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Unsa Senf - 20.11.2018

Die Südtribüne ist nicht braun

Klare Aussage im Heimspiel gegen Hannover Saison 14/15Dortmund ist eine Nazihochburg. Das ist ebenso traurig, wie ein Fakt, der sich nicht von der Hand weisen lässt. In wenigen anderen Städten gibt es Teile, die so offen als „Nazi-Kiez“ beansprucht werden und wer mal abends durch den Norden und Westen der Stadt fährt, hat gute Chancen, einer Truppe mit schwarz-weiß-roten Fahnen und widerlichen Parolen über den Weg zu laufen. Da ist es fast schon zwangsläufig, dass rechte Kräfte auch in das Aushängeschild der Stadt drängen wollen: unseren BVB. Kein Ort in Dortmund hätte eine größere Symbolkraft für eine (verdeckte) rechte Vormachtstellung als die weltweit bekannte Südtribüne.

Darüber hinaus bietet der Fußball einfach höchst interessante Anknüpfungspunkte für die rechte Szene. Den Hooliganismus mit seiner Gewalt, die vermeintlich gemeinsame Identität einer Gruppe („für die Stadt“) und die starke Fixierung auf mutmaßlich männliche Ideale wie Kraft und Stärke. Und ganz davon abgesehen heißt eine rechtsextreme Gedankenwelt nicht, dass man sich nicht auch für Fußball interessieren kann.

Nimmt man all das zusammen, dann können die Veröffentlichungen der Ruhrnachrichten aus dieser Woche erschrecken, aber nicht verwundern. Dort wurde unter anderem von der Anwesenheit von Sven K., der im Jahr 2005 den Punker Thomas „Schmuddel“ Schulz umgebracht hat und anschließend wegen Totschlags verurteilt wurde, in Block 13 berichtet, wo ihn die Ultragruppen der Darstellung nach mit Handschlag begrüßen mussten, und eine Ansprache der rechten Hooligangruppe „Northside“ in den Räumen von „The Unity“ erwähnt, wo mit mehr als nur unterschwelliger Androhung von Gewalt darauf gedrängt wurde, dass Dortmund keine „linke Szene“ und sich dementsprechend auch nicht zu positionieren habe.

Die Südtribüne ist damit ein weiteres Mal das Ziel von Eroberungsversuchen durch rechtsradikale Kräfte in Dortmund geworden. Nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Die Borussenfront gehört ebenso zu den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte, wie die in den letzten Jahren bekannt gewordenen Versuche der Hooligantruppe „0231 Riot“, sich zur führenden Macht auf der Süd aufzuschwingen. Spätestens durch die antisemitischen Gesänge im Sonderzug zum Pokalfinale in Berlin 2016 trat zumindest bei einem Teil der Mitglieder die rechte Gesinnung offen zu Tage. Zwar hat sich die Gruppe offiziell aufgelöst, um nicht als kriminelle Vereinigung eingestuft und belangt zu werden, aber die Leute sind damit nicht einfach weg. Ein Teil von ihnen ist zum Beispiel zur „Northside“ gewechselt.

Diese Wellenbewegung ist bedrohlich und macht Angst. Von Außen kann man noch so sehr Zivilcourage beschwören, am Ende ist man trotzdem mit ziemlich gefährlichen Typen im Mikrokosmos einer Tribüne zusammen und man kann es niemandem verdenken, der die direkte Konfrontation scheut. Da prallen Wunsch und Wirklichkeit genau so hart aufeinander wie bei der Forderung, dass man derartige Vorfälle unverzüglich bei der Polizei melden sollte. Das ist im Kern zwar richtig, angesichts von Vorfällen wie dem im Jahre 2015, als der Name und die Telefonnummer der Anmelderin einer Flüchtlingsdemo aus unbekannter Quelle in die rechte Szene übermittelt wurde, aber auch nicht verwunderlich, dass nicht bei allen das Vertrauen in die Behörden für einen derartigen Schritt vorhanden ist.

Trotzdem darf man eins nicht vergessen und der Umstand sollte Mut machen: Es ist eine Wellenbewegung. Die Südtribüne ist nicht von rechtsradikalen Kräften überspült worden und sie hat es immer wieder geschafft, sich diesen Umtrieben entgegen zu stellen. Seit mittlerweile 30 Jahren versuchen die Nazis, die Süd zu erobern – und letztendlich gelang es immer, sie wieder zurück zu drängen. Das kann und wird auch dieses Mal funktionieren, wenn man sich als die Wand präsentiert, als die man berühmt geworden ist. Dabei geht es nicht um körperliche Auseinandersetzung, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen und zusammen zu stehen. Sich nicht auseinander dividieren zu lassen durch Diskussionen über Banalitäten wie angestimmte Lieder, sondern das Gefühl zu vermitteln, dass im Zweifelsfall die Süd zusammen steht. Es gibt genug Netzwerke, angefangen bei der Fanabteilung, über den Fanrat bis zum Bündnis Südtribüne, um miteinander in Kontakt zu treten und sich gegenseitig abzustimmen und zu unterstützen. Spruchbänder mit einer klaren Botschaft lassen sich auch außerhalb der Blöcke 12 und 13 präsentieren und schon das nächste Heimspiel gegen Freiburg wäre ein passender Rahmen dafür. Dazu gehört aber auch, ganz klar zu machen, mit wem man sich solidarisiert und mit wem nicht. Singt man zum Beispiel gegen alle Stadionverbote, spricht man sich eben auch dagegen aus, dass der Verein seine stärkste Handhabe im Kampf gegen rechts im Stadion ausübt. Das konterkariert dann auch teilweise die tolle Arbeit der Fanbeauftragten gerade im Bereich der Rassismusprävention.

Das mag wenig klingen, aber rechts geht es immer darum, den Anschein von Normalität und der Vertretung einer schweigenden Mehrheit zu erwecken. Ihnen diese Legitimation zu nehmen, ist Aufgabe der Südtribüne.

Redaktion, 20.11.2018


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