Im Gespräch mit...

Frank Buschmann - Teil 1: "Ich berichte lieber aus einem Stadion, in dem geil die Luzi abgeht!"

28.12.2011, 09:09 Uhr von:  Redaktion

Im Gespräch mit Frank BuschmannBekannt geworden für seine emotionalen Basketball- und Fußballübertragungen bei DSF/Sport1, gilt Frank Buschmann heute als einer der beliebtesten Sportkommentatoren im deutschen Fernsehen. Im ersten Teil des schwatzgelb.de-Weihnachtsinterviews sprechen wir mit Buschi unter anderem über die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben, Emotionen und Kommerz im Sport sowie sein persönliches Verhältnis zum deutschen Sportler des Jahres, Dirk Nowitzki.

schwatzgelb.de: „Der Buschmann ist ‘ne abgewichste Sau, dem macht das alles gar nichts aus“ – das klingt nach richtig guten Umsätzen. Hast du schon darüber nachgedacht, wer deine Biographie schreiben darf?

Frank Buschmann: (Lacht) Da hab ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, weil ich noch nie einen Gedanken an eine Biographie verschwendet habe! (Lacht) Aber „abgewichste Sau, dem macht das gar nichts aus“ – das kommt bei vielen ja tatsächlich so rüber. Ich verstehe das als großes Kompliment, weil es ein bisschen meine Lebenseinstellung ist. Ich nehme nicht alles wichtig, meine es aber grundsätzlich so, wie ich es sage. Wenn das von einem Zuhörer wahrgenommen wird, bin ich in diesem Moment authentisch. Das ist genau wie ich bin. Generell gehöre ich zu denjenigen Menschen, die das alles nicht bierernst nehmen: Ich weiß, dass ich über Sport berichte, und das ist für mich Spaß und Emotion. Wenngleich es natürlich auch Dinge gibt, die mich berühren.

Denkst du an etwas Bestimmtes?

Ich meine Momente, in denen diese ganze Abgewichstheit vorbei ist. Unlängst war das der Fall, als ich bei Liga total die Studiosendung moderieren musste und fünf Minuten vor Sendebeginn die erste Nachricht bekam, in der es um Babak Rafati und seinen Selbstmordversuch ging. Auch Robert Enke wäre ein Beispiel gewesen. Wenn ich da in einem Fernsehstudio sitze und berichten muss, bin ich überhaupt nicht mehr abgewichst – ich bringe die Sendung professionell wie es nur geht über die Bühne, es geht mir aber tierisch unter die Haut. Diese Situationen, über die ich mir auch im Nachhinein noch richtig Gedanken mache, gibt es leider schon. Da darf man einen professionellen Umgang nicht mit Unbekümmertheit verwechseln. Emotional greifen kann mich hingegen fast alles im Sport, aber das ist eine ganz andere, positive Richtung. Weil Sport für mich Emotion ist.

Du sprichst die Grenze zwischen der öffentlichen und der Privatperson Frank Buschmann an. Hinter dem öffentlichen Bild steckt sicher eine gewisse Markenbildung – wie viel davon entspricht dir als Privatperson?

Ich wehre mich ein bisschen dagegen, obwohl ich natürlich weiß, dass ich mittlerweile zu einem gewissen Grad als Marke gelte. Das ist professionell gesehen nichts Schlechtes. Trotzdem bleibe ich dabei: Im Großen und Ganzen bin ich so, ich spiele keine Rolle. Ich denke mir auch nie vor einem Sportevent oder einer „Schlag den Raab“-Sendung: „Heute bin ich mal besonders witzig und hau ein paar Dinger raus“, am besten noch mit ein paar aufgeschriebenen Sprüchen. Das gibt’s nicht. Ein bisschen polterig, ein bisschen laut, manchmal vielleicht ein bisschen übers Ziel hinaus geschossen – das ist mein Charakter, das ist authentisch.

