schwatzgelber Saisonrückblick

Saison 1985/86: Kobras Rettung in letzter Sekunde - Das Desaster Teil 3

29.10.2010, 19:09 Uhr von:  CHS

Die berühmt-berüchtigte Saison 1985/86! Kein BVB-Fan, aber auch kein Fortuna Köln Fan, wird diese Saison jemals vergessen. Der BVB war eigentlich schon abgestiegen, als dann „Kobra" Wegmann den Ball im Rückspiel der Relegation in der letzten Sekunde über die Linie bugsierte und so ein drittes Spiel herausholte. Vergessen waren Trainerirrtum Csernai, vergessen das Millionenloch im Etat, vergessen die schlechte Saisonleistung. Es zählte nur die Rettung, die in Dortmund teilweise besser gefeiert wurde, als sämtliche Meisterschaften zusammen. Der BVB war gerettet und es begann danach die goldene Zeit von Borussia Dortmund.

Das BVB-Logo
Das BVB-Logo
Zu Beginn der neuen Saison stand der BVB vor dem finanziellen Aus. Nur unter strengen Auflagen erteilte der DFB den Dortmunder die Lizenz: Somit waren keine großen Sprünge bei den Transfers möglich. Das erste Training unter Pal Csernai fand am 30.06.1985 vor 6.000 Fans in der Roten Erde statt. Der BVB präsentierte drei Neuzugänge. Neben Dirk Hupe und Tadeusz Krafft (von Eintracht Hamm) konnten die Dortmunder auch einen Nationalspieler präsentieren: der 34-jährige Horst Hrubesch kam als der vermisste Knipser von Standard Lüttich in die Bundesliga zurück. Für die 150.000 DM Ablösesumme kam ein Sponsor auf. Am 07.07.85 ging es für die Borussen ins Vorbereitungstrainingslager nach Herzlake (Emsland). Im Vordergrund dort standen die Ballarbeit und das Einstudieren der Raumdeckung. Im ersten Testspiel musste man dann gegen VfL Herzlake antreten und man gewann das Spiel mit 4-1. Zwei Tage später hieß der Gegner SpVgg. Aurich. Neuer Kapitän wurde Horst Hrubesch, allerdings fand er trotz des 2-1-Sieges keine Bindung zu seinen Mitspielern.


In Rheine spielte drei Tage später der BVB gegen die Nationalmannschaft der Vereinigten Arabischen Emirate. Der BVB gewann das Spiel in der Schlussphase mit 4-1, da der arabischen Mannschaft die Kräfte ausgingen. Am 19.07.1985 spielte Borussia bei der VfV Hildesheim und gewann durch die Tore von Hupe, Wegmann und Hrubesch mit 3-0. Ein Tag später wurden die Friesen Hänigsen mit 8-0 abgefertigt. Vier Tage nach dem Sieg gab es ein 0-0 gegen Sparta Prag. In Reselare drei Tage nach dem letzten Spiel trat der BVB gegen den belgischen Meister RSC Anderlecht an und spielte beim 2-1-Sieg vor allem nach der Pause stark. In der Schlussminute erzielte Michael Lusch den entscheidenden Treffer. Am 30.07. zeigte der BVB ein ganz anderes Gesicht. Beim Oberligisten Rot-Weiss Essen verlor man mit 0-2 und Csernai meinte: „Hoffentlich war das nicht unser wahres Gesicht." Im vorletzten Freundschaftsspiel am 03.08. gab es wieder das strahlende BVB-Gesicht zu sehen. Die Borussia gewann gegen Schalke mit 3-1. Vor allem überzeugten Wolfgang Schüler als Raducanu-Ersatz und Horst Hrubesch (erzielte das 2-1 durch einen Kopfball). Das letzte Vorbereitungsspiel gewann der BVB bei Rot-Weiß Lüdenscheid mit 3-1.

