Unsa Senf

BVB verliert durch Börsengang sein Herz?

01.01.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

Die Gerüchteküche brodelte seit Tagen! Jetzt soll es also so weit sein: Die Schwatzgelben sind im Begriff, ihre Pläne, als erster deutscher Proficlub an die Börse zu gehen, zu verwirklichen. Bereits am 31. Oktober dieses Jahres soll´s also los gehen...

Nachdem "Die Welt" am Montag berichtete, dass Borussia Dortmund noch im diesem Jahr an die Börse gehen soll, nannte die "Financial Times Deutschland" (FTD) am Mittwoch bereits Details. Demnach soll dem Bankenkonsortium neben der Deutschen Bank als Konsortialführer auch die WestLB, die WGZ-Bank sowie die Dresdner Kleinwort Benson, sowie die Stadtsparkasse Dortmund und die Dortmunder Volksbank angehören. Schon Ende Oktober sei die Erstnotiz im Amtlichen Handel der Frankfurter Wertpapierbörse vorgesehen, so die FTD.

Der taffe Manager Meier jedoch ist gewarnt. Als Ajax Amsterdam vor geraumer Zeit an die Börse gegangen war, erlebten die Holländer eine böse Überraschung. "Ajax hat damals den falschen Zeitpunkt gewählt," meint Meier verteidigend "für uns wäre es fatal, zu einem falschen Zeitpunkt an die Börse zu gehen". Offenbar scheint er dieses Klima nun zu spüren, denn die "Story" (Perspektive) stimmt - zumindest aus Bankersicht. Folgerichtig schreibt auch der "Kölner Stadt-Anzeiger" am Mittwoch zu diesem mutigen Schritt der Investitionen in Fußballaktien, dass sämtliche Aktionärsschützer vor doppeltem Risiko in dieser Sparte warnen. Neben dem unternehmerischen sei auch das sportliche Risiko zu beachten, er, der Aktionär "müsse ständig am Ball bleiben". Rückschläge mangels Erfolg auf dem Platz seien genauso möglich wie ein steiles Ansteigen des Aktienkurses, so die Experten der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Kann man wohl sagen. Unser Tipp: Bringt erst mal Eure sportlichen Perspektiven dauerhaft in Ordnung, bevor Ihr dem wirtschaftlichen Größenwahn verfallt! Es fehlt dringend in der "Two-Man-Show" der BVB-Verantwortlichen das Managerpotential in der Breite. Zu viele Dilettanten geben sich "im Dunstkreis der Kommandobrücke" da die Ehre! "Mr. Bean" wird da auf Dauer in jeder Weise überfordert wenn er weiterhin den "Hans Dampf in allen Gassen" (neudeutsch: Troubleshooter) spielen muß!

Wie die Vereinsführung von Borussia Dortmund, des fünfmaligen deutschen Meisters und derzeitigen Tabellendritten am heutigen Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Frankfurt bekannt gab, können die Aktien vom 23. bis 27. Oktober gezeichnet werden, die Bookbuilding-Spanne soll am 23. Oktober festgelegt werden. Über den Going-Public des schwatzgelben Bundesligisten war in den letzten Wochen heftig spekuliert worden, der Start ist also keine Überraschung. Abzuwarten bleibt, wie lange es dauert, bis der nächste Club dem Beispiel des BVB folgt.

BVB KGaA ist 395 Millionen Mark wert

Nach Informationen der Tageszeitung "Die Welt" steht der IPO von Borussia Dortmund noch in diesem Jahr an. Die ersten Papiere eines Bundesligavereins könnten bereits ab Anfang Dezember gehandelt werden. Aus Börsenkreisen werden die Einnahmen für den BVB auf rund 395 Millionen Mark geschätzt. Der "Konzern Borussia" beschäftigt derzeit rund 300 Mitarbeiter und schloss das Geschäftsjahr 1998/99 mit einem Rekordumsatz von knapp 170 Mio. Mark ab, je zu einem Drittel aus Zuschauer-, Fernseh- sowie Werbe- und Merchandising-Einnahmen und wies einen Gewinn von fast 1,5 Mio. Mark aus. Ursprünglich sollte der Börsengang auch bereits im Frühjahr erfolgen, nachdem die Mitgliederversammlung des Champions-League und Weltpokalsiegers von 1997 im November vergangenen Jahres grünes Licht für die Umwandlung des Klubs in eine Kapitalgesellschaft auf Aktien gegeben hatte.

Etwa 3 Mio. BVB-Fans würden Aktien kaufen

Wer auf dieser historischen Jahreshauptversammlung in jenem November 1999 einer von 11 000 eingetragenen Vereinsmitgliedern von Borussia Dortmund war, darf sich jetzt dann über eine symbolisch geschenkte BVB-Aktie freuen. Freilich wären es heute schon wesentlich mehr Mitglieder, die danach begehrten, aber der BVB leistet sich seit dieser Zeit einen unverhältnismäßigen Aufnahmestopp und begrenzt die prosperierende Fangemeinde mit drastischen Mitteln.

Aufmüpfige Traditionalisten und Vereinsliebhaber erhalten von BVB-Präsident Dr. Gerd Niebaum und Manager Michael Meier in diesen Tagen wieder vermehrt mit Sätzen wie: "Wir machen Kommerz mit Herz", damit die Identifikation mit dem "Traditionsverein BVB" weiterhin über die Farbe Schwarz-Gelb sichergestellt sei, ihre Absolutionserteilung. Doch das Potential der Kritiker die befürchten, dass der Börsengang eine unüberbrückbare Distanz zwischen Fans und Verein vergrößert, mehrt sich merklich! Tatsache ist, der "Verein des Volkes Borussia Dortmund", der Verein unserer Väter und der Großväter hört de facto auf zu existieren. Sicherlich kann man dem Verfasser unehrlichen Moralismus und Naivität unterstellen, aber die Erinnerungen an die Preißler, Michallek, Tillkowski & Co. werden wohl kaum in die künftige Postmoderne hinübergerettet werden können. Die Bildchen an den Wänden im schmucken "Borussia-Park" in der Nordtribünengastronomie [was für ein Wort, was für ein Verfall der Sitten] werden ja heute schon kaum zur Kenntnis genommen. Tradition im Ausverkauf?

Auf derlei Probleme hingewiesen, verweist Dr. Niebaum immer schnell weiter auf das große Vorbild Manchester United, dem schließlich die Fans auch unerschütterlich die Treue hielten. Klar, denn wo der Erfolg dauerhaft zu Hause ist, verbleibt sich´s halt leicht!

Wann bei uns wieder der Erfolg einkehrt, vermag zur Zeit noch keiner zu erahnen. Wenn man also diesem "Going Public" auch nur irgend etwas positives abgewinnen kann, dann doch wohl noch am Ehesten die Perspektive auf Verstärkung der Infrastruktur für gezielte Nachwuchsförderung... und die Verpflichtung des einen oder anderen kreativen Spielers für Mittelfeld und Angriff in der Winterpause?

geschrieben von BoKa, 05.10.2000

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