Frank Buschmann mit Dirk und Silke NowitzkiBekannt geworden bist du für deine launigen, emotionalen Kommentare zu beinahe allen Sportarten – erst Basketball, dann Fußball und mittlerweile auch Walnussstapeln, Weintrauben fangen und Minigolf. Wie schwer fällt es dir, von einem Moment zum nächsten umzuschalten?

(Lacht) Wenn ich zu einer Basketball-Europameisterschaft fahre, freue ich mich schon mal wie ein Schnitzel, dass ich den Sport übertragen darf, den ich liebe. Das ist ein Großereignis und ich lebe zwei bis drei Wochen in einer Traumwelt, weil ich ganz genau weiß, dass ich mein Hobby ausleben kann. Geht es zu „Schlag den Raab“, weiß ich meistens überhaupt nicht, was mich erwartet. Dann kann passieren, was du gerade angesprochen hast, dass ich plötzlich Walnussstapeln kommentieren muss. Das alles lasse das ich auf mich zukommen, denn ganz im Vertrauen: Es ist nicht gerade einfach, Walnussstapeln spannend zu kommentieren – wenn überhaupt, geht es nur aus dem Bauch heraus. Anders ist es bei einem Bundesligaspiel, auf das ich mich entgegen vieler Unkenrufe natürlich schon vorbereite und zumindest hinsichtlich der Faktenlage und Hintergrundgeschichten präpariere. All die anderen Dinge, die drum herum passieren, kommen einfach. Das hat mit Umschalten dann aber auch nichts zu tun.

Die Raab-Festspiele haben also einen Vorteil: Niemand kann dir vorwerfen, keine Ahnung zu haben…

Du hast keine Ahnung! (Lacht) Du wirst dich kaputt lachen, was ich schon für Mails bekommen habe von Billardbeauftragten und den wildesten Vereinen, die es mittlerweile gibt. Gerade bei Geschicklichkeitsspielen aus absoluten Randsportarten passt eine ganze Reihe von Leuten auf, dass man den Spielgedanken richtig wiedergibt. Was wir gottseidank noch nicht haben, sind bundesdeutsche Expertengremien zum „Olivenkerne über Holzlatten spucken“ oder ich weiß nicht was – da habe ich wirklich den Vorteil, dass es nicht wie im Basketball oder Fußball diese 30 bis 40 Prozent der Zuschauer gibt, die sowieso alles besser wissen. Dass sich die Billardleute sofort beschweren, wenn ich was Falsches sage, damit muss ich am Ende leben.

Wie gehst du mit dieser Kritik um? Ist sie unfair?

Als ich zum ersten Mal im Fernsehen auffällig wurde – das war etwa Mitte bis Ende der 90-er Jahre –, kamen beim DSF tausende Mails und Briefe zur NBA-Finalserie an. Damals wurde ich zum ersten Mal richtig mit Kritik konfrontiert, hatte aber – und das ist keine Selbstbeweihräucherung – das große Glück, dass 80 bis 85 Prozent positiv waren. Der Rest bestand zum Teil aus harscher Kritik, die ich mir fürchterlich zu Herzen nahm und bei der ich am Boden zerstört zuhause saß. Immerhin waren wir nicht besonders weit verbreitet und das Meiste kam auf dem Postweg – der Aufwand hielt sich in Grenzen und ich versuchte fast immer zu reagieren, wenn ich angegangen oder wüst beschimpft wurde.

Bekannt für seine Wutausbrüche - Uli HoeneßDas ist heute schlicht und ergreifend nicht mehr möglich. Ich musste lernen zu filtern und zu entscheiden, welche Kritik ich annehmen möchte und welche nicht. Das beinhaltet leider nicht nur, harsche Kritik harsche Kritik sein zu lassen, sondern auch, überschwängliches Lob nicht über zu bewerten. Ich möchte nicht wie einige Kollegen die positiven Beurteilungen als gegeben hinnehmen und den Rest als Quatsch darstellen. Auch möchte ich nie dahin kommen, dass mir alles egal ist und ich eine völlige Kritikresistenz um mich herum aufbaue. Irgendwo dazwischen möchte ich mich bewegen.

