten Stunden vorerst nur verdrängen wollte.

Sonntag: Krakau – Etwas Abstand gewinnen

Deshalb war der sonntägliche Aufenthalt in der beschaulichen polnischen Kulturhauptstadt Krakau genau das Richtige, um die Eindrücke der letzten Tage sacken zu lassen und sie – wer mochte – mit etwas Abstand noch einmal untereinander zu diskutieren. Bei bestem Touristenwette r erkundeten wir das jüdische Viertel Kazmierz und zogen in kleinen Grüppchen los, die Stadt nach den Empfehlungen von Andreas auf eigene Faust zu erkunden.

Fazit

Vielleicht ist noch nicht jedem Teilnehmer klar, was diese zweifelsfrei prägende Reise in ihm ausgelöst hat oder noch auslösen wird. Eins steht jedoch fest: Früher oder später wird es wohl jeder auf seine ganz persönliche Art und Weise erfahren. Denn solche Erfahrungen gehen an niemandem spurlos vorbei. Ein fettes Dankeschön an die Organisatoren und ihre Helfer für diese überwältigenden vier Tage. Im nächsten Jahr soll es eine Neuauflage geben und es wäre mehr als wünschenswert, wenn auch andere Fanszenen diesem Beispiel folgen würden. Schließlich könnten die Ultragruppierungen Deutschlands gerade auf diesem Gebiet ihren großen Einfluss auf junge Fußballfans nutzen, um für dieses Thema zu sensibilisieren.

Ein Dank an Daniel für die Bilder.

Eine ausführliche Fotostrecke folgt morgen!

MalteS, 08.09.2011


The one who does not remember history...“
The one who does not remember history is bound to live through it again." - George Santayana

Dieses Zitat stammt von dem amerikanischen Philosophen George Santayana. Es soll den Leser dazu ermahnen, die Fehler der Vergangenheit nicht zu vergessen, damit sich schlimme Geschichte nicht wiederholt. Im Konzentrationslager Auschwitz I, dem Ort, der symbolisch für die Massenvernichtung unter Adolf Hitler im Dritten Reich steht, ist eine kleine Tafel mit ebendiesem Zitat installiert. Es gibt wohl wenige Orte auf der Welt, an denen es seine mahnende Wirkung besser zur Entfaltung bringen könnte. Es schien - nach zahlreichen verworfenen Formulierungen - mir die gelungenste Einleitung für die folgenden Schilderungen zu sein.

Ein kleiner Rückblick: Am späten Abend des 31. August, ein Mittwoch, machten sich eine 40-köpfige und bunt gemischte Gruppe mit Borussia-Fans auf den Weg nach Auschwitz, um sich mit dem wohl dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte an ihren Originalschauplätzen auseinanderzusetzen. Die meisten von uns konnten nur erahnen, was da die nächsten Tage alles auf sie zukommen würde. Und auch ich habe mich mit einem äußerst flauen Gefühl im Magen in den Reisebus von der Lenz-sTUbe gesetzt. Spätestens jetzt werdet ihr gemerkt haben, dass es unglaublich schwierig ist, einen solchen Bericht aus einer möglichst objektiven Perspektive zu schreiben. Deshalb versuche ich das in den folgenden Zeilen gar nicht erst „auf Teufel komm raus“, denn die vielen Eindrücke, die jeder im Verlauf dieser Reise gewonnen hat, sind höchst individuell und subjektiv. Eins sei allerdings schon einmal gesagt: Diese Fahrt ist den Organisatoren von The Unity, unterstützt von der BVB-Fanbetreuung und dem Dortmunder Fanprojekt, mehr als gelungen! Zumal es jeden von uns dank der finanziellen Unterstützung von Borussia und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk nicht mehr als 50 Euro kostete. Danke dafür!

