Unsa Senf

Modefans... Erfolgsfans... Fans zweiter Klasse?

01.01.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

Wer sich mal die Mühe macht, einen Blick ins Impressum unserer Seite zu werfen, wird vielleicht mit Überraschung feststellen, dass bei einem der „Redakteure“ das Jahr 1995 als Zeitpunkt des Fandaseins für Borussia steht, nämlich bei mir.

Ja, ich bekenne. Ich bin ein gnadenloser Erfolgsfan. Aufmerksam auf Borussia wurde ich zwar schon in der sensationellen UEFA-Cup-Saison, als man erst im Finale an der übermächtigen alten Dame „Juve“ scheiterte. Doch nahm ich die damals nicht überraschende Niederlage mehr kühl und emotionslos zur Kenntnis, als dass ich mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher oder im Stadion gestanden hätte. In den folgenden Jahren steigerte sich die TV-Präsenz der Borussia stetig, wurden namhafte Spieler verpflichtet, das Stadion ausgebaut, und mit jedem Jahr stieg mein Interesse an dem Verein. Als gebürtigem Mainzer kam mir dennoch in all den Jahren nie der Gedanke, mal live ins Stadion zu gehen... Nach Dortmund? Alleine? Da ist doch eh immer alles ausverkauft...

1995 war es, als ich erstmals mit glänzenden Augen vor dem Radio saß, jedes einzelne Tor des FC Bayerns mit stürmischem Jubel begleitete (Borussia hatte damals relativ früh alles klar gemacht, die Älteren werden sich erinnern, und es war alles vom Ergebnis in München abhängig), und nachdem klar war, dass Borussia endlich deutscher Meister geworden war (die Enttäuschung des Verlusts der Meisterschaft 1992, als Stuttgart Sekunden vor Schluss dem BVB die Meisterschale noch einmal aus den Händen gerissen hatte, hielt sich bei mir noch in Grenzen), fischte ich die einzige Fandevotionalie, die ich damals mein Eigen nannte, ein gefälschtes Borussia-Trikot aus Italien, aus dem Kleiderschrank, um allen Menschen, die mich an diesem Tag noch zu sehen bekamen, zu zeigen, wie unheimlich stolz ich auf mein Team war und dass ich als Anhänger des neuen deutschen Meisters doch mit Ehrfurcht und Respekt behandelt werden wollte.

Seit diesem Tage verfolgte ich mit ungebremster Leidenschaft die Geschicke meines Teams, legte mich unter anderem mit meinen Eltern an, weil ich wutentbrannt meinen Fernseher gegen die Wand schleuderte, als damals das Spiel gegen den VfB Leipzig mit 0 zu 1 verloren ging und erntete immer wieder unverständliche Blicke meiner Freunde und Verwandten, weil ich einem Verein die Daumen drückte, der weder Bayern München (gibt es in unserer Gegend mehr als ich zugeben möchte) noch 1. FC Kaiserslautern oder gar Eintracht Frankfurt hieß. Was willste denn mit dieser Truppe, musste ich mich mehr als einmal fragen lassen. Doch was ein echter Fan ist, der behauptet stolz seinen Glauben an sein Team gegen alle äußeren Einflüsse. Zugegebenermaßen kam ich mir hin und wieder vor wie Nick Hornby in Fever Pitch beim Besuch des Spiels Reading gegen Arsenal (für die, die das Buch nicht kennen: Reading war damals Hornbys Heimverein, er wohnte nicht unweit vom Stadion entfernt. Dennoch gehörte seine Leidenschaft dem FC Arsenal. Zum Spiel der beiden Vereine in Reading hatte ihm seine Mutter eine Karte für den Block der Heimmanschaft besorgt... Und da stand er nun, mit seinem Arsenalschal zwischen all den Reading-Anhängern und musste sich Sprüche wie „Heute solltest Du Dein Heimteam anfeuern!“ anhören), doch meine Meinung änderte ich seit dem nicht mehr.

