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Im Gespräch mit ... - 30.10.2018

Sebastian Kehl: "Die Jungs haben selber verstanden, dass es so nicht weitergehen kann"

Am 23.05.2015 lief Sebastian Kehl das letzte Mal in schwarzgelb gegen Werder Bremen auf. Zur neuen Saison kehrte er zum BVB als Leiter der Lizenzspielerabteilung zurück. Im großen schwatzgelb.de-Interview berichtet der "Capitano" davon, was er nach seiner Spielerkarriere gemacht hat, wie die Rückkehr war und wie das Verhältnis zu Lucien Favre ist. Außerdem erzählt er von seinem Aufgabengebiet, den Baustellen, seiner Vorgehensweise und den Ideen für die Zukunft.

schwatzgelb.de: Hallo Sebastian, wie viel Spaß macht es dir aktuell zur Arbeit zu kommen?

Sebastian Kehl: Sehr viel Freude! Ein großes, breites Grinsen ist am Trainingsgelände zurzeit häufig zu sehen, und auch in der Geschäftsstelle ist die Stimmung sehr gut. Daran merkt man, dass man in einem Fußballunternehmen arbeitet und das Wohlbefinden und die Stimmung maßgeblich von Erfolgen beeinflusst werden. Es ist vieles prima im Moment.

Wenn wir ein bisschen weiter ausholen dürfen: War dir nach deiner aktiven Karriere sofort klar, dass du wieder eine Rolle als Trainer oder Manager im Fußballgeschäft – vielleicht sogar beim BVB – einnehmen willst?

Als ich vor drei Jahren hier mein letztes Spiel gemacht habe (3:2-Sieg im Heimspiel gegen Bremen, Anm. d. Red.), habe ich den Blick noch gar nicht so weit nach vorne werfen wollen. Ich wollte bewusst Zeit für mich haben, bin auf Reisen gegangen und habe die Situation genutzt, um ein bisschen Abstand zu gewinnen und die Welt zu sehen. Relativ schnell habe ich dann die Entscheidung gefällt, mich weiterzuentwickeln und dazuzulernen. Es gibt auch beruflich noch so viel zu entdecken. Also habe ich ein Studium bei der UEFA gemacht, nach zwei Jahren im Bereich Management den Master absolviert und auch verschiedene Trainerscheine gemacht. Ich war beim Deutschen Fußball Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL), habe versucht, mir ein großes Wissen anzuhäufen und alle „Stakeholder" kennenzulernen, wie man so schön sagt. Der Wunsch in mir war immer da wieder, eine Rolle im Fußballgeschäft einzunehmen – zu führen, zu gestalten. Dafür musste ich mir aber immer noch die Frage beantworten: Als Trainer oder im Management? Ich habe die Frage für mich erstmal mit „Management" beantwortet, als das Angebot von Borussia Dortmund kam.

Erstmal?

Ich habe in meiner Karriere viele Trainer kennenlernen dürfen, jetzt mit Lucien Favre wieder einen, und empfinde auch den Job eines Trainers als einen total spannenden Beruf. Das ist ein Beruf, der mich auch ein Stück weit reizt, aber ich glaube, dass ich im Management mit meinen Stärken und Schwächen sehr gut aufgehoben bin. Ich fühle mich in der Rolle wohl, also braucht ihr euch da keine Gedanken machen. Außerdem hätte ich für den Trainerposten noch den Fußballlehrer machen müssen, was weitere zehn Monate in Anspruch genommen hätte – die Zeit war nicht mehr da, weil das Angebot vom BVB kam.

Du hast dich in der Zwischenzeit gut auf die Karriere nach der Karriere vorbereitet. Was waren die wichtigsten Dinge, die du gelernt hast?

Zunächst einmal die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln und dazuzulernen. Meine Spielerkarriere war, glaube ich, ganz in Ordnung (lacht). Da war einfach der erste Schritt, den Entschluss zu fassen, etwas Neues zu machen. Es hat mich ja auch hier bei Borussia Dortmund ausgezeichnet, dass ich mich weiterentwickelt habe, dass ich stetig gelernt habe. Dein Leben hört schließlich mit 35 noch nicht auf. Das war also der wichtigste Schritt.