Donnerstag: O?wi?cim – ein großes Puzzle

Der polnische Name der Stadt, die wir nach ungefähr 13 Stunden Fahrt erreichten, lautet O?wi?cim. Das deutsche „Auschwitz“ wird von den meisten Polen hingegen heute nur noch in Verbindung mit den (insgesamt drei) Konzentrationslagern der Stadt verwendet. Unsere Ankunft in O?wi?cim war gleichzeitig der Auftakt eines riesigen Puzzles. Natürlich hatte jeder schon einmal etwas von der Stadt und dem Holocaust gehört. Manche mehr, manche weniger. Die nächsten Tage sollten wir damit verbringen, mehr über O?wi?cim, die Konzentrationslager, Massenvernichtung und natürlich das System hinter der ganzen Geschichte zu erfahren. Puzzleteil für Puzzleteil.

In unserer ersten Unterkunft, dem Zentrum für Dialog und Gebet, lernten wir Andreas kennen, der die nächsten Tage unser Guide, Wegweiser und Ansprechpartner sein sollte. Er ist Historiker, hat einige Zeit lang in Krakau studiert und wir haben ihn jederzeit als offenen und sympathischen Kerl erlebt. Was natürlich nicht zuletzt daran lag, dass er selbst Fußballfan, genauer gesagt von St. Pauli ist, und man sich abends beim Bierchen auch ganz locker über die schönste Nebensache der Welt unterhalten konnte.

Er führte uns über den Fluss Sola, der das Umland der drei Konzentrationslager vom Stadtkern trennt, in Richtung Altstadt. Im jüdischen Zentrum, zu dem auch die letzte von einst 20 Synagogen O?wi?cims gehört, erfuhren wir viel über den Alltag der Juden vor der deutschen Invasion im September 1939. Ein Großteil der Zeitzeugen, die in Filmen zu Wort kamen, blickten mit einem Lächeln auf ihr „kulturelles und gebildetes“ Leben vor dem Krieg zurück. Während die Juden damals gut knapp 70 Prozent der Bevölkerung in O?wi?cim ausmachten, findet man dort heute kaum noch Anhänger dieser Weltreligion.

Alles in allem war das ein wirklich sinnvoller Tagesausflug um den Ort Auschwitz auch losgelöst vom Holocaust zu begreifen. Viele vergessen, dass hinter diesem Namen mehr steckt als nur ein Ort, an dem Grausames geschehen ist. Nämlich eine Stadt, in der heute immer noch 40.000 Menschen leben. Mit polnischem Feierabendbier und den verschiedensten Gesprächsthemen fand der Tag (nach einer weitgehend schlaflosen Nacht im Reisebus) einen ruhigen Ausklang im Garten unserer Begegnungsstätte.

Freitag, Teil 1: Stammlager Auschwitz I - „Wenn Insekten, warum dann nicht auch Menschen?“

Wie bereits erwähnt besteht der Komplex Auschwitz aus insgesamt drei Konzentrationslagern: Das Stammlager Auschwitz I, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz III Monowitz. Wir hatten uns vorgenommen, die ersten beiden ersten und ältesten Lager zu besichtigen.

Das Stammlager ist eine ehemalige Militärkaserne und sehr gut erhalten, von Ruinen keine Spur. Die knapp 30 Steinbaracken, welche heute als Museum dienen, waren anfangs für solche polnische Widerstandskämpfer gedacht, die gegen die Nazis arbeiteten. Hier wurden sie „konzentriert“ und in verschiedene Arbeitskommandos unterteilt. Manche mussten in Lederfabriken schuften, andere wurden zur Lagererweiterung oder zum Bau des wenige Kilometer entfernten Lager in Birkenau gezwungen. Morgen für Morgen passierten sie, unter strenger Beobachtung der SS-Offiziere, das Tor unter dem zynischen Schriftzug „Arbeit macht frei“. Tausende Personen „lebten“ hier in unmenschlichen Verhältnissen. „Der einzige Weg hinaus geht durch den Schornstein des Krematoriums“, hieß es unter den Häftlingen. Im Gegensatz zum weitaus größeren Vernichtungslager Birkenau gibt es in Auschwitz I „nur“ eine Gaskammer beziehungsweise ein Krematorium, das anfangs ausschließlich zur Verbrennung der Leichen benutzt wurde, bevor hier an Menschen die ersten Tests mit dem Todesgas Zyklon B durchgeführt wurden. In Anlehnung an die eigentliche Verwendung zum Töten von Insekten waren die Nazis der Meinung: „Wenn das mit Insekten funktioniert, warum dann nicht auch mit Menschen?“

