Eua Senf

Geisterjagd

17.03.2006, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Seit einigen Wochen, wenn nicht gar Monaten, treibt ein Phantom in der Dortmunder Fan­szene sein Unwesen. Es zeigt sich in regelmäßigen Abständen, wenngleich in verschie­denen Ausprägungen. Es wurde erschaffen von den Durchhalteparolen der Hinrunde und von zahlreichen Selbstlügen am Leben erhalten, weshalb ich es auf den Namen "Opium fürs Volk light" taufen möchte.

Doch bevor ich mich weiter mit der Gespensterjagd beschäftige, möchte ich euch bitten, kurz innezuhalten und ehrlich im stillen Kämmerlein über folgende Fragen nachzudenken:

Warum gehe ich ins Stadion? Was erwarte ich von Mannschaft und Fans?

Was erwarten die gegnerischen Fans und Vereine, wenn sie das Westfalenstadion be­treten? Was erwarten die Fans anderer Vereine, wenn der BVB zu Gast ist?

Erfülle ich selbst all das, was ich von anderen erwarte?

Wenn ihr diese Fragen – besonders die letzte – für euch positiv beantworten könnt, dann möchte ich euch gratulieren. Ihr habt verstanden, worauf es bei der Geisterjagd ankommt. Allen anderen möchte ich nunmehr einen kurzen Leitfaden anbieten, an dessen Ende je­der dazu in der Lage sein sollte, Gespenster zu erkennen sowie zwischen guten und bö­sen Geistern (samt ihren Zwischendingern) zu unterscheiden. Auch das nötige Handwerk­zeug zur Jagd auf die bösen Geister – und dazu gehört auch Opium fürs Volk light – möchte ich euch zur Seite stellen:

Schritt 1: Gespenster erkennen

Wichtigste Voraussetzung zur erfolgreichen Geisterjagd ist das Erkennen der Geister selbst – sie von Blasen heißer Luft zu unterscheiden, ebnet den Weg zum Erfolg. Äuße­rungen von geringer Bestandsdauer sind dabei klassisch als warme Luft zu werten, bleibende und gebetsmühlenartig wiederholte Stanzen lassen jedoch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf die Existenz einer höheren Macht schließen. Für erste Schritte der Geistererkennung eignet sich ein Blick auf die Diskussionen in der Presse, hier im Forum oder im Stadion selbst. Während sich die BILD-Zeitung eher dem Phänomen der (besten­falls) lauwarmen Luft hingibt und dabei leider zahlreichen Fans die sonst scharfen Blicke vernebelt, treiben sich zeitweise in Stadion und Forum dicke und mächtige Gespenster rum. Dass ein Fan von einem oder mehreren Geistern besessen ist, kann man grob an den folgenden, oft typischen Aussagen feststellen: „Die Mannschaft macht mir Spaß, weil sie so jung ist“ - „Ich gehe ins Stadion, um den BVB zum Sieg zu schreien“ - „Ich gehe den Weg bedingungslos mit, egal was kommen mag“ - „Ohne hätten wir das Spiel ge­wonnen“ - „Diese Mannschaft hat Potenzial bis ganz nach oben“.

Schritt 2: Zu Geburt , Leben und Wesen eines Geistes

Gespenster werden genau wie ihre großen Brüder, die Phantome, immer dann zum Leben erweckt, wenn man sich besondere Begebenheiten nicht mehr rational erklären kann oder will. Es scheint bequemer, uanangenehme Dinge von sich zu schieben und die Schuld bei einer höheren Macht zu suchen – ein besonders schleimiges Exemplar dieser Gattung stellt das Phantom „NieMeier“ dar. Über viele Jahre hinweg hat es die Fans eingelullt, in Sicherheit gewogen und einen Rauschzustand erzeugt, der so süß war, dass man selbst dann nicht von ihm lassen konnte, als es mit selbstherrlichen und willkürlichen Wesens­zügen seine hässliche Fratze nur allzu oft nach außen trug. Obwohl es immer wieder für blankes Entsetzen sorgte, konnte NieMeier erst nach nach langer Zeit des Spukens verbannt werden. Das entstandene Vakuum wurde sehr schnell von neuen Geistern und einem mächtigen Phantom gefüllt – Opium fürs Volk light war geschaffen. Gerade bei solchen, denen NieMeier besonders schwer zugesetzt hatte, betäubt das neue Phantom seitdem zeitweise das explizite Verlangen nach süßen Erfolgen. Doch ändert sich etwas an der Abhängigkeit, nur weil man sie lange genug verleugnet? Ist Opium fürs Volk light denn besser als NieMeier? Wäre es nicht sinnvoller, sich konsequent der eigenen Sucht zu stellen und sie zu bekämpfen, um endlich wieder zu Verstand und Kräften zu kommen, anstatt sich eines Gegengiftes zu bedienen?

