Spielbericht Profis

The same procedure as last year? The same procedure as every year.

29.10.2010, 01:35 Uhr von:  Redaktion

Spielt der Tabellenzweite der Bundesliga gegen einen Drittligisten, ist die Favoritenrolle klar vergeben. Handelt es sich beim Tabellenzweiten um Borussia Dortmund und beim Anlass um den DFB-Pokal, kann dieser Umstand getrost zur Debatte gestellt werden. Schließlich darf man sich nun auch in der hessischen Provinz mit Krachern der Güteklasse Wattenscheid, Fürth, Trier, Osnabrück oder den Wolfsburger Amateuren in einem Atemzug nennen lassen.

Als Jürgen Klopp seinen Dienst in Dortmund frisch angetreten hatte, wagte er ein vollmundiges Versprechen – er wollte eine Mannschaft aufbauen, die endlich wieder Derbys gewinnen könne. Viel hat er seitdem für Borussia erreicht und kaum ein Fan dürfte sich noch finden lassen, der ihm für diese herausragende Arbeit nicht größten Respekt zollen würde. Leider hatte Klopp jedoch einen wichtigen Baustein vergessen, der ihm in den höchsten Borussen-Olymp verhelfen könnte: Dazu müsste er noch eine Mannschaft formen, die endlich wieder den DFB-Pokal gewinnen könnte.

Die Vorzeichen des diesjährigen Pokalausscheidens waren nicht die besten. Mit deutlich mehr Pflichtspielen als fast jeder Gegner, zeigten sich die jungen Borussen in den vergangenen Wochen auffällig erschöpft. Zu Langzeitverletzten wie Kehl gesellten sich kurzfristige Ausfälle und Formkrisen, die zu Saisonbeginn so locker aus dem Handgelenk geschüttelten Siege endeten plötzlich mit bitteren Unentschieden und auch die Feinheiten des gepflegten Spiels hatten zuletzt erheblich gelitten.

Mit einem leicht flauen Gefühl im Magen ging es diesmal nach Offenbach, auf den einst legendären Bieberer Berg. Dort war das Spiel des Jahres ausgerufen worden, der Berg sollte brennen und jeder noch so arme Wicht zum Sieg beitragen, der sich irgendwo finden ließ. Nach ordentlichen Auftritten bei den Amateuren bestand zumindest Hoffnung auf ein bisschen Stimmung vor Ort, die sich allerdings schnell wieder zerschlug – das Brennen glich mehr dem Glimmen einer feuchten Zigarette, das gesamte Drumherum einer einzigen Katastrophe. Völlig überfordert von gerade einmal 25.000 Menschen brach das komplette Verkehrsnetz zusammen – wer sich nicht einige Stunden vorher auf den Weg gemacht hatte, hörte vor allem einen Satz immer wieder: Rien ne va plus, nichts geht mehr.

Unser Spielbericht beginnt deshalb erst in der 20. Spielminute. Gut über 1000 Fans befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch auf den Straßen rund ums Stadion, hatten allerdings so gut wie nichts verpasst. Borussia spielte im bekannten Hurrastil, für die erschöpften bzw. angeschlagenen Bender, Großkreutz und Kuba spielten da Silva, Lewandowski und Piszczek. Sie erledigten ihre Aufgaben weitgehend souverän und verloren zu keinem Zeitpunkt die Kontrolle über den Ball – stets einen oder zwei Schritte schneller als der Gegner, mit Kabinettstückchen und einer dicken Portion Spielfreude fügten sie sich in eine harmonische Formation ein.

Überhaupt war es zu diesem Zeitpunkt eine Freude, dem Spiel Borussia Dortmunds zuzusehen. Gefällig spielten sich die Schwatzgelben das Leder zu, fanden meist eine Lücke und bemühten sich redlich, ihre Mannschaftskameraden in Szene zu setzen. Sahin und Götze spielten einen überragend guten Ball, der Offenbacher Anhang schimpfte wie ein Rohrspatz über den unaufgeregt pfeifenden Knut Kircher und sah sich stets in der Erwartung eines neuen Angriffs. Doch so toll alles auf den ersten Blick schien, so brotlos war die Kunst: Kein einziger richtiger Torschuss konnte aus dem Spiel heraus abgegeben werden, nicht einmal eine besonders gute Chance ließ sich ausmachen.