In der Zwischenzeit habe ich dann ganz, ganz viel gelernt: Mich und mein Leben nochmal anders zu strukturieren und Mitarbeiter zu führen, ich habe verschiedene Führungstechniken kennengelernt, mich auf vielfältigste Art und Weise mit Prozessen auseinandergesetzt. Das kann ich jetzt gar nicht alles en détail beschreiben. Als Fußballer habe ich zwar auch ziemlich viel drumherum gemacht, mein Leben generell sehr gut im Griff gehabt und mich auch selbst um einiges gekümmert – aber es gibt auch viele Dinge, die ich nochmal neu lernen musste. Auch jetzt in dieser neuen Aufgabe lerne ich viel dazu. Es macht mir eine Menge Spaß, mich weiterzuentwickeln.

Inwiefern hast du den BVB in dieser Zeit verfolgt?

Am Anfang habe ich den BVB gar nicht so intensiv verfolgt, weil ich bewusst die Distanz wollte. Es gab Phasen, da habe ich bewusst versucht, mich ein bisschen zu lösen. Ich kann mich daran erinnern, dass ich irgendwo auf Hawaii saß und mir das erste Spiel 2015/16 online angeschaut habe. Das war wieder der erste direkte Kontakt mit dem BVB. Weil wir weiterhin in Dortmund gewohnt haben, habe ich mich natürlich auch ab und an mit meiner Familie, insbesondere mit meinem Sohn, ins Stadion begeben. Der ist ja fast im Stadion geboren worden (lacht). Ich habe die Geschehnisse verfolgt, stand mit einigen Spielern in Kontakt, habe die Entwicklung verfolgt und auch einige Dinge mitbekommen, bin aber gar nicht mehr ans Trainingsgelände gefahren. So habe ich einige Themen in der Entstehung nur als Außenstehender mitbekommen. In der vergangenen Saison habe ich aber schon mitbekommen, dass es einige Probleme gab. Deswegen wollte der BVB ja auch etwas verändern.

Welcher dieser Punkte hat dann dazu geführt, dass du dich selbst „genötigt" sahst, mitanzupacken?

Erst einmal ist der BVB für mich eine Herzensangelegenheit. Das war der größte Grund zurückzukommen. Das lag weniger an dem, was auf dem Platz oder daneben nicht zu 100% funktioniert hat. Ich glaube einfach, für diesen Club weiterhin wichtig sein zu können. Und für diesen Verein zu arbeiten, ist etwas ganz Besonderes. Das war die erste Motivation, hier wieder anzufangen. Aber natürlich haben wir auch gespürt, dass Prozesse innerhalb der Mannschaft nicht mehr optimal gelaufen sind. Das haben die Analysen im Sommer gezeigt. Wir hatten viel Unruhe aufgrund einiger Spieler- und Trainerwechsel, das Verhältnis zu den Fans war nicht gut...Wenn man nur an das letzte Heimspiel von Roman Weidenfeller in der abgelaufenen Saison denkt, als fast die komplette Südtribüne die Spieler auf dem Weg zur „Süd" ausgepfiffen hat: Das schmerzt natürlich, weil ich auch weiß, wie die Jungs sich gefühlt haben. Ich glaube, es war wichtig, Dinge zu verändern. Und Michael Zorc und „Aki" Watzke hatten die Größe zu sagen, dass sich etwas verändern muss. So haben wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht.

Da waren jetzt schon ein paar Punkte drin, die wir gleich noch aufgreifen werden. Aber wie sah denn konkret deine Rückkehr aus? Hast du „Aki" einfach angerufen?

