Unsa Senf

Ein Redaktionsgespräch über den aktuellen BVB Zwischen Pflichttermin und Leidenschaft

05.06.2026, 09:05 Uhr von:  Redaktion  
Die BVB-Spieler stehen nach Abpfiff und Niederlage konsterniert auf dem Rasen und halten sich enttäuscht die Hände vor das Gesicht.

Der BVB qualifiziert sich souverän für die Champions League und entfacht dennoch keine Euphorie. Wir begeben uns auf Spurensuche und gewähren euch exklusive Einblicke in unseren internen Redaktionschat.

(Transparenzhinweis: Der Dialog ist zeitlich zwischen dem Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach und dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt zu verorten.)

giog

Ich finde es langsam wirklich gruselig, wie wenig Bock man auf Borussia Dortmund hat. Am Ende ist es auch ein bisschen Auswuchs der allgemeinen Sättigung usw., aber die letzten Wochen war der Gang ins Stadion wirklich nur noch Zwang, habe gefühlt alle 5 Minuten auf die Uhr geguckt. Oder wie es jemand in unserem Bulli nach Stuttgart beschrieb:

Eine angenehme Fahrt mit Freunden, die durch 90 Minuten Fußball gestört wird. 

clemens

Und das finde ich eine brandgefährliche, schon bald dauerhafte Entwicklung, weil man es auf allen Ebenen merkt: im Netz, in den Medien, in der Kommunikation der Verantwortlichen und vor allem im und ums Stadion. Borussia Dortmund ist vom Wochen-Highlight zum lästigen Pflichttermin geworden. Ich weiß, solche Vergleiche sind immer ätzend, aber: die Blauen spielen sich mit Rumpelfußball in die Bundesliga zurück und könnten bei jedem Auswärtsspiel mit 10.000 Leuten antischen, während bei uns – auf Platz 2 und 2 Jahre nach nem CL-Finale – die Leute keinen Bock mehr haben, egal ob Heim- oder Auswärtsspiel.

Mag auch am Alter liegen, aber aus meinem Umfeld wird die Zahl der regelmäßigen Stadiongänger von Jahr zu Jahr kleiner. Und fast immer mit dem gleichen Argument:

Zeit ist mir zu kostbar, Fußball und Atmosphäre machen keinen Spaß mehr.

giog

Ja, das ist sicher ein vielschichtige(res) Thema und wenn wir gerade tollen Offensivfußball spielen würden, würde das bei gleicher Tabellensituation vermutlich auch zu Nörgeleien führen bzw. auch dann würde vermutlich keine riesige Euphorie um den Verein herrschen. Aber es sind halt die altbekannten Probleme. Der BVB hat (immer noch) keine wirkliche Geschichte zu erzählen und ist im immergleichen Dilemma, dass man zu schlecht für Titel ist, aber regelmäßig zu gut spielt, als dass es noch um viel geht außer CL-Quali – nur spielen sie aktuell obendrein auch noch richtig unansehnlichen Fußball.

janniksch

Mag vielleicht an meinem vergleichsweise jungen "Stadionalter" liegen, aber ich spüre den Verdruss noch nicht so deutlich. Am ehesten habe ich das noch bei Champions-League-Spielen, aber da vor allem wegen der Uhrzeit. Will das natürlich niemandem absprechen, aber Stadion und Borussia Dortmund sind immer noch Highlights, die ich nicht missen möchte.

giog

Klar, am Ende bin ich auch Fan davon, dass man sich immer wieder vergegenwärtigen sollte, was das eigentlich für ein Privileg ist, Borussia Dortmund im Stadion spielen sehen zu dürfen. Aber als sich in Gladbach Leute im Block tierisch über die Mannschaft und / oder den Schiri aufgeregt haben, hat mich das geradezu verwundert, weil ich es einfach komplett egal fand, was da passierte.

anton

Weiß nicht, ob Alter da wirklich ein Faktor ist, Jannik. Ich bin jünger als du und muss mich zwingen aktuell zum Fußball zu fahren... Ich glaube, es hängt einfach wirklich sehr von der aktuellen Betrachtung der sportlichen oder anderen individuellen Kompetenten ab.

neusserjens

Ich glaube schon, dass Alter da mit reinspielt. Wenn du "alles gesehen" hast, ist da natürlich eine ganz andere Motivation, als wenn du zum ersten Mal auswärts nach Madrid fliegst oder sowas.

anton

Ja gut, das mag stimmen, aber ich dachte, wir reden hier vom allgemeinen Bundesliga-Alltag.

