Fehlfarben

Der Stadiontest in Schlacke - gnadenlos realistisch

01.01.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

Ein in Bau befindliches Fussballstadion in Gelsenkirchen-Buer ist zum Mekka der verwirrten Gemüter geworden. 36000 Gäste auf einer Baustelle und 36000 Fliegen können sich nicht irren, Tausende von Bussen, die seit Monaten im 10-Minuten-Rhythmus ihre Pilger ausschütten. Eine Baustelle wie jede andere - sollte man meinen - aber hier in der Vorstadt geschieht etwas mystisches. Leute überall, die dreinschauen, als hätten sie gerade die Landung eines UFOs miterlebt. Grund genug für einen schwatzgelb.de - Reporter der Sache nachzugehen und sich incognito unter die Andersdenkenden zu mischen.

Ansicht einer falschen UtopieDas Ergebnis ist der wohl erste objektive Stadion-Testbericht des Nachfolgers des Packstadions - unseres so geschätzten Rattenlochs. Dazu gab's sogar eine offizielle Einladung der Blau-Weissen, natürlich ohne dass jemand geahnt hätte wie gnadenlos realistisch man als Gast diese sieht, wenn man nicht unter der blau-weissen Verwirrung leidet.

Blau-Weisse Gehirnwäsche

Als Mitglied einer Gruppe von etwa 20 Bürgen aus der näheren Umgebung des Vorstadtvereins bekam ich einen Scout von höchstem Rang zugeteilt. Es war zwar nicht Rudi Cigar persönlich, der uns führte, aber immerhin der projektsteuernde Architekt Ulrich Dargel., Funktionär aus Passion - somit einer der Mitverantwortlichen für die Umsetzung der 358 Millionen DM, die dieses Objekt der blau-weissen Begierde im Endzustand verschlungen haben wird. Selbstverständlich ist auch er als Schlacke-Fan mit der anti-schwatzgelben Terminologie vertraut und nutzt gerne seinen Vortrag für blau-weisse Agitation.

Die Ernüchterung - Rasenschublade vor der EinsaatUnd Blau-Weiss ist das Stichwort - die Führung beginnt mit der Ausgabe der Kopfbedeckung. Klar: Baustelle ist angesagt und hier herrscht Helmpflicht. Doch für eine schwatzgelbe Seele ist dies die härteste Prüfung gleich zu Beginn. Die "Pötte", die dort ausgeteilt werden sind weiss mit blau und zudem mit einem Schriftzug versehen, den ich hier nicht zitieren möchte - noch jetzt beim Schreiben befällt mich das Entsetzen. Da hätten sie auch gleich noch die Schals mit den eingewebten Daten der kümmerlichen Erfolge der jüngsten Zeit verteilen können. Es folgten die grössten Selbstzweifel. Kann man so etwas von sich selbst verlangen ?

Dabei habe ich einige Meter weiter in meinem Auto einen eigenen baustellentauglichen Kopfschutz. Aber jetzt vor aller Augen meinen gelben Helm (welche Farbe denn sonst ?), aus einem schwarzen Kombi mit Kennzeichen DO heraus zu kramen, das wäre wohl einem Outing gleich gekommen. Also wurden Abscheu und Entsetzen mit grösstmöglicher Selbstbeherrschung überwunden und diese Tarnkappe aufgesetzt - "Ganz unten" fällt mir dazu ein.

Verdrehte Welt - es gibt jetzt einen Ostpol

Noch gar nicht weit gekommen, dann der nächste Schock: Das Reklameschild des Bauunternehmers, der für die Erstellung Verantwortung zeigte, hängt über dem Eingangstunnel zum Innenbereich. Richtig - das ist doch die gleiche Baufirma, die seinerzeit mit der Erstellung des bekannten Schürmann-Baus in Bonn beauftragt war - jenes Bauwerks, dass zur Titanic der deutschen Baugeschichte wurde. Ausgerechnet - na ja zumindest gibt's hier keine Überschwemmungsgefahr aber dafür sind sie wohl mit den Himmelsrichtungen etwas durcheinander gekommen - dazu später mehr.

Der Weg hinein führt durch die UnterweltRein in den Tunnel und gleich das nächste Problem: Eine Tunnelerschliessung durch schmale und mehre hundert Meter lange Betonröhren aus 4 Richtungen, die sich als Stolz unseres Scoutes herausstellen. Doch der sachkundige Besucher malt sich gleich aus, was eine Rauchbombe in so einem Tunnel für eine Wirkung hätte. Einwände werden prompt abgebügelt: " Bengalos sind schlimmer ", meint der Architekt und die wären planerisch berücksichtigt.

