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Spielberichte Profis - 26.11.2018

Auf dem Weg zum Titel, keiner kann uns halten – oder doch?

Fahnenntro in der Mainzer Fankurve

Borussia Dortmund auswärts beim FSV Mainz – da scheiden sich die Geister. Für die einen bleibt der FSV der ewige Karnevalsverein, mit dem knorrige Westfalen nun mal so gar nichts am Hut haben. Für die anderen ist Mainz einer der sympathischeren Clubs der Liga, der für eine langfristige Aufbauarbeit steht und jeden Mäzen von Kühne über Kind und Hopp bis Mateschitz Lügen straft. Während die einen sich jedes Mal über den Stadionsprecher aufregen, der mit seinem ständigen Brüllen nicht nur ungehörig ins Spiel eingreift (anlassunabhängige Animationen über die Stadion-PA während des Spiels gehen gar nicht), freuen sich die anderen über Feuerwurst und Weinschorle.

Will man einen gesunden Mittelweg finden, wird man wahrscheinlich bei der Feststellung landen: Spiele in Mainz verlaufen in aller Regel entspannt. Und der Gastgeber ist in einer Welt der Plastikclubs immerhin ein Verein, an dem man sich reiben kann. Ein konsequentes Ärgernis sind die dabei die Ticketpreise: Von 25 Euro (2009/10) stieg der Preis für einen Gästesitz auf 44 Euro (2018/19) an, für Inhaber einer Auswärtsdauerkarte eines der teuersten Spiele der Saison. Und für einen Club, der trotz vorzeigbarer Leistungen unter notorischem Zuschauerschwund leidet, ein mehr als stolzer Preis. Im Gegensatz zu den Vorjahren Im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen sowohl unter der Woche als auch am Samstagnachmittag große Flächen im Gästeblock leer blieben, waren dieses Mal weniger Tickets im Umlauf – vor dem Stadion konnte dennoch jeder mitgereiste Borusse eine Zutrittsberechtigung ergattern.

Choreografie der DES'99 im Gästeblock

Zusätzlicher Reiz entstand über die Schals, die die Desperados auf dem Gästeparkplatz für 10 Euro an den Fan brachten. Als Teil einer Choreo, die neben einem großen BVB-Wappen aus hunderten Schals bestand und schick anzusehen war, erfreuten sie sich großer Beliebtheit. Als diese nach Spielende den Spielern zugeworfen wurden, entstanden darüber hinaus wunderbare Jubelfotos, die sinnbildlich für die neue Beziehung zwischen Fans und Mannschaft stehen und sicherlich in keinem Jahresrückblick fehlen werden. Eine nette Idee mit einfachen Mitteln gut umgesetzt – Daumen hoch.

Sportlich hatte Lucien Favre die Qual der Wahl. Alle Spieler (!) waren fit und einsatzbereit, sodass für einstige Publikumslieblinge (Shinji Kagawa), unerfüllte Hoffnungen (Maximilian Philipp) wie Sparringspartner (Sebastian Rode) nur der Platz auf dem heimischen Sofa blieb. Die luxuriöse Personallage geriet so auch zu einem Hinweis, welche Spieler sich in absehbarer Zukunft entweder um eine Leistungsexplosion (Philipp) oder gleich einen neuen Verein (Kagawa, Rode) bemühen sollten.

Kunde gehen Marco Reus

Borussia startete fulminant ins Spiel. Das Bemühen, am Erfolg gegen den FC Bayern anzuknüpfen und der im bisherigen Saisonverlauf starken Mainzer Abwehr den Zahn zu ziehen, war von der ersten Minute erkennbar. Nach vier Minuten hätte Dan-Axel Zagadou aus kurzer Distanz vollstrecken können, den Nachschuss setzte Axel Witsel aus ebenso kurzer Distanz abgefälscht über den Kasten. Marco Reus, in bestechender Form und endlich einmal über längere Zeit verletzungsfrei, traf in der 10. Minute nur das Außennetz.

Die Mainzer ließen sich davon nicht unterkriegen und spielten konzentriert weiter. Als sich die erste Sturm-und-Drang-Phase des BVB gelegt hatte, erlangten sie zuerst die Kontrolle über ihre Spielhälfte zurück und setzten zunehmend Nadelstiche in der Offensive. In der 20. Minute zwang Jean-Philippe Mateta Bürki zu einer Glanzparade, in der 27. Minute war es Caricol Aaron – auf der Gegenseite zeigte sich Robin Zentner gegen Witsels Heber aus rund 16 Metern auf der Höhe (21. Minute)

Die Zweikämpfe im Mittelfeld waren meist fair, aber rustikal. Vor allem die Hausherren bemühten sich darum, dem BVB den Schneid abzukaufen und sich über Härte Respekt zu verschaffen. Langten sie doch einmal zu hart zu, kassierten sie wie Alexander Hack (holzte den bemühten, aber unglücklichen Mario Götze auf der Mittellinie um) oder Kunde Malong (holte Achraf Hakimi in Strafraumnähe von den Beinen) gelb. Irgendwann hatte Thomas Delaney genug von diesem Schauspiel und setzte seinerseits ein Zeichen – für sein Einstiegen gegen Mateta gab es ebenfalls gelb.

Thomas Delaney gegen Daniel Brosinski

Zur Halbzeit ging es also mit einem 0-0 in die Kabinen. Borussia startete euphorisch, ließ aber ebenso stark nach und spielte das letzte Drittel lethargisch abwartend. Mainz fand zunehmend besser ins Spiel und zeigte eine engagierte Partie, die eines Anwärters auf den Europapokal durchaus würdig war.