Prioritäten verschieben sich

caroline

Bei mir war der große Knackpunkt Corona und dann, dass ich 2023 Mutter geworden bin. Während Corona habe ich schon gemerkt, dass es einfach viel entspannter ist, wenn man sein Leben nicht am Spielplan ausrichten muss. Klar hatte ich dann wieder Bock, ins Stadion zurückzukehren. Aber langfristig hat es mich nicht gehalten, weil das Geschehen auf dem Rasen zunehmend egaler und mein Familienleben zunehmend wichtiger wurde.

Man hat keine Mannschaft, mit der man sich identifiziert. Mir ist komplett egal, ob da irgendjemand den Verein verlässt oder nicht. Das war früher definitiv anders.

Gleichzeitig spielt man sportlich quasi um Nichts. Klar, CL-Finale ist dann der besondere Ausreißer, aber halt auch ein Extrem, das man nur sehr sehr selten erreichen kann. Im Alltag geht es um Nichts. Für andere Vereine geht es um was: sei es der Klassenerhalt, endlich mal international spielen, bis ins Pokalfinale kämpfen oder vielleicht sogar mal einen Titel mitnehmen? Das reißt einen mit, egal wie der Fußball auf dem Rasen ist. Der BVB kann höchstens mitreißen, wenn er mal euphorisierenden Vollgasfußball spielen würde, was er selten bis nie tut. Ansonsten ist das sportlich komplett irrelevant, weil die CL-Quali das Maximum ist und gleichzeitig aufgrund des strukturellen/finanziellen Vorsprungs lediglich eine Pflichtaufgabe.

Und wir alle wissen, dass selbst das Derby keine Vorfreude entfacht, weil die Blauen die Bedeutung wesentlich mehr verinnerlicht haben, als unsere Spieler, die zumindest auf dem Papier eigentlich überlegen sein sollten.

janniksch

Ich war im Stadion auch nicht zu 100 Prozent auf das Sportliche fokussiert, aber Dortmund soll halt für mich am Ende immer gewinnen. Selbst Testspielniederlagen sind mir nicht egal. Eigentlich auch bescheuert, weil bei Testspielen das Ergebnis höchstens zweitrangig ist. Ich verstehe aber auch, dass wenn man sich entscheidet eine Familie zu gründen, alles andere in den Hintergrund rücken kann. Deswegen ist im Auswärtsblock auch sicherlich prozentual deutlich jüngeres Publikum als bei Heimspielen zu finden.

phil

Also ich bin ja vermutlich schon einer der Älteren hier und gehe nun seit 1984 sehr regelmäßig ins Stadion. Und bei mir hat das eigentlich nie aufgehört, es tun zu wollen. Aber klar, der soziale Faktor, also Zeit mit Freunden (und in meinem Fall Familie) dabei zu verbringen, ist wesentlicher Kern. War er aber schon immer. Und Spielzeiten in der Einöde des "Es geht eigentlich um nix"  gab es halt schon immer. Da sind die letzten 15 Jahre ja eher sogar durchweg mit Highlights nur so zugepflastert.

  • 24/25 war mega spannend am Ende und hat Bock gemacht.
  • 23/24 das CL-Finale.
  • 22/23 geile Saison mit mega brutalem und emotionalem Ende.
  • 20/21 Pokalsieg.
  • 18/19 lange (bis zum letzten Spieltag) um die Meisterschaft gekämpft.
  • Fast jedes Jahr im Europacup recht weit gekommen.

vm_83

  • 24/25 nur den Super Gau verhindert, nachdem man sich mit Sahin völlig verzockt hat.
  • 23/24 fair, aber auch super nervig, weil sich die Mannschaft nur für die UCL begeistern konnte.
  • 22/23 Die Saison lebte vor allem davon, dass der FC Bayern so schlecht war.
  • 20/21 Für mich ohne jedwede Bedeutung, weil man daran als Fan nicht teilhaben konnte.
  • 18/19 Hinrunde begeisternd, vielleicht die beste Hinrunde der letzten 15 Jahre. Danach eine Rückrunde mit vielen Enttäuschungen.