Na denn wollen wir mal abwarten, das erste Derby kommt bestimmt.Und weiter: " Wir haben das sicherste Stadion überhaupt ".

Gut, wenn er es meint, aber für mich hört sich das angesichts der engen Tunnel eher nach einem schlacketypischen Superlativ der Selbstüberschätzung an.

Wie selbstverständlich werden wir direkt auf die sogenannte Nordtribüne geführt. Hierbei wird dann eingeräumt, dass dieses Stück Beton eigentlich gen Osten zeigt - scheinbar hat da jemand an den Himmelsrichtungen gedreht.

Auf jeden Fall werden die Asseln, die für die Stimmung in dieser Hütte zuständig sein sollen wie gewohnt hinter dem Tor stehen, nur eben nicht mehr in der Notkurve sondern auf der Nottribühne, die zudem im Osten ist.

Nun ist es endgültig bewiesen: Die Welt der Asseln hat sich von der Realität verabschiedet, damit die letzten Reste der fehlgeleiteten Fankultur zumindest verbal gerettet werden können.

Das Ende der Wind- u. Wetterfolter

Jetzt ist es an der Zeit, sich die Pilger genauer anzusehen. Gruppe nach Gruppe betritt den Innenraum. Viele sind überwältigt , bekommen grosse, leuchtende Augen und zeigen offene Münder. Man sieht, dass sie sich ihren sentimentalsten Gefühlen hingeben. Mein Nebenmann versucht es in Worte zu fassen: "Das ist der Wahnsinn - alles Überdacht - endlich ist es so weit, nie wieder Schlagregen!" Seine Stimme beginnt zu zittern und ich komme dem Geheimnis so langsam auf die Spur. All diese Menschen geben sich ihrer Utopie hin - sie haben jahrzehntelang im Rattenloch gelitten und konnten sich in ihre traurigen Lage noch nicht einmal beschweren, weil ja der Verein in Augen immer alles richtig gemacht hat. Das Rattenloch hat keine nennenswerten Erfolge für den FC Schlacke zugelassen, keine Meisterschaft, kein einziges Championsleague-Spiel - stattdessen gab viel sportliches Leid mit zwei Abstiegen in die 2. Liga und dazu die Wind - u. Wetterfolter für diejenigen, die sich keine priviligierten Plätze unterm Dach leisten konnten. Die Pilger spüren, dass sich zumindest das jetzt ändert, das Wetter ist kein Problem mehr und das gegenüberliegende Tor wird endlich in Sichtweite sein - die Utopie der sportlichen Verbesserung entsteht bei solchen leidgeprüften Wesen geradezu zwangsläufig.

Spontan fällt mir hierzu der Sozialpsychologe Mitscherlich (*) ein: "Die denkende Vorwegnahme".

Architekten und Städtebauer leben von diesen Effekt und der Maestro erkennt den Augenblick. Er versucht das Gefühl von Derbystimmung zu vermitteln: "Hier muss man sich jetzt vorstellen, wie 60000 Schlacker richtig Lärm machen und da drüben die 2000 einsamem gegnerischen Anhänger verzweifelt dagegen halten wollen. Computersimulationen haben bereits ein irre Stimmung errechnet." Danach sieht es aus: Computersimulation - wenn die Stimmung dann weiter so lausig bleibt wie im Rattenloch, dann kann man ja schön den Computer mitbrüllen lassen. Und er wird das wohl meistens müssen, denn wann kommen schon mal 60000 Schlacker (gibt's eigentlich so viele)?

Die Heizstrahler-(Not)Lüge

Die Loge mit dem Buisiness-Club darüber - immer schön temperiertNein, Rudi Cigar überlässt jetzt nichts mehr dem Zufall auch für das Klima der gutsituierten Kundschaft in der Loge und auf den so genannten Buisiness-Seats ist gesorgt, denn Privilegien sind weiterhin Pflicht in Schlacke. Nicht nur im Winter beheizt, sondern auch im Sommer gekühlt. Air-Condition ist angesagt.

Der einfache Fan bekommt das natürlich anders dargestellt: "In der Arena habe ich den Bau von Heizstrahlern für die VIP-Lounge untersagt. Wenn die Fans in der Kurve im Mantel stehen, können die das in der Loge auch tun." (Zitat von Assauer aus einem PW-Interview).