Das erste Bundesligaspiel am 10.08. beim 1. FC Saarbrücken endete mit 1-1. Überraschend saß Raducanu nur auf der Bank und er erklärte: „Wenn ich gegen Hamburg nicht spiele, dann verlasse ich Dortmund." Die neuen Spieler Hupe und Hrubesch enttäuschten, nur Kutowski traf für die Westfalen. Sechs Tage später empfingen die Dortmunder im Westfalenstadion den Hamburger SV. Vor 40.000 Zuschauer wurde Rolf Rüßmann verabschiedet und danach gab es eine tolle Partie, in dem der BVB durch Schüler in Führung ging. Stürmer Hrubesch sagte nach dem Spiel euphorisch: „So viel ist schon heute klar geworden: Mit dem Abstieg haben wir in diesem Jahr überhaupt nichts zu tun." Beim Auswärtsspiel in Köln am 21.08. erzielte Horst Hrubesch sein erstes Liga-Tor im BVB-Trikot, leider in der verkehrten Richtung. Am Ende gewann der 1. FC klar mit 0-2.

Drei Tage nach dieser Niederlage stand die erste Runde im DFB-Pokal beim nordhessischen Landesligisten SC Neukirchen auf dem Programm und der BVB gewann standesgemäß mit 9-2. Als Torschützen zeichneten sich Wolfgang Schüler mit vier und Horst Hrubesch mit zwei Treffern aus. Aber die Herrlichkeit war schon beim nächsten Heimspiel dahin. Der Aufsteiger 1. FC Nürnberg konnte im Westfalenstadion klar mit 4-1 gewinnen. Dabei waren die Borussen durch Bittcher in Führung gegangen, verloren danach aber den Faden und konnten sich bei Torhüter Immel bedanken, dass die Niederlage nicht höher ausfiel. Der Fehlstart wie im Vorjahr war komplett nach der 2-4-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf am 04.09.85. Auch drei Tage später kam der BVB nicht über ein 0-0 gegen SV Waldhof Mannheim hinaus. Wiederum musste Marcel Raducanu 90 Minuten auf der Bank sitzen und den Dortmundern fiel auf dem Platz nichts ein, um das Waldhof-Bollwerk zu knacken.

Zu einem Debakel kam es am 14.09. in Bochum. Zwar gab Marcel Raducanu das langersehnte Comeback, aber der BVB verlor beim VfL klar mit 1-6. Bis zur Halbzeit sah es noch nicht einmal so schlecht aus. Die Dortmunder zeigten bis dahin ihr bestes Auswärtsspiel und lagen nur mit 1-2 zurück (zwischenzeitig hatte Schüler den Ausgleich geschossen). Aber nach der Halbzeitpause brachen die Dämme. Eine völlig verunsicherte Mannschaft brach zwischen der 73. und 77. Minute vollkommen ein und lud die Bochumer zum Tore schießen ein. Am Ende forderten die BVB-Fans den Kopf von Csernai und verließen fluchtartig das Stadion. Die Bochumer bekamen von ihren Fans Ovationen und der BVB landete auf dem letzten Platz. Rauball erklärte nach dem Spiel: "Vor Csernai gehe ich, da kann mein Nachfolger ja gleich von der Südtribüne kommen."

Auch aus Frankfurt kamen schlechte Nachrichten. Der BVB wurde vor den Kontrollausschuss gerufen, weil man gegen die Lizenzauflagen verstoßen hatte. Die Entschuldung ging nicht so voran, wie es der DFB gefordert hatte. Die Dortmunder waren vom Punktabzug bedroht, da die Borussen nicht, wie gefordert, die Verbindlichkeiten eingefroren, sondern noch einige Millionen draufgepackt hatten. Am Ende blieb es aber bei einer Geldbuße vom DFB. Hoffnung brachte das Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt. Den Rückstand zur Halbzeit (0-1) konnten die Borussen dank der Einwechselung von Hrubesch zur Halbzeit noch in einen 4-2-Sieg umwandeln. Das 2-1 erzielte der ehemalige Hamburger selber, mit einem Doppelschlag in der Schlussphase konnte Jürgen Wegmann alles klar machen. Pech hatte der BVB bei seiner Reise zum Betzenberg. Der 1. FC Kaiserslautern gewann durch zwei Fehlentscheidungen (unberechtigter Elfer und Abseitstor) des Schiris Schlup mit 0-2. Wieder brauchte der BVB eine Halbzeitpredigt, um erfolgreich zu sein. Beim 5-2-Erfolg gegen Bayer 05 Uerdingen am 05.10.85 stand es zur Halbzeit 1-1. Erst danach präsentierte der BVB sich wie verwandelt und zeigt seine beste Saisonleistung. Im Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen sieben Tage später kamen die Dortmunder nicht über ein 1-1 hinaus.