Michael und „Aki" haben mich angerufen. Für mich war klar, dass ich auf jeden Fall in diesem Sommer eine neue Herausforderung angehen wollte, und es gab auch Angebote von anderen Vereinen, aber als „Aki"und Michael mit ihrer Anfrage kamen, war mir klar, dass ich wieder zurück zum BVB will. Dann haben wir uns ein paar Mal zusammengesetzt, haben natürlich darüber gesprochen, was für ein Rollenverständnis wir haben, was für Schwerpunkte, was für Ideen. Auf dieser Basis haben wir uns geeinigt und dann ging die Arbeit auch direkt los.

Was waren die ersten Aufgaben, die du in Angriff genommen hast, nachdem du dein Büro bezogen hast?

(Lacht) Das Büro war gar nicht da. Das haben wir auf der vierten Etage oben bei Michael erst neu installieren müssen. Dadurch haben wir jetzt natürlich die Möglichkeit, sehr eng zusammen zu arbeiten.

Meine Stelle wurde komplett neu geschaffen, und das macht es manchmal auch nicht so ganz einfach, weil viel Kommunikation und Abstimmungen notwendig sind, aber im Grunde habe ich direkt losgelegt: Ich habe mich mit der Mannschaft beschäftigt, die Gespräche mit Lucien Favre liefen schon, die Kaderplanung war notwendig – es hat viel Freude gemacht. Diesen Prozess mit zu begleiten und direkt mit einzuwirken, das war auch ganz wichtig. Es hätte nichts gebracht, wenn ich erst angefangen hätte, nachdem die Mannschaft schon da ist. Es war klar, dass der ganze Prozess viel Arbeit notwendig macht und dann habe ich viele Stunden hier mit „Aki", Michael und dem ganzen Team zusammengesessen und am Neustart gearbeitet.

Was waren die größten Herausforderungen, die du im Verein gesehen hast?

(überlegt lange) Wir haben uns zuerst mit der Analyse beschäftigt. Mit den sportlichen Themen, auf die ich mich fokussiert habe, hatten wir schon eine Menge zu tun. Einen neuen Trainer zu installieren, eine neue Mannschaft auf die Beine zu stellen, Abläufe zu verändern, die Spieler zu integrieren, das allein ist bereits eine große Aufgabe.

Auch das Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans wiederherzustellen, war ein Ziel. Mir war klar, dass wir die Dinge wieder geraderücken müssen, bevor wir das erste Spiel gegen Leipzig spielen. Wir haben uns dazu entschieden, die Treffen mit den Fandelegierten und dem Fanrat zu machen und uns offen und ehrlich auszutauschen.

Dann habe ich mich mit den Strukturen beschäftigt, ein neues Organigramm für die Abteilung erstellt, mich mit allen Mitarbeitern zusammengesetzt – Ich habe zum Beispiel mit jedem meiner Mitarbeiter, die in der Lizenzspielerabteilung tätig sind, ein mehrstündiges Gespräch geführt, um erstmal ein Gespür dafür zu bekommen, was sich in den letzten drei Jahren verändert hat und was passiert ist. Wo haben sich Prozesse verändert? Wo sind Abläufe anders geworden? Wo müssen wir einschränken, wo müssen wir gegensteuern? Ich glaube, wenn man sich intensiv mit den Mitarbeitern beschäftigt, die mit viel Herzblut hier arbeiten, dann bekommt man ein gutes Gespür dafür, was nicht so gut gelaufen ist, und da haben wir dann direkt angefangen, Veränderungen herbeizuführen. Das mag nur ein kleiner Baustein sein. Die größere Veränderung war dann sicherlich die Verpflichtung von Lucien Favre und die Art und Weise, wie er Fußball spielen möchte.

Du sagtest gerade schon, dass es eine neu geschaffene Stelle ist. Wie ist dein Aufgabenbereich genau abgesteckt?

