Spieler im Fokus

Lehmann: Rotzfrech zum DFB

01.01.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

Wohl noch nie hat es einen Spieler in den Reihen des BVB gegeben, der in einer solchen Art und Weise polarisiert, wie es bei Jens Lehmann der Fall ist. Nicht einmal unsere frühere Spielerin „Andrea M.“ hat die schwatzgelbe Anhängerschaft derartig in zwei Lager aufgeteilt wie der Ex- und vielleicht-bald-wieder-Schlacker.

In den nunmehr 2 Jahren seines Beschäftigungsverhältnisses mit dem BVB hat es Lehmann derart geschafft, eine so enorme Stimmung gegen sich aufzubauen, so daß er sich mittlerweile mit dem „harten Kern der Altborussen“ überworfen und mit den sogenannten „Ultras“ sogar eine komplette Fangruppierung gegen sich aufgebracht hat.

Jens Lehmann im BVB-DressJens Lehmann macht es den Kritikern aber auch wirklich leicht und seinen wenigen, hartnäckigen Befürwortern das Leben damit um so schwerer. Jeder Verteidigungsversuch derer, die sich noch immer hinter ihm scharen, wird von ihm mit einer fast schon bewundernswerten Konsequenz torpediert. Immer wieder erscheinen Aussagen der 31jährigen nationalen „1b“ in der deutschen Presselandschaft, die dem eingefleischten Borussen-Fan die Zornesröte ins Gesicht treiben. Sei es dieser unverzeihliche Affront gegen seinen Chefcoach, als er Huub Stevens über den grünen Klee lobte und ihn kurzerhand im „Kicker Sportmagazin“ als den „vielleicht besten Trainer des Bundesliga“ würdigte, oder die Äußerung im ZDF, daß er selber sich durchaus vorstellen könne – ähnlich wie ein „Stan“ Libuda – nach seinem schwatzgelben Intermezzo wieder zurück nach Gelsenkacken-Buer zu wechseln, um die dortige Theken-Mannschaft zu schwächen stärken. Mit eiskalter Präzision und schier unglaublicher Beharrlichkeit läßt Lehmann auf seinem verbalen Amoklauf nicht ein einziges Fettnäpfchen aus. Jeden noch so harmlosen Sachverhalt nutzt er eiskalt aus, um seinen Beliebtheitsgrad weiter zu senken und die Bereitschaft der „Allmächtigen“ in Dortmund zu provozieren!

Rückblick: Ein „komischer Kerl“ war er ja immer schon. Wir erinnern uns: Jens Lehmann hat 1993 mit Schal*e 05 schon einmal ein 1:6 in Leverkusen kassiert. An 3 der Gegentreffer war er – sagen wir mal – weniger geringfügig beteiligt und ließ deshalb die Ohren hängen. Beim Stand von 0:3 wurde er damals zur Pause ausgewechselt, ließ seine Mannschaftskameraden kurzerhand im Stich fuhr frustriert mit der S-Bahn nach Hause. Ja so ist er eben – impulsiv! Das ist einfach sein Manko, er hat sich einfach nicht im Griff...

Der Brief an den DFB

Vorläufiger Höhepunkt dieser freiwilligen Selbstzerstörung ist folgender Brief, adressiert an den Vorsitzenden des DFB-Bundesgerichts, Georg-Adolf Schnarr. Was die Herren in Frankfurt aber am meisten erregt, ist der ungewöhnlichste Brief, den je ein Profi an den DFB geschickt hat (im folgenden hier kurz wiedergegeben):


Sehr geehrter Herr Schnarr,

in ihrem letzten Brief vom 20.November 2000 haben Sie mir angedroht, eine Spielsperre zu geben, falls ich zu dem Termin am 6. Dezember 2000 nicht erscheine. Vorab behalte ich mir vor, ob ich erscheine oder nicht.

Wie bereits schriftlich mitgeteilt, habe ich meine Entlastung in dieser Angelegenheit schon ebenfalls schriftlich eingebracht. Ich habe dem auch in einem mündlichen Verfahren nichts hinzu zu fügen.

Zur Erläuterung meines Standpunktes möchte ich Sie darauf hinweisen, dass, falls Sie mich tatsächlich sperren möchten, folgendes zu bedenken ist.

Borussia Dortmund ist, wie Sie natürlich wissen, inzwischen eine Aktiengesellschaft (KgaA). Insofern würde es natürlich weit größere Auswirkungen haben, mich im Nachhinein für etwas zu sperren, was vor über einem halben Jahr statt gefunden hat.