Richtig gefährlich wurde es nur einmal für den Gegner, als Weidenfeller einen Sonntagsschuss Teixeiras gerade noch an die Unterlatte lenken konnte. Auch die Weigerung Kirchers, den Offenbachern einen Handelfmeter zuzusprechen (Kircher sah das klare Handspiel Hummels, erkannte aber auch das vorangehende Foul seines Gegenspielers), trug nicht viel zur Veränderung des Torstands bei. Nach zwei Paraden des glänzend aufgelegten Wulnikowski gegen den wieder einmal unglücklich wirkenden Barrios ging es mit 0:0 in die Kabine.

Der Pausentee hatte bei den Hausherren neue Kräfte geweckt. Sie erkannten nun die völlige Unfähigkeit der Gäste, selbst deutlichste Überlegenheit in zwingende Torchancen zu verwandeln. Borussia musste zu allem Überdruss dem extrem hohen Tempo der ersten Hälfte Tribut zollen – das Spiel wurde langsamer, es schlichen sich immer mehr Fehlpässe ein und selbst überragende Spieler des ersten Durchgangs verschwanden plötzlich im Nirgendwo. Das ordentliche Fußballspiel wurde zu einem Nervenkampf: Die gut verschiebende Offenbacher Defensive ließ Dortmunder Angriffe stets 25 Meter vor dem Tor auflaufen und leitete mit besonderer Vorliebe Konter ein, die spätestens kurz nach Erreichen der Mittellinie von Hummels oder Subotic geklärt wurden.

Die Anzahl der Torraumszenen verringerte sich im Lauf der zweiten Halbzeit noch weiter, das Publikum schien sich endgültig zu langweilen. Immerhin bot sich damit ausreichend Gelegenheit, den Blick auf die Tribünen zu richten. Der Gästeblock war ordentlich gefüllt, was angesichts der Ansetzung und katastrophalen Verkehrsbedingungen als sehr respektabel gewertet werden kann. Ohne widerhallendes Dach überzeugte der Support immerhin in Sachen Lautstärke und besorgte die gesamte Stadionstimmung im Alleingang – dass die Liedauswahl gerade aus einer Hand voll Klassikern in Dauerschleife bestand, gab dafür wieder Punktabzug. Die Heimtribüne machte sich derweil komplett lächerlich. 30, vielleicht 35 Fans hüpften inmitten der großen Längstribüne einige Male auf und ab, um dann wieder stehen zu bleiben. Gesungen wurde so gut wie gar nicht, wenn blieb es bei „OFC“ oder „Kickers“-Rufen in vergleichsweise alberner Lautstärke. Schlimmer noch: Dass die Stimmung beim „Spiel des Jahres“ beinahe schlechter ausfiel als beim Freundschaftskick im Mai 2005, geriet den rot-weißen nicht unbedingt zur Ehre.

Auf dem Platz erwies sich die Hereinnahme von Großkreutz und vor allem Le Tallec als großer Gewinn. Über sie entwickelte sich ab Mitte der zweiten Halbzeit neuer Schwung im Spiel Borussias, auch der zwischenzeitlich völlig abgetauchte Sahin konnte nun wieder etwas besser ins Spiel finden. Unverändert blieb es jedoch bei der Harmlosigkeit der Offensivbemühungen – wenn es einmal wirklich weit nach vorne ging, was angesichts der spielerischen Überlegenheit viel zu selten passierte, traten Barrios und Lewandowski am Ball vorbei oder fanden in Wulnikowski ihren Meister. Die letzte Viertelstunde galt es dann für beide Mannschaften zu überstehen – Freiraum für gegnerische Konter sollte gar nicht mehr erst geschaffen werden, das 0:0 schien beiden Mannschaften vorerst auszureichen.

Trotz zweier Großchancen von Lewandowski und Le Tallec kurz vor Schluss ging es dann auch mit einem verdienten Remis in die Verlängerung. In dieser passierte rein gar nichts, was in irgendeiner Form erwähnenswert gewesen wäre, weshalb wir auch diesen „ereignisarmen“ Spielabschnitt komplett überspringen wollen – schließlich hätten beide Mannschaften noch Tage gegeneinander spielen können, ohne ihrem Gegner den KO zu versetzen.