Am 19.10.85 trat der BVB in der zweiten Runde des DFB-Pokals bei TuS Paderborn-Neuhaus an. Zur Halbzeit lag der Bundesligist mit 0-2 im Rückstand. Wieder einmal musste Pal Csernai in der Pause laut gewesen sein, denn danach drehten Simmes, Hupe, Wegmann und Loose den Spieß um und gewannen mit 4-2. Der Sieg konnte Csernai nicht beruhigen, denn er erklärte im Kicker: „Ich bin noch auf 180, es war unerträglich, was wir da gespielt haben."

Auch der nächste Spieltag trug nicht zur Beruhigung der Lage bei. Trotz eines starken Jürgen Wegmanns, der seinen fünften Saisontreffer erzielte, verloren die Dortmunder durch grobe Abwehrschnitzer beim Spitzenreiter Werder Bremen mit 2-4. Und auch beim Heimspiel gegen Mönchengladbach am 01.11. zeigte sich, dass der BVB Probleme mit der Raumdeckung hatte. So verloren die Dortmunder mit 2-3 und waren wieder Tabellenschlusslicht. Ausgerechnet im Münchener Olympiastadion stand dann plötzlich die Null. Dank des Einbaus des Libero Frank Pagelsdorf und den Paraden von Eike Immel gewannen die Dortmunder beim FC Bayern durch ein Tor von Uli Bittcher mit 1-0.

Am 16.11.85 fand das Achtelfinale im DFB-Pokal statt. Gegner war diesmal der FC Homburg. Nach der regulären Spielzeit stand es 1-1 (Dortmunder Tor durch Jürgen Wegmann), in der Verlängerung zog man durch Tore von Wegmann und Simmes ins Viertelfinale ein. Vier Tage später empfing der BVB im heimischen Westfalenstadion den VfB Stuttgart. Kurz nach der Pause gingen die Dortmunder durch eine Co-Produktion zwischen Anderbrügge und Loose in Führung, den 2-0-Endstand markierte Schüler. Das Derby, dass drei Tage später stattfinden sollte, fiel dem frühen Wintereinbruch zum Opfer, so dass der BVB erst wieder am 30.11. gegen Hannover 96 antreten musste. Dortmund profitierte davon, dass das Zusammenspiel im Mittelfeld zwischen dem eigentlich ausgemusterten Raducanu und Zorc immer besser wurde. Gegen Hannover war der Exil-Rumäne der Vorbereiter, während Zorc die beiden Treffer zum 2-0-Endstand erzielte.

Am 06.12.85 hieß der Gegner 1. FC Saarbrücken. Wieder war das Mittelfeld der Garant für den Sieg über die Saarländer. Matchwinner waren Zorc und Loose, der das 1-0 erzielte. Nach der Halbzeit erzielte Saarbrücken zwar den Ausgleich, doch in der Schlussviertelstunde makierte Michael Zorc die beiden Treffer zum 3-1-Sieg. Die Vorarbeit zum 2-1 leistete ebenfalls Loose. Zur Halbzeit blieb Horst Hrubesch entkräftet in der Kabine. Da kündigte sich ein Karriereende an, aber die Dortmunder konnten den vierten Sieg in Folge feiern.

Am 10.12. fand dann das ausgefallene Derby statt und der BVB kassierte beim 1-6 die höchste Derbyniederlage seit 1959. Eike Immel, er verursachte selber drei Gegentreffer, meinte nach dem Spiel: „Das war ein Rückfall in die Steinzeit." Doch nur vier Tage später verlor der BVB beim Hamburger SV ebenfalls deutlich. Die chancenlosen Dortmunder kassierten eine 0-3-Niederlage und landeten mit 16-22-Punkten und 29-42-Toren auf Platz 13. Außerdem bestritt bei diesem Spiel Horst Hrubesch seine letzten 75 Minuten als Fußball-Profi. Nach der Winterpause wurde er vom Trainer fallengelassen und kam nicht mehr zum Einsatz. Später wurde er Trainer beim Zweitligaaufsteiger Rot-Weiss Essen.