Also bin ich ein Erfolgs- oder Modefan. Ich sprang 1995 auf den fahrenden Zug auf, musste wie andere 20 oder noch mehr Jahre auf meine erste Meisterschaft warten, sondern war gleich sozusagen mittendrin. Ich kann nicht die Aufstellung von Borussia letzter Meistermannschaft vor 1995 herunterbeten, auch das Team, das den ersten Europapokal nach Dortmund holte, ist mir weitestgehend unbekannt, ebenso die harten Jahre in der zweiten Liga oder die Relegationsspiele gegen Fortuna Köln. Meine Erinnerungen beginnen mit legendären Toren von Lars Ricken, mit dem Babysturm, mit dem lustigen Argentinier Rodriguez, mit Sousa und Sosa, mit einem Mann, der für die damals horrende Summe von über 8 Millionen von Inter Mailand verpflichtet wurde. Mit einem Spiel in Kopenhagen, als die mitgereisten Borussia-Anhänger 45 Minuten durchsangen.

Gerne erinnere ich mich an meinen ersten Besuch im Stadion, beim Abschiedsspiel für Michael Zorc, mein erstes Bundesligaspiel mit Borussia, als Wolfsburg glücklich mit 2 zu 1 besiegt wurde. Meine erste Auswärtsfahrt nach Ulm, die gleich einen Sieg brachte.

Seit dieser Zeit habe ich mal stolz, mal kleinlaut von mir behaupten können, ein Borusse zu sein, habe nach der Niederlage in Haching vor Wut meine Dauerkarte zurückgeschickt, um sie zwei Wochen später, längst geläutert, mit einem persönlichen Brief von Rechtsanwalt Gerd Niebaum zurückzuerhalten.

In den nun 15 Monaten, seit ich regelmäßig zu Borussia gehe, habe ich schon fast alles an Höhen und Tiefen miterleben dürfen, was der Fussball zu bieten hat. Den tollen Start 1999, im ersten Jahr unter Skibbe, den späteren Absturz unter demselben und Bernd Krauss, den unvergesslichen Sieg in Stuttgart, als man den endgültigen Grundstein für den Klassenerhalt legte... Das sind zwar keine Geschichten von legendären Relegationsspielen, die fast zweistellig gewonnen wurden, von Heimspielen im „alten“ Westfalenstadion, als die Stimmung noch gut war, aber es sind Ereignisse, von denen man in zehn Jahren auch noch sprechen wird.

Doch was soll diese Rückblende?

Worauf ich eigentlich hinaus möchte, ist die Tatsache, dass man eben nicht zwischen echten und falschen Borussen sprechen kann, von Modefans und Möchtegernfans, die sich mal eben zu der Mannschaft bekennen, die Erfolg hat.

Ist man denn ein schlechterer Fan, wenn man in einer Zeit zur Borussia kam, als diese oben stand? Ist man Fan zweiter Klasse, weil man nicht die schlechten und entbehrungsreichen Zeiten mitgemacht hat? Ist durchgemachtes Leid eine Voraussetzung dafür, um als Fan anerkannt zu werden? Muss ich mir als Fan zweiter Klasse vorkommen, weil ich im ersten Meisterjahr begann, mit ganzem Herzen bei Borussia zu sein?

Ich denke nicht! Sicherlich gibt es auch in Dortmund eine Menge Kids, die letzte Saison mit dem Borussia-Trikot herumgelaufen sind, diese nun mit einem Hertha-Trikot. Doch muss man von diesen auf die ganze Südtribüne schließen?

Manch einer wird jetzt vielleicht den Kopf schütteln und sich fragen: Was will er denn damit erreichen? Sich rechtfertigen, weil er erst 95 Fan von Borussia wurde? Vielleicht. Weil ich hin und wieder das Gefühl vermittelt bekomme, ein Fan zweiter Klasse zu sein. „Die Gnade der späten Geburt“ – oder mehr die „Strafe“?

Wer die letzten knapp eineinhalb Jahre mit der Borussia verbracht hat, kann sich getrost von dem Vorwurf los sagen, eine Mode- oder Erfolgsfan zu sein. Zu viele Tiefschläge, zu viele Niederlagen, eine beispiellose Talfahrt haben wohl noch nicht den letzten Modefan vertrieben. Doch auch Modefans werden älter... werden erwachsen... oder werden Bayernfan.

geschrieben von Micha B., 18.10.00

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