Fehlfarben

Von der Gnade, [k]einen guten Torhüter zu haben...

01.01.2001, 13:00 Uhr von:  Redaktion

Wer als Fan des FC Schlacke 04 etwas auf sich hält, der besitzt auch den "offiziellen Kalender" dieses Schmuddel-Klubs. Wie es der Zufall so will, ziert den im Monat November ein Bild von Oliver Reck (35). Da haben die Gestalter eine feines Näschen besessen. Nie zuvor ist über den Torhüter so viel Positives auf einmal berichtet worden wie in diesem Monat.

An der Spitze der Meldungen: Reck hat gerade seinen Vertrag um ein Jahr bis 2002 verlängert, um dem dann ablösefreien Heimkehrer "aus der verbotenen Stadt", Jens Lehmann die Schlacker Bude zu übergeben. Es ist noch gar nicht lange her, da hätte allein schon diese Tatsache blankes Entsetzen bei den Nordkurvenfreaks im Packstadion ausgelöst.

Doch jetzt verkündete "Rudi-Cigar" die Nachricht mit einer derart aufgesetzten Begeisterung, als habe er gerade den größten Transfererfolg der Vereinsgeschichte erreicht und meint sogar, seine Fans freuten sich mit. Denn, nach 17 Jahren Bundesliga und insgesamt 413 Partien, hat sich Reck jetzt im Zenith seiner Karriere doch noch stabilisiert. In zwölf Saisonspielen kassierte er nur zehn Tore.

Hat derzeit gut lachen: Olli ReckEine erstaunliche Karriere. Eine Menge andere wären wohl jämmerlich zerbrochen an Schlagzeilen wie diesen: "Ollis Lachparade" oder "Olli, Lachnummer der Liga" oder "Herr Reck, wie ist das, wenn der Ball an die Birne springt?" Das war die erste Pannen-Olli-Zeile am 30. November 1991, als Reck beim 4:3-Sieg seines SV Werder beim FC Bayern München peinlich ziellos durch den Strafraum irrte, bis der Ball von seinem Kopf ins eigene Tor fiel. Seitdem hat er den bösen Beinamen weg, den Hohngesang aller Fanblöcke sicher: "Pannen-Olli". Wer erinnert sich noch daran, dass Reck zweimal Deutscher Meister und Pokalsieger war, zudem auch den Europacup der Pokalsieger gewonnen hat? "Fast keiner", gibt er die Antwort selbst, "ich bin einer der erfolgreichsten Torhüter, stecke aber in der Schublade mit den Peinlichkeiten." Er sagt es scheinbar emotionslos da her. Sollen die anderen doch lachen, meint er. Über Szenen wie jene, als er im Spiel gegen Wattenscheid noch zu retten versuchte, auf den Hintern plumpste, und der Ball hinter ihm ins Tor trudelte. Um im Bild zu bleiben, sagt der Torhüter: "Ich bin immer wieder aufgestanden."

Doch der schlechte Ruf eilte ihm voraus bis tief in den Westen, wohin ihn ausgerechnet "Rudi-Cigar" vor zweieinhalb Jahren lotste. Eigentlich hatte er Frank Rost aus Bremen als Nachfolger für den abgewanderten "Volksheld" Jens Lehmann gewollt, dann ließ er sich aber Reck andrehen. Rolf Rojek, blauer Fanbeauftragter, erinnert sich an die Nachricht: "Wir haben uns an die Köppe gepackt und gefragt: Is der Assauer bekloppt? Will der jetzt Schalke mit dem Pannenonkel zum Gespött der Liga machen?"

Wochenlang versuchten die Fans mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, Reck aus dem Stadion zu mobben. Auf dem Höhepunkt der Pfiffe und Schmähungen zitierte Assauer einmal sogar Artikel eins des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Vergangenheit. Die Buhrufe sind verstummt, was nicht nur daran liegt, dass inzwischen sogar Andrea Möller Himmelblau trägt, was ?richtige? Fans noch immer für die weitaus größere Panne halten. Reck hat durch Leistung und Fan-Nähe überzeugt, sagt Rojek. Und das lebende Vereinsmaskottchen, der ?Flennbauftragte? Charly Neumann, in dessen ?Schloss Berge? Reck zur Miete wohnt, erteilt wie immer in solchen Fällen höchste Weihen: "Der Olli ist heute ein richtiger Schalker."

Der gebürtige Hesse, mit 18 Jahren Bundesliga-Debütant bei den Offenbacher Kickers, sagt, es seien nicht nur sportliche Gründe gewesen, die ihn nach Gelsenkirchen verschlagen haben, weg von der Frau und den zwei Kindern aus Oberneuland bei Bremen. "Die größte Herausforderung war: Ich wollte die Menschen auf Sch*lke von mir überzeugen". Na dann: Elchtest bestanden, müßte man heute wohl oder übel konstatieren.

Doch wie sieht es in seinem Innern aus, nach all den harten Jahren der Schmach und der Demütigungen? Oliver Reck selbst mag darüber nicht sprechen, aber seine Frau Ellie. "Im Laufe der Jahre kauft man die Zeitungen, die immer wieder vom Pannen-Olli schreiben, einfach nicht mehr", sagt sie: "Weil einem das Geld zu schade ist für langweilige Wiederholungen." Dann schildert sie ihren Mann als einen Menschen, den sie für seine Gabe bewundere, Negatives von sich abprallen zu lassen. Die fehlende Selbstkritik, die Reck oft vorgeworfen wurde, sei in Wahrheit sein Naturell. Nur anfangs habe sie sich ernsthaft um ihn gesorgt. "Ich habe zu ihm gesagt: Olli, mach es nur so lange, wie es nicht wehtut." Er habe gelächelt und gesagt: "Dieser Beruf ist das, was ich immer wollte."

Das war das erste und einzige Mal, dass die Familie Reck über die Härten des Alltags in der Bundesliga gesprochen hat. "Wir lassen den Neid und die Intoleranz in dieser Branche nicht an uns heran", sagt Elli Reck mit beballter Faust. Dafür pflegen sie und ihr Mann intensiv Freundschaften wie mit dem Trainerehepaar Beate und Otto Rehhagel, das bei Werder Bremen immer an Reck festgehalten hatte. Zehn lange Jahre. Ohne die beiden, das sagen viele, wäre Werders damaliger Torhüter wohl der Pannenstatistik zum Opfer gefallen. Doch Oliver Reck sieht das anders: "Das Wichtigste war: Ich habe mich nie provozieren lassen." Ein toller Sportsmann war er eigentlich immer, dieser Pannen-Olli. Wenn er sich nur nicht so einen unglücksseligen Verein zum Abschluß seiner unglücklichen Laufbahn gesucht hätte...

Geschrieben von BoKa, 26.11.2000

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