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Arthur Friedenreich - das vergessene Fußballgenie

07.09.2011, 23:20 Uhr von:  Redaktion

Arthur Friedenreich - das vergessene FußballgenieEs gibt wohl keine Fußballnation, die mehr internationale Superstars hervorgebracht hat als Brasilien. Erst vor wenigen Wochen durfte anlässlich des Länderspiels gegen Deutschland nahezu jeder, der schon einmal gegen einen Ball getreten hat, in zahllosen Interviews seine Bewunderung für die brasilianischen Ballkünste zum Ausdruck bringen und in Kindheitserinnerungen schwelgen. Je nach Generation des Befragten fielen Namen wie Pelé, Zico oder Sócrates und wer Mario Götzes Antwort lesen durfte, er kenne Romario und Bebeto nur aus Erzählungen, der konnte sich auch schon einmal ein wenig alt fühlen. Einen Namen fand man aber auf keiner der runter gebeteten Listen: Arthur Friedenreich.

Es ist leicht zu erklären, warum der Name des 1892 geborenen Friedenreich kaum noch bekannt ist: Zunächst liegt seine aktive Zeit schon mehr als siebzig Jahre zurück und die Zahl der Zeitzeugen ist entsprechend gering. Außerdem war in den 1910er und 1920er Jahren, als Friedenreich auf dem Höhepunkt seines Schaffens stand, die mediale Berichterstattung noch sehr rudimentär: Meist veröffentlichten die Zeitungen nur die Spielergebnisse, schon die Nennung der Torschützen war eher unüblich. Erst am Ende von Friedenreichs Karriere wurden Spiele live im Radio übertragen. Es fehlten also emotionale Momente, die kollektiv geteilt wurden und ein gemeinsames Erinnern ermöglichten. Hinzu kam, dass der Club Athletico Paulistano, mit dem Friedenreich mehrfach die Meisterschaft von São Paulo gewann (eine landesweite Meisterschaft gibt es erst seit 1971), niemals am Profifußball teilnahm und eine entsprechend kleine Fanbasis hatte und hat, die das historische Erbe des Vereins kultivieren konnte. Und so ist der Mann beinahe vergessen, der nicht nur der erste brasilianische Fußballstar war, sondern der erste schwarze Spieler überhaupt, der sich bei einem der offiziellen Vereine Brasiliens durchsetzen konnte. Friedenreich ist damit ohne Frage einer der Gründungsväter des brasilianischen Fußballs, so wie wir ihn kennen.

Martin Curi erinnert in seiner 2009 erschienenen Biographie an diesen außergewöhnlichen Fußballer, dem nur ein glücklicher Umstand überhaupt die Karriere ermöglichte. Im frühen brasilianischen Fußball trafen schwarze Spieler gleich auf zwei Barrieren: Die rassische und die soziale, wobei beides eng miteinander zusammen hing. Wie in den meisten lateinamerikanischen Ländern hatten Zuwanderer aus Europa den Fußball eingeführt und in elitären Clubs etabliert. Schwarze hatten zu diesen Vereinen keinen Zugang. Allerdings signalisiert bereits Friedenreichs Name, dass dieser lediglich mütterlicherseits Nachkomme von Sklaven war, während sein Vater aus Deutschland stammte. Dies erleichterte ihm den Zugang zum elitären Clubwesen: Da der in São Paulo beheimatete Verein SC Germania unabhängig von der sozialen Stellung allen Angehörigen der deutschen Kolonie die Mitgliedschaft erlaubte, konnte Friedenreich die rassische Barriere umgehen, die soziale spielte bei ihm – anders als bei vielen Schwarzen Brasiliens – ohnehin keine Rolle, da sein Vater Bankier war.

Die brasilianische Gesellschaft war in diesen Jahren in einer langen Phase des Umbruchs. Die Sklaverei wurde hier erst spät abgeschafft und war besonders brutal. Auch wenn das Land mittlerweile formal demokratisch regiert wurde und eine Gleichberechtigung der Rassen existierte, war der Rassismus weiterhin ein drängendes Problem. Curi gelingt es ohne moralisierenden Unterton, die Karriere Friedenreichs anschaulich zu beschreiben und zugleich Einblick in die Entwicklung des Landes zu geben. So zeichnet er die Bedeutung des Rassismus für den brasilianischen Fußball in seinen Anfängen als auch für Friedenreich persönlich nach. Und die war keineswegs gering: Obwohl er der beste Spieler seiner Zeit war, stehen in Friedenreichs Länderspielbilanz lediglich 22 Spiele und er durfte nie an einer WM teilnehmen, weil schwarze Spieler als nicht präsentabel galten. Als Reaktion auf den allgegenwärtigen Rassismus versuchte Friedenreich seine Hautfarbe zu kaschieren und glättete beispielsweise seine krausen Haare oder spielte mit Haarnetz. Auf nahezu allen Mannschaftsfotos ist er der einzige Schwarze, aber trotz der gegen ihn herrschenden Ressentiments scheint er seine positive Grundhaltung, die sich auf dem Platz durch seine Spielfreude ausdrückte – der Legende nach ist er der Erfinder zahlreicher Tricks, unter anderem des Übersteigers – auch außerhalb des Spieles nicht verloren zu haben. So gelang es ihm aufgrund seiner überragenden fußballerischen Fähigkeiten wie durch seine offene Art, die anfangs durchaus vorhandene Skepsis seiner Teamkameraden zu überwinden und Erfolge zu erzielen, die heute in zahlreichen Youtube-Videos gewürdigt würde. Da es diese vor bald hundert Jahren noch nicht gab, bleibt uns allein die lesenswerte Biographie von Martin Curi, die Interesse an Fußball mit der Neugier auf die Geschichte fremder Länder wunderbar verbindet.

Martin Curi, Friedenreich. Das vergessene Fußballgenie, Göttingen 2009, 16,90 Euro.

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Patrick Bormann, 07.09.2011

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