Schritt 3: Die Geisterjagd und der Kampf gegen Opium fürs Volk light

All diese Überlegungen führen direkt zur Frage, wie man das neue Phantom vernünftig be­kämpfen kann und worin die Mittel zu finden sind, um es mitsamt aller Nachwirkungen der Schreckensherrschaft NieMeiers endgültig aus dem ehrwürdigen Gemäuer des Westfa­lenstadions zu vertreiben. Das beste Mittel liegt in der ungeschminkten Wahrheit – sie er­reicht man zumeist dann, wenn Begebenheiten emotionsfrei und kritisch hinterfragt werden. Will man den Unruhestiftern endlich Einhalt gebieten, muss man ihnen die Nah­rung entziehen und die Selbstlügen zu einem Ende führen. Unter Selbstlügen versteht man dabei all jene Ausflüchte und Scheinargumente, hinter denen man sich sooft ver­steckt, bis man selbst dem Irrglauben verfallen ist und gewissen Märchen einen höheren Wahrheitsgehalt einräumt als der eigenen Vernunft. Selbstlügen gelten als besonders hartnäckig und haben in letzter Zeit zum Leidwesen mancher gemeinsam mit diversen Verschwörungstheorien das Leben in Borussias Fangemeinde geprägt. Hier eine kleine Auswahl der besonders schlimmen Exemplare:

1. „Die Mannschaft macht mir Spaß, weil da so viele Junge spielen“

Die Spieler, die derzeit für den BVB auf Punktejagd gehen, machen keinen Spaß, nur weil sie im Schnitt jünger sind als ihre Gegner. Ganz im Gegenteil: Die letzten Spiele haben in etwa so viel Spaß gemacht wie der singende Kids-Club vor Spielbeginn – ziehen wir gut­mütig den Mantel des Schweigens darüber. In der Rückrunde ließ die Mannschaft mit wenigen Ausnahmen grundgelegende Tugenden vermissen. Neben schlampigen Zwei­kämpfen, dem (schlechten) Verwalten von Führungen, stockenden Angriffsbemühungen und fehlendem Kampfgeist konnte man sich des Öfteren fragen, wann denn endlich so et­was wie ein letztes Aufbäumen stattfinden soll. Tatsächlich ist es doch so: Die Mannschaft macht dann Spaß, wenn sie ans Limit geht und das aus sich rausholen will, was in ihr steckt. Wenn es nur zu einem 1:1 gegen Mainz oder einem 0:1 gegen Bielefeld reicht, kann man durchaus damit leben. Einzig die Art und Weise des Zustandekommens könnte einen immer wieder zur Weißglut bringen – ob es ein Amoroso, Dede oder Sahin ist, der willenlos über den Platz trabt, spielt dabei überhaupt keine Rolle (die Namen sind beliebig austauschbar und deshalb als Platzhalter zu verstehen). Das Alter der Mann­schaft kann und darf sie nicht vor berechtigter Kritik schützen.