Das letzte Pflichtspiel im Jahr 1985 fand am 21.12. im Viertelfinale des DFB-Pokals statt. Trotz des frühen Rückstands beim SV Sandhausen gelang den Dortmundern durch Tore von Zorc, Wegmann und Bittcher ein souveräner Einzug ins Halbfinale. Dr. Reinhard Rauball versuchte währenddessen, Rolf Rüssmann zurückzuholen. Dieser Versuch scheiterte, weil Rüssmann nicht nur einen Managervertrag haben wollte, sondern auch verlangte, dass Geschäftsführer Maahs gehen sollte. Darauf ließ sich der BVB-Präsident nicht ein.

Nach Weihnachten nahm der BVB am Hallenturnier in Bremen teil und blieb sieglos. Während man noch im ersten Spiel ein 9-9 gegen Hannover rausholen konnte, verlor man in der Vorrunde gegen Werder Bremen (mit 1-4), im Halbfinale gegen Bohemians Prag (mit 2-5) und im Spiel um Platz drei gegen Aarhus GS (mit 3-4). Auch beim eigenen Hallenturnier in der Westfalenhalle blieb am Ende nur Platz 4. Man gewann zuerst gegen Standard Lüttich mit 6-0, verlor dann aber gegen Fortuna Düsseldorf mit 0-2 und das Spiel um Platz 3 ging mit 3-1 im Siebenmeterschießen an Arminia Bielefeld (3-3 in der regulären Spielzeit). Insgesamt 9.000 Zuschauer sahen das Spektakel und spülten so 32.000 DM Gewinn in die leeren Vereinskasse. Am 30.12. bekamen dann die Spieler zehn Tage frei.

Am 07.01.86 wurde der Vorstand mit Dr. Rauball (Präsident), Dr. Niebaum (Vize) und Vogt (Schatzmeister) auf der Jahreshauptversammlung en bloc für weitere zwei Jahre wiedergewählt. Drei Tage später reiste der BVB-Tross in Trainingslager nach Estepona (Südspanien). Dort gewann der BVB gegen den Drittligisten AS Marbella durch zwei Hupe-Tore mit 2-0. Trainer Csernai war mit dem Trainingslager zufrieden, bemängelte aber, dass nur 13 bis 14 Spieler Bundesliganiveau hätten. Am 25.01. traf der BVB im heimischen Westfalenstadion auf den 1. FC Köln und gewann unter anderem durch drei Wegmann-Tore klar mit 5-1. Währenddessen stockte die Vertragsverlängerung von Csernai. Er forderte neue Spieler, allerdings war die Vereinkasse leer.

Auch der Februar begann erfolgreich. In Nürnberg beim 1. FCN erreichte man ein 0-0. Am 08.02. gab es dann das Düsseldorfer Rückspiel in Dortmund. Gegen Fortuna verlor man 1-2 gegen den bis dato auswärts punktlosen Tabellenletzten. Dieses Ergebnis ließ den Trainer in der Kabine toben. Sieben Tage später sollte dann das Spiel bei Waldhof Mannheim stattfinden. Aber da das Spiel ausfiel, setzte der BVB ein Freundschaftsspiel gegen Fortuna Köln an und man gewann mit 3-1. Auch am 22.02. fiel das Heimspiel gegen den VfL Bochum aus. Drei Tage später fand dann aber das Nachholspiel beim SV Waldhof Mannheim statt. Dank einer kämpferisch guten Leistung entführte man aus Baden durch ein 0-0 einen Punkt.

Der BVB startete mit einem Auswärtssieg in den März. In Frankfurt konnte man die Eintracht durch ein Elfmetertor von Zorc mit 2-1 schlagen. Sechs Tage später konnten die Borussen auch im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern einen Sieg erringen. Ausgerechnet der zuletzt kritisierte Jürgen Wegmann erzielte beim 4-2-Sieg zwei Treffer. Einen Dämpfer erhielten die Dortmunder am 15.03. in Uerdingen. Neben der 0-2-Niederlage verloren die Borussen ab der 32. Minuten auch Libero Frank Pagelsdorf durch eine rote Karte. Vier Tage später bat Trainer Pal Csernai um die Auflösung seines Vertrages zum Saisonende. Präsident Rauball stimmte dieser Auflösung zu. Angeblich war der Reviernachbar aus Gelsenkirchen an dem Trainer interessiert. Nach der 1-2-Auswärtsniederlage bei Bayer Leverkusen rückte die Abstiegszone wieder näher. Den Ausgleich erzielte Jürgen Wegmann.