Nun gibt es eine Reihe prominenter, sehr emotionaler und hartnäckig unbequemer Generalkritiker – nehmen wir das Paradebeispiel Uli Hoeneß. Wie gewichtest du ihre Aussagen?

Überraschenderweise finde ich solche Leute super. Nicht nur weil sie Schlagzeilen liefern, was natürlich eine tolle Sache ist, sondern weil ich ihnen das abkaufe. Klar mag da manchmal ein gewisses Kalkül dahinter stecken, wenn Uli einen raushaut – aber den roten Kopf trainiert er sich nicht an, den kriegt er ganz automatisch, wenn ihn etwas nervt. Ich finde das super und mag es viel lieber als gestanzte Sätze, die vorher fünfmal eingeübt werden, damit man ja nichts Falsches sagt. Emotionen sind toll, die müssen sein.

Wenn es so wäre, müsste sich Jürgen Klopp nicht mittlerweile regelmäßig dafür entschuldigen, spontan und emotional reagiert zu haben.

Als Journalist muss ich mit solchen Aussagen immer vorsichtig sein, weil eine gewisse Neutralität erwartet wird, aber logischerweise ist mir so ein Trainertyp lieber als einer, aus dem ich überhaupt nichts raussaugen kann. Ich hab es sogar ganz gerne, wenn mich ein Typ wie Klopp anschnauzt: „Tickst du noch ganz richtig, was soll diese Scheißfrage?“ Das passiert halt und ich bin selbst schuld, wenn ich eine blöde Frage stelle. Ich jedenfalls mag Menschen mit Gefühlen und die dürfen sie gerne mal nach außen tragen.

Was dabei kaum jemand weiß: Du hast selbst ganz leidlich Sport getrieben und den Wahnsinn aus nächster Nähe erlebt. Konnte man damals von Profisport reden oder war es ein besseres Amateurdasein?

DKlopp ist emotionalas wird von bestimmten Medien und Zeitungen gerne verklärt... Grundsätzlich kann man es wohl gerade so professionell oder zumindest semi-professionell nennen: In der zweiten Liga eine gute Rolle zu spielen – ich bin sicher nicht der größte Basketballer aller Zeiten – war immerhin sehr zeitaufwändig. Ich habe jeden Tag trainiert und konnte davon mein Studium finanzieren. Ich weiß also, was es bedeutet, auf einem sehr hohen Niveau niedergeschlagen oder mal der Allergrößte zu sein, um den Aufstieg oder gegen den Abstieg zu spielen. Natürlich hab ich diese Erfahrungen im Fußball nicht gesammelt, kann mir aber trotzdem ganz gut vorstellen, wie ein Fußballer tickt, wenn er seinen Elfmeter in der 90. Minute in den Nachthimmel jagt. Den würde ich eher nicht mit der größten aller Fragen konfrontieren: „Na, wie fühlst du dich?“

Immerhin ein Klassiker, zwei Minuten nach Abpfiff.

Grausam. Obwohl ja selbst diese Frage in einer bestimmten Situation, zu einem bestimmten Zeitpunkt passen kann.

Wie kam es zu deinem Seitenwechsel vom Semi-Profi zum Passiv-Sportler?

