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Unsa Senf - 08.11.2018

Das ewige Lied der Wettbewerbsverzerrung

„Ohne Profis habt ihr keine Chance“

„Wettbewerbsverzerrung“

„Findet ihr so eine Aufstellung richtig?“

„Wie rechtfertigt ihr Retter des Fußballs denn den Einsatz von Profis in der U23?“

- Nur eine Auswahl der Nachrichten, die uns zum Spiel der Amateure gegen Rot Weiß Essen auf Twitter, im Stadion und auf Facebook erreichten.

Ich versuche eine Antwort zu geben. Oder eine differenziertere Sichtweise zu dem Wort „Wettbewerbsverzerrung“.

Trainer der Amas: Jan SiewertViele neigen dazu, zuerst Jan Siewert zu beschuldigen, wenn Profis in der Roten Erde auflaufen. Letzten Endes, wie er schon häufiger erklärt hat, sind ihm aber die Hände gebunden. Er trifft sich regelmäßig mit Lucien Favre und wenn dieser sagt, dass Spieler A und B in der Regionalliga Einsatzzeit sammeln sollen, dann stellt Jan Siewert diese Spieler auf. Jan Siewert ist viel zu überzeugt von seiner eigenen Mannschaft, um bei Favre nach Spielern zu fragen.

Wenn ein Gegner auf den Spielbogen schaut und Namen wie Shinji Kagawa und Sebastian Rode liest, dann ist er vermutlich wütend und denkt, dass das unfair sei. Diesem ersten Impuls würde ich nicht wiedersprechen. Natürlich sind die beiden gestandene Spieler, die eigentlich bei der ersten Mannschaft spielen. Und natürlich ist ihr Niveau ein anderes als das der Regionalligaspieler.

Aber ich hinterfrage diese Aufstellung etwas mehr: Wie viel kann ein Shinji Kagawa zur Mannschaftsleistung beitragen, wenn er die Mannschaft nicht kennt? Auf welchem Niveau ist Sebastian Rode momentan einzuordnen, der seit dem 05.08.2017(!) kein Pflichtspiel mehr für die Profis bestritten hat? Und wie sind herausfordernde Überschriften wie zum Beispiel von Reviersport („BVB II mit 4 Profis gegen RWE“) tatsächlich einzuordnen, wenn einer der Profis Eric Oelschlägel (Torhüter der Amateure) und der andere Alexander Isak (der zum 9. Mal für die Amateure auf dem Platz stand, zudem unter 23 Jahre alt) ist?

Kritiker der Einsätze von Profis in der U23 hantieren gerne mit Zahlen (Marktwerte zum Beispiel). Deshalb will ich jetzt das Gleiche tun:

Julian Weigl kam bei der Niederlage gegen Wiedenbrück zum EInsatzBorussia Dortmund II hat diese Saison bereits 16 Spiele gespielt. 9 Spiele wurden gewonnen, drei gingen unentschieden aus und 4 wurden verloren.In 10 Spielen wurden Profis eingesetzt. Von diesen 10 Spielen wurden 5 gewonnen, 2 endeten in Punkteteilung und ganzen drei gingen verloren. Im Schnitt gab es also 1,7 Punkte pro Spiel. Bleiben 6 Spiele ohne Profis. Hier verzeichnen wir vier Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage. (Bei dieser Statistik wird Isak nicht als Profi mitgezählt, weil er ausschließlich und regelmäßig für die Amateure spielte). Hier sind es im Schnitt 2,16 Punkte. Ein höherer Schnitt also als mit den Profis.

Um die Statistik zu erweitern habe ich auch die letzten beiden Saisons durchgespielt. Auch dort wurde oft von Wettbewerbsverzerrung durch Dortmund II gesprochen. Allerdings beteiligten sich 2016/17 nur 4 Mal Profis in den Spielen und erreichten eine Durchschnittspunktzahl von 2 Punkten pro Spiel. In den restlichen 30 Spielen wurden im Schnitt 1,83 Punkte erreicht. Im Schnitt machte es also keinen gewaltigen Unterschied ob Profis mitspielten oder nicht. In der Saison 17/18 liegen die Durchschnittspunkte noch näher beieinander: In 5 Spielen mit Profis wurden im Schnitt 1,6 Punkte erreicht, in 29 Spielen ohne Profis gab es im Schnitt 1,58 Punkte.