Der Traum vom dritten Einzug ins DFB-Pokal-Endspiel mussten die Dortmunder am 26.03. beerdigen. Beim VfB Stuttgart verloren die Dortmunder mit 1-4. Bereits nach 6 Minuten erzielen die Schwaben das 0-1. Immel konnte den Torschuss von Allgöwer zwar abwehren, aber Andreas Müller musste den Ball nur noch über die Linie drücken. In der Zeit danach kamen die Dortmunder besser ins Spiel und hatten durch einige Freistöße Tormöglichkeiten. Aber gerade in dieser Zeit, wo der Ausgleich der Borussen fallen konnte, fiel das 0-2. Ein Solo von Pedrag Pasic über das halbe Feld vollendete dann Klinsmann, in dem er Immel verlud. In der 71. Minute erzielte Daniel Simmes den Anschlusstreffer und nährte die Hoffnung auf das Weiterkommen, doch in der 85. Minute entschied Stuttgart das Spiel, indem Dirk Schlegel einen Freistoß verwandelte. Zwei Minuten später erzielte Klinsmann den Endstand. Die Trauer um das Ausscheiden wurde mit einer Nettoeinnahme von 300.000 DM erträglicher gemacht. Aber es gab auch frohe Nachricht bei der Trainersuche für die neue Saison. Der bisherige Co-Trainer Reinhard Saftig sollte in der kommenden Saison den Cheftrainerposten übernehmen. Am Ostermontag konnten die Borussen einen Achtungserfolg gegen den Tabellenführer feiern. Im Heimspiel gegen Werder Bremen erreichte man durch einen Foulelfmeter von Zorc ein 1-1.

Aber schon am 5. April zeigte der BVB seine miese Fratze, denn die Dortmunder konnten sich bei Eike Immel bedanken, dass man in Mönchengladbach nur mit 1-2 verlor. Eine Woche später kam der FC Bayern ins Westfalenstadion. Vor 47.000 Zuschauern vergaben die Borussen in der ersten halbe Stunde zahlreiche Chancen, so dass sich am Ende die Routine der Münchener durchsetzte und das Spiel mit 0-3 verloren ging. Am Ende des Spieltages rutsche der BVB auf den 16. Tabellenplatz. Es drohte die Relegation. Drei Tage später fand das Nachholspiel gegen den VfL Bochum im Westfalenstadion statt. Durch ein Traumtor von Raducanu zittern sich die Borussen zu einem 1-0-Sieg, den wiederum Eike Immel festhielt. Während des Spiels gibt es Pfiffe für Wegmann, nachdem der Wechsel nach Gelsenkirchen bekannt gegeben wurde. Am 19. April geriet der BVB in Stuttgart böse unter die Räder. Man verlor beim VfB mit 0-4 und rutschte wieder auf den Relegationsplatz.

Nur ein Tag später wurde Pal Csernai beurlaubt. Am Ende empfand er diese Entscheidung fast wie eine Erlösung. Nachfolger wurde Co-Trainer Saftig. Am vorletzten Spieltag fand dann das Derby im Westfalenstadion statt. Der BVB kämpfte und stürmte, aber am Ende erreicht man nur ein 1-1 und die Relegationsspiele waren kaum noch zu verhindern. Die Blauen waren gegenüber ihrem letzten Spiel nicht mehr wieder zu erkennen. Sie standen in der Abwehr sicher und im Mittelfeld couragiert und zweikampfstark. Zwar hatten die Dortmunder mehr Feldanteile, doch die Aktionen der Borussen waren zu durchsichtig und konnten die Gelsenkirchener kaum gefährden. Das 0-1 fiel durch ein Fehler in der Abwehr. Immel warf den Ball Raducanu an der Strafraumgrenze zu, dieser vertändelte den Ball und Thon erzielte den Treffer. Nun mussten die Borussen auf bedingungslosen Angriff setzen. Chancen hatten die Dortmunder durch Zorc und Simmes, doch Walter Junghans vereitelte den Gegentreffer. Und wenn sich Junghans nicht in den Weg warf, dann vertändelte der BVB es selber. In der 60. Minute schafften es Bittcher, Zorc und Simmes nicht, den Ball über die Linie zu befördern. Das Spiel wurde härter und es fiel der Ausgleich. In der 78. Minute gab es eine unübersichtliche Situation und Schiedsrichter Norbert Brückner entschied auf Elfmeter. Zorc jagte den Ball in die Maschen. Es war ein Verdienst des ständigen Bemühens und der tollen Moral. Trotzdem war es zu wenig.