2. „Ich gehe ins Stadion, um den BVB zum Sieg zu schreien“

Das ist aller Ehren wert, doch die Erfahrung zeigt mir das Gegenteil. Ich liebe es, wenn die Südtribüne ihre Stimmgewalt entfesselt und sich zu Lautstärken aufschwingt, die das Tribünendach zum Scheppern bringen. Das ist auch gegen Mainz passiert, doch irgendwie an den falschen Stellen. Einzig und alleine die „Klinsmann ist ein Hurensohn“, „Jürgen Klinsmann, hast du das gesehen?“, „Otto Addo“ und wohl aufgrund der aktuellen Ge­schehnisse außerhalb Dortmunds „Christian Wörns“-Sprechchöre haben es vermocht, mir dieses Gänsehautgefühl zu vermitteln. Müssen solche Gesänge denn unbedingt während des Spiels sein? Hätte es nicht beim Aufwärmen der Mannschaften oder nach Spielende ge­nügend Zeit gegeben, Addo zu begrüßen und Klinsmann zu beschimpfen? Stattdessen wurde bereits in der U-Bahn zum Stadion fleißig gegen die Mainzer gepöbelt, die Decken­verkleidung zerklopft, auf das Grab einer blauen Legende (übrigens auch einige Zeit beim BVB aktiv) gepinkelt und der Tod eines gewissen Vorortvereins herbeigesehnt. Wenn es später darum ging, den BVB zu feiern und nach vorne zu peitschen, versagte dann bei zahlreichen Herrschaften die sonst laute Stimme. Das sollen die „besten Fans der Liga“ sein? Treibt es die eigene Mannschaft zu Höchstleistungen an, wenn der „Support“ darin besteht, andere Vereine niederzumachen? Wie kann man nur so dämlich sein, drei Minu­ten vor Spielende in Ekstase zu verfallen, weil die Bayern gerade ein Gegentor kassiert haben, während man selbst Gefahr läuft, sich in einem dummen Konter das Genick bre­chen zu lassen? Was bringt es bei aller Antipathie gegenüber GE, sich über einen Treffer des direkten Konkurrenten Hannover zu freuen? Wäre es manchmal nicht angebrachter, die Nebenkriegsschauplätze beiseite zu lassen und stattdessen den BVB nach vorne zu schreien, wie es doch immer alle von sich behaupten? Wer sich nur über die Abneigung gegenüber anderen Vereinen als BVB-Fan definiert, macht einen großen Fehler und wäre mit einer Dauerkarte im Gästeblock der Blauen oder Roten besser aufgehoben.

3. „Ich gehe den Weg bedingungslos mit, egal was kommen mag“

Wunderschöne Sache, doch was steckt dahinter? Sinkende Zuschauerzahlen bei Erfolgs­losigkeit (auch wenn man das nicht überbewerten sollte – mit mehr als 66000 Zuschauern wäre das Westfalenstadion vor wenigen Jahren annähernd ausverkauft gewesen, und das gegen einen Abstiegskandidaten!), großes Gemecker über einzelne Spieler und ständige Blicke auf die Uefa-Cup-Plätze lassen eher einen anderen Eindruck entstehen. Opium fürs Volk light entfaltet hier seine Wirkung auf besonders tückische Weise. Spielt der BVB fern­ab von Gut und Böse, besänftigt es die Gemüter. Ist jedoch ein gewisser Level erreicht, ein möglicher Erfolg in Reichweite, verliert es an Wirkung und das eigentlich geschasste NieMeier übernimmt wieder die Kontrolle. Die Wut über verlorene Spiele steigt dann mit zunehmender Entfernung von den europäischen Geldtöpfen, die Forderungen steigen ins Unermessliche und manchmal werden sogar von eben jenen Leuten neue Stars gefordert, die noch vor einem Jahr den BVB lieber in der Oberliga als in einem umbenannten Stadion sehen wollten. Nicht zu beruhigen sind die Gemüter, wenn es keine Karten mehr für die Toppspiele gegen GE, Bayern oder Hamburg gibt. 130 Euro und mehr werden dann ruck­zuck ausgegeben, weil man unbedingt beim Spiel dabei sein will, die Woche drauf gegen Köln oder Duisburg ist das Interesse schon deutlich geringer. Das Ausmaß dieser Selbstlüge kann man überblicken, wenn man einen Blick auf das Auswärtsspiel in Stuttgart wirft. Vier Wochen lang lief der Vorverkauf, hunderte (günstige!) Tickets warteten an der Tageskasse auf einen Abnehmer – doch es hat alles nichts gebracht. Im Vergleich mit dem direkten Konkurrenten blieb der Gästebereich zu einem Drittel leer. Wo waren sie denn alle, die sonst immer schreien, dass es keine Karten mehr gibt? Für 40 Euro konnte man Busfahrt und Eintrittskarte haben. Aber klar, ich verstehe schon, dass das Geld knapp ist. Schließlich kostete schon das Derby­ticket bei Ebay mehr als das Dreifache! Es lässt tief blicken, wenn ein Großteil der Fans nicht ins Stadion geht, weil er den BVB spielen, sondern weil er doch bitteschön ein tolles Spiel gegen einen Meisterschaftskandidaten sehen will, am besten bei 26° in einer moder­nen Arena bei perfekter Sicht und Stimmung (der Gegenseite, wohlgemerkt).