Es mag sein, dass diese bloßen Fakten auf Papier verdammt nüchtern wirken. Doch tatsächlich war dieses Grauen für einige, wohlwissend dass man sich gerade am Ort des Geschehens befindet, nur sehr schwer greifbar. Natürlich war da dieses bedrückende Gefühl, dass genau hier schreckliche Dinge passiert sind. Ich persönlich habe die ganze Zeit versucht, die Bilder, die ich aus dem Fernsehen und aus Büchern in meinem Kopf habe, auf meine vor Ort gewonnen Eindrücke zu übertragen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt sind diese Versuche souverän gescheitert. Bis wir in Block fünf hinter einer Glasfront einen riesigen Berg Haare erblickten. Echte Menschenhaare, die den Insassen entfernt wurden und nach der Evakuierung des Lagers von den Alliierten gefunden wurden. So langsam begann ich zu realisieren, dass ich mich tatsächlich genau dort befinde, wo den Menschen vor vielen Jahren eben dieses Leid zugefügt wurde, von dem die Museumsangestellte mir gut eine Stunde lang erzählt. Auch die großen Massen an gesammelten Schuhen Löffeln, Brillen und die Zeichnungen der Häftlinge taten ihr übriges.

Ein weiteres dieser anfangs erwähnten Puzzleteile war die Tatsache, dass viele zu realisieren begannen, wie kaltblütig Zwangsarbeit und später auch Massenvernichtung (siehe Auschwitz-Birkenau am Freitag) von den Nazis kalkuliert wurden. Jeder wusste, dass Männer in einem der Konzentrationslager im Schnitt nur sechs Monate, Frauen gar zwei bis drei Monate, überleben würden.Die Konzentrationslager und ihre Insassen waren wichtiger Teil eines ökonomischen und unmenschlich großen Systems. Rund um die Lager wurden Produktionsstätten gebaut, in denen die Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegsindustrie schuften mussten. Wer hierzu mehr erfahren will, darf sich gerne die Geschichte der IG Farben und des Lagers Auschwitz III anschauen, was an dieser Stelle einfach einen zu großen Raum einnehmen würde.

Freitag, Teil 2: Zeitzeugengespräch – Weihnachten in Auschwitz

Nach unserer Rückkehr in die Begegnungsstätte hatte jeder ein klein wenig Zeit, das eben Erlebte für sich sacken zu lassen. Nach dem Mittagessen hatten wir die Ehre, mit dem Zeitzeugen Wilhelm Brasse sprechen zu können. Er ist 93 Jahre alt, ehemaliger Insasse und Lagerfotograf in Auschwitz I und hatte das große Glück, das Konzentrationslager lebendig zu verlassen.Erst spät hat er bebonnen, mit Familie und Freunden über seine traumatisierende KL-Vergangenheit zu sprechen.