Erstens wäre so etwas bei der derzeitigen Personallage von Borussia Dortmund, wo ich der einzige verletzungsfreie Profitorwart bin, sehr schwer, besonders für die Öffentlichkeit und damit auch für viele Aktionäre von Borussia Dortmund zu erklären (Das Ereignis liegt sieben Monate zurück). Es könnte ein Absacken des Aktienkurses und somit einen Wertverlust für das Unternehmen Borussia Dortmund mit sich ziehen. Darüber hinaus müsste sich wahrscheinlich die Börsenaufsicht als Präzedenzfall mit dieser Angelegenheit beschäftigen.

Möchten Sie deswegen in den Schlagzeilen stehen und wieder einmal eine öffentliche Diskussion über das Monopol des DFB in diesen Rechtsangelegenheiten, welche vor einem ordentlichen Gericht, was im Fall eines Urteils zu meinen Ungunsten eventuell angerufen werden würde, kaum standhalten dürfte, entfachen?

Sehr geehrter Herr Schnarr, bei allem gebotenen Respekt vor Ihrer Person und den Aufgaben des DFB-Sportgerichtes, so etwas kann weder in Ihrem noch in meinem Interesse liegen.

Mit diesen Gedanken möchte ich Sie einfach mal konfrontieren, bevor Sie eine Entscheidung zu meinem Nachteil treffen.

Ferner bestünde für Sie noch die Möglichkeit, sich mit Bor. Dortmund zu arrangieren, d.h. eine Geldbuße, sofern Sie darauf beharren, von Seiten Bor. Dortmunds einzufordern.

Meinerseits werde ich eine Geldbuße mit größter Wahrscheinlichkeit nicht akzeptieren, da ich unschuldig bin.



Soso, „unschuldig“ ist der gute Jens also...

Zur Erinnerung: Am 8 April diesen Jahres setzte es für die Borussia eine umstrittene 1:3-Niederlage in der Leverkusener BayArena. Hauptdarsteller der Partie war der (Un-)parteiische Hartmut Strampe, der dem BVB einen glasklaren Handelfmeter versagte und auch ansonsten die Schwatzgelben benachteiligte, wann immer dies in seiner Macht stand. Neben dem Spiel verloren einige Spieler und Funktionäre infolgedessen auch die Nerven, so daß Rainer Calmund die Schwatzgelben nach dem Spiel gar abqualifizierend als „Jammertitten“ bezeichnete.

In einem anschließenden Fernseh-Interview sprach Jens Lehmann dann aus, was sich wohl sämtliche Borussen insgeheim dachten und nannte Strampe einen „Scheiß-Schiedsrichter“. Für diese verbale Entgleisung wurde er vom DFB-Sportgericht zu einer Strafe von 15.000 DM verurteilt, Peanuts in Anbetracht seines Gehaltes, sollte man meinen. Doch Lehmann erklärte sich mit dieser Strafe nicht einverstanden und erhob Einspruch, so daß es zu einer mündlichen Verhandlung vor dem Sportgericht kommen sollte. Wie gesagt, es sollte dazu kommen, doch es kam ganz anders! In den 8 Monaten, die seitdem ins Land gezogen sind, war Jens Lehmann offenbar nicht in der Lage, den Termin für eine Gerichtsverhandlung wahrzunehmen. Zweimal weil er mit dem BVB bzw. der Nationalmannschaft unterwegs war und einmal aufgrund von „Rückenschmerzen“, die beim Auto fahren besonders stark gewesen sein und ihm eine Fahrt zum Dienstsitz des DFB nach Frankfurt unmöglich gemacht hätten. Letzten Mittwoch ließ Lehmann auch den vierten Termin sausen. Und diesmal spannte er sogar seinen Brötchengeber vor den Karren seiner Launen. Zur Begründung ließ er nämlich offiziell durch den BVB verlautbaren, er sei krank. Eine fahrlässige Aussage, weil die Fotografen der „BILD“ sich daraus einen Spaß machten, ihn beim Trainingsspiel großflächig abzulichten. Fußball-Deutschland hatte mal wieder seinen Lacher! Sein Verhalten auch hier wieder einmal mehr als unklar, denn ein BVB-Spiel stand zumindest an diesem Tag nicht an und verletzt ist oder war Lehmann zu dieser Zeit auch nicht. Die Geldstrafe von 15.000 DM wurde somit rechtskräftig. Die „BILD“ befragte „Jensi“ anschließend dann auch zu seinem Eigentor: Ist der Text nicht rotzfrech und in einzelnen Passagen sogar als Erpressung zu werten?

