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- 02.12.2002

Doktor Jekyll und Mr. Hide in Nürnberg

Die Borussia hat zwei Gesichter - dies wurde am Samstag im Nürnberger Frankenstadion überdeutlich. Während in der ersten Hälfte wirklich rein gar nichts bei den Borussen zusammenlieft, steigerte sich die Elf in Halbzeit Zwei um mehrere hundert Prozent und fuhr einen letztendlich durchaus verdienten Sieg nach Hause.


Trotz Reisestrapazen hatte Matthias Sammer zu Beginn annähernd der selben Mannschaft das Vertrauen geschenkt, die auch in Moskau aufgelaufen war. Lediglich Ricken ersetzte Sebastian Kehl und im Sturm fand ein brasilianisches Wechselspiel statt, so daß Ewerthon zunächst Amoroso weichen mußte. Dies sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein, doch dazu später mehr.

Ein optisches Schmankerl präsentierten die Ultras Nürnberg beim Einlaufen der Mannschaft. Eine Choreographie aus Spruchbändern, Papptafeln und riesigen Doppelhaltern offenbarte die Konterfeis einiger alter Club-Helden kombiniert mit einem dargestellten Flammenmeer und dem Spruch ?Nürnberger Helden - in unserer Kurve brennt Euer Feuer ewig".

Angestachelt durch diese überaus sehenswerte Aktion legten die Clubberer dann auch sofort nach Spielbeginn mächtig los, während man sich auf Dortmunder Seite offenbar als guter Gast präsentieren wollte. So dauerte es dann auch nicht einmal drei Minuten, bis Jarolim nach kapitalen Fehlern von Frings und Wörns das 1:0 für die Rot-Schwarzen erzielte. Wer sich nun eine Trotzreaktion der Borussen erhofft hatte, wurde bitter enttäuscht. In der Folge diktierte fast ausschließlich der Club das Spielgeschehen, die Borussen schauten interessiert zu, und die Nürnberger kamen noch zu einigen weiteren hochkarätigen Chancen, die glücklicherweise weder Müller (12. und 24. Spielminute), noch Torschütze Jarolim (37.) zu nutzen wußten. Einzig Jens Lehmann zeigte sich in dieser Phase des Spiels hellwach und kompensierte durch seine Leistung immerhin den nahezu kollektiven Ausfall seiner Vorderleute.

Zur Pause reagierte Matthias Sammer dann auf das grauenvolle Spiel der eigenen Mannschaft und brachte Ewerthon für den schwachen Amoroso. Warum ausgerechnet der Brasilianer vom Feld mußte, wurde nicht völlig klar. Zwar war er in der ersten Hälfte überaus blaß geblieben, doch damit befand er sich an sich in recht guter (oder auch schlechter) Gesellschaft unter den restlichen Schwatzgelben. Der Trainer hatte aber eben so entschieden und der Erfolg sollte ihm Recht geben.

Denn auch die Nürnberger mußten wechseln und Ersatz-Keeper Schäfer für den verletzten Kampa ins Spiel bringen.

Und plötzlich schien auch eine andere Borussia auf dem Feld zu stehen. Deutlich zweikampfstärker und mit mehr Biß zeigten sich die Borussen nach dem Pausentee und insbesondere die Hereinnahme von Ewerthon belebte das Spiel des BVB ungemein. So erzielte denn auch Lars Ricken nach wunderschönem Paß des Brasilianers und einem sehr ansehnlichen Sololauf über die linke Strafraumkante das 1:1.

In der Folge spielte fast ausschließlich der BVB und nach Chancen durch Ewerthon (Volleyschuß gehalten von Schäfer in der 57. Spielminute) und Ricken (Kopfball neben den Pfosten in der 63.), dauerte es bis zur 78. Minute, das die Schwatzgelben wieder jubeln durften. Der unheimlich starke Ewerthon vollstreckte nach klugem Paß von Reina unhaltbar ins Netz und markierte damit den Sieg für die Borussia.

Fazit:
So sehr man sich als BVB-Fan über die zweite Halbzeit, die spielerisch und kämpferisch ansprechende Leistung dieser 45 Minuten und die drei gewonnenen Punkte freuen kann, ein überaus fader Beigeschmack bleibt: Warum wurde in Hälfte 1 so ziemlich alles falsch gemacht, was nur falsch gemacht werden konnte? Warum stimmten bis zur Pause weder spielerische Darbietung, noch Einsatzwille oder Kampfgeist? Daß es offenbar geht, wenn der Wille da ist, haben die Borussen später unter Beweis gestellt - umso mehr muß aber die Frage erlaubt sein, warum man anfangs scheinbar tatsächlich nicht wollte.

Eine solche Darbietung (von Leistung kann keine Rede sein), die einige Spieler bis zur Pause abgeliefert haben, ist einfach eine Frechheit und Dreistigkeit gegenüber den eigenen Fans.
Nürnberg: D. Kampa [46. R. Schäfer] - D. Petkovic - M. Nikl, T. Kos, L. Müller - T. Larsen - A. Sanneh, C. Junior [83. R. Todorovic] - D. Jarolim - J. Baretto, S. Ciric

Dortmund: J. Lehmann (1,5) - S. Reuter (3)- C. Wörns (4), C. Metzelder (3,5) - J. Heinrich (4,5), T. Frings, (4,5), L. Dede (4) - T. Rosicky (3) [86. A. Madouni (-)] - L. Ricken (3) [74. G. Reina (-)], J. Koller (4), M. Amoroso (5) [46. H. Ewerthon (1,5)]

Tore: 1-0 Jarolim (3.), 1-1 Ricken (54.), 1-2 Ewerthon (78.)

Gelbe Karten: Ricken (10.), Jarolim (14.), Müller (29.), Reuter (64.), Dede (70., nächstes Spiel gesperrt) Frings (87.)

Zuschauer: 36.600

Schiedsrichter: Dr. Markus Merk, Note 2,5 - etwas lange Nachspielzeit, ansonsten ordentlich

Geschrieben von Arne

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