phil

Man kann natürlich jede Spielzeit auch so bewerten. Schlussendlich war die CL Saison 2013 auch nur 1,5 gute Spiele lang. Der Rest war eher zäh oder pures Glück! Und in der Liga war man wirklich grausig schlecht. Mir ging es darum: es war was los und es war bestimmt nicht langweilig. Oder man dachte nicht darüber nach, ob man nun überhaupt hinfahren soll...

giog

Ja, im Grunde war aber genau das mein Punkt: In den Spielzeiten, über die ihr diskutiert, konnte man sich wahlweise dann eben halt eine Halbserie massiv ärgern und hatte dann eine Halbserie Spaß bei der Aufholjagd usw. Oder man konnte die von Volker angesprochenen Fußball-Diskussionen führen, warum die Mannschaft eigentlich nur in der CL performt. Die KO-Spiele gegen Atlético und Paris in der Finalsaison gehören für mich mit Sicherheit zu meinen Top 10 Stadion-Erlebnissen. Aber all das ist diese Saison meines Erachtens völlig abhanden gekommen, weil ich mich nicht mal mehr über irgendwas ärgern kann. Es ist seit Februar im Grunde scheißegal.

sebastian

Ich gehe nach wie vor regelmäßig zu BVB-Spielen und bin generell sehr sportbegeistert. Gerade weil ich mir inzwischen auch viele andere Sportarten live anschaue, fällt mir der Vergleich immer stärker auf. Was mir rund ums Stadion und besonders auf der Süd zunehmend negativ auffällt, ist die Sprache und teilweise auch die Grundstimmung unabhängig von der sportlichen Leistung. Natürlich gab es derbe Sprüche und Beleidigungen früher auch schon, das will ich gar nicht abstreiten. Aber mir fällt es mittlerweile viel schwerer, das einfach auszublenden. Wenn man am Spieltag ständig homophobe, sexistische oder generell menschenverachtende Begriffe hört, macht das irgendwann etwas mit dem eigenen Erleben. Bei mir ist es inzwischen so, dass mir dadurch ein Teil der Freude am Stadionbesuch verloren geht. Nicht, weil ich plötzlich eine völlig sterile Atmosphäre will, sondern weil ich finde, dass Leidenschaft und Emotion auch ohne solche Abwertungen funktionieren sollten und was mir auch andere Sportarten bestätigen. Ich habe da einfach ein anderes Bewusstsein entwickelt. Aber genau deshalb merke ich auch, dass ich mich an manchen Tagen eher überwinden muss, ins Stadion zu gehen, obwohl ich das Spiel live zu erleben immer noch gerne anschauen mag.

vm_83

Krass, wie unterschiedlich man Dinge bewerten kann. Ich nehme rassistische/homophobe Äußerungen viel seltener wahr als noch vor 10-15 Jahren, gerade in Richtung Schiedsrichter bzw. Gegner.

sebastian

Ja, ich glaube sogar, dass du damit recht hast und es insgesamt vielleicht wirklich weniger geworden ist als noch vor 10-15 Jahren. Ich habe über die Jahre vermutlich ein anderes Bewusstsein entwickelt. Dinge, die ich früher vielleicht einfach als „normalen Stadionton“ hingenommen habe, fallen mir mittlerweile viel stärker auf. Damals habe ich mir darüber wahrscheinlich gar nicht so viele Gedanken gemacht, weil man es irgendwie gelernt hatte: Stadion ist halt laut, emotional und teilweise derb. Heute merke ich aber, dass das bei mir nicht mehr so funktioniert. Ich kann solche Sprüche nicht mehr einfach überhören oder ausblenden. Deshalb kann es gut sein, dass es objektiv weniger geworden ist. Subjektiv belastet es mich aber mehr, weil ich dafür halt einfach sensibler geworden bin.

vm_83

Euphorie entsteht immer dann, wenn man was erreichen kann.

In der UCL sind wir aber jämmerlich ausgeschieden, in der Liga waren die Bayern halt wieder einmal übermächtig und im Pokal sind wir wieder einmal sehr früh gescheitert. Da reißt du dann auch keine Bäume mehr aus, wenn du in der Liga solide dein Saisonziel erreichst.