Am 26.04.86 fand dann die Entscheidung statt. Der BVB musste auswärts beim Absteiger Hannover 96 antreten und gewann das Spiel klar mit 4-1. Als dann noch der HSV gegen Frankfurt mit 1-0 in Führung ging, gab es die Hoffnung, dass der BVB ohne die Relegation die Liga halten könne. Kurz danach hatte Daniel Simmes es auf dem Fuß, als er alleine auf das Hannoveraner Tor zulief. Er scheiterte und es wurde zur Gewissheit: Dieser Erfolg nutzt nichts mehr. Borussia Dortmund belegte nur auf Grund einer um zwei Tore schlechteren Tordifferenz den 16. Platz und musste in die Relegation. Währenddessen erklärte Raducanu, dass er bei einem Klassenerhalt dem BVB treu bleiben wolle.

Während Trainer Saftig sich am 03.05. potentielle Gegner anguckte, verkündete der BVB die Verpflichtung von Norbert Dickel vom 1. FC Köln. Fünf Tage später stand der Gegner in der Relegation fest. Er hieß Fortuna Köln, gegen die der BVB im Februar noch ein Freundschaftsspiel ausgetragen hatte. Dortmund musste am 13. Mai zuerst auswärts antreten. Vor diesem Termin hatte der BVB ein Freundschaftsspiel beim Landesligisten SV Holzwickede und gewann standesgemäß mit 10-0.

Schlimmer konnte die Relegation nicht beginnen. Der BVB verlor vor 47.000 Zuschauer im Kölner Müngersdorfer Stadion klar mit 0-2 und war vor allem kämpferisch den Fortunen unterlegen. Borussia Dortmund agierte einfallslos und ängstlich. Nur in den ersten zehn Minuten konnten die Borussen der Favoritenrolle genügen. Danach legte der Zweitligist seinen Respekt ab und die Dortmunder Abwehr geriet in Schwimmen. Ein Zuspiel von Lemke nutzte dann Bernd Grabosch zum 1-0. Zwar verstärkten die Borussen dann ihren Sturmdrang, aber den Endstand erzielte Richter in der 73. Minute nach einer Ecke von Neun. Eine schwere Hypothek für das Rückspiel. Der BVB musste mit drei Toren Unterschied gewinnen. Außerdem kündigte Eike Immel im Falle des Abstiegs seinen Abschied aus Dortmund an.

Sechs Tage später fand das Rückspiel im ausverkauften Westfalenstadion vor 54.000 Zuschauer statt und auch dort erlebt der BVB einen Schock. Die Kölner gingen verdient in der 14. Minute durch Grabosch mit 0-1 in Führung und die Dortmunder mussten jetzt drei Treffer erzielen, um nicht abzusteigen. Mit Glück konnten die Dortmunder eine Entscheidung für die Kölner verhindern und retteten sich in die Halbzeit. In der Kabine herrschte dann erst einmal zehn Minuten Schweigen. Aber das änderte sich, wie Wegmann erklärte: „In den letzten fünf Minuten der Pause ging es dann los, da haben wir uns gegenseitig total heiß gemacht und sind ‚raus mit dem Willen, das noch umzubiegen." Aber auch die Fans hatten sich was vorgenommen. Nach der fünfzehnminütiger Unterbrechung (sprich Halbzeit) gaben die 54.000 Fans im Stadion Gas und peitschten die Mannschaft nach vorne. Glück hatte der BVB in der 54. Minute, als Schiedsrichter Schmidhuber umstritten auf den Elfmeterpunkt zeigte. Der Kölner Gede hatte Anderbrügge im Strafraum gerempelt. Den Strafstoss schoss natürlich Zorc in die Maschen. Nur noch zwei Treffer! Plötzlich liefen die Dortmunder, als ginge es um ihr Leben. Doch immer wieder konnte Kölns Keeper Jarecki den zweiten Treffer verhindern. Doch in der 68. Minute war es Raducanu, der mit einem sehenswerten Kopfballtreffer nach einer Flanke von Simmes das 2-1 erzielte. Zwei Treffer hatten also die Dortmunder in der zweiten Hälfte erzielt, aber das würde trotzdem den Abstieg bedeuten. Doch acht Sekunden vor dem Ende rettete Jürgen Wegmann die Dortmunder und erzielte den 3-1-Siegtreffer. Was war passiert? Ingo Anderbrügge schoss mit dem Mute der Verzweifelung aufs Tor, Jarecki wehrte den Ball zu kurz ab und Wegmann bugsierte den Ball irgendwie über die Torlinie. Der Torschütze sah das wie folgt: „In der neunzigsten Minute gab es noch einmal Abstoß von unserem Tor, und ich wusste, das ist jetzt die letzte Chance. Immel spielt auf Pagelsdorf und ich laufe los, obwohl ich wie alle anderen auch bereits total am Ende bin. Doppelpass mit Pagelsdorf und Raducanu, dann fliegt der Ball hoch in den Strafraum, wird zu kurz rausgespielt, kommt von Storck noch einmal zurück, wird dann ein paar Mal abgefälscht, und schließlich faustet ihn Kölns Torhüter mir vor die Füße. Ich glaube, er hätte ihn einfach nur ins Aus laufen lassen müssen, dann wären wir abgestiegen. Aber so komme ich gerade noch rechtzeitig und stolpere ihn über die Linie." Es brach Riesenjubel im Westfalenstadion aus, als ob die Borussen zum vierten Mal Meister geworden wären. Sie hatten das Spiel noch gedreht. Aber es war noch nicht vorbei!