Als ich um die 30 war, stand ich vor der Frage: Wagst du in diesem hohen Alter noch mal den Schritt in die Bundesliga? Ich hatte drei bis vier Angebote und es hat mich gereizt, es mir selbst wie allen anderen nochmal richtig zu zeigen und dabei natürlich ein bisschen mehr Geld zu verdienen. Es hätte aber nie gereicht, um mit 35 oder 36 auch nur im Entferntesten ein finanzielles Polster zu haben und mich in Ruhe umzuschauen, was danach kommen könnte. Ich kam sehr schnell an den Punkt, dass ich einfach nicht gut genug war, um in der ersten Liga eine herausragende Rolle zu spielen. Also packte ich meine Sachen und hatte Glück, dass ich in meiner Heimatstadt Hagen Radio machen konnte – ein knappes halbes Jahr später meldete sich das Fernsehen, weil die von einem Verrückten gehört hatten, den sie unbedingt mal ausprobieren wollten. So ging der Wahnsinn los.

Im Juni 2011 hast du dann die Pressekonferenz zum Empfang Dirk Nowitzkis moderiert und am Abend in kleiner Runde das Gefühl geäußert, dass vielleicht niemand sonst so offen mit ihm hätte sprechen können. Wie wichtig ist es für Sportler zu wissen, dass ihr Gegenüber weiß, wovon es spricht?

Ahnung zu haben ist per se wichtig, wenngleich du nicht unbedingt ein Fachmann in der Sportart sein musst, die dein Interviewpartner betreibt. Was diesen einen Tag angeht, muss man ein paar Dinge dazu sagen – es ging ja nicht um den Sportler oder Basketballer Dirk Nowitzki, sondern um seinen persönlichen Triumph in seiner Heimatstadt. Unter solchen Umständen – und das ist mir sehr wichtig, das ganz deutlich herauszustellen – ist es ein Riesenvorteil, diese Nähe zu haben. Weil es um den Menschen und seinen persönlichen Höhepunkt geht, in diesem Land und seiner Heimatstadt so gefeiert zu werden.

Dirk Nowitzki lässt sich in seiner Heimststadt feiernIn der Vergangenheit war diese Nähe gerade im Umgang mit Dirk Nowitzki aber auch ein Nachteil, weil ich einige Male vielleicht zu pfleglich mit ihm umgegangen bin. Ich wusste schließlich immer, dass er ein super Basketballer ist und ich ihn so lange wie möglich begleiten möchte. Dieses Verhalten hätte aus Sicht des ganz fairen Journalistenanspruchs sicher Kritik verdient gehabt, doch sind wir da an einer Problemstelle. Wenn du jemandem immer nur ins Knie schießt, wird er irgendwann vielleicht sagen: „Was will ich eigentlich mit dem Typen? Der will mir doch permanent von hinten den Dolch reinhauen.“ Glücklicherweise kam ich im Fall Nowitzki ganz gut davon, weil er als Mensch tatsächlich nur ganz wenige Schwächen besitzt und es für mich sehr angenehm war, es so zu handhaben, wie ich es getan hatte.

Seine Feier dauerte nur einen Tag, war aber ein großes Highlight meiner Karriere. Da hau ich mir jetzt doch einmal selbst auf die Schulter: Diese Pressekonferenz hätte mit keinem anderen Moderator in der Form stattgefunden. Das glaube ich tatsächlich. Vielleicht weil es zuvor schon das noch viel größere Kompliment gegeben hatte, dass ich die einzige Pressekonferenz in Deutschland moderieren sollte, bei der er sich zur großen persönlichen Enttäuschung mit seiner damaligen Freundin äußern wollte. Er wusste genau, dass ich ihn 15 Jahre begleitet hatte und nicht mit irgendwas völlig boulevardeskem ums Eck kommen würde.

Eine berechtigte Sorge, schließlich gibt es im Kampf um Klicks weder Dankbarkeit noch Gnade. Wie viel Nähe, wie viel Freundschaft darf man sich in diesem Job überhaupt leisten?

