?Die Schläge waren wirklich gezielt?

14.04.2009, 22:13 Uhr von:  Redaktion

Vor dem Spiel des Spitzenreiters der 3. Liga Union Berlin kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Berliner Clubs und der Polizei. Stadionwelt fragte den Fanbeauftragten von Union Lars Schnell was in Paderborn passiert ist.

Stadionwelt: In den Medien und diversen Internetforen gibt es Berichte über das gewalttätige Auftreten der Polizeikräfte beim Spiel SC Paderborn - 1. FC Union Berlin. Du warst als Fanbeauftragter vor Ort und wurdest angeblich sogar in Mitleidenschaft gezogen. Was genau ist in Paderborn vorgefallen?

Schnell: Alles in allem kann man sagen, dass das, was in einigen Foren nachzulesen ist, auch größtenteils stimmt. Wir Unioner kamen mit einem Sonderzug gegen 12.00 Uhr am Paderborner Hauptbahnhof an. Der Zug war mit cirka 800 Fans gefüllt und wurde von Beamten der Berliner Polizei begleitet und auch die Szenekundigen Beamten waren mit an Bord. Die Stimmung im Zug war nicht nur deswegen friedlich und ausgelassen. Es gab auch keinerlei Zwischenfälle im Zug. Doch am Bahnhof in Paderborn erwartete uns eine in meinen Augen total von der Situation überforderte Polizeieinheit aus Paderborn und Bochum.

Stadionwelt: Gab es denn keinerlei Kommunikation vor dem Spiel?

Schnell: Doch, natürlich. Wir hatten sogar einen sehr guten Austausch mit Paderborn. Unsere Choreografie wurde auch genehmigt. Und eine Rivalität zwischen beiden Clubs gibt es ja auch nicht. Das einzige was fehlte, war die Kommunikation mit der Polizei. Diese kam nicht einmal auf uns zu und hat nachgefragt.

Stadionwelt: Aber woher hatten dann die Beamten vor Ort ihre Informationen?

Schnell: Das weiß ich nicht. Aber vielleicht lag es auch daran, dass sie keine hatten und sich auch noch bei der Ankunft am Hauptbahnhof nicht darum bemühten, mit mir oder den SKBs in Kontakt zu treten. Mit Kommunikation wäre die gesamte Situation zu 100 Prozent nicht so eskaliert.

Stadionwelt: Was genau ist denn am Hauptbahnhof in Paderborn passiert? Es gab laut Polizei schließlich fünf Verletzte Personen, darunter auch Fans.

Schnell: Wir kamen wie oben bereits erwähnt gegen 12.00 Uhr am Hauptbahnhof an und wurden direkt von aggressiven Polizeibeamten empfangen. Es hieß dann, dass wir mit Bussen zum Stadion gebracht werden, also wollten viele Fans zum Ausgang des Hauptbahnhofs. Aber zur Verwunderung aller durften wir nicht zum Ausgang. Wir mussten den Bahnsteig abseits des Bahnhofs durch einen schmalen Seitenausgang verlassen. Wo wir dann in kleinen Gruppen die bereitgestellten Busse betreten sollten. Die Polizei hielt es bei den Bussen aber nicht für angebracht, die Leute in die Busse zu lassen, sondern zögerte die Prozedur in die Länge, während die Union-Fans hinten am Bahnsteig von anderen Beamten wie Vieh nach vorne getrieben wurden. Das pikante an der Sache ist, zwischen dem Bahnsteig und den Bussen lag noch ein Abstellgleis, zu welchem es von beiden Seiten mindestens nochmals 40 Zentimeter nach unten ging. Da am Ende der wartenden Gruppe und natürlich beim Zugang zu den Bussen dadurch auch gedrückt wurde, setzte die Polizei nach kurzer Zeit Pfefferspray und Schlagstöcke gezielt gegen uns ein. Dies zeigen auch die im Internet veröffentlichten Fotos und unsere bisher nicht veröffentlichten Videoaufnahmen. Durch diesen absolut willkürlichen Einsatz entstand bei den wartenden Fans Panik. Jetzt zeigte sich auch wie gefährlich das vorhin erwähnte Abstellgleis war. Unsere Fans stürzten fast reihenweise auf das Gleis und verletzten sich zum Teil sogar schwerer. Die von der Polizei erwähnte Zahl von fünf verletzten Personen ist blanker Hohn. Allein bis heute liegt die Zahl der verletzten Unioner zwischen 15 und 20 Personen, mit teilweise komplizierten Knochenbrüchen. Darunter war beispielsweise auch ein 50-Jähriger, von dem bestimmt keinerlei Gefahr für die Polizeibeamten ausging. Wir wissen aber auch, dass sich nicht alle Fans haben behandeln lassen und sich bei uns gemeldet haben. Wir bitten diese aber dringend, sich die Verletzungen ärztlich attestieren zu lassen und auf uns zuzukommen, so dass wir rechtlich gegen den Polizeieinsatz vorgehen können.

