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Warmlaufen - 26.10.2018

"Keine Kompromisse mehr! Hertha nur eine Zwischenetappe!"

Mittwoch. 23:07 Uhr.

„Die Bubis sind heute gegen Atletico erwachsen geworden“, sagt Didi Hamann auf Sky. Schill schimpft über den HSV. Er ist außer sich: „Der Wolf kommt Jahre zu spät. Wir hätten Atletico heute 4:0 schlagen können, aber Klopps Jeans waren denen nicht gut genug.“

Dembowski dreht Hamann ab. „Das Gesülze erträgt doch niemand. Meine Damen und Herren, der DID präsentiert Ihnen Carter USM. Musik ab!“ Der alte Schlager „Suppose You Gave A Funeral And Nobody Came” setzt ein. Schill kann es nicht mehr hören. Justin Hagenberg-Scholz sitzt am Nebentisch und nervt Miriam Wu. „Wegen Tits out, Miriam, verstehste?“ Wu steht auf. „Ich ertrage den nicht mehr, Hauke!“ „Ich auch nicht.“ Dembowksi schnappt sich Hagenberg-Scholz. Schill macht die Tür auf. Der Datenforscher fliegt raus.

Wenig später betritt Malte Dürr das Eck. Interviewtermin. Borussia gegen Hertha. Kronen Ex gegen Schulle.

„Was hat Justin angestellt?“

„Hat einen Witz erklärt.“

„Habt Ihr Craft?“

Im Soldiner Eck trinkt man Schulle. Malte Dürr ist der Neue beim DID, der großen Nachrichtenagentur mit Sitz in der fernen Hauptstadt. Er ist der BVB-Experte schlechthin. Der DID arbeitet nur mit Experten. Die anderen Protagonisten sind: Internationalisierungsikone Miriam Wu, HSV-Fan und Wirt Hauke Schill, Datenexperte Justin Hagenberg-Scholz und Ermittler Dietfried Dembowski.

„Klingt schizophren“ war noch die harmloseste Reaktion, als sich die Redaktion neulich im -Forum zu Wort meldete. Nagel auf den Kopf. Zwei Herzen schlagen in Dembowskis Brust. Er liebt den Ballspielverein, er hat einen Soft Spot für die Hertha, diese konstanten Underachievern und High Potentials aus dem deutschen Silicon Valley. Berlin gehört die Zukunft. Doch das Herz gehört Dortmund. Dürrs Herz gehört nur dem BVB. Im Vorfeld der Partie Favre gegen Dardai stellt sich der Experte den Fragen des DID-Teams. Es geht um Expected Goals, um abkippende Sechser und vertikale Tempoläufe.

Hallo, Herr Dürr. Erinnern Sie sich an den 7. März 2008?

Meine Groundhopping-App sagt, dass ich da im Westfalenstadion war und ein 1:1 zwischen unserem BVB und der Hertha verfolgen durfte. Meine knallharte Recherche ergab, dass Schiedsrichter Babak Rafati eine Rote Karte gegen Marko Pantelic, der wie immer den dicken Maxe in Dortmund machte, zurücknehmen musste. Infolgedessen wurde Berlin-Trainer Lucien Favre (!) auf die Tribüne verdammt. Spaßfakt: In der 89. Minute wurde damals auf Seiten der Gäste für den „Rowdy“ Patrick Ebert ein gewisser Lukasz Piszczek eingewechselt.

Exakt. Eine Sternstunde unter Doll. Endlich passierte mal was im Stadion. 10 Jahre später passiert ständig was. Der BVB ist wieder da, oder?

Ja. Die Lehrstunde für Atlético Madrid am Mittwochabend war einfach episch. Zu vergleichen mit dem 4:0 gegen den AC Milan oder dem 4:1 gegen Real Madrid. Selbst der Terrier Diego Simeone musste seine Unterlegenheit deutlich einräumen. Ein Griezmann hat sich wohl zurück ins WM-Finale nach Russland gewünscht und wie Zagadou dem Straßenjungen Diego Costa die Leviten las, wird unvergesslich bleiben.

Träumen Sie noch von Jürgen Klopp?

Im Moment nicht. Der Fußball des BVB lässt mich momentan eher von den ganz großen Trophäen träumen. Jürgen Gott wünsche ich aber in der Gruppe mit Tuchel und Ancelotti alles Gute, ehe er im Finale der Champions League eine weitere Niederlage – dann gegen uns – einstecken werden muss.

Aufwärmrunde: Wer hat diese Sätze gesagt? „Von Anfang an als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich zu viele Kompromisse gemacht. Kompromisse sind Fehler!“

Wenn Sie so suggestiv fragen, dann kann es ja nur Lucien Favre sein.

Fantastisch. Das stimmt. Legendäre PK im Adlon damals. Favre war down and out. Schau ich mir immer noch an. Those were the days. Jetzt ist Lucien hier. Endlich keine Kompromisse mehr. Wohin führt der Weg des BVB?

Zunächst einmal führt er zu einem anschaulichen Ost-West-Vergleich. Jeder Borusse kann nämlich die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate innerhalb von fünf Tagen am eigenen Leib erfahren. Wenn er will. Denn zunächst kommen die Wessis der Hertha, ehe schon am folgenden Mittwoch die Eisernen aus Köpenick zum Pokal-Klassiker anreisen werden. Wussten Sie eigentlich, dass die von Nina Hagen gesungenen FCU-Hymne „Eisern Union“ eins meiner allerliebsten Fußballlieder ist? Ich höre Sie nahezu wöchentlich. Gerne auch mal laut im Lehrerzimmer.

