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Unsa Senf - 25.02.2009

Die Spirale der Gewalt - Teil 2

Viele BVB-Fans reisten mit dem Zug anSeit wir gestern Abend Teil 1 veröffentlichten, hat sich viel getan. Uns wurden E-Mails geschrieben, in unserem und in bekannten Foren der Blauen wurde viel geschrieben, aber leider auch wenig inhaltlich diskutiert. Jeder scheint die Schuld beim anderen zu suchen und keine Seite ist bereit, zurückzuweichen oder Zugeständnisse zu machen. „Das habt ihr doch provoziert!“, könnte man uns entgegenrufen - und ganz falsch wäre das sicherlich nicht. Doch den Vorwurf wollen und werden wir nicht stehen lassen, daher folgt hier nun der zweite Teil:

Zunächst einmal die Faktenlage vom vergangenen Freitag: BVB-Fans fuhren auf die verschiedensten Arten nach Gelsenkirchen. Ein Teil mit dem PKW, ein Teil mit dem Bus und der größte Teil mit dem Zug. Die Anfahrt mit dem Zug gilt seit Jahren als Strapaze und wird im Grunde von allen Dortmundern gehasst. Daher war die Einführung der Fanbusse vor zwei Jahren eine echte Wohltat. Leider gab es sie in diesem Jahr nicht. Im Endeffekt war die Anreise so erneut eine Katastrophe. Viele Fans klagten über Verspätungen, Chaos bereits am Dortmunder Bahnhof, kaputte Busse und schier endlose Wartezeiten. „DerWesten.de“ berichtet von fast 3 Stunden Anreise bis zum Gästeblock. Das ist leider gelebte Realität seit vielen, vielen Jahren.

Dazu kamen einige Schwachköpfe auf Dortmunder Seite, die offenkundig antisemitische und rassistische Parolen brüllten. Die Polizei (übrigens eine Dortmunder Hundertschaft) habe daneben gestanden und nicht eingegriffen, berichtet ein Leser. Später im Bus sei es so weitergegangen, selbst mitreisende Fanbeauftragte Nicht alle Fans betraten die Arena in GEwurde nicht erhöht und von den Leuten offenkundig gar nicht erkannt. Die ebenfalls im Bus stehende Polizei griff erneut nicht ein. Der Fanbeauftragte Jens Volke bestätigte uns gegenüber diesen Vorgang, konnte aber sonst keine Angaben dazu machen, da ihm die Leute ebenfalls unbekannt waren und er gar nicht bis zu ihnen durchkam. Den Kommentar eines weiteren Fans „Das ist eine Schande.“ nahmen diese Leute überhaupt nicht ernst und wollten ernsthaft argumentieren, dass sei gegen Gelsenkirchen erlaubt. Wahrlich eine Schande.

Eine große Gruppe Dortmunder Ultras (ca. 250) war mit Bussen angereist und wurde von der Polizei beinahe versehentlich vor die Nordkurve geführt. Passiert ist hier jedoch nichts.

Eine andere Gruppe von etwa  150 Fans war „wild“ angereist. Nach Angaben der Polizei Gelsenkirchen handelt es sich hierbei um die Gruppe „Desperados“. Wir geben aber zu Bedenken, dass die Desperados lediglich gut 80 Mitglieder haben und außerdem einige von ihnen nachmittags ganz normal mit dem Entlastungszug angereist waren. Es kann sich hier also nicht einzig und allein um die Desperados und auch keineswegs um alle von ihnen gehandelt haben. Wie dem auch sei: Diese Gruppe kam per Zug offenbar am Bahnhof Buer-Süd an und begab sich – von der Polizei beobachtet – auf den direkten und ungehinderten Weg in Richtung Stadion. Warum die Polizei diese offenbar als gefährlich eingestufte Gruppe nicht aufhalten konnte, entzieht sich unserer Kenntnis. Da an diesem Tag aber angeblich fast 1000 Beamte im Einsatz waren, ist es schon merkwürdig, dass sie niemand stoppte.

Kurz vor der Geschäftsstelle des FC Schalke 04 wurden dann doch annähernd 40 Personen aufgehalten, der Rest brach durch und rannte an der Geschäftsstelle DES in großer Anzahl im Stadion anwesendvorbei. Wohin genau und was dann passierte, wissen wir nicht. In Schalker Foren wird behauptet, die Gruppe habe versucht, die Geschäftsstelle zu stürmen – das halten wir jedoch für unglaubwürdig. Hinter dem alten Parkstadion wurden dann erneut einige Personen aus der Gruppe festgenommen, bevor sie weiter in Richtung Arena laufen konnten. Der Rest stürmte weiter in Richtung Arena und benahm sich dort wie die Wildsau. Das Blog der Ruhrbarone beschreibt die Situation durchaus glaubwürdig. Das Verhalten der Dortmunder Fans/Ultras/Hooligans ist in unseren Augen auch beschämend für unseren Verein und unsere Fanszene. Wir können uns hier nur auf diese öffentlich zugänglichen Informationen verlassen, andere liegen uns derzeit einfach nicht vor.

Doch nicht nur am Freitag ist es zu Übergriffen von Schwarzgelb auf Blauweiß gekommen. Zumindest die in Teil 1 geschilderten Angriffe an Bahnhöfen haben so wohl auch in der anderen Richtung stattgefunden. Vor einigen Monaten hat es außerdem nachts Nacht einen Angriff eigens dafür angereister Dortmunder gegeben. Schalker Fanbusse wurden beim Aussteigen in der Nähe des Fanprojekts GE angegriffen. Dabei kam es zu einer wüsten Schlägerei. Auch das ein deutlicher Tabubruch, da Einrichtungen wie das Fanprojekt tabu sein sollten.