Drei Stunden lang hingen wir buchstäblich an seinen Lippen. Trotz seines hohen Alters waren die Schilderungen rund um das Leben im Lager unglaublich detailliert. Der gebürtige Pole erzählte in einwandfreiem Deutsch, wie er im März 1940 während eines Fluchtversuches an der polnisch-ukrainischen Grenze gefasst wurde. Nach einigen Monaten im Gefängnis bekam er von den Deutschen das Angebot, für die Wehrmacht in den Krieg zu ziehen. Wilhelm Brasse lehnte dieses Angebot ab und wurde ins Stammlager nach Auschwitz überstellt: „Ab dem 1. September 1940 war ich nicht mehr Herr Brasse, sondern nur noch eine Nummer im Lager.“ Mit etwas Glück und Geschick konnte er das anfängliche Chaos im Konzentrationslager nutzen und auf illegalem Weg in Arbeitskommandos wechseln, in denen die Kapos – das waren von der SS eingesetzte und privilegierte Häftlinge, welche die Arbeit der anderen Insassen kontrollierten – harmlosere Zuchtmethoden als hysterisches Rumschreien und Schläge an den Tag legten. „Viele haben das ohne Grund getan und wurden auch selbst zu Mördern“, erzählte er uns. Er arbeitete im Straßenbau und im Planierungskommando, musste Leichen aus den Kellern in die Krematorien fahren und sie dort ausladen – alles für etwas mehr Suppe, „die überhaupt nicht schmeckte.“

Doch die wohl erschreckendste und makaberste Geschichte erzählte er uns allerdings über das erste Weihnachten im Lager: „Im Lager lag viel Schnee und die SS-Leute hatten in der Mitte des Lagers einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Doch am 24. Dezember lagen unter diesem Baum statt Geschenken acht bis zehn Leichen und drei Mann mussten „Stille Nacht, heilige Nacht“ spielen. Dieses Bild habe ich bis heute vor Augen.“

Später hatte er das große Glück, von der politischen Abteilung als ebenfalls privilegierter Lagerfotograf ausgewählt zu werden. Denn viele der Häftlinge überlebten Auschwitz nur dann, wenn sie eine besondere Fähigkeit, die der SS von Nutzen war, mitbrachten. So auch Wilhelm Brasse. Von nun an hatte er Zugang zu einer anständigen Wasserversorgung und einer anständigen Toilette, konnte seine Unterwäsche waschen und bekam zusätzliche Essensrationen. Denn als Fachmann wurde er von der SS geschätzt. Vorzüge, die er allerdings teuer bezahlen musste. Denn ab Herbst 1942 musste er unter anderem für den bekannten Nazi-Arzt Dr. Josef Mengele arbeiten und dessen rassenidiologischen Menschenversuche fotografisch dokumentieren: „Er war ein schrecklicher Arzt. Im Herbst kam die erste Gruppe Jüdinnen aus Birkenau, von denen ich Aufnahmen machen sollte. Sie waren zwischen 15 und 17 Jahre alt und ganz nackt. Ich hatte aufgrund ihrer Scham schreckliches Mitleid mit ihnen. Nach der Befreiung des Lagers habe ich von ihnen Alpträume geträumt und habe dann 1958 Schluss mit dem Fotografieren gemacht. Seitdem habe ich keinen Fotoapparat mehr, aber ruhige Nächte.“

Allein schon die Tatsache, dass knapp 40 Jugendliche dem 93-Jährigen drei Stunden lang fast ununterbrochen zugehört haben zeigt, wie wichtig solche lebhaften Informationen wie die von Wilhelm Brasse für unser heutiges Verständnis sind.

Samstag: Auschwitz-Birkenau – Authentisch, anonym, bedrückend

Nach dem Frühstück mussten wir die Unterkunft wechseln und zogen in die Jugendbegegnungsstätte MDSM um und begannen den Tag mit einem ausführlichen Workshop. Aufgeteilt in sieben Gruppen nahm sich jede ein Einzelschicksal einer Person vor, die das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebt hat. Arbeitsauftrag: Jedes Grüppchen musste von der jeweiligen Person besonders markante aus den persönlichen Aufzeichnungen herausarbeiten und später am Originalschauplatz in Birkenau vortragen. Danach ging es mit dem Bus Richtung KL.