Denn das 3-1 bedeutete, dass ein drittes Relegationsspiel die Entscheidung bringen muss. Dieses Spiel sollte eigentlich am 23.05. im Düsseldorfer Rheinstadion stattfinden, doch einen Tag davor sagte der DFB das Spiel wegen den zahlreichen Verletzten bei Fortuna Köln ab. BVB-Präsident Rauball sprach von dem „größten Eklat seit dem Bundesligaskandal". Aus „formaljuristischen Gründen" liefen die Borussen ein Tag später um 19 Uhr ins Rheinstadion ein. Allerdings hatten sie sich nicht umgezogen. Bittcher meinte dazu: „Umziehen können wir uns ja immer noch, wenn die Kölner doch noch kommen". Am 24.05. trafen sich DFB, BVB und Fortuna Köln, konnten sich aber nicht auf einen Termin einigen. So beschloss der DFB, trotz Protesten von Köln, dass das dritte Relegationsspiel am 30.05 stattfinden sollte.

Überraschenderweise konnten die Kölner viele Verletzte für das dritte Spiel reaktivieren. Vor 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion fiel die Entscheidung bereits kurz nach der Pause. Zur Halbzeit führten die Dortmunder glücklich mit 1-0 durch Hupe in der 31. Minute. Raducanu hatte eine Ecke in den Strafraum geschossen und Hupe stieg am höchsten. Nach der Pause war es Zorc, der 60 Sekunden nach dem Anpfiff die Vorentscheidung erzielte. Spätesten nach dem 3-0 von Anderbrügge in der 49. Minute war alles klar. In der 61. Minute konnte Storck den vierten Treffer erzielen, dem dann in der 66. Minute durch Simmes der fünfte Treffer folgte. Je länger das Spiel dauerte, desto souveräner wurden die Dortmunder. Sie wurden von den gut 25.000 BVB-Fans im Stadion angefeuert. Aber trotz der hohen Führung war der Torhunger der Borussen noch nicht gestillt. In der 83. Minute erzielte Wegmann per Foulelfmeter das 6-0, welches dann in den beiden Schlussminuten durch Zorc und Pagelsdorf auf einen nahezu unglaublichen 8-0-Sieg ausgebaut wurde. Das bedeutete die Rettung für den BVB!

Am 03.06. war der Wechsel von Eike Immel zum VfB Stuttgart perfekt. Immel selber erfuhr davon in Mexiko, wo er gerade als Nummer Drei der Nationalmannschaft bei der WM teilnahm. Neue Nummer Eins beim BVB sollte Rolf Meyer werden. Acht Tage später wurde als zweiter Torwart Wolfgang de Beer vom MSV Duisburg unter Vertrag genommen. Außerdem kämpfte Dr. Rauball immer noch darum, dass Frank Mill zum BVB kommen durfte. Außerdem kündigte er an, dass er wegen beruflicher Überlastung sein Präsidentenamt zum 29.06.86 zur Verfügung stelle. Als Präsident kandidierte der bisherige Vize Dr. Gerd Niebaum. Hannes Löhr war als Manager im Gespräch. Am 25.06. war dann endlich der Vertrag mit Frank Mill perfekt.