Letztendlich sind eh alle Fanszenen gleich. Da muss man nur mal nach Frankfurt schauen: Vor ein paar Jahren die beste Fanszene der Welt, in dieser Saison hat sie sich schon mehrfach gegen die eigene Mannschaft gestellt.

giog

Ich glaube, unsere Pokal-Performance der letzten Jahre ist da auch ein krasser Faktor. Realistisch gesehen ist es nunmal der Wettbewerb, in dem wir am ehesten einen Titel gewinnen können. Im Vergleich zur CL und zur BuLi sind wir in dem Wettbewerb aber eher am underperformen bzw. haben es bis auf den Corona-Pokalsieg seit Jahren nicht mehr weiter als Achtelfinale (einmal Viertelfinale?) geschafft. Das nervt mich extrem, wenn man zugleich die letzten Jahre sieht, wie Stuttgart, Bielefeld, Lautern und Co. in Berlin den Abend ihres Lebens haben (das wäre bei uns natürlich nicht so, schon klar, aber ich glaube, es würde der Grundstimmung extrem gut tun).

vm_83

Unser letzter Pokalsieg vor Publikum ist nächstes Jahr 10 Jahre her. Da dürfte es eine Menge Fans geben, für die so ein Pokalfinale was Neues wäre.

phil

Das CL-Finale hatte ja auch keine nachhaltige Wirkung... was mich wirklich weiterhin sehr erstaunt. Selbst da wurde ja genörgelt. Ich glaube nun nicht, dass da ein Pokalfinale gegen Arminia Bielefeld irgendwas drehen würde.

vm_83

Woher denn auch? Du spielst eine tolle UCL-Saison, bist im Jahr danach aber nur dabei, weil es die Reform gab, wo man als Fünfter noch dabei ist. Dann folgt die nächste völlig uninspirierte Transferperiode im Sommer und mit Sahin zudem ein völlig Fehlgriff als Trainer. Aufbruchstimmung sieht halt einfach anders aus.

phil

So gesehen dürfte der Spielraum für irgendwelche Aufbrüche verdammt klein sein, bis überhaupt nicht vorhanden. Gemosert wurde ja sogar während des Frühjahrs. War 2023 ja nicht anders. Das ist schon tiefer angelegt und ich frage mich, was überhaupt passieren müsste, damit das anders aussehe.

neusserjens

Erwartungen übertreffen. Das müsste passieren.

Ist halt nur schwer bis unmöglich, wenn du dafür Titel gewinnen musst, da du qua Substanz natürlicher Zweiter bist.

Teure Transferflops statt kreative Kaderplanung

vm_83

Die Erwartungen werden aber vom Verein auch selbst forciert. Wenn ich im Sommer Spieler wie Beier, Chukwuemeka, Nmecha oder Couto für jeweils um die 30 Millionen Euro verpflichte, dann erwarte zumindest ich auch eine gewisse Leistung. Teilweise bekommen wir sie aber erst nach ein bis eineinhalb Jahren oder gar nicht.

Und wenn nach schwachen Spielen der Sportvorstand wieder zu seiner ritualisierten Kritik an der Einstellung der Spieler greift, dann erwarte ich auch irgendwann mal eine Veränderung oder personelle Konsequenzen.

nadja

Die Erwartung kommt auch einfach vom Geld, was wir zur Verfügung haben. Das gleiche Argument, warum wir nicht an Bayern rankommen (und das auch größtenteils zurecht), gilt auch nach hinten. Also haben wir uns als ewig festgefahrener Zweiter etabliert, was eigentlich großartig ist, aber eben auch kaum irgendwelche Räume für positive Überraschungen bietet. Höchstens mal für negative...

vm_83

Klar. Man erwartet einfach, dass sich ein so teurer Kader besser präsentiert und gerade im Pokal länger bei der Musik dabei ist als in den letzten Jahren.

