Unsa Senf

Dieser Brief wurde von schwatzgelb.de an den Verein geschickt: Sehr geehrte Herren Lizenzspieler,...

01.01.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

danke für ihre aufopferungsvolle Leistung im gestrigen Pokalspiel gegen den FC Scheixxe 05, der ja bekanntlich ein Gegner wie jeder andere ist.

Wie viele tausend andere Fans, die ihrem Arbeitgeber zugetan sind, begab ich mich gestern zum Auswärtsspiel ins heimelige Packstadion. Ein fröhliches "Tod und Hass..." auf den Lippen, entstieg ich dem eingesetzten Sonderzug in dem bekannt zentral gelegenen Gelsenkackener Hauptbahnhof. Nach gut beschützter Eskorte durch die gesamte Stadt GE, die in etwa das Flair einer Nordstadtrundfahrt hatte, durfte ich mich mit einiger Verspätung im doch etwas zugigen Stadion drängen.

Glücklicherweise hatte ihr Busfahrer die enorme 35 km-Distanz unterschätzt, so dass das Spiel ihretwegen verspätet angepfiffen wurde und nicht, wie ich irrtümlich annahm, aufgrund der zahlreichen wartenden "Fans".

Die ersten drei Minuten durfte ich mit meinen Begleitern eine keinen Meter preisgebende Dortmunder Mannschaft verfolgen, die leistungsgerecht mit eins zu null in Führung ging. DANKE. Denn leider sollte dieses das mit Abstand einzige erfreuliche Ereignis am gestrigen Abend sein.

Im Anschluss durfte ich mich an diversen südamerikanischen und afrikanischen Schönspielern erfreuen, die dieses Spiel wie jedes andere mit dem ähnlich freudlosen Einsatz wie sonst auch über die Runden bringen wollten. Leider machte die Scheixxer Mannschaft da einen Strich durch die Rechnung, da sie begriffen hatte, worum es geht.

DAS IST KEIN SPIEL WIE JEDES ANDERE, VERDAMMT NOCHMAL, möchte man ihnen zurufen. Dieses Spiel kann man nicht mit 75 % Einsatz gewinnen, noch nicht einmal mit 100 % (wobei ich alle mathematischen Einwände bei Seite wische, sie wissen genau, worum es geht). Nur 110 % Einsatz entscheidet ein Revierderby. Und die waren gestern lange nicht erreicht.

Da sie wahrscheinlich keine Ahnung haben, was so eine Niederlage für den gemeinen Fan bedeutet, hier noch einmal die Konsequenzen:

Wurden wir auf der Hinfahrt im Bus nur durch sämtliche verfügbaren Mittelfinger GE´s empfangen, waren auch Steine und Spucke auf der Rückfahrt nicht unüblich, um uns zu verabschieden. Abgesehen davon, dass wir eine blau-weiße Mehrheit beim Feiern beobachten mussten. Dem gemeinen Lizenzspieler, der sich für die meiste Kohle verdingt, geht das wahrscheinlich am Allerwertesten vorbei, nicht aber dem Fan, der vor ihnen und vor allem auch noch lange nach ihnen mit diesem Verein fühlt. Zurück zu Hause, begab ich mich in einen nicht unbekannte Fußball-Chat, wo ich das nächste Mal der Depp des Tages war. Aber egal, ich bin Borusse, da ist man LEIDEN gewohnt...

Heute dann der nächste Tag. Der Posteingang des Mailprogramms strotzt vor hämischen E-Mails der blau-weißen Bekanntschaft. Auf dem Handy sammeln sich ebensolche SMS. Schön, wenn man Freunde hat ;-) Anschließend der Gang zur Arbeit. Zunächst mitleidige Blicke, dann die Frage: "Wie war es denn gestern in Scheixxe?" AAAAARGGGH! Auch die Kollegen, die sich gar nicht für Fußball interessieren, heucheln Mitleid.

Da tröstet es auch nicht, dass man gestern auf die "Ihr könnt nach Hause fahr´n"-Gesänge ein stolzes: "Hier will ich auch bestimmt nicht bleiben!" erwidern konnte.

Aber es war ja nur ein Spiel wie jedes andere. Bis zur nächsten Enttäuschung verbleibe ich mit freundlichen Grüßen, Ihr,

M., der immerhin dafür gut genug ist, viel Zeit zu opfern, DM 619,- jährlich für eine Dauerkarte zzgl. Auswärtsspiele zu bezahlen und immer noch blöd genug ist, in den wichtigsten Spielen des Jahres dafür eine Gegenleistung zu verlangen.

geschrieben von Mick, 01.12.00

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