Ein schreckliches Lied. Ich bevorzuge „Immer Nur Du“, Wolfsburgs phänomenalen Klubsong. Dazu vielleicht nächste Woche mehr. Wenn Atletico Madrid die Reifeprüfung war, was ist dann Hertha? Ein Sieg gegen die Digitalisierungexperten aus der Hauptstadt und der BVB geht als Tabellenführer ins Bayern-Spiel vor der Länderpause.

Hertha ist dann lediglich nur eine kleine Zwischenetappe auf dem Weg zum großen Ziel. Diese Arroganz müssen wir uns momentan einfach erlauben dürfen. Außerdem sehe ich Hertha momentan etwas „overrated“. Mannschaften, wo der Sohn des Trainers oder Mäzens integriert werden müssen, kommen irgendwann einfach an ihre intrinsischen Grenzen. Das ist bei André Watzke bei RW Erlinghausen ganz ähnlich. Schauen Sie sich das im schönen Sauerland mal an. Dann verstehen Sie, was ich meine.

Ganz Deutschland ist verliebt in Marco Reus. Sie gelten als einer seiner größten Kritiker. Hat der BVB-Kapitän bei Ihnen nun bessere Karten?

Ich war nur sein Kritiker bei großen Spielen, wo ich ihn wegen einer offenkundig mentalen Blockade nie aufgestellt hätte. Und man darf trotz seiner tollen Form nicht vergessen, dass er bis heute noch in keinem Finale für den BVB zu überzeugen wusste. Erst wenn er dort einmal nicht abtaucht, kann ich meinen inneren Frieden mit ihm schließen.

Nach 12 Spielen ohne Niederlage wimmelt es in Europa bereits wieder nur so von BVB-Experten. Die internationalen Medien zeigen sich überrascht und beeindruckt. Braucht der Weltfußball einen starken Ballspielverein?

Ja. Denn sonst hat die britische Zeitschrift „fourfourtwo“ Probleme, ein neues „hottest team“ für ihre nächste Ausgabe zu finden. Und auch Sie beim DID werden auf Dauer Probleme kriegen, wenn Sie nur noch über Hoffenheim, Leipzig und den Greenkeeper in Wolfsburg berichten können.

Wir müssen über den Gegner reden, Herr Dürr. Die Hahoherrlichen sind die Topüberraschung der Saison. Ihnen, so die Selbstwahrnehmung, gehört die Zukunft. Der Zuschauerschnitt liegt über 55.000. Berlin eskaliert. Platz 6 in der Tabelle. Aber bei den Expected Points liegt Hertha mit 7.76 nur auf Platz 16, 0.01 vor Düsseldorf. Beim BVB ist das ähnlich. Der Ballspielverein steht mit 14.73 Punkten nur auf Platz 3, nur knapp vor den Lokalrivalen aus Gelsenkirchen. Grundsätzlich: Was entnehmen Sie diesen Zahlen?

Zum modernen Fußball hat Georg Mewes, der Trainer vom SV Hönnepel-Niedermörmter, in der letzten Folge der „Wunderbaren Welt des Fußballs“ von Arnd Zeigler alles gesagt. Sollten Sie diesen spektakulären Beitrag noch nicht gesehen haben, empfehle ich Ihnen eine kurze Suche in einem bekannten Videoportal. Nur so viel: „Die Tabelle lügt nicht!“ Alle anderen Zahlen sind Tinnef.

Lucien Favre und Pal Dardai verbindet eine gemeinsame Geschichte. „Ich habe von ihm sehr viel gelernt, besonders im taktischen Bereich. Es ist ein besonderes Verhältnis“, sagte Dardai vor seinem ersten Duell gegen seinen Ex-Trainer. Das war 2015. Drei Jahre später entwickelt sich Hertha genau in diese Richtung. Sie sind nicht mehr die graue Maus der Liga. Mit viel Geduld hat man sich da eine spannende Mannschaft hingestellt: Lazaro, Grujic, Dilrosun, Duda, Torunarigha, Rekik, Stark. Klangvolle Namen für die Zukunft. Dazu der ewige Kalou, der ergraute Strafraumschlawiner Ibisevic: Die Hahoherrlichen setzen vermehrt auf Ballbesitz und finden die richtigen Positionen, „fummeln“ noch ein wenig zu viel am Strafraum, so der sympathische Ungar nach dem 1:1 gegen Freiburg. Hören Sie überhaupt noch zu, Herr Dürr?

Entschuldigung. Ich habe gerade mein Fußball-Wochenende geplant. Samstag- und Sonntagvormittag lade ich alle BVB-Fans herzlich nach Brackel ein, um unsere tollen Jugendmannschaften zu bewundern. Am Sonntagnachmittag werde ich erstmals ins Hamalandstadion nach Vreden fahren zum Kellerduell gegen Maaslingen. Sollte jemand aus Vreden dies hier lesen, freue ich mich über ein Bier vor Ort.

Vreden, bitte melde Dich! Meine Frage: Nimmt man diese Entwicklung außerhalb Berlins überhaupt wahr?

„Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag!“ (TITANIC-Gründer Chlodwig Poth)

Zurück zum BVB. Die 13 ist eine Unglückszahl. Verliert der BVB gegen Hertha wird das Krisengerede unweigerlich losgehen. Können Sie unseren Lesern schon einmal ein paar Beschimpfungen an die Hand geben?

„Der Rode kassiert seit drei Jahren nur ab.“

„Götze soll sich mal weniger um seine Filmkarriere kümmern.“

„Bei Piszczek ist der Lack einfach ab.“

„Wieso spielen Wolf und Philipp immer wieder, obwohl sie nichts treffen?“

„Ohne Videobeweis hätten wir gewonnen.“

„Jeremy Toljan spielt immer noch bei uns?!“

Herr Dürr, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Malte D. / Steph, 26.10.2018


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