phil

Wobei diese 30 Mio.-Transfers auch eher eine Art Inflation sind. Und netto investieren wir überhaupt nicht großartig mehr. Der Kader wird abgerüstet und das wird auch noch viel mehr der Fall sein. Insofern schwierig. Wir kriegen halt nur noch die Resterampe auf unserem Level und dennoch sieht man ja, dass das zumindest national dann eher locker reicht. Aber eine Transferoffensive im weiteren Sinne war das ja nicht. Und sowas wird es auch kaum mehr geben, sofern nicht irgendwelche echten massiven Einnahmesteigerungen gelingen, die der Konkurrenz versagt sind.

anton

Weiß nicht ob das Argument Resterampe so funktioniert, wenn links und rechts Vereine mit ähnlichem, wenn nicht gar geringerem Budget deutlich bessere Spieler verpflichten. Nur um ein paar Namen in den Raum zu werfen: Diomande, Uzun, Jeltsch, Brown, El Khannouss wären alle finanzierbar gewesen.

phil

... deren Output (also der Klubs) ist nun dann halt schlechter als unseres. Es geht ja nicht nur um einzelne Namen. Aber klar, man kann immer über Transfers diskutieren. Aber irgendwo wird es ja schon daran liegen, dass Frankfurt im nirgendwo rumspielt, Leipzig immer hinter uns stand quasi usw. usf. 

vm_83

Klar. Trotzdem erwarte ich, dass ein 30 Millionen Euro Einkauf besseren Fußball spielt als ein 5 Millionen Euro Einkauf bei Borussia Mönchengladbach.

phil

Was ja offenbar auch irgendwie der Fall ist. Flops (mit Ansage auch a la Chukwuemeka) gibts aber natürlich immer wieder. 

neusserjens

Ich würde es allgemein anders formulieren: Was Borussia Dortmund seit Jahren fehlt, ist das Gefühl, dass die vorhandenen Mittel nahezu optimal eingesetzt werden. 

Es fühlt sich – Platzierungen und Finalteilnahmen zum Trotz – im Großen und Ganzen nach "Underperformance" an.

phil

Und wie das mit Gefühlen so ist... sie können einen täuschen. 😝 Aber gut, dass der BVB gerade bei der Konzeption des Kaders nicht sonderlich gut arbeitet, war schon in den letzten Zorc-Jahren klar zu sehen. Aber ob das nun wirklich der Grund dieser nahezu schon ein Jahrzehnt andauernden schlechten Grundstimmung ist?

nmaeurer

Also mal ganz kurz meine Einschätzung, weil schlechtes (sportliches) Management ist jetzt nicht nur BVB-spezifisch. Halte das nur bedingt für eine Begründung, denn dann müssten andere Vereine ja komplett tot sein.

Auch der "Rausch" der Klopp-Jahre ist irgendwie mittlerweile über 13 Jahre her – eine halbe Fangeneration kennt das gar nicht mehr. Ich glaube, es hat etwas mit einer generellen Entwicklung zum Sport-Entertainment zu tun, wobei halt der Entertainment Part nicht ganz verstanden wird bzw. von allen Akteuren offiziell nicht gewollt (aktive Fans) oder inkonsequent umgesetzt (Funktionäre) wird.

Vom storytelling her ist der BVB und wir als Fans halt nicht gut. Wir sind auch nicht dramatisch schlecht, es ist halt Durchschnitt – und da kommt viel zusammen.

Seitdem ich mich emotional etwas entkoppelt habe von der Idee des sportlichen Wettbewerbs (faktisch läuft alles auf eine Super League hinaus), mir das ganze Gaga um Spieler, Funktionäre und Bullen größtenteils nur noch mit Resignation angucke, fahre ich recht gut beim Fußball. Durch den Nachwuchs und anstehenden Nachwuchs macht man einfach viel weniger und ich muss sagen, es macht mir dann aber viel mehr Spaß. Solch einen emotionalen und stimmungsmäßigen Tiefpunkt wie Nikosia vor ein paar Jahren werde ich wohl nicht mehr erleben. Dafür freue ich mich aktuell viel zu sehr da zu sein, dass Stadion zu fühlen, die Leute wiederzusehen und am Ende war wohl das letzte 15:30 Uhr Spiel zusammen mit meinem Sohn das totale Highlight der letzten Jahre.