Zynismus pur - da haben wir also die perfekte Fanverdummung, kein Wunder, dass sich die einfachen Blau-Weiss-Träger sich mittlerweile freiwillig ihrem Schicksal ergeben haben und zu Kritik am eigenen Verein nicht mehr fähig sind.

Natürlich gibt's keine Heizstrahler, bei Klimaautomatik sind die wohl völlig überflüssig.

Sicher ist das nicht nur ein Schlacker Problem, aber eines wird hier ganz deutlich: Der interessante Gast beginnt bei DM 480,- pro Spiel, wobei nach oben hin keine Grenzen mehr existieren. Dabei hat ein Manager grosse Probleme die Volksnähe des Vereins zu erhalten, weil die Kulisse ja auch stimmen muss, denn die wird ja auch mitbezahlt.

Aber das einfache Volk wird auch belohnt und jetzt nicht mehr im Regen stehen gelassen, keine Assel-Zwangsbesprühung mehr und vor allem keine Glücksspiele mehr unter freiem Himmel.

Die Volière

Denn das neue Gebäude hat eine Komplettüberdachung, getragen durch ein Gittertragwerk, dass alles überspannt. Genau das bringt das neue und äusserst umstrittene Stadionfeeling:

Das vollvergitterte Stadiondach und rechts im Bild das GästesegmentEs kommt das Gefühl auf, in einem Vogelkäfig zu hocken - überall Gitter, sogar über dem Spielfeld. Dazu gehört natürlich auch die vermutlich grösste Schublade der Welt, die heraus geschoben werden kann um dem Rasen eine ordentliche Sonneneinstrahlung zu gönnen. Trotz der guten Absicht sieht das alles aus wie ein überdimensionaler Vogelkäfig mit Schublade zum Ausmisten. Dazu kommt ein 28t schwerer Videowürfel, der in der Mitte 28m über dem Spielfeld hängt - so etwas gibt's im Original als Spiegelwürfel (Entertainment für gelangweilte Sittiche), nur eben kleiner. Und dann die Pointe, die alles abrundet, der Architekt erläutert uns die Bespannung der Daches und nennt den Namen des amerikanischen Herstellers: BIRDAIR - das passt - ausgerechnet Vogelhimmel.


Und am Abend macht Wellensittichvatter Rudi schön die Decke über den Käfig und das Licht aus.

Denn während des Spiels soll ja offen bleiben, das gehöre zu einem ordentlichen Fussballspiel, meint Rudi Cigar. Auch sind wir gespannt, ob sich diese vollmundige Ankündigung halten lässt. Denn wenn?s richtig schüttet - dafür ist die Gegend ja bekannt - fragt man sich natürlich, ob dann extra aufgemacht wird, nur damit die Spieler auch ordentlich nass werden.

Und was passiert, wenn Schnee auf dem Dach liegt und das Spiel beginnen soll, machen sie dann die Luke auf und lassen den Schnee auf's Spielfeld rieseln?

Fragen, die unser Scout auch nicht beantworten möchte. Für mich deutet alles darauf hin, dass der Manager mal wieder einen fanpopulistischen Spruch loslassen wollte, der von der Realität widerlegt werden wird.

Schlacker Gastfreundschaft

Entsprechend der Umdefinition der Himmelsrichtungen (Schlacke-Koordinaten) liegt der uns Gästen zugedachte Stehplatzsektor, der auf zwei getrennte Minisegmente geschrumpft ist, jetzt auch nicht mehr im Süden, sondern im Westen.

Hauptsache schlechten Geschmack zeigen: Blauweisse ToilettenNatürlich gehören sie zur so genannten Südtribüne, denn da würde sich wohl auch der dümmste wundern, wenn West jetzt gegenüber von Nord liegen würde. "3000 Stehplätze für die Gäste, denn der FC Schlacke will ein guter Gastgeber sein" so heisst es im Stadionprospekt. Immerhin werden zu jedem Spiel seitens des Hauptsponsors 48.000 l Pils zu Kauf angeboten, die über eine 4,5 km lange Bierleitung an die Zapfstellen verteilt werden. Und für ganz unersättliche Besucher lädt auch noch das ständig geöffnete Lokal mit dem Namen "Nordkurve" zum Konsum ein.

Danke, liebe Gastgeber, eure Gastfreundschaft vergaßen wir schon immer zu schätzen - auch weil ihr auf der Heimreise regelmässig unsere Busse und Bahnen zerdeppert. Aber eines sollte man trotzdem nicht mit seinen Gästen tun:

Ihnen bei der Entsorgung der Gerstenkaltschale auf der Gästetoilette auch noch den Magen verstimmen.