War ebenfalls lange verletzt: Marco HoberAber, um noch einen anderen Blickpunkt darzustellen: Ich persönlich finde den Einsatz von Profis in der Regionalliga auch alles andere als gut. Aber mir geht es dabei nicht um die Wettbewerbsverzerrung. Mir geht es darum, dass unter anderem mein Lieblingsspieler auf die Bank ausweichen muss, wenn Profis geschickt werden. Marco Hober, selbst frisch aus einer Verletzungspause und einer Saison mit wenigen Einsätzen zurückgekehrt. Er benötigt auch Spielpraxis, bekommt diese aber nicht, damit Profis fit gehalten werden. Das ist deprimierend. Und wenn ich schon so denke, wie muss es dann den Spielern gehen?
Ich würde wetten, dass die Amateure lieber einen Punkt liegen lassen würden, wenn sie dafür mit ihrer Stammelf spielen können. Denn dann können sie sich einspielen und im nächsten Spiel gewinnen. Ganz davon abgesehen, dass sie alles für regelmäßige Spielzeiten tun würden. Denn, da hat Siewert auch nicht Unrecht, Spielpausen und dann englische Wochen sind auch eine Form der Wettbewerbsverzerrung.

Um auf die Fragen und Aussagen am Anfang zurückzukommen:

„Ohne Profis habt ihr keine Chance“

Doch, die Statistik von oben beweist es. Die durchschnittlichen Punkte unterscheiden sich nicht viel, in dieser Saison waren wir bisher ohne Profis besser.

Wettbewerbsverzerrung

Ich stimme der Wettbewerbsverzerrung zu, wenn in der Länderspielpause Spieler eingesetzt werden würden, die fest in der Startelf der Profis stehen. Aber nicht bei Spielpraxis für Spieler, die verletzt waren und total aus dem Rhythmus sind. Shinji Kagawa ist gegen Essen herausgestochen. Aber nur, weil seine Einstellung stimmte. Nicht alle Profis haben wirklich Lust auf die Regionalliga und manchen sieht man es an der Spielart an. Zur Wettbewerbsverzerrung gehört viel mehr als nur ein Name auf einem Trikot. Es geht um Begleitumstände, Fitness und Einstellung. In der Regionalliga ist Profi nicht gleich Profi.

„Findet ihr so eine Aufstellung richtig?“

Ich persönlich: Nein. Ich finde die U23 sollte ihre eigenen Spieler spielen lassen dürfen.

„Wie rechtfertigt ihr Retter des Fußballs denn den Einsatz von Profis in der U23?“

Letzten Endes sind wir die falschen Ansprechpartner. Wir stellen sie ja nicht auf, also müssen wir uns auch nicht rechtfertigen. Und ich bezeichne mich ganz davon ab nicht als "Retter des Fußballs".

Auf der Pressekonferenz hat sich ein Reporter derart auf das Wort Wettbewerbsverzerrung eingeschossen, dass alle schon genervt waren. Er stellte immer wieder Fragen an Jan Siewert, die ein „Ja, wir verzerren den Wettbewerb“, herausgefordert haben. Als er diese Antwort nicht bekommen hat, hat er weitergefragt.
Hober oder Kagawa? Hauptsache VorlageIrgendwann ging er sogar soweit, zu fragen, ob es nicht ein großer Unterschied wäre, ob Shinji Kagawa oder Marco Hober 4 Vorlagen geben. An dieser Stelle war ich kurz davor, ihn zu unterbrechen. „Warum ist das ein Unterschied, wenn es die Vorlage so oder so gibt?“ Letzten Endes spricht dieses Argument nicht für eine Ungerechtigkeit, sondern einfach nur für eine schlechte Leistung von Essen, die es auch Marco Hober ermöglicht hätte 4 Vorlagen zu spielen, wenn er von Anfang an dabei gewesen wäre.

Wenn Dortmund am Ende der Saison aufsteigen sollte, dann wird sich jeder auf die Wettbewerbsverzerrung berufen. Falls sie nicht aufsteigen sollten, wird es jedem egal sein, wann welcher Profi gespielt hat.

Falls diese „Wettbewerbsverzerrung“ oder wie auch immer man es nennen mag, euch aufgestoßen hat: Das ist absolut in Ordnung und ich versuche nicht, euch zu überzeugen, dass alles perfekt läuft bei Borussia Dortmund. Ich möchte euch nur bitten, das nicht auf den Rücken der Amas auszutragen. Die Jungs können nichts dafür, wer von oben zu ihnen kommt. Sie verdienen die Unterstützung der Fans. Und sie können auch ohne Profis Fußball spielen.

Falls ihr mir nicht glaubt: Kommt in die Rote Erde und schaut es euch an. Auch, wenn es von der Presse im Moment anders behauptet wird: Die Amateure brauchen keine Profis um zu punkten. Und für sie ist es auch keine Ideallösung mit Spielern zu spielen von denen sie nur den Namen kennen. Das Verhalten auf dem Platz ist ihnen nicht vertraut. Und kein Profi kann ein Spiel allein gewinnen.

Nici, 08.11.2018


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