nadja

Ich glaube einfach nicht, dass etwas anderes, als die Meisterschaft zu gewinnen, eine nachhaltige Euphorie auslösen würde. Und man kann sagen, dass es eine halbe Generation gibt, die sich an 2010-2013 nicht erinnern kann. Ich glaube aber nicht, dass von denen so viele im Stadion sind und die, die da sind, können sich zumindest von Erzählungen anderer und Bilder aus dem Fernsehen daran erinnern. 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der größte Teil der Leute im Stadion ihre Gefühle an 2011 messen – und daran kommt halt einfach nichts mehr ran.

sascha

Der BVB hat eben auch eine zeitlang ganz bewusst die emotionale Karte gespielt und ausgereizt. Adrenalintrips, Vollgasveranstaltungen... alles musste intensiver, leidenschaftlicher und mitreißender sein als bei allen anderen Vereinen. Zu dem Zeitpunkt vermutlich marketing-technisch das Richtige, aber das hat auch eine Erwartungshaltung und Fallhöhe geschaffen, die man mit "Minimalzielen" und Halbzeiten ohne Torchance nicht mehr bedienen kann.

Vielleicht wird da auch einfach viel zu viel hineininterpretiert und das ist eben der Lauf der Dinge, wenn eine Gruppe gemeinsam "altert". Die Faszination lässt nach, vieles wird Routine und Gewohnheit und man wird auch unzufrieden, weil man die Schmetterlinge im Bauch vermisst. Diese ganzen Fanikonen sind das ja nur Fanikonen, weil sie so selten sind. Auf jeden 60-jährigen Allesfahrer, der sein Leben komplett dem Verein gewidmet hat, kommen einfach zigtausende, die im Laufe der Zeit zu Fernsehsesselfans geworden sind, für die Borussia was ist, was man am Wochenende am TV schaut und worüber man ansonsten nur noch am nächsten Morgen beim Bäcker spricht. Wenn zu dieser Gewohnheit dann auch der Unterhaltungsfaktor abnimmt, herrscht eben Unzufriedenheit. Für mich hat die Bedeutung von Fußball, aber auch mein Anspruch an ihn, in den letzten Jahren massiv nachgelassen und ich bin fein damit.

ida

Dito. Aber: gerade die von Phil aufgezeigten Beispiele verdeutlichen ja eigentlich, dass es noch geht. Die CL-Finalsaison hat mich völlig gefesselt. Beim Paris-Rückspiel musste ich die letzten 15 Minuten spazieren gehen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Der Endspurt 2023 hat mich völlig euphorisiert. Aber es muss halt irgendwie um etwas gehen. Dümpelt man irgendwo ungefährdet rum, und das mit unserer Spielweise, dann ist das halt irgendwas zwischen Pflichttermin und Freunde treffen. Das ist auch nicht nur dramatisch.  

sascha

Mich hat die CL-Finalsaison weniger gefesselt. Ich habe das eher aus "akademischer" Sicht irritiert betrachtet und mich permanent gefragt, wieso Terzic mit diesem Fußball Erfolg hat. 😀

Zu viele Spiele, zu wenig Highlights

phil

Ich denke, dass Paris (Heim und auswärts) für alle, die z.B. auch im Stadion waren, komplett unvergessen bleibt. Die Spiele gegen Atlético auch. Denke ich an die Tage in Paris... und ich bin zwar noch keine 60, aber bald 50 und habe von der Relegation 86 an alles live im Stadion erlebt, nimmt bei mir da gar nichts ab. Auch 2023... Augsburg als Höhepunkt. Dann diese unfassbare Pleite gegen Mainz. Letzte Saison das Spiel in Leverkusen und die Aufholjagd unter Kovac. Den Corona-Pokalsieg fand ich trotz der Umstände auch großartig. Und das ist ja nun nur die Beschreibung der Spitzen in den letzten 5 Jahren. Also für mich ist das alles noch intakt.

Klar, die Ligen sind betonierter als vor 15-20 Jahren. Das ödet manchmal an. Dazu kommt die Flut an Spielen, die ja konstant da ist. Das dürfte auch ein großer Faktor sein; es ist – zumal wenn man in die Stadien fährt – manchmal ja wirklich schon stressig und weniger Vorfreude auf Highlights. Und daher rührt sicherlich auch eine Müdigkeit. Es gab die letzten Jahre ja immer mal wieder 3 Spiele in 6 Tagen etc.

