Eua Senf

Agdam - Im Land der Lager

23.08.2010, 21:00 Uhr von:  Gastautor
Agdam - Im Land der Lager

Borussia Dortmund spielt gegen Charbak Agdam, eine Mannschaft aus einer Stadt, die es gar nicht mehr gibt. Eine Reportage aus der geteilten Provinz Agdam in Aserbaidschan, einem Land, das keinen Frieden findet.

Im Hof spielen Kinder. Ihre Schreie und ihr Lachen fallen durch die offenen Fenster ins Klassenzimmer. Dort auf den Stühlen sitzen ihre Eltern und hören still Tunzala Velimamedova zu, die dem Besucher vom Krieg erzählt. „Ich hatte gerade mit dem Computerkurs begonnen als die Raketen einschlugen. Dann kamen die Armenier und wir mussten fliehen." Sie macht eine Pause. „Wir sind Opfer, aber die Welt hat uns vergessen."

Tunzala Velimamedova ist 66 Jahre alt und war Direktorin der Schule in Agdam als der Krieg in ihren Ort kam. Heute leitet sie die Schule im Dorf Banovshalar, was übersetzt Veilchen bedeutet, und spricht über die Toten der Kämpfe und die Schrecken ihrer Flucht. Einmal ist sie dafür sogar bis nach Abu Dabi gereist, um auf einem Kongress vertriebener Frauen von ihrer Trauer über die verlorene Heimat zu erzählen.

Der Sehnsuchtsort von Tunzala Velimamedova ist nur knapp zehn Kilometer von Banovshalar entfernt, ein paar Mauerreste und Bombenkrater zwischen denen Büsche wachsen. Das was einmal die Stadt Agdam war, liegt in der gleichnamigen, seit 1993 teilweise von armenischen Truppen besetzten Provinz Aserbaidschans, die von einem System aus Gräben, Stacheldrahtzäunen und Minengürteln durchtrennt wird. Gleich neben der Waffenstillstandslinie von 1994 hat das aserbaidschanische Flüchtlingsministerium Banovshalar gebaut. Knapp 2000 Menschen sind vor vier Jahren aus Zelten in die neuen Häuser gezogen. Es gibt ein Ärztehaus und eine Post, einen Kindergarten und eine Schule, sogar eine Bücherei sagt Tunzala Velimamedova. In den Gärten stehen Obstbäume, die Aprikosen sind reif, bald auch die Feigen. Für Tunzala Velimamedova aber ist das neue Dorf mit dem poetischen Namen nur noch ein weiteres Lager, das sie verlassen wird, sobald der Konflikt mit den Armeniern endgültig gelöst ist. „Unsere Armee ist stark. Wir werden Sieger sein", sagt sie.

Nun brauchte einen die Drohung einer alten Schuldirektorin nicht allzu sehr zu interessieren, wenn Agdam und Banovshalar nicht im Kaukasus lägen, in jener Gegend, in der Diplomatie an eine komplizierte Partie Mikado erinnert. Jede falsche Bewegung bringt nicht nur das Spiel zum Einstürzen, sondern lässt auch die Spieler aufeinander losgehen, ob in Tschetschenien, Dagestan, Georgien oder Berg Karabach. Der Konflikt um das völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörende, aber von heute rund 150 000 Armeniern bewohnte und besetzte Berg Karabach, ist für viele Experten die nächste Bombe, die im Kaukasus hochgeht. In mehreren Resolutionen hat die UN den Abzug armenischer Truppen aus den besetzten aserbaidschanischen Gebieten gefordert, aber auch die Vermittlung durch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat bisher nichts bewegt.