Die Hauptintention dieses Lagers, in dem hunderttausende Menschen den Tod fanden, war die bloße Massenvernichtung von Leben und ab 1942 mit dem Ziel der „Endlösung der Judenfrage“, also dem Töten von insgesamt elf Millionen Juden dieser Welt. Zu diesem Zweck wurde unter den ankommenden Juden eine Selektion durch die SS durchgeführt. Die Frage: Arbeitsfähig oder nicht? Letztere, zu denen rund 80 Prozent der Juden zählten, wurden per Fingerzeig direkt in die Gaskammer befohlen und fanden direkt den Tot. Den restlichen 20 Prozent wurde von den Nazis das Schicksal auferlegt, sich in den kommenden Monaten zu Tode zu arbeiten. Die meisten starben an Hunger, Epidemien, an Typhus und Durchfall.

In Auschwitz-Birkenau angekommen wurden wir von der unglaublichen Größe des Lagers fast erschlagen. Was wir sahen war eine riesige, von Wachtürmen umringte Grünfläche. Von den ehemals mehr als 300 Baracken, in denen kaum einer genug Platz zum Schlafen fand, waren fast nur noch Baracken übrig. Nur die wenigen Steinunterkünfte und ein paar Holzbaracken hatten die Vernichtungswut der Nazis gegen Ende des Krieges überlebt. Auch die insgesamt sechs Gaskammern (zwei davon ehemalige Bauernhäuser) wurden gesprengt. Doch diese authentische, anonyme und bedrückende Atmosphäre ist die große Stärke der heutigen Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Hier wurde nach dem Krieg nichts rekonstruiert. Meine einstige Erwartung, hier das ganze Elend anhand zahlreicher heruntergekommener Holzbaracken vor Augen geführt zu kriegen, erfüllte sich (glücklicherweise?) nicht. Mehr noch als im Stammlager am Vortag versuchte ich, die Bilder aus meinem Kopf auf die vor mir liegenden Ruinen zu übertragen und das, was hier einst passierte irgendwie greifbar zu machen. Es war erneut verdammt schwierig. So sehr ich es auch versuche, für das Erlebte lassen sich auch mit einigen Tagen Abstand kaum Worte finden. Was hier passiert ist, ist unmenschlich und erschreckend. Mit einem einzigen Fingerzeig entschieden SS-Leute über das Leben anderer Menschen. Dort, wo heute Gras wächst, lag früher kniehoher Dreck. Die Insassen fanden die primitivsten Hygienebedingungen vor und für Kinder war ein Überleben kaum möglich.

Selten war ich am Ende eines Tages so aufgewühlt. Dieser unglaublich große Input ging einigen von uns ziemlich nah und ich selbst ertappte mich am Abend dabei, wie ich – anstatt das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen – die Eindrücke der letzten Stunden vorerst nur verdrängen wollte.

Sonntag: Krakau – Etwas Abstand gewinnen

Deshalb war der sonntägliche Aufenthalt in der beschaulichen polnischen Kulturhauptstadt Krakau genau das Richtige, um die Eindrücke der letzten Tage sacken zu lassen und sie – wer mochte – mit etwas Abstand noch einmal untereinander zu diskutieren. Bei bestem Touristenwetter erkundeten wir das jüdische Viertel Kazmierz und zogen in kleinen Grüppchen los, die Stadt nach den Empfehlungen von Andreas auf eigene Faust zu erkunden.

Fazit

Vielleicht ist noch nicht jedem Teilnehmer klar, was diese zweifelsfrei prägende Reise in ihm ausgelöst hat. Eins steht jedoch fest: Früher oder später wird es wohl jeder auf seine ganz persönliche Art und Weise erfahren. Denn solche Erfahrungen gehen an niemandem spurlos vorbei. Ein fettes Dankeschön an die Organisatoren und ihre Helfern für diese überwältigenden vier Tage. Im nächsten Jahr soll es eine Neuauflage geben und es wäre mehr als wünschenswert, wenn auch andere Fanszenen mit diesem Beispiel folgen würden. Schließlich könnten die Ultragruppierungen Deutschlands gerade auf diesem Gebiet ihren großen Einfluss auf junge Fußballfans nutzen, um für dieses Thema zu sensibilisieren.

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