Eua Senf

Besuch vom Borsigplatz

24.06.2004, 00:00 Uhr von:  Gastautor

Am vergangenen Mittwoch (16.06.) machten sich etwa 30 um den Borsigplatz lebende Menschen auf den Weg zum Westfalenstadion. An und für sich ist das nichts erwähnenswertes, gehen doch während der Saison alle 14 Tage noch viel mehr Leute diesen Weg. Doch diesmal war es etwas Besonderes, da der Besuch einen tieferen Hintergrund hatte. Er sollte Auftakt und Teil eines Versuches werden, den seiner Heimat entwachsenden Verein Borussia Dortmund wieder etwas mehr an das Borsigplatzviertel zu binden.

BVB und Borsigplatz - das dies zusammengehört, ist jedem Borussenfan eigentlich bewusst. Hier wurde am 19. Dezember 1909 der Ballspielverein Borussia Dortmund in der Oesterholzstraße gegründet - mit dem deutlichen Vereinszweck "...Hebung der Volksgesundung durch Pflege des Fußballspiels und anderer Bewegungsspiele". Ein Satz, den sich die heutige Vereinsführung trotz der altertümlichen Ausdrucksweise vielleicht einmal ausdrucken und über den Schreibtisch hängen sollte... Wie der Bezug zu diesem Vereinsziel, so ging mit der Zeit allerdings leider auch die Verbundenheit des Vereins mit der Gegend rund um den Borsigplatz immer mehr verloren, obwohl über Jahrzehnte die Borussia doch sehr eng mit der Gegend zwischen Hoeschpark und Westfalenhütte verknüpft war. Heutzutage beschränken sich die Kontakte des Vereins mit dem Viertel auf ein Umrunden des Borsigplatzes, wenn es mal wieder gelungen ist, einen Titel zu gewinnen. Ansonsten ist leider nicht viel geblieben. Der Saisonauftakt wird statt im Hoeschpark lieber irgendwo im Umland begangen, auch trainiert wird dort noch nicht einmal mehr von Jugendmannschaften. Das in den Neunzigern einmal im Gespräch gewesene Trainingszentrum im Hoeschpark, dort gibt es ja immerhin bereits vier Sportfelder, wird nun in Brackel gebaut. Das einzige was am Borsigplatz bleibt ist eine kleine Tafel an dem Haus Oesterholzstraße Nummer 60, viel Geschichte - und eine Menge Menschen, die sich eng mit dem BVB verbunden fühlen.

Für diese Leute waren also stellvertretend 30 Personen in das Westfalenstadion geladen. Organisiert vom Quartiersmanagement des Borsigplatzviertels führte der Pressesprecher und WM-Beauftragte der Stadt Gerd Kolbe durch die heiligen Hallen und lieferte dabei eine launige Stadionführung mit einem extra Borsigplatzbezug. Durchaus sehr unterhaltsam und interessant. Nur leider ging es nicht um das eigentliche Anliegen, BVB und Borsigplatzviertel wieder näher zu bringen. Dabei wurde während der Führung immer wieder deutlich, was für ein enger Bestandteil der Verein einmal im Viertel war. Wenn über achtzigjährige Teilnehmer des Rundganges einem Gerd Kolbe die Show stehlen, indem sie erzählen, wie sie früher in der Kneipe vom August Lenz, natürlich direkt am Borsigplatz gelegen, an der Theke standen und zusammen mit einem Max Michallek und "dem Erdmann" ihr Bier getrunken haben, dann ist man erstaunt - und bekommt auch Lust auf mehr Geschichte(n). Bewusst wird einem dabei natürlich auch, dass solche Verhältnisse zwischen Spielern und "normalen" Menschen lange vorbei sind. Aber schlimmer noch, bei den meisten Spielern dürfte wohl noch nicht einmal ein Grundwissen über die Geschichte des Vereins vorhanden sein. "Gerne würde ich einmal eine Umfrage unter den Spielern machen, wer überhaupt weiß, wo dieser Borsigplatz liegt? wurde von Gerd Kolbe während des Rundganges festgehalten. Vielleicht tut er es ja einmal - und vielleicht macht er ja auch einmal ein kleine Stadtrundfahrt mit der Mannschaft zum Borsigplatz , wie er es sonst mit Fans macht, und bringt den Spielern die Geschichte der Borussia ein wenig näher. Bei der Gelegenheit ruft er sie vielleicht auch wieder den Verantwortlichen im Verein ins Gedächtnis. Von denen wurde übrigens während des Rundganges niemand gesehen, auch nicht zu einer kurzen Begrüßung. Aber gegenwärtig gibt es im Verein natürlich auch wichtigeres zu tun.

Insgesamt bot der Rundgang also unterhaltsame zwei Stunden. Der Sache selber aber ist wohl noch nicht viel geholfen, obwohl der symbolische Akt des Besuches schon einiges ausdrückte. Was aber kann man vom Verein eigentlich erwarten? Wahrscheinlich nicht sehr viel. In Zeiten, in denen man als Anhänger der Borussia besorgt sein muss, dass der Verein jeglichen Bezug zu seinen bodenständigen Dortmunder Wurzeln verliert, ist es wahrlich sehr utopisch sogar so weit zu gehen und Bekenntnisse zu seinen ältesten Bezügen zu verlangen. Aber gerade wegen den in den letzten Jahren umgreifenden Veränderungen, denen der BVB unterlegen ist, sollte man sich vielleicht doch darum bemühen. Denn letztlich ist es ja sehr bezeichnend, wenn sich ein so sehr auf Traditionen berufener Verein sich doch so weit von seiner einstigen Heimat entfernt hat. Dabei verlangt es eigentlich nicht viel, um wieder eine engere Verbundenheit darzustellen. Wie so häufig sind es doch eher die kleineren, ideellen Gesten, die eine große Wirkung haben und der Heimat des BVB mit all seinen Problemen vielleicht ein wenig weiterhelfen könnte. Auf jeden Fall würde es den Menschen dort gut tun. Zum Beispiel einem Alfred Zarnoch, 84 Jahre alt und geradezu entrüstet ob der Frage einer begleitenden Reporterin, ob er noch Fan sei: "Natürlich bin ich noch Borusse. Bis in den Tod!"

Eine ideelle Annäherung des Vereins an den Borsigplatz dürfte dann durchaus auch im Sinne eines Franz Jacobi, August Lenz, Max Michallek oder vielen anderen sein, die den Verein mit aufgebaut und groß gemacht haben. Von daher könnte es bald ja vielleicht einmal umgekehrt heißen: "Besuch vom BVB". Am Borsigplatz nämlich, um vielleicht im Quartiersmanagement einmal nachzufragen, was man gemeinsam erreichen und machen könnte.

Geschrieben von Volker Kreuzer

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