Tradition und Moderne treffen aufeinander
Tradition und Moderne treffen aufeinander

Flüchtlinge wie Tunzala Velimamedova sind Teil des Spiels. Aus Berg-Karabach und den angrenzenden besetzten Gebieten, die fast zwanzig Prozent des aserbaidschanischen Staatsgebiets ausmachen, wurden während des Krieges 576 000 Aserbaidschaner vertrieben. Viele von ihnen wohnen nicht wie Tunzala Velimamedova in neuen Bauernhäusern, sondern sitzen fast 18 Jahre später immer noch fest in Lagern aus alten Containern und Bretterbuden. „Knapp 400 000 Flüchtlinge leben noch in prekären Verhältnissen", sagt Ali Hasanov, „100 000 Menschen aber sind schon in neue Dörfer umgezogen." Der 62 Jahre alte Politiker ist seit 1998 Minister für Flüchtlingsfragen. Sein Amt liegt an einer der vielen breiten Straßen der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Wenn es nach dem Krieg keine internationale Hilfe gegeben hätte, fährt Hasanov fort, wäre es zu einer Katastrophe gekommen. Dank der sprudelnden Öleinnahmen könne Aserbaidschan jetzt aber selbst für seine Flüchtlinge sorgen. „Letztes Jahr haben wir 450 Millionen Dollar für die Flüchtlingshilfe ausgegeben." Er schlägt ein schweres Buch auf, das die Leistungen seines Ministeriums aufzählt, und zeigt auf einer Karte die vielen Standorte der Lager, die über ganz Aserbaidschan verteilt sind. Die fast 190 000 Aserbaidschaner, die seit 1987, dem Beginn des Konflikts, aus Armenien geflohen sind, bekämen neues Land. Die Flüchtlinge aus Berg-Karabach und den besetzten Gebieten aber könnten Land nur pachten. „Sie kehren ja wieder in ihre Heimat zurück." Wann das sein wird? „Wir wollen eine friedliche Lösung, aber wir verlieren das Vertrauen in die internationalen Institutionen, vielleicht wird es bald Krieg geben.", erklärt Minister Hasanov wie selbstverständlich, klappt das Buch zu und schenkt es dem Besucher, zusammen mit einer DVD mit dem Titel „Heimweh...sehnlichste Hoffnungen....", die den Einsatz der Präsidenten Heydar Aliyev und seines Sohnes Ilham Aliyev für die Flüchtlinge rühmt.

„Das Bluffen mit Krieg ist sinnlos, Russland steht auf der Seite Armeniens", glaubt Hikmat Hajizade. Der Politiker der kleinen oppositionellen Volksfront-Partei sitzt in einem Café in Bakus aufwendig renovierter Altstadt und schaut eher besorgt in die Zukunft seines Landes. Es gäbe in Aserbaidschan viel zu tun, aber der Konflikt um Berg Karabach überlagere alles andere. „Was passiert nach dem Ölboom?", der in kurzer Zeit hunderte Milliarden Dollar ins Land gespült hat. „Werden wir ein Land mit moderner Industrie sein? Eine entwickelte Demokratie mit einer offenen Gesellschaft?" Die Herrschaft der Aliyevs ist eng mit Berg Karabach verknüpft. In den Wirren um den verlorenen Krieg mit Armenien kam Heydar Aliyev an die Macht, nach seinem Tod 2003 erbte sie sein Sohn Ilham. Seit Jahren werden in Aserbaidschan vor allem zwei Arten von Denkmälern eingeweiht: Statuen von Heydar Aliyev und Monumente für Helden und Opfer des Krieges.

Repräsentationsbau im sowjetischen Stil
Repräsentationsbau im sowjetischen Stil

Im Streit um Berg Karabach, den schwarzen Garten in den Bergen, kämpfen beide Seiten erbittert um das richtige Bild von der Geschichte. Bis ins Altertum werden die Fronten verschoben: Für die Armenier ist das Gebiet, das ungefähr so groß ist wie das Saarland, ur-armenische Erde, von der damals Anstöße zur nationalen Einigung ausgingen. Für Aserbaidschaner gehört Berg Karabach zum antiken kaukasischen Albanien, und ist damit Teil aserbaidschanischer Geschichte. Wer wann wo zuerst siedelte, ist im Kaukasus oft genug eine Frage auf Leben und Tod. „Historiker sind bei uns manchmal genauso wichtig wie Politiker und Generäle", sagt Ruslan Asad, der in Baku für ausländische Stiftungen arbeitet. Die Vergangenheit dominiere die Gegenwart, in der an der ehemaligen Front, die heute in der Sprache der OSZE Line of Contact genannt wird, immer wieder Soldaten bei Schießereien zwischen armenischen und aserbaidschanischen Truppen. „Aber unsere Wut über die Toten interessieren den Westen doch gar nicht", sagt Vidadi Isayev. Der Gouverneur der wie Agdam von der Front zerschnittenen Provinz Tartar glaubt nicht daran, dass die internationale Gemeinschaft die Kraft aufbringen wird, um den blutigen Streit zu lösen. „Hauptsache die Ölversorgung ist sicher." Er will daher mit einem eigenen Projekt symbolisch auf den Stillstand reagieren und ein von den Armeniern zerstörtes Denkmal wieder aufbauen, das zu Sowjetzeiten errichtet wurde. „Darauf dankten die Armenier den Aserbaidschanern, dass sie sich vor 150 Jahren in Tartar ansiedeln durften." Seine Zerstörung sei ein Schuldeingeständnis, findet Isayev. Er wisse als ausgebildeter Historiker, „dass man sich an der Geschichte nicht rächen kann." Sie sei stärker als die Menschen.