Nun beginnt die Zeit der Aufrechnerei: Beide Seiten wollen die Guten sein. Von Schalker Seite zeigt man mit dem Finger auf die 122 festgenommenen Dortmunder und negiert jeden Vorwurf in eigene Richtung komplett. Provokationen? Angriffe? Überfälle? Machen die anderen doch auch.

Andersherum beklagen die Dortmunder den Diebstahl des Gelbe Wand Banner, bedrohende „Hausbesuche“ bei jungen Fans und die förmliche Jagd per PKW, die am Freitag in der Dortmunder Innenstadt stattgefunden hat.

Interessanterweise ist aber die Reaktion in einer Hinsicht bei allen gleich:

Beide Seiten fühlen sich von ihren jeweiligen Vereinen alleine und im Stich gelassen. Beide Seiten behaupten mehrheitlich, dass der eigene Verein ständig vor dem Der Banner in den falschen Händenanderen krieche. Seltsam, dass man dieses Gefühl als Dortmunder genauso hat wie als Schalker. Hier sollten die Vereine sehr genau nachdenken und vielleicht sogar gemeinsam handeln. Denn am Ende geht es uns alle etwas an.

Wir haben geschrieben, dass es nach Informationen aus der Fanszene immer wieder zu Überfällen und Angriffen durch Schalker kommt. Das haben wir nicht getan, um jegliche Schuld an der Eskalation der Schalker Seite zuzuschieben. Wir sind uns durchaus im Klaren darüber, dass es auch von Borussen-Seite nicht tolerierbare Angriffe auf Schalker gibt. Natürlich erzählt uns keiner der Dortmunder Helden, dass er hier oder da ebenso Schalker überfällt. Trotzdem findet auch dies statt, und auch das geht nicht immer nett aus und bleibt oft nicht beim „Schal wegnehmen“. Zu oft sieht man nach Derbys Dortmunder mit blauen Schals in den Taschen. „Das hat es doch immer gegeben.“, wird uns da sicher entgegnet und wahrscheinlich ist das gar nicht mal so falsch. Neu ist aber die Organisationsform dahinter - und die Akribie, mit der man vorzugehen scheint. „Verlor“ man früher mal im Vorbeigehen seinen Schal, muss man heute am Bahnhof in bspw. Münster aufpassen, dass nicht zufällig die falschen Leute da stehen. Auch die Angriffe auf Schalker im Dortmunder Hauptbahnhof häufen sich.

Wenn wir auf diese Angriffe nicht eingegangen sind, liegt das daran, dass wir die Gefahren auf BVB-Seite beleuchten und aus der schwarzgelben Sicht deutlichen machen wollten, wie solche Aktionen für eine Radikalisierung sorgen. Dass derselbe Mechanismus umgekehrt genauso funktioniert, steht außer Frage.

Beide Seiten sind sich aktuell ohnehin ähnlicher, als jedem lieb wäre: Jede Fangruppe schiebt der anderen die Schuld an der Eskalation zu, aber keine ist bereit (oder in der Lage), diese zu stoppen.

Provokationen gab es schon in 2005Das und nur das ist das eigentlich Schlimme und Bedenkliche. Wir sind keine Träumer und wir wissen, dass wir wohl auch noch in 40 Jahren über Gewalt beim Derby reden werden. Was aber einfach gar nicht geht, sind Hausbesuche, das Auflauern an Bahnhöfen oder sonstige Dinge, die immer mehr ins Private gehen und fast schon den Tatbestand der organisierten Kriminalität erfüllen.

Aktuell werden in der jüngeren Vergangenheit Grenzen eingerissen. Es ist absolut beschissen, wenn rund ums Derby regelrecht Jagd auf alles gemacht wird, was andere Farben trägt. Man verteidigt seine Stadt- und Vereinsfarben nicht, wenn man gänzlich Ahnungslose und Unbeteiligte überfällt. Man sammelt keinen Ruhm ein, wenn man sogar vor alten Menschen und Kindern nicht mehr halt macht. Das ist, von der Gesundheit der Opfer ganz abgesehen, einfach arm, hochpeinlich und ein jämmerliches Bild, das man von sich abgibt. Ja, Derby ist kein Kirmesbesuch, aber es muss einfach für jeden Fan, der sich nicht an diesem ganzen Rumgelaufe und -geboxe beteiligen will, möglich sein, unversehrt ein Derby zu besuchen. Und hier sehen wir leider immer weiter Hemmschwellen sinken.

Doch auch für diejenigen, die dort bewusst mitmischen, wird das nicht mehr lange ein Spiel in überschaubaren Grenzen bleiben. Die Schlägereien häufen sich, die Intensität nimmt zu. Und irgendwann fällt eben einer und steht nicht wieder auf. Das kann unbewusst und ungewollt (aber in Kauf genommen) durch einen fliegenden Stein sein, aber eben auch gezielt, weil sich das immer weiter hochschaukelt und der Wunsch nach immer härterer Vergeltung größer wird. Wir sehen die Gefahr, dass die ganze Entwicklung rund ums Derby darauf zu steuert, und vielleicht sollte sich jeder der Beteiligten mal in einer stillen Minute überlegen, ob die Liebe zum Fußball und zu seinem Verein das alles wert ist.

Redaktion, 25.02.2009


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