Freundschaft ist ein ganz, ganz schwieriges Thema. Die gibt es nur in solchen Fällen, in denen man Sportler über Jahre oder sogar Jahrzehnte begleitet. Da fällt es übrigens auch leichter, wenn du in einer Sportart arbeitest, in der nicht 150 oder 200 Medienvertreter von einem Spiel berichten, sondern 15 oder 20. Nehmen wir wieder das Beispiel Nowitzki: Dirk hat nicht vergessen, dass ich selbst in den Momenten da war, als nicht alles supertoll lief. Da entwickelt sich dann so was.

Andererseits gibt es eine Menge Fußballer, bei denen ich mir einbilde, dass wir einen ganz guten Draht zueinander haben. Die wissen, dass ich manchmal ein Chaot und Sprücheklopfer bin, aber niemanden in die Pfanne haue. In diesen Fällen würde ich nicht unbedingt von Freundschaft sprechen, Vertrauen trifft es besser. Immerhin merken die ja sehr wohl, ob jemand auf einen O-Ton aus ist, der überall zitiert und möglichst oft verkauft wird, oder sich zumindest bemüht, fair zu sein.

Presserummel in der Fußball-BundesligaKlar stehe ich unter einem gewissen Druck von Sendungsleitern, Chefredakteuren und Geschäftsführern, die es ganz toll fänden, wenn ich das eine oder andere Detail im Gespräch unterbringen könnte. Natürlich habe ich auch Spaß daran, jemanden zu „knacken“ und dazu zu bringen, richtig einen raus zu hauen. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen kritischem Nachhaken, weil jemand ein schlechtes Spiel gemacht hat, und dem Glatteis, auf das man ihn führen möchte. Als frei schaffender Künstler nehme ich mir die Freiheit ganz alleine zu entscheiden, wie weit ich gehen möchte.

Nowitzki, Raab und auch Jürgen Klopp lassen nur wenig aus ihrem Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen. Wie schwer fällt es dir, die Grenze zwischen Familie und Beruf zu ziehen?

Gottseidank kann man meinen Bekanntheitsgrad überhaupt nicht mit dem eines Stefan Raab oder Jürgen Klopp vergleichen. Ich kann noch immer durch deutsche Fußgängerzonen laufen, ohne dass mich auch nur ein Mensch erkennt, wo es höchstens einmal heißt: „Hab ich den nicht irgendwo schon mal gesehen?“ Weil ich jedoch im kleinen Rahmen weiß, wie das ist, wenn Leute pausenlos was von dir wollen und nicht einmal akzeptieren, dass du mit Kind und Kegel unterwegs bist, kann ich mir vorstellen, wie es deutlich berühmteren Personen geht. Logischerweise werde ich oft gefragt: „Na, wie ist der Raab denn so, wenn man mit ihm rausgeht?“ Da halte ich mich sehr zurück, weil ich die Privatsphäre respektiere und meine, dass es jeder andere ebenso tun sollte. Ich mag es auch nicht, wenn Medien gerade diese persönlichen Geschichten mit besonderer Vorliebe aufs Titelblatt heben. Meine Kinder möchte ich jedenfalls nicht auf Fotos in irgendwelchen Zeitschriften sehen, ich bin ja nicht wahnsinnig!

Neben dem Schutz der Privatsphäre entzünden sich viele Debatten an einem anderen Teil des journalistischen Berufsethos: Der ehrlichen Berichterstattung. Welchen Stellenwert misst du Ehrlichkeit im Medienalltag bei?

Wenn du so willst, sind Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit mein Hauptberufsethos: Ich möchte nichts abbilden, was gar nicht stattfindet. Etwas anderes ist es, wenn ich aus Sicht vieler Zuschauer zwei Minuten vor Schluss völlig sinnloser Weise sage: „Bamberg führt mit 12 Punkten gegen Berlin, es ist noch alles drin!“ Warum sage ich so etwas, obwohl ich in diesem Moment vielleicht nicht daran glaube? Zunächst einmal sind im Sport schon die verrücktesten Dinge passiert, an die keiner geglaubt hätte. Zum Zweiten – und da mache ich etwas Gefährliches – gehe ich meinem Job als Kommentator nach. Wenn es nicht völlig aussichtslos ist, versuche ich, die Zuschauer bei der Stange zu halten.