Mein Aufgabengebiet ist extrem vielfältig, einiges habe ich gerade ja schon benannt. Ich beschäftige mich mit meinen Mitarbeitern, schaffe neue Strukturen – wo haben wir Bedarf, wo müssen wir uns professionalisieren, wo müssen wir neue Stellen schaffen? Ich habe daran gearbeitet, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir gerüstet sind, wenn die Mannschaft am 01.07. hier antritt, damit der Neustart gelingt. In der täglichen Arbeit sind es dann Präsenz am Trainingsgelände, Gespräche mit der Mannschaft, Gespräche mit dem Kapitän, Austausch mit dem Mannschaftsrat und dem Trainer, Unterstützung bei der Analyse, die Reha- und Fitnessabteilung führen, die medizinische Abteilung führen und stärken. Es sind ganz viele Themen, vor allem auch Schnittstellen zu den anderen Abteilungen hier in der Geschäftsstelle zu schaffen, die allesamt mit der Mannschaft zu tun haben. Es ist super vielfältig, und ich will da jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen. Bei mir ist auf jeden Fall keine Langeweile aufgekommen (lacht). Ich bin sehr ambitioniert, manchmal auch noch ein bisschen ungeduldig, aber ich glaube, dass wir in Sachen Neustart einige Dinge sehr gut auf den Weg gebracht haben, obgleich wir noch nicht am Ende sind. Das ist ein längerer Prozess.

Wie sieht deine Zusammenarbeit mit Lucien Favre aus?

Total vertrauensvoll und sehr intensiv. Es war klar, dass der Trainer, der den Verein und die Personen hier gar nicht kannte, auch erstmal schauen musste und wollte, mit wem er da jetzt zusammenkommt. Er hat seinen Co-Trainer Manfred Stefes mitgebracht und wir haben ihm mit Edin Terzic und Mathias Keinsteiber zwei neue Personen für sein Team bereit gestellt, die er nicht kannte. Dann ist da noch eine neue Position namens „Leiter der Lizenzspielerabteilung" in Person von Sebastian Kehl, den er noch als Spieler kannte, der jetzt zusammen mit Michael Zorc ebenfalls an der Mannschaft arbeitet. Ich glaube, Lucien benötigte dann ein bisschen Zeit, um das alles kennenzulernen, die Strukturen kennenzulernen – der Verein ist dann doch ein bisschen größer als all das, was er in der Vergangenheit so hatte. Und ich glaube, er musste sich auch ein bisschen daran gewöhnen, Trainer von Borussia Dortmund zu sein, mit all den Aufgaben, der Fankultur, der Tradition.

Es ging am Anfang darum, Vertrauen aufzubauen, Ansprechpartner zu sein, einen Mehrwert zu liefern, mit ihm über Fußball zu diskutieren, zu analysieren, mitzudenken. So ist dieses Verhältnis entstanden und basiert mittlerweile auf sehr viel Vertrauen. Die Erfolge in den letzten Wochen geben uns natürlich einen Schub. Das hat uns allen ein Stück weit geholfen, um den Start voranzubringen. Die Mannschaft hat sehr schnell begriffen, wie er spielen lassen möchte. Dass wir trotzdem Geduld haben müssen, das war klar – die ersten Wochen waren ja auch ein bisschen holprig, obwohl wir Siege eingefahren haben. Und es wird auch immer wieder Phasen geben, die nicht so leicht laufen wie aktuell.

Das ist schön zu hören. Kurzfristig hast du schon einiges angestoßen. Was steht mittelfristig auf deiner To-Do-Liste?

Da gibt es noch einige Dinge, die ich im Kopf habe. Im Moment, das muss ich auch sagen, bin ich mit den Dingen, die mich täglich beschäftigen, ganz gut ausgelastet. Da muss ich mir auch Räume schaffen, mich mal zurückzuziehen und Dinge voranzubringen, die mich darüber hinaus umtreiben. Dafür sind auch die Runden mit „Aki", Michael und Matthias Sammer da, in denen wir uns über zukünftige, strukturelle Dinge abseits des Tagesgeschehens unterhalten. Das ist eine sehr befruchtende Runde. Ich muss aktuell natürlich auch lernen, mich und meine Aufgaben zu priorisieren. Ich mache grundsätzlich viel mit meinem Team zusammen, aber auch einiges alleine. Die alltäglichen Dinge sind schon sehr vielfältig, und da lerne ich gerade nochmal vieles direkt in der PraxisDu hast gerade schon die Runde aus Watzke, Zorc, Sammer und dir angesprochen. Gerade bei den „Mentalitätsspielern" Witsel und Delaney wird oft gesagt, dass diese Verpflichtungen auf dem Input von Matthias Sammer beruhen. Inwiefern kann man verpflichtete Spieler überhaupt einem Mitglied der Runde zuschreiben?