4. „Ohne hätten wir das Spiel gewonnen“

Ob es sich um Buckley, Degen, Rosicky oder sonst einen handelt – Sündenböcke sind in Dort­mund schnell gefunden. Am besten sollte man darauf gar nicht weiter eingehen, da inter­essanterweise die besonders geschmähten Spieler in den letzten Wochen durch die Bank engagiertere/bessere Leistungen ablieferten, als es Publikumslieblinge wie Dede oder Sa­hin taten (auch wenn das letztendlich nicht unbedingt viel zu heißen hat). Dass es sich bei diesem Punkt um Stuss in Reinform handelt, ist somit kaum zu übersehen. Doch wenn man es nur oft genug wiederholt, hat man sich bald selbst davon überzeugt und ein Pa­radebeispiel für einen bösen Geist vor Augen.

5. „Diese Mannschaft hat Potenzial bis ganz nach oben“.

Nicht einmal NieMeier hätte sich dazu hinreißen lassen, sich derartig über den aktuellen Kader zu äußern. Dennoch kommt klar die Anspruchshaltung zum Vorschein, die noch immer im Umfeld des BVB herrscht. Die Bereitschaft zur Erduldung mittelmäßiger Spiele ist nur so lange vorhanden, wie ein Sprung auf einen der vorderen Plätze in Reichweite ist. Dabei ist es tatsächlich doch so, dass die Mannschaft zurecht auf einem Platz im Nie­mandsland der Tabelle steht – geniale Momente hielten sich mit haarsträubenden Fehlern die Waage, dazwischen gab es viel Mittelmaß ohne zwingende Momente. Einige Spieler mögen vielleicht mit dem nötigen Talent ausgestattet sein, das ihnen irgendwann einmal einen Vertrag bei einem internationalen Spitzenklub bescheren könnte, doch kann man sie an einer Hand abzählen. Der BVB wird in absehbarer Zeit nichts mehr mit irgendwelchen Meisterschaften, Pokalen oder Trophäen zu tun haben – dafür steht eine Mannschaft auf dem Platz, die mit ein bisschen Glück konstant um einen Platz im oberen Drittel der Tabelle kämpfen kann. Die Diven sind weg und wenn Rosicky den BVB am Ende der Saison verlassen sollte, werden wir den letzten Spieler verlieren, dessen Namen man in Fußballeuropa kennt.

4. Schritt: Gemeinsam gegen böse Geister

Der letzte Teil des Leitfadens besteht nun darin, festzustellen, dass es gute und böse Gespenster gibt. Neben dem „Geist von Spiez“, der Millionen Menschen Freudentränen in die Augen jagte, sorgen das Abstiegsgespenst sowie die Phantome NieMeier und Opium fürs Volk light für Angst und Schrecken. Sie versuchen, einen Keil zwischen Fans und Freunde unserer Borussia zu treiben – und das Schlimme ist, dass es ihnen immer wieder gelingt. Es sollte deshalb das erklärte Ziel aller Borussen sein, gemeinsam gegen die bö­sen Geister zu kämpfen, ihnen die Nahrung zu entziehen und den großen Worten Taten folgen zu lassen. Offene, ehrliche und konstruktive Kritik an Verein, Fans und Mannschaft muss an Stelle gegenseitiger Vorhaltungen, Beschimpfungen oder Freifahrtscheine treten. Erst wenn das gelingt, wird Borussia wieder den Stellenwert einnehmen, der ihr gebührt – unabhängig vom Tabellenplatz.


Sorgt dafür, dass man schon bald wieder über den BVB sagen kann: Mens sana in corpo­re sano.

Knüppler17, Geisteswissenschaftler

Geschrieben von Knüppler17

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