Stephan Baeck und Buschi bei der ArbeitKlar weiß ich, dass das Spiel in 99,9 Prozent der Fälle entschieden ist. Spreche ich es allerdings aus, schalten 80 Prozent der Zuschauer ab. Spitzfindig könnte man fragen, was das mit Ehrlichkeit zu tun haben soll – dieser Punkt geht mir zu weit, weil es nicht lebensentscheidend ist, ob ich daran glaube oder nicht.

Der FC Bayern hat schon ein Champions League Finale verloren, obwohl niemand es mehr für möglich gehalten hätte.

Die hatten sogar schon ihre T-Shirts an und mussten sie wieder ausziehen! Wie damals kann es immer wieder passieren, aber ich gebe zu, dass ich es manchmal noch etwas spannender machen möchte. Ich müsste lügen, wenn ich das bestreiten wollte.

Nehmen wir das schwierige Thema Fans – das sind die besoffenen, gewalttätigen und ständig quer schießenden Hauptschulabbrecher, die man artgerecht in Käfigen zu halten hat. Für die Quote lohnt es sich draufzuhauen, statt mit mühsamer Recherche im Randprogramm zu landen.

Mit diesem Thema habe ich eigentlich nur zu tun, wenn ich bei einer Live-Übertragung überrascht werde. Mir wäre es am Allerliebsten, wenn man diesen Vorkommnissen keine Plattform bieten und mich nicht nötigen würde, etwas sagen zu müssen. Ich habe überhaupt keine Lust, alle über einen Kamm zu scheren – im Fanblock schreit auch nicht jeder „Buschmann, du Fotze!“ –, dennoch habe ich Momente erlebt, in denen ich Fans am Liebsten direkt eins auf die Gosche gehauen hätte. Fanthemen dieser Art sind sehr undankbar und problematisch, insbesondere im Fernsehen: Es ist fast unmöglich, allen gerecht werden und du kannst sie nicht aufbereiten, ohne irgendjemandem Unrecht zu tun.

Dass ich fassungslos da stehe, wenn Leuchtraketen von einem Fanblock in den anderen geschossen werden und Leute dazu klatschen, steht außer Frage. Stell dir vor, du hättest einen Sohn mit 16 oder 17 Jahren, der so ein Ding abkriegt und fürchterliche Brandnarben davon trägt. Ich möchte das überhaupt nicht haben! Andererseits weiß ich, dass Medienleute lernen müssen, mit solchen Situationen umzugehen und sie einzuschätzen. Es ist unfair, solche Dinge allen Fans in die Schuhe zu schieben.

Über andere Themen kann man schlecht berichten, ohne einen Ruf als Neidhammel weg zu haben: Erfolgsfans zum Beispiel, die in guten Zeiten jeden Blödsinn für ein Ticket mitmachen, das sie in Schwächephasen nicht geschenkt haben wollen.

Das Verrückte ist ja, dass wir hier an deine vorherige Frage anschließen. Ich habe das Gefühl, dass die schwierigen Fans vor allem aus einer Klientel stammen, die ich eigentlich für ihre Emotionen liebe: Fans, die mit Herzblut bei ihrem Verein sind. Weißt du, ich mag das sehr, was bei Sankt Pauli oder in Dortmund auf der Südtribüne passiert. Ich mag Fankultur, weil ich viel lieber aus einem Stadion berichte, in dem Fans eine schöne Choreo machen und wo geil die Luzi abgeht. Wenn das im Zweifel heißt, dass mir am Spielfeldrand ein Becher in den Nacken fliegt, ist mir das vielleicht nicht egal, doch ich kann es ab haben. In jedem Fall ist es mir lieber als ein Operettenpublikum, bei dem du ganz genau weißt: Das sind jetzt Typen, die jeden Scheiß für eine Karte mitmachen.