Dieses Spiel setzte sich im zweiten Durchgang fort. Mainz drückte auf die Tube und drängte auf einen Treffer, blieb aber wiederholt glücklos: Nach Zagadous Rettungstat landete Danny Latzas Schuss erst knapp links vom Pfosten (47.), dann wiederum Latzas Distanzschuss am rechten Außennetz (52.). Der BVB musste kämpfen, um sich Spielanteile zurückzugewinnen: nach einem über Götze eingeleiteten Konter flog der Ball in hohem Bogen aufs Tornetz (53.), Jacob Bruun Larsen schoss links vorbei (56.), Götze verstolperte den Ball in guter Strafraumposition kläglich ins Toraus (58.), zwei weitere Angriffe landeten im Toraus (59., 60.), Bruun Larsen wollte seinen Gegenspieler tunneln und gab doch nur ein Schüsschen auf Zentner ab (63.).

Wieder einmal war also eine Situation erreicht, die wir in dieser Saison schon mehrfach erlebt hatten: Ein couragierter Gegner machte den Borussen das Leben schwer, ein echtes Mittel fanden die Schwarzgelben nicht. Der Gästeblock war dafür super aufgelegt und roch Lunte, während die Heimseite eher in Stille Anteil nahm. Favre reagierte und brachte Tormaschine Paco Alcácer für Götze, um nun auch die nötige Durchschlagskraft zu entfalten.

Die Entscheidung

Und wie es vorherzusehen war, hatte auch diesmal der Fußballgott Freude am Kitsch: Alcácer, von Barcelona für ein (relatives) Butterbrot ausgeliehen und erst am Vortag fest verpflichtet, brachte den BVB bereits nach zwei Minuten auf die Siegerstraße. Erst hatte Jadon Sancho den Ball an Quaison verloren und für kleine Aufregung gesorgt, im nächsten Spielzug aber den scharfen Blick für Reus, der mit einer simplen Reingabe die bis dahin grundsolide Mainzer Abwehr aushebeln konnte. Alcácer musste nur noch in den leeren Kasten einschieben – 0:1. Lange hielt die Freude allerdings nicht – bereits drei Minuten später hatte Quaison nach Hacks Vorarbeit mit einem Tunnel gegen Bürki ausgeglichen.

Die Hausherren wollten nun mehr, hatten das Glück aber nicht auf ihrer Seite: Mateta scheiterte vor Bürki (74.), dann fasste sich Lukasz Piszczek in der 76. Minute ein Herz: Nach einigem Gestocher im Strafraum landete der Ball am rechten Strafraumeck, ein Blick, ein Schuss, Unterkante Latte, Tor!

Gewohnte Bilder nach Abpfiff

Borussia war mit diesem Spielstand bestens bedient und tat gut daran, nicht mehr allzu viel zu riskieren. So entstanden zwar noch eine Hand voll halb gefährlicher Aktionen, wurden aber vor allem die Gegner in ihrem Wirken eingedämmt. Ein peinlicher Versuch Matetas, einen Elftmeter zu schinden, hätte in der 82. Minute durchaus mit gelb belohnt werden dürfen (Mateta wand sich vor Schmerzen, konnte nach ausbleibendem Pfiff aber aufspringen und wie ein junger Gott weitersprinten). Auch hätte der Stadionsprecher für seine nervtötenden Animationsrufe im Minutentakt einen Platzverweis verdient gehabt. Doch spätestens, als sich in den überdimensionierten 5 Minuten Nachspielzeit die Kunde vom Ausgleichstreffer der Düsseldorfer in München verbreitet hatte, galt die ganze Konzentration der Sicherung des Sieges.

Dieser war am Ende auch fix: 12 Spieltage, 30 Punkte auf dem Konto, 09 Punkte vor dem FC Bayern und ein ganzes Hertha BSC Vorsprung auf den FC Meineid – ein äußerst schöner Saisonstart, der die ersten Träumereien in Richtung Meisterschaft nun endgültig rechtfertigen dürfte. So behalten die Nörgler zwar recht, dass in den vergangenen Wochen einiges an Glück dabei war und so mancher Punkt nicht zwangsläufig an den BVB hätte gehen müssen. Andererseits haben auch die Träumer einen wichtigen Punkt auf ihrer Seite: Wer nach einem Drittel der Saison die zweitbeste Abwehr der Liga stellt und auch enge Spiele gewinnen kann, ist eben klar auf Titelkurs.

Sieggaranten unter sich

Bis Weihnachten kann der Grundstein für etwas ganz Großes gelegt werden: Ein Pflichtsieg gegen den SC Freiburg und ein noch wichtigerer Derbysieg werden die Signale setzen. Damit wir auch in den kommenden Wochen sagen können: Auf dem Weg zum Titel, keiner kann uns halten!

Statistik

FSV Mainz: Zentner - Bell, Hack, Niakhaté - Brosinski, Kunde, Aaron - Gbamin, Latza - Mateta, Quaison
Wechsel: Onisiwo für Quaison (72.), Boetius für Hack (77.), Maxim für Latza (83.)

BVB09: Bürki - Piszczek, Akanji, Zagadou, Hakimi - Witsel, Delaney - Sancho, Reus, Bruun Larsen - Götze
Wechsel: Alcácer für Götze (64.),Pulisic für Bruun Larsen (77.), Diallo für Hakimi (83.)

Tore: 0:1 Alcácer (66.), 1:1 Quaison (70.), 1:2 Piszczek (74.)
Gelbe Karten: Hack, Kunde - Delaney

26.11.2018, SSC


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