Lehmanns Antwort: „Klar, für viele bin ich immer sofort der böse Bube. Trotzdem lasse ich mir nicht alles gefallen. Mein Brief war doch nur die Reaktion darauf, dass Schnarr mich vorher unter Druck gesetzt hat.“

Wie?

Jens LehmannDer Torwart: „Die 15 Mille haben sie mir verpasst, ohne mich überhaupt mal anzuhören. Nach meinem Einspruch bekam ich drei Verhandlungstermine, die ich unmöglich wahrnehmen konnte. Erst war ich mit Borussia unterwegs, dann mit der Nationalmannschaft. Dann musste ich zum Arzt – wegen meiner heftigen Rückenschmerzen. Die sind im Auto am unerträglichsten. Deshalb bin ich auch Mittwoch nicht nach Frankfurt gefahren.“

Lehmann fragt: „Ist denn das der richtige Ton? Schnarr hat mir per E-Mal mitgeteilt: Am 6. Dezember ist Termin. Sollten Sie auch den nicht wahrnehmen, werden weitere Entschuldigungen nicht akzeptiert. Ihr Verhalten wird als unsportlich qualifiziert. Es würde eine Sperre veranlasst werden...“

Doch die wird es definitiv nicht geben. DFB-Pressechef Wolfgang Niersbach: „Der Fall ist abgeschlossen.“

Aber der Streit, ob „Tarzan“ rotzfrech oder mutiger Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit ist, wird wohl bis zum Ende seiner Karriere gehen...

Wir stellen fest: Jens Lehmann ist offenbar nicht in der Lage, für eigene Verfehlungen auch geradezustehen. Ebenso wie ich seinen Ärger über die Schiedsrichter-„Leistung“ gutheiße und seine Aussagen auch inhaltlich unterstütze (der Strampe hat halt wirklich scheiße gepfiffen und das nicht zum ersten Mal), sehe ich aber auch, daß er für diese Äußerungen bestraft werden muß. Wenn der DFB derartige „Aussetzer“ durchgehen läßt, öffnet man den Herren Lorant, Geyer usw. Tür und Tor. Der Verband ist ganz einfach in der Pflicht, seine Schiedsrichter vor derartigen Reaktionen zu schützen. Doch anstatt sich mit der gerechten Strafe abzufinden, erhebt Lehmann Einspruch, läßt dann aber sämtliche Verhandlungstermine mit teilweise sehr fadenscheinigen Begründungen platzen und erdreistet sich anschließend sogar noch, mit obengenanntem Brief den Vorsitzenden des DFB-Bundesgerichts quasi zu erpressen.

Die Zeitungen schrieben: Nun flippt auch noch Lehmann aus!

Unter der Überschrift: Drehen denn jetzt alle Torhüter durch? In der Vorwoche rastete BVB-Keeper Jens Lehmann völlig aus und ließ seinen Frust unerlaubt an Rostocks Kapitän Timo Lange aus. Der Nationalkeeper riß den Hansa-Kapitän völlig hirnrissig an den Haaren und durfte in Rostock ganz allein duschen, nachdem er sich eigenhändig davon überzeugt hatte, dass Timo Lange kein Toupet trägt. Immerhin gestand Deutschlands Nummer zwei später: "Es war ein dummer Fehler, den ich bereue." Trotzdem kündigte der damalige BVB-Trainer Michael Skibbe noch auf de Rückweg eine saftige Geldstrafe an. Noch ärgerlicher aber zu diesem Zeitpunkt: Der Bonus, den Lehmann sich nach dem Kahn-Ausraster beim damaligen DFB-Teamchef Erich Ribbeck sportlich erspielt hatte, war damit flöten. Überhaupt Hansa Rostock. Auch in der vorigen Saison verlor Jens Lehmann zu allem Überfluss in der 86. Minute nach grobem Frustfoul 20 Meter(!) vor der Hütte gegen Christian Brand die Nerven und sah von Alfons Berg sofort die Rote Karte. Bei der 3-stündigen Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht sprach der Kontrollausschuß-Ankläger, Heinz-Wilhelm Fink in seinem Plädoyer über eine Stunde lang über die Uneinsichtigkeit des Sünders... Man darf gespannt am kommenden Wochenende gen Hansestadt blicken, wenn der BVB-Keeper dort wieder in turbulente Szenen verwickelt wird... Der Vorsitzende Richter am DFB-Sportgericht Dr. Rainer Koch sollte sich – vorsichtshalber – schon mal ein paar Termine freihalten...