50+1 muss bleiben!Ich kann auch verstehen, warum sich die leidenschaftlichen Fans über Kommerz im Fußball – das ist ja so ein Hauptthema – aufregen und es saublöd finden, einen Salamispieltag zu haben. Das Problem ist nur: Die meisten Fans wollen ebenso, dass Götze und Hummels in Dortmund bleiben und nicht zu Manchester United gehen. Wie bitte soll das gehen, ohne Kommerz im Fußball zu haben? Das konnte mir bis heute keiner schlüssig erklären.

Financial Fairplay soll etwas bewirken, es bleibt aber mindestens ein Spagat.

Im Grunde kapitulieren wir doch alle vor dem Kommerz. Du kannst Himmel und Hölle in Bewegung setzen, aber Profisport nicht von der Gesellschaft und ihren Spielregeln abkoppeln. Ob man diese Regeln gut findet oder nicht, da sind wir bei einer politischen Diskussion, das kann jeder halten wie ein Dachdecker. Aber wer sich auf Profisport einlässt und diese Jungs verehrt und vergöttert, darf Kommerz nicht ausklammern. Diesbezüglich werde ich mit vielen Fans wohl nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Eng verbunden ist dieses Phänomen mit der Unsitte, ohnehin bekannte Sportler mit Superlativen zu überhäufen. Wie wichtig ist es für dich als Kommentator, Mittelmaß und biedere Hausmannskost als solche zu bezeichnen?

Ich mache Fußball nicht auf der Super-Ebene, zumindest was das breite Publikum angeht, aber das Problem kenne ich gut vom Montagsspiel in der zweiten Liga. Wenn mir da bei einem ganz erbärmlichen Ding mal rausrutscht: „Oh Gott, oh Gott, ist das schlecht!“ oder: „Ne Freunde, das ist heut‘ nix“, gibt es beim Sender schon Leute, die sich bei mir melden: „Das kannst du doch nicht sagen.“ Damit haben sie Recht, denn wenn ich mit meiner Einschätzung nicht völlig daneben liege, muss ich es sogar! Dabei war ich früher ja selbst so ein Schreibock, der Burghausen gegen Freiburg in der zweiten Liga kommentierte wie ein WM-Finale – leider 15 Klassen drunter vom Niveau, von der Akzeptanz in der Öffentlichkeit ganz zu schweigen. Ich habe erst im Lauf der Jahre gelernt, dass ich den letzten Mist nicht wie den Event des Jahres verkaufen muss.

Nowitzki beim Bad in der MenschenmengeWenn Messi einen Pass über drei Meter spielt…

… huiiiiii…

… bekommt manch einer schon bald einen Herzinfarkt.

Damit kann ich gar nichts anfangen, weil es für mich nicht authentisch ist. Du kannst einen Drei-Meter-Pass der Marke „Didi Hamann“ oder „Per Mertesacker“ nicht zelebrieren wie „mit der Hacke aus 15 Metern in den Winkel gezwirbelt“.

Vor lauter Heldentaten geht der Maßstab verloren, mit dem du wirklich herausragende Leistungen bewerten könntest.

Das ist genau das Problem, wenn man nicht zwischen Klasseleistung und Pflichtübung differenziert. Wenn bei Messi oder Ronaldo ein simpler Pass schon zum Zungenschnalzer wird, wie will man bitte das nennen, was Nowitzki in den NBA-Finals gemacht hat? Das passt nicht mehr.

Nowitzki wird es verschmerzen können. Härter trifft es Sportler, die in ihrer Sportart ganz herausragend sind, aber nicht ständig in der Zeitung stehen. Spontan würde mir da einer wie Thomas Lurz einfallen.

Thomas Lurz ist ein gutes Beispiel. Der ackert und trainiert wie ein Gestörter, ist einer der besten Schwimmer aller Zeiten. Von der Öffentlichkeit wird er null wahrgenommen.