Das Elfmeterschießen begann viel versprechend. Weidenfeller, dessen Kritiker mit besonderer Vorliebe auf die ausbaufähige Bilanz gehaltener Strafstöße verweisen, wurden direkt zu Beginn eines Besseren belehrt: Haas hatte den ersten Elfmeter lasch in die Mitte geschossen und Weidenfelller keine Probleme bereitet – im Gegenzug markierte Sahin gewohnt sicher seinen Treffer, die beste nur denkbare Ausgangsposition. Leider setzte sich in der Folge das grauenhafte Pech fort: Weidenfeller flog vier Mal ins falsche Eck, mit Lewandowski und Barrios gaben ausgerechnet die beiden Dortmunder Topstürmer den DFB-Pokal 2010/11 verloren.

Fassungslosigkeit machte sich beim mitgereisten Gästeanhang breit, dafür drehten die Offenbacher Fans nun erstmals richtig auf: „Erste Liga, keiner weiß warum“ und „Sch***e, Sch***e“-Sprechchöre ließen mindestens in Frage stellen, ob man sich hier über den eigenen Sieg oder eher die Niederlage des Gegners freuen wollte. Ein komplett verkorkster Ausflug nahm zu diesem Zeitpunkt sein Ende – Borussia hatte wie oft in den vergangenen Wochen tolle Spielzüge und ein deutliches Übergewicht auf dem Platz nicht in Zählbares umwandeln können. Die Niederlage ging damit vollkommen in Ordnung, unsere Spieler können sich zumindest in einem Wettbewerb etwas zurücklehnen und wir sparen uns das Herumlungern in einem arschkalten Stadion in der Vorweihnachtszeit…

Stimmen:


Jürgen Klopp: „Ich habe an meiner Mannschaft nicht viel auszusetzen. Wir waren immer am Mann, sind unheimlich viel gelaufen und haben bis 25 Meter vor dem Tor ein perfektes Spiel geliefert. Offenbach hatte nicht eine einzige Torchance aus dem Spiel heraus, auch das ist natürlich ein Zeichen einer souveränen Mannschaftsleistung. Ankreiden lassen müssen wir uns, dass wir den Sack nicht zugemacht haben. Es gelang uns viel zu selten, die Offenbacher Abwehr zu durchbrechen und wenn wir es dann einmal schafften, fehlte das Glück oder dieser bärenstarke Wulnikowski fischte das Ding aus dem unmöglichsten Winkel wieder heraus. Ein Rückschlag ist dieses Spiel nicht, zumindest nicht in dem Sinne, dass wir am Sonntag Probleme zu befürchten hätten – bereits gegen Sevilla und Paris lief es nicht ganz so gut für uns, ohne dass wir in den darauf folgenden Spielen nichts mehr zustande bekommen hätten.“

Auf die Frage, ob er sich über das nächste Highlight am Sonntag in Mainz freue: „Nein. Ich ärgere mich viel zu sehr über das Ausscheiden heute, als dass ich mir jetzt über etwas anderes Gedanken machen könnte. Außerdem war das heute alles andere als ein Highlight.“

Wolfgang Wolf: „Wir haben eine super Leistung gezeigt, in allen Mannschaftsteilen kann ich meinen Spielern heute nur größte Komplimente machen. Alles hat gepasst, obwohl wir ein viel höheres Tempo gehen mussten als der Gegner, der den Ball schön zirkulieren ließ. Ich wusste von Anfang an, wie hart dieses Spiel werden würde und dass wir nur mit einem bärenstarken Wulnikowski eine Chance haben können – wir wussten vor dem Elfmeterschießen, dass er mindestens einen oder zwei Elfer halten würde. Dass man es dann trotzdem noch mit einem Glücksspiel zu tun hat, wissen wir alle.“

Statistik:


Borussia Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Sahin, da Silva - Götze, Lewandowski, Kagawa - Barrios.

Offenbach: Wulnikowski - Lamprecht, Kopilas, Husterer, Teixeira - Mehic - Hesse, Haas, Feldhahn, da Costa - Occean

Einwechselungen: 74. Telch für da Costa, 84. Rathgeber für Occean - 67. Großkreutz für Kagawa, 81. Le Tallec für da Silva , 90. Feulner für Götze

Tore: gabs nicht

Elfmeterschießen: 0:0 Weidenfeller hält /0:1 Sahin / 1:1 Feldhahn / 1:1 Barrios verschießt / 2:1 Kopilas / 2:2 Le Tallec / 3:2 Rathgeber / 3:2 Lewandoskwi verschießt / 4:2 Mehic

Gelbe Karten: Lamprecht - Hummels

Knüppler17, 28.10.2010

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