Am 29.06.86 wurde Dr. Niebaum mit 259-1 Stimmen zum neuen BVB-Präsidenten gewählt. Außerdem unterschrieb Marcel Raducanu als letzter Spieler einen neuen Vertrag. Neben der Rückkehr von Erdal Keser nach Dortmund wurde auch die Verpflichtung von Thomas Helmer von Arminia Bielefeld bekannt gegeben. Die neue Saison konnte also beginnen.

Die BVB-Mannschaft 1985/86
Die BVB-Mannschaft 1985/86

Fazit:

Die Saison 1985/86 gilt als der Wendepunkt in der neueren BVB-Geschichte. Warum? Als man am Abgrund stand, zeigten die Fans und vor allem die Mannschaft, dass man sich zusammenreißen kann und gemeinsam etwas bewegen kann. Dazu sagte Mannschaftskapitän Michael Zorc Monate später: "Die Relegationsspiele hatten dieses Team geprägt. Damals haben wir bis zum Umfallen gekämpft und in letzter Sekunde das Schicksal abgewendet. Wir wollen uns halt nicht mit Niederlagen abfinden und kämpfen bis zur letzten Minute." Dieser Wille hat den BVB bis weit in den 90er Jahren begleitet und bescherte ihm neben einen Pokalsieg und mindestens einer Meisterschaft auch diverse Erfolge in Europa. Ansatzweise konnte man dieses Zusammengehörigkeitsgefühl auch in der ähnlich prekären Lage der Saison 2006/07 sehen. Ein weiterer Grund war, dass rund um das Westfalenstadion eine Fußballbegeisterung ausgebrach, die man seit dem Wiederaufstieg 1976 nicht gesehen hatte. Der Besuch im Stadion wurde eine Herzensangelegenheit und der Zuschauerschnitt stieg im Anschluss an dieser Saison stetig. Gerade in der Kohle- und Stahlkrise hatte man in dem sonst tristen Alltag einen Sonnenschein. Diese Entwicklung von einer Arbeiterstadt hin zu einem Dienstleistungszentrum konnte man dann auch im Stadion sehen.

Mit diesen Last-Second-Sieg eröffneten sich für den BVB weitere Perspektiven. Durch die Relegation und das Pokalhalbfinale hatte man sich finanziell ein bisschen nach oben gearbeitet. Auch das lautlose Sanieren des hochverschuldeten Verein unter der Führung von Rauball und Niebaum zeigte Wirkung. Vor allem bürgten beide für Seriosität und Qualität. Leider ging die irgendwann bei einem der beiden verloren. Am Ende des Jahres gab es dann den Wechsel auf dem Präsidentenposten. Dieser fand ohne das beim BVB übliche Trara statt, sondern verlief geräuschlos. Etwas, was den BVB jahrelang nicht ausgezeichnet hatte. Präsident Rauball erklärte, für den Abstieg in die zweite Liga gab es ein Konzept, dass man Gott sei dank nicht herauskramen musste. Im Falle eines Abstieges hätte Dr. Rauball auch weitergemacht. Aber dadurch, dass man aus dem Gröbsten raus war, konnte er sein Lebenswerk in damals fähige Hände weitergeben.

Aber auch auf dem Trainerposten sollte nach dieser Saison Ruhe einkehren. Innerhalb von 12 Jahren hatte der BVB nur drei Cheftrainer unter Vertrag. Ein weiterer Grund für den Erfolg in diesen Jahren. Manchmal muss ein Trainer keinen großen Namen haben. Manchmal hat man Erfolg mit den Trainern, die bereits im Verein arbeiten. Ist vielleicht auch ein Weg zum Erfolg. Denn das Namen nicht immer ein Garant für Erfolg sind, sollten die ersten Jahre im neuen Jahrtausend gezeigt haben.

Man muss sich mal wieder fragen, warum der BVB immer am Abgrund stehen musste, damit er sieht, wo seine Stärken sind? Weniger Großmannssucht, mehr ehrliche Arbeit hat in Dortmund immer noch eine hohen Stellenwert.

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