Kommt dann noch hinzu, dass eher technokratisch gespielt wird. Aber die schönen Momente sind immer wieder da. Aber am Ende ist das alles natürlich auch individuell. Und jeder muss selbst spüren, ob man da immer noch so viel Zeit, Energie und Geld reinstecken will. Oder halt nicht.

vm_83

Was Ida schreibt, ist mit der größte Punkt: Es muss um etwas gehen.

nmaeurer

Finde den Punkt der vielen Spiele wichtig. Man ist halt überreizt

phil

Ich halte das, neben der allgemeinen Alterung der Stadien, tatsächlich für sehr zentral. Und der betonierte Wettbewerb natürlich. Wäre das alles immer spannend, also auch abseits des BVB, würde das anders wahrgenommen.

Davon ab hat das Spiel selbst eher gelitten. Highlights à la Paris – Bayern sind eher die Ausnahme. Es ist teils mehr Leichtathletik als Fußball. Dazu der VAR. Die Bundesliga selbst hat natürlich auch enorm an Qualität eingebüßt.

nmaeurer

Wobei ich jetzt x-beliebige Spiele in Frankreich, Italien oder Spanien kaum besser finde. In England mag es im Schnitt besser sein, aber ich finde die Qualität als Liga gar nicht so dramatisch, sondern eher diese Zuspitzung auf einige wenige – wobei auch das in andere Ligen genauso und teilweise viel länger ist. Nur ist, glaube ich, der Anspruch an das Stadionerlebnis in Spanien halt auch völlig anders als in Deutschland.

phil

Ja, der Fußball ist in Gänze als Spiel unattraktiver geworden. Die Spieler deutlich weniger spektakulär oder irgendwie auffällig. "Typen" (auch in ihrem Spiel) gibt es nur noch wenige. Das Spiel ist schon sehr technokratisiert. Und je weiter man von den paar absoluten Topklubs in der Welt weggeht, desto mehr. Egal in welcher Liga.

8/10 Spiele erwartet ein BVB-Fan doch einfach, dass man gewinnt. Das war vor 20 Jahren oder gar davor halt noch anders. Selbst in den Jahren, wo man dann z.B. 92-97 wirklich zu den Besten in Europa gehörte. Da fuhr ja keiner nach Karlsruhe oder so und dachte "naja, das muss man schon gewinnen". Man verlor entsprechend 5-6 Spiele auch als Meister. 94/95 haben wir 14 Mal nicht gewonnen 95/96 gar 15 Mal. Und schossen 67 Tore. Heute schießt Bayern München 120 Tore. Und "sogar" Kovac kriegt mehr Tore in dieser Saison wohl hin. Und auch 10/11 waren es ja 5 Niederlagen und 11 sieglose Spiele bei 67 erzielten Toren. Der fulminante Klopp-Fußball bestand ja vor allem aus "Spiel des Gegners kaputt pressen" und sehr effizient sein + defensive Stabilität. Fühlte sich nur anders an.

sascha

Das mit dem Klopp-Fußball stimmt so auch nicht. Habe in der Hinrunde auf Sky nochmal das Gladbach-Heimspiel zur Meisterschaft gesehen, das war mit Gündogan, Kagawa, Kuba, Götze und Lewandowski auch bei eigenem Ballbesitz schon technisch sehr sauberer und anspruchsvoller Fußball.

Fazit

Fehlende sportliche Spannung, eine zu große Lücke zwischen Topklubs und dem Rest der nationalen Ligen, Underperformance und Transferflops, fanpolitische Themen von Kommerzialisierung über Ticketpreise bis hin zur Eventisierung, VAR als Todesstoß für emotionale Momente und unmittelbare Freude, Überdruss durch zu viele Spiele in einem engen Terminkalender, fehlende Identifikationsfiguren auf dem Rasen, individuelle Verschiebung der Prioritäten im Privatleben – die Ursachen für eine zunehmende Entfremdung und eine mangelnde Begeisterung sind vielfältig und werden individuell unterschiedlich bewertet. Und doch wird deutlich: Die Stimmung rund um Borussia Dortmund ist nicht erst seit dieser Saison mies und spiegelt sich in der Unzufriedenheit der Fans – in und außerhalb des Stadions – wider. Quo vadis, BVB?

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