Das Problem teilt er mit den deutschen Basketballern. Hätten die mehr Aufmerksamkeit verdient?

Der FC Bayern mischt jetzt auch im Basketball mitBasketball ist ein wunderschöner Sport, der in Deutschland in seiner Breite aber so gut wie keine Tradition hat: Viele Leute verstehen die Regeln nicht, kennen die Artland Dragons nicht und halten die Walter Tigers Tübingen wahrscheinlich für eine Schraubenfabrik. Damit hat die Sportart als solche ein Problem und kommt nur für kurze Momente aus der zweiten Reihe hervor, wenn es Lichtgestalten wie Dirk Nowitzki gibt.

Was die Vereine angeht, mache ich mir jetzt ein paar Freunde in Würzburg: John Patrick war Trainer in Göttingen, spielt jetzt mit nahezu halb Göttingen in Würzburg. Wenn er in zwei Jahren nach Trier geht, spielt die Mannschaft wahrscheinlich in Trier, während Berlin mitten in der Saison drei bis vier Leute auswechselt. Wie will man da langfristig Identifikation schaffen? Der Hardcorefan in der Halle wird das noch hin bekommen. Aber der normale deutsche Sportfan, der sich zuhause ein Spiel von Alba anschaut und so geil findet, dass er vier Wochen später wieder einschalten möchte, hat ein echtes Problem, wenn er plötzlich nur die halbe Mannschaft kennt. Er ist orientierungslos.

Darüber hinaus fehlen natürlich die Erfolge auf internationaler Vereinsebene. Immer wenn man das Gefühl hat, dass die Bamberger es zum Beispiel packen könnten, geht der Schuss nach hinten los. In der Gesamtheit sind das zu viele Faktoren, als dass Basketball in Deutschland zu einem Massensport werden könnte.

Wie du selbst schon angesprochen hast, haben Fußballfans häufig Probleme mit dem wachsenden Einfluss von Sponsoren. Im Bundesliga-Basketball spielen dagegen Brose, die Deutsche Telekom, ratiopharm, EnBW und New Yorker gegeneinander. Wie gehst du mit diesem Thema um?

Hoffenheimer FußballretorteEs ist eine simple Notwendigkeit, weil sich die meisten Vereine anders gar nicht finanzieren könnten. Und du musst nicht immer den vollen Namen sagen: Ich zum Beispiel spreche von Bonnern und Berlinern, nicht von Telekomisten oder Albanern… (Lacht) Mit der geliebten Tradition von vorhin hat das zugegebenermaßen wenig zu tun – wobei das im Fußball mindestens genauso schwierig ist, wenn wir auf Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim oder erst recht RasenBallsport Leipzig zu sprechen kommen. Ich glaube, dass sich dieses Thema über kurz oder lang von selbst erledigen wird.

Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass wir in Deutschland das Paradies auf Erden haben, wenn wir die Situation mit England vergleichen. Da kann ein Scheich einen Verein wie Manchester City mal eben mit mehreren hundert Millionen Euro voll pumpen – mit der großen Emotion ist es nicht allzu weit her, aber wenn man die Möglichkeit hat, greift man zu. In der NBA, nicht zuletzt eine große Gelddruckmaschine, sieht es ähnlich aus. Immerhin haben die Amis eine komplett andere Fankultur: Die gehen hin, futtern ihre Hot Dogs, gehen zwischendurch raus und wenn es nicht gerade ein Playoff-Spiel ist, interessiert sie vielleicht nicht einmal das Ergebnis. Das ist nicht meine Idealvorstellung von Sport, ändern kann ich es aber nicht.

Im zweiten Teil des Interviews sprechen wir mit Frank Buschmann über Borussia Dortmund und werfen einen Blick zurück auf das tolle Sportjahr 2011: Hier geht's lang...

ssc, 28.12.2011

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