Eua Senf

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28.12.2006, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Eines vorweg: Ich bin vermutlich nicht der Prototyp eines Fans, bin keiner von den Menschen, die seit mehreren Jahrzehnten jedes Spiel des BVBs im Westfalenstadion verfolgt haben oder den Ultras, die ihren Verein mit Schaum vor der Mund gegen jede Widrigkeit verteidigen. Ich verfolge nun seit knapp zwölf Jahren, seit der Rückrunde der Meistersaison 94/95 (damals war ich 11), die Geschicke der BVB-Profimannschaft und habe fast kein Spiel verpaßt ? wenn ich nicht im Stadion war, hörte ich eben Webradio oder die WDR-Konferenz, oder wohlwollende Freunde ließen mich auf ihrem premiere- oder Arena-Abo mitgucken.

Kurz gesagt: Auch ohne Dauerkarte (die ich mir sowieso von Taschengeld, Zivi- und Ausbildungsgehalt nicht leisten konnte) betrachte ich mich als jemanden, dessen Gefühlsleben eng mit dem Abschneiden meines BVBs verknüpft ist, und damit meine ich nicht nur das sportliche Abschneiden. Ich habe Tränen der Freude vergossen, als Lars Ricken das 3:1 gegen Juventus Turin erzielte und als in der gloriosen Rückrunde 04/05 der Derbysieg an uns ging, ich habe die drei Meistertitel, die ich als Fan aktiv miterleben durfte, frenetisch gefeiert. Und ich habe gegen eine verzweifelte Leere in mir gekämpft, als das Treiben von Gerd Niebaum und Michael Meier den Verein an den Rand des Abgrunds getrieben hat – das Treiben zweier Menschen, die ich, seit ich Fan wurde, als Präsidenten und Manager des Ballspielvereins kannte. Oder als Feyenoord Rotterdam unter einem gewissen Bert van Marwijk das Finale um den UEFA-Cup für sich entschied.

Hinzu kommt der Umstand, daß ich aus Wanne-Eickel stamme, einem Stadtgebiet, in dem blau-weißes Denken so tief verankert ist, daß ich seit meinem elften Lebensjahr für meine fußballerischen Ansichten schief angeguckt werde und in dem mein Auto für meinen BVB-Aufkleber zerkratzt wird. Nicht, daß mir das nicht größtenteils egal wäre: Viele meiner Freunde und sogar mein eigener Bruder stehen auf Seiten der Gelsenkirchener, doch niemand von ihnen wird jemals so S04-Fan sein, wie ich zur Borussia stehe. Aber gerade nach Derbyniederlagen, und dann vor allem nach so schmerzlichen wie der vom 16. Spieltag der abgelaufenen Hinrunde, muß ich mich beinahe schuldig dafür fühlen, daß ich meine schwarzgelben Jungs immer noch in Schutz nehme.

Irgendwann jedoch kommt der Zeitpunkt, an dem jedes Verteidigen der eigenen Leistung nichts mehr nützt. Das Spiel gegen die Leverkusener Werkself, ausgerechnet der Abschluß der Hinrunde im eigenen Stadion, stellte so einen Zeitpunkt dar. Ich gebe zu, daß auch ich gegen Wolfsburg im Block 81 stand und „Wir haben die Schnauze voll“ skandiert habe – normalerweise sollte eine Mannschaft das als Warnung auffassen, daß die Unterstützung der Fans, die ihre Wochenenden ihrem Verein opfern, am seidenen Faden hängt. Der Trainer stellt für gewöhnlich etwas um, das Training wird ein wenig verändert, und eine Trotzreaktion, ein „Jetzt erst recht!“-Gefühl stellt sich ein. Davon war im Derby allerdings nichts zu sehen, und ich habe das genausowenig verstanden wie die 40.000 auf der einzigartigen Südtribüne, die gegen Leverkusen im Stadion waren.

Daß diese ihre eigene Anwesenheit genossen und sich selbst dafür gefeiert haben, daß sie Fans von Borussia Dortmund sind, hat mich zutiefst bewegt. Natürlich gab es sportlich schwere Zeiten: Den Abstieg in den Siebzigern konnte ich noch nicht miterleben, deswegen sehe ich vor allem die mageren Jahre nach dem Champions’ League-Triumph als Sinnbild dafür. Doch nie zuvor habe ich so eine Aufbruchstimmung unter den Anhängern des schwarzgelben Sterns verspürt, nicht einmal, als der BVB vor dem Bankrott stand und wir das Gefühl hatten, allein durch das Singen unseres Vereinslieds in der 09. Spielminute einen gewichtigen Teil dazu beigetragen zu haben, daß unser Wappen, unsere Farben und unser Name noch immer existieren und immer existieren werden.

Am Sonntag sprachen wir als Fans ein gewichtiges Machtwort. Bert van Marwijk, der vor zwei Jahren der richtige Mann zur richtigen Zeit war, doch mittlerweile an einem Anspruchsdenken scheitert (und ob dieses nun von ihm, den Spielern, der Vereinsführung oder den Fans ausgeht, bleibt dahingestellt), wird wohl seinen Stuhl räumen. Die Spieler des Profikaders bekommen anderthalb Monate, um ihre Leistung der Hinrunde zu analysieren und Schlüsse für sich zu ziehen. Und viele Hunderttausend, die wöchentlich im Stadion, am Fernseher und vor dem Radio die Spiele des Ballspielvereins Borussia Dortmund verfolgen, werden die Rotation des Trainerkarussells und das Geschehen auf dem Transfermarkt akribisch beäugen.

Doch vor allem die Fans, deren Nervenkostüm von der zurückliegenden Hinrunde enorm strapaziert wurde – mich eingerechnet –, werden am 18. Spieltag in sechs Wochen Antworten erhalten. Keine Antworten, die sich durch stilisierte Ausrufungszeichen auf nicht besonders schönen Sponsorenlogos darstellen lassen, sondern durch Kampf, Einsatz und Emotion – und nicht zuletzt durch den Versuch, den leidensfähigsten, treuesten und unerschütterlichsten Fans der Welt ihre Liebe zum BVB zurückzuzahlen.

Geschrieben von Flo Holdkamp

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