Die Vergangenheit habe ein eigenes Recht, findet auch Flüchtlingsminister Ali Hasanov. Er hat seiner verstorbenen Mutter versprochen, sie in ihrem Geburtsort in Berg Karabach neben ihrem Mann zu beerdigen. „Und so wird es geschehen, sonst wird mich ihr Geist immer verfolgen."

Info:

Josef Stalin lässt Berg Karabach 1923 als autonomes Gebiet in die Sowjetrepublik Aserbaidschan eingliedern, obwohl damals dort mehr Armenier als Aserbaidschaner leben. Während der Perestroika in den 80er Jahren wachen die Spannungen. In Berg Karabach, aber auch in Armenien und Aserbaidschan, kommt es immer häufiger zu Zusammenstössen und Vertreibungen.

Nach der Unabhängigkeit beider Staaten bricht 1992 Krieg aus, den Armenien nicht zuletzt dank der Unterstützung der russischen Armee gewinnt. Bis zum Waffenstillstand 1994 verlieren auf beiden Seiten 40 000 Menschen ihr Leben, etwa 800 000 Aserbaidschaner und 300 000 Armenier werden durch den Krieg zu Flüchtlingen.

Der Ölboom sorgt für Wohlstand
Der Ölboom sorgt für Wohlstand
Die Republik Berg Karabach mit knapp 150 000 Einwohnern ist international nicht anerkannt, das Gebiet wird von Aserbaidschan nach wie vor beansprucht. Die sogenannten Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) versucht zu vermitteln. Aber auch vermehrte bilaterale Treffen Armeniens und Aserbaidschans haben noch zu keinen Ergebnissen geführt.

Aserbaidschan ist zwar ein muslimisches Land, aber durch die Sowjetzeit eher säkular geprägt. Das heißt die Religion spielt im Alltag keine so große Rolle wie in anderen muslimischen Ländern. So sieht man wesentlich weniger Frauen mit Kopftüchern auf der Straße als beispielsweise in der Türkei und auch der Konsum und Ausschank von Alkohol ist eine Selbstverständlichkeit zumindestens in der Hauptstadt Baku.

Dort ist besonders ein Besuch der zum Weltkulturerbe zählenden Altstadt zu empfehlen, wo man sehr gut Essen gehen kann. Allerdings ist Baku durch den Ölboom in Aserbaidschan auch eine verhältnismäßig reiche Stadt, so dass das Preisniveau zum Teil dem in Europa entspricht.
Sehr schön ist auch ein Spaziergang auf der Promenade Bakus am Kaspischen Meer, mit Cafes und Teehäusern. Russisch ist übrigens immer noch die Lingua Franca in Aserbaidschan, damit kommt man gut durch (wer spricht schon Aseri...).

Tobias Asmuth, Agdam

Tobias Asmuth ist in Dortmund geboren, daher natürlich Fan der Borussia und "Milchbar"-Anhänger. Er ist Journalist, lebt in Berlin, schreibt für Zeitungen und Magazine und arbeitet für "Redaktion und Alltag". Wer noch Fragen hat kann sich direkt an ihn wenden: t.asmuth@gmx.net

geschrieben von Tobias Asmuth

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