Diese Diskussionsrunden werden immer sehr kontrovers geführt und sind inhaltlich am Erfolg von Borussia Dortmund ausgerichtet. Grundsätzlich hat Michael die Gesamtverantwortung für den Kader. Matthias hat ja keine operative Aufgabe im Verein. Wir diskutieren laufend verschiedene Namen und das haben wir auch im Sommer getan, weil allen klar war, dass wir Kaderveränderungen vornehmen mussten. Es fehlte vielleicht eine gewisse Art von Robustheit, eine gewisse Art von Mentalität. Da hat natürlich jeder in unserer Runde seine Meinung dazu. Wir haben die Vorschläge kontrovers diskutiert, und am Ende hat Michael die Spieler- und Beratergespräche geführt. Daher geht es auch gar nicht darum, wer wen ins Spiel gebracht hat. Thomas Delaney beispielsweise war schon vor Bestehen dieser Runde auf dem Radar von Borussia Dortmund.

Generell hat Michael bereits, bevor es diese Runde gab, gezeigt, welch gutes Näschen er seit Jahren hat. Da muss man ihm ein großes Kompliment machen. Zum Beispiel einen Spieler wie Jadon Sancho oder andere Jungs, die wir im Kader haben, hierher zu holen, muss man erstmal schaffen. Da waren auch in der Vergangenheit schon tolle Transfers dabei.

Gab es denn bestimmte Eigenschaften, die im Sommer priorisiert wurden?

Wie schon erwähnt, ging es um Mentalität und eine gewisse körperliche wie mentale Robustheit. Wir haben festgestellt, dass uns das im letzten Jahr gefehlt hat. Deshalb lag in diesem Jahr der Schwerpunkt auf diesen Komponenten. Einen erfahrenen Spieler wie Axel Witsel in den Verein zu holen, war lange Zeit nicht unbedingt die Philosophie von Borussia Dortmund. Vorher haben wir vor allem junge Spieler geholt, die sich entwickeln können – und die Liste mit Spielern, die jetzt woanders spielen, aber hier ihre ersten Schritte gemacht haben, ist sehr lang. Trotzdem war uns klar, dass wir an der Struktur der Mannschaft etwas verändern müssen, ihr eine andere Charakteristik geben wollen. Immer auch vor dem Hintergrund, was wirtschaftlich möglich ist.

Im Interview mit uns sagte Hans-Joachim Watzke zum Stichwort „Identifikation mit dem Verein", dass du zu diesem Thema sehr klare Positionen und Pläne hast, über die du lieber selbst berichten sollst. Wie sehen diese Positionen und Pläne aus?

Ja, das Wort „Plan" ist an dieser Stelle genau richtig, weil manche Dinge auch noch ein bisschen Zeit brauchen. Ich habe mir diesbezüglich ein paar Sachen vorgenommen, weil ich glaube, dass die Integration eines Spielers, der hier zu Borussia Dortmund kommt, auf der einen Seite vom Verein begleitet werden muss, auf der anderen Seite aber auch im Verantwortungsbereich des Spielers liegt. Die Dinge, die wir von Vereinsseite steuern können – zu zeigen, was es bedeutet, für diesen großartigen Club zu spielen – ist Teil unserer Aufgabe. Dafür brauchen wir eine konkrete Peron. Da geht es zum Beispiel um administrative Dinge in der Stadt, wie die Wohnungssuche oder Eingliederung der Kinder in den Kindergarten. Es ist wichtig, dass sich ein Spieler schnell heimisch fühlt, dass er schnell in der Stadt ankommt. Nur, wenn er die BVB-Familie spürt, wenn er in der Stadt ankommt, kann er sich auf den Verein