Lehmanns Rechtverständnis... eine unendliche Geschichte

Da steht er, gebeugt vom Frust über sein Mitverschulden: Für Lehmann war die 0:4 Klatsche gegen „sein Schalke die bittersten Stunden seiner Karriere“.Bereits vor einigen Wochen sorgte Lehmann auch privat mit einer Verhandlung vor dem Verkehrsgericht bei vielen Fans für Kopfschütteln und Unverständnis. Gegen eine offensichtlich völlig angemessene Geldbuße wegen zu schnellem Fahrens hatte er ebenfalls Einspruch eingelegt und den ansonsten chronisch unterbeschäftigten deutschen Richtern so zu ein wenig Arbeit verholfen. Zur mündlichen Gerichtsverhandlung erschien dann jedoch Jens‘ Bruder, den der Anwalt mit den Worten „Das ist Herr Lehmann“ vorstellte. Der Richter – offenbar ein im Fußball nicht ganz unbewanderter Mensch - bewies jedoch, daß Justitia doch nicht so blind ist und erkannte den „falschen Jens“ sofort. Mit diesem Herrn Lehmann wollte er die Verhandlung dann aber nicht weiterführen, so daß Jens den Gerichtssaal doch noch betreten mußte, nur um letztendlich dann doch die ursprünglich festgelegt Geldbuße zu akzeptieren und die Farce zu komplettieren.

Auch dieses Verhalten, das ich persönlich nur als überaus dumm bezeichnen kann, unterstreicht eindrucksvoll, daß Jens Lehmann des öfteren Probleme damit hat, Recht von Unrecht zu unterscheiden. Von einer derart in der Öffentlichkeit stehenden Person sollte man ein anderes Verhalten erwarten können.

An Dreistigkeit kaum zu überbieten ist jedoch Lehmanns Aussage, daß der DFB, wenn überhaupt, die 15.000 DM bitte beim BVB einfordern solle. Ungeachtet der Tatsache, daß diese Aussage einmal mehr mustergültig Lehmanns Einstellung zu Borussia Dortmund unterstreicht, sollte man sich dieses Verhalten mal übertragen ins „wahre Leben“ vorstellen: Beleidigt doch bei der nächsten Verkehrskontrolle mal einen der Beamten und versucht die anschließende Geldstrafe auf Euren Arbeitgeber abzuwälzen. (ist das Aufforderung zu einer Straftat?) Auf Eure Erfahrungen wäre ich sehr gespannt.
Da steht er, gebeugt vom Frust über sein Mitverschulden: Für Lehmann war die 0:4 Klatsche gegen „sein Schalke die bittersten Stunden seiner Karriere“.

Seit seinem Wechsel zur Borussia 1998 gleicht die Karriere des Nationaltorwarts einem einzigen Spießrutenlauf. Eine kleine Gruppe von Fanatikern, die ihm seine Vergangenheit beim Ruhr-Rivalen nicht verzeiht, verfolgt ihn auch unmittelbar im Westfalenstadion mit ihren Hasstiraden. Und in fremden Stadien wird er regelmäßig verhöhnt: „Da steht ein Schalker im Tor, der ist sooo dämlich....“ Lehmann sagte daraufhin einmal: „Ich habe 34 Auswärtsspiele.“

Es bleibt also dabei: Jens Lehmann wird wohl auch in Zukunft die öffentliche Meinung spalten. Ich selber unterstütze die „Lehmann raus“-Fraktion unter den BVB-Fans zwar nicht und bleibe weiterhin bei meiner Meinung, daß diese Rufe der Mannschaft, dem BVB und damit uns allen schaden. Auf der anderen Seite fällt es mir aber auch immer schwerer, Verständnis oder gar Mitleid für Jens Lehmann aufzubringen. Wer derartig immer wieder mit dem Feuer spielt und Öl hinein gießt, der muß damit rechnen, sich irgendwann zu verbrennen.

Bleiben wir also gespannt, was sich in Zukunft um Jens Lehmann tun wird - immer in Erwartung weiterer Eskapaden und Peinlichkeiten.

to be continued...

Steckbrief: Das ist Jens Lehman

Geboren am: 10. November 1969 in Essen
Verheiratet seit 2000 mit Conny Hompesch (Ex-Frau von Knut Reinhardt)
Größe: 1,90 m
Gewicht: 87 kg
Erlernter Beruf: Keiner
Studium: Seit Jahren Parkstudent der Volkswirtschaftslehre in Münster
Vereine: DJK Heisingen (1975 - 1978)
Schwarz-Weiß Essen (1978 - 1987)
Scheixxe 05 (1987 - 1998)
AC Mailand (4 Monate 1998)
Borussia Dortmund (seit 1998)
Länderspieldebüt: 18. Februar 1998 in Maskat gegen den Oman (2:0)

geschrieben von Arne, 10.12.2000

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