Spieler im Fokus

Der einsame Daum: "… und dann kommen die Ratten aus ihren Löchern"

01.01.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

Der Krawattenknoten sitzt perfekt, der Maßanzug fällt wie angegossen um den Körper. Die Haare korrekt gegelt

Reizfigur Christoph DaumChristoph Daum schaut aus wie ein Gentleman. Nur mit dem Grüßen - das will nicht immer so recht klappen. „Zu uns sagt der gar nichts“, klagen Bedienstete aus dem Restaurant der BayArena, „kein Guten Tag, kein Auf Wiedersehen.“

Reizfigur Daum: fachlich stets geachtet, aber in Leverkusen immer auch auf seine Art isoliert.

Richtige Freunde im großen Bayer-Clan? Gibt es für Daum kaum. Mit „geschäftlichen Beziehungen“ lässt sich das Gebaren noch am trefflichsten umschreiben. Private oder menschliche Gemeinsamkeiten zwischen Daum und seinen hochrangigen Mitstreitern? Fehlanzeige.

Die Ausnahme: Reiner Calmund, Daums Freund fürs Leben. „Der Christoph“, sagt Calli, „der kann von seinem Status her nicht jedem nach dem Mund reden. Der muss auch mal die Ellenbogen auspacken.“ Verluste vorprogrammiert.

Da macht der Bayer-Trainer auch vor seinem langjährigen Assistenten und künftigen DFB-Mitstreiter Roland Koch nicht halt. Im Trainingslager in Bad Ragaz geriet das Duo im August aneinander. „Dann mach du doch dein Ding und ich mach meins“, blaffte Daum. Koch schwieg.

Christoph Daum - unberechenbar, undurchschaubar und gerade deshalb klubintern auch gefürchtet. Denn die Bayer-Bosse wissen: Dieser Mann ist jederzeit für ein Ding gut, das in der Chefetage des Konzerns die Kaffeetassen zum Beben bringt. So wie im Frühjahr, als er sich während der heiklen Wechsel-Spekulation in die Türkei mit einem Fenerbahce-Trikot fotografieren ließ. Oder vor 14 Tagen, als er über Stimmen aus dem Jenseits philosophierte...

Der ehemalige Bundesligatorwart Jörg Schmadtke, einst Trainer-Hospitant in Leverkusen, sagt über Daum: „Dieser Typ liegt den ganzen Tag auf der Couch und lernt seine Sprüche auswendig.“ Daums Streben nach Wissen, Macht, Anerkennung - auch das macht einsam.

Und jetzt, wo er auf allen Lebensebenen ins Wanken gerät, fällt sein Auftreten auf ihn zurück. Nun hacken sie von überall auf ihn ein. Calmund hat das Spielchen längst durchschaut: „Wenn Daum keinen Erfolg hat, kommen die Ratten aus ihren Löchern. Das ist wie bei einem Löwendompteur: Wenn der im Käfig ausrutscht, traut sich auch der hierarchisch schwächste Löwe, ihn anzugreifen.“

Daum ist freilich ein Dompteur, dessen Entscheidungen nicht immer unterstützt, sondern zuweilen nur geduldet werden. Zum Beispiel bei der Verpflichtung von Mentaltrainer Gunnar Gerisch. Angeblich zahlt Daum sogar einen Teil von Gerischs Gehalt selbst.

Seine neue Partnerin Angelika Camm hat den Fußball-Lehrer zumindest nicht besser in die edle Bayer-Familie integriert. Beim gemeinsamen Frühstück sorgte sie mit legeren Sitzpositionen für Irritationen, ist bei Auswärtsfahrten meist außerhalb der Gruppe auszumachen.

Solange sportlich alles lief, kratzte in Leverkusen niemand an der Reizfigur Daum - trotz seines umstrittenen Auftretens. Dass jetzt aus vollen Rohren geschossen wird, meint Calmund, „hat sicher auch mit der Art zu tun, wie Daum mit manchen Leuten umgeht. Dafür wollen sie sich jetzt revanchieren.“

Trotz aller fachlichen Qualitäten ist klar: In Leverkusen werden nicht wenige froh sein, wenn Daum Ende Mai die Tür hinter sich zuschlägt. Und zwar nicht nur die Tür des Restaurants.

Jetzt kommt „sein“ Sammer

Immerhin, der Fußball-Lehrer, der sich seit Wochen in "einer Extrem-Position" fühlt, was ihm auch anzusehen ist, freut sich auf das Spiel gegen die Borussen. Zu deren Trainer Matthias Sammer, der im Frühjahr während seiner Ausbildung bei Bayer 04 hospitiert hatte, und dessen Familie sei eine Freundschaft entstanden, die weit über den Fußball hinausreiche. „Wir sind Freunde, von ihm habe ich am meisten gelernt“, sagt Sammer verschmitzt.

Von solchen oder ähnlichen Gefühlen sind die Spieler weit entfernt. Bei den letzten drei Partien gab es 21 Gelbe Karten und zwei Platzverweise (für Reuter und Herrlich). Dennoch: Sammers Arbeit beflügelt den ganzen Klub. Vor allem die Mannschaft, die unter Sammers Vorgängern Michael Skibbe, Bernd Krauss und Udo Lattek nur eine Ansammlung zerstrittener Individualisten war. Vorbei. Stand heute: Platz zwei, Titelkandidat.

Damit ist Sammer erfolgreicher als sein Vorbild, Leverkusens Trainer Christoph Daum, mit dem er sich morgen duelliert.
Sammer setzt auf drei Angreifer und eine Dreierkette in der Abwehr - genau wie Daum. Sammer machte vor der Saison zwei Trainingslager - wie Daum. Sammer verordnet seiner Mannschaft Pressing als zentrales taktisches Mittel - wie Daum. Sammer gibt seinen Spielern Ernährungspläne an die Hand - wie Daum.

Und er ist als Respektsperson unumstritten. So wie Daum es war, bevor die unsägliche Diskussion um seine Bundestrainer-Tätigkeit losbrach. „Wenn früher beim Training unsere Trainer mal wegschauten, dann war schon mal die Luft raus und wir droschen gelangweilt den Ball in die Luft.

Solche Mätzchen können wir uns nicht mehr erlauben. Denn Matthias sieht alles“, verriet Lars Ricken. Außerdem kann der Coach in Luft getretene Bälle noch immer besser stoppen als die meisten seine Spieler.

geschrieben von BoKa, 21.10.2000

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