Blau-Weiss gekachelte Toiletten sind wohl als Provokation bis in die Intimsphäre zu verstehen.

Und Blau-Weiss ist so ziemlich alles hier, was sich irgendwie anstreichen lässt, die Sitze, die Fensterrahmen der Logen, die Aussenfarben und eben auch die Toiletten. Vereinsfarben überall, da fragt man sich doch glatt, ob das Design nicht zu sehr der Einfalt zum Opfer gefallen ist.

Aber es soll ja nichts unversucht bleiben. Nachdem das alte Stadion, wegen chronischer Erfolglosigkeit in sportlicher Hinsicht, aufgegeben wurde (keine einzige Meisterschaft, kein einziges CL-Spiel), hat man jetzt nicht nur gross investiert, sondern auch den geistlichen Beistand nicht vergessen:

Die Fussballkapelle - 80 qm Gotteshaus für Stossgebete vor den Spielen - na dann kann ja nicht mehr viel schief gehen, auch wenn der Architekt meint, dass das vor dem Derby mit dem BVB eigentlich nicht nötig wäre. Richtig, Herr Dargel - da hilft kein Beten !

So ganz nebenbei sei erwähnt, dass die Kapelle für Hochzeiten bereits bis zum Jahresende ausgebucht ist und die Nachfrage für Taufen ist angeblich auch sehr gross. War schon eine tolle Idee, jetzt haben die verwirrten Gemüter endlich auch eine religiöse Heimat gefunden. Denn was wäre eine Pilgerstätte ohne religiösen Mittelpunkt ?

Emil Kuzorra lässt grüssen

Auch ja - was wird denn mit dem Rattenloch ? Jetzt wird?s offiziell bestätigt:

Das Rattenloch wird nicht abgerissen (wussten wir schon immer).

Es wurde langfristig vom FC Schlacke angepachtet und dort wird demnächst fleissig trainiert werden - unter härtesten Bedingungen sozusagen, auf Gefällerasen und unter dem ständigen Eindruck in eine Region zu arbeiten, wo der Bergbau seine Spuren hinterlassen hat - als legitime Nachfolger von Ernst Kuzorra und der "Knappen", die es natürlich längst nicht mehr gibt, dafür aber die Bergschäden.

Und zum Abschluss gab's noch einen kleinen Versprecher von Herrn Dargel (für einen Schlacker eigentlich ganz nett), der die Runde auflockerte: "Dort drüben ist der Rettungsweg für die Sanitäter, neu gebaut und Teil der zusätzlich Erschliessung. Er wird wohl demnächst in Emil-Kuzorra-Weg umbenannt werden."

"Emil" Kuzorra - das hätte von schwatzgelb.de sein können. Wir danken Herrn Dargel für hervorragende Führung und die Fülle von Informationen, die sich nun mal so oder so auslegen lassen.

Aber wer schon seit 27 Jahren Stammgast in einem Stadion ist, dass nicht nur seine Zuschauer trocken hält und alles sehen lässt, sondern auch die Heimat einer Mannschaft ist, die wirkliche Erfolge vorweisen kann, der ist für solche Utopien nicht empfänglich.

Es ist nicht mehr als ein Fussballstadion, und hier bei schwatzgelb geht es eben gnadenlos realistisch zu.

*Für diejenigen, die sich auch fürs Theoretische interessieren:
Das Zitat stammt von Alexander Mitscherlich "Die Unsterblichkeit unsere Städte" (Suhrkamp-Verlag 1972):
"Städteplaner, Architekten, Sozialpsychologen und nicht zuletzt wohnende Bürger sprechen sich in dieser traurigen Lage gegenseitig Mut zu, indem sie sich zur Utopie ermuntern, zur Utopie besserer Städte. Es gibt zwei Arten der Utopie: eine, die närrisch ist und die, verwirklichte man sie, sich als das noch ärgere Gefängnis herausstellen würde als das bewohnte. Das heißt aber nicht, daß solche Utopien nicht zuweilen verwirklicht werden. Die andere Art ist die Vorwegnahme des Künftigen in seinen wesentlichen EIementen. Die denkende Vorwegnahme. Denken, so sagte Sigmund Freud, sei eine Art Probehandeln, ein Handeln also, das die Weit noch nicht verändert, aber die Veränderung vorbereitet."

Geschrieben von Klopfer, 21.04.2001

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