Stadionwelt: Ging denn von den Fans irgendwelche Aggressivität nach der Aktion aus?

Schnell: Da muss ich unsere Fans loben. Sie blieben trotz dieser unglaublichen Aktion weitestgehend ruhig. In einem Bus ging zwar hinten eine Scheibe kaputt, was ich natürlich nicht gutheißen kann. Die Polizei stürmte danach übrigens den Bus und zog vorne die Leute heraus, obwohl die Scheibe hinten zu Bruch gegangen ist. Aber im Großen und Ganzen sind unsere Fans vorbildlich gewesen.

Stadionwelt: Gab es denn auch nach den Vorfällen noch weitere Probleme?

Schnell: Ja, nach der kaputten Scheibe im Bus hat sich die Polizei spontan entschieden, dass wir alle den Weg ins vier Kilometer entfernte Stadion zu Fuß zurückzulegen hätten. So eskortierte die Polizei sämtliche Union-Fans in Richtung der neuen Paragon-Arena und gab uns immer wieder Anweisungen, was wir zu tun hätten. An eine erinnere ich mich noch ganz genau. Ich lief mit einem Berliner Polizisten, der eine deutlich sichtbare Polizei-Weste trug, in der ersten Reihe und es hieß dann von den Polizisten in Kampfmontur, dass wir warten sollten. Dies erschien uns auch logisch, da sich die Gruppe doch schon etwas in die Länge zog. Wir drehten uns also um und warteten auf die restliche Gruppe. Im Augenwinkel sah ich dann, wie einige Polizisten auf einmal ihre Schlagstöcke rausholten und auf uns zu rannten. Ich konnte gerade noch meinen Arm nach oben halten, um das Schlimmste abzuwehren. Aber der Polizist mit Leibchen neben mir bekam mit voller Wucht einen Schlag auf den Kopf, so geschehen bei allen wartenden Fans. Und die Schläge waren wirklich gezielt auf bestimmte Körperpartien. Diese Aktion war wie die vorige Aktion am Bahnhof in meinen Augen total überzogen und frei von jedem erkennbaren Grund.

Stadionwelt: Was ist nun geplant, geht Ihr gegen diesen Einsatz vor?

Schnell: Ja, wir werden auf jeden Fall alles daran setzen, dass die Vorfälle lückenlos aufgeklärt werden. Weshalb wir auch alle betroffenen Fans auffordern, sich bei uns zu melden, um Strafanzeige gegen unbekannt zu stellen. Was auch noch sehr interessant zu wissen ist: Bei allen Übergriffen waren keine Paderborner Fans in Sichtweite. Es gab also wirklich keinen Grund für so ein Polizeiaufgebot. Denn die Berliner Beamten im Zug bestätigten die friedliche Stimmung und hätten dies auch den Beamten der Paderborner und Bochumer Polizei vor dem Einsatz sagen können, wenn sie gefragt worden wären. Es ging also für die Polizei keine Gefahr für Leib und Leben aus, die so einen Einsatz rechtfertigen würde.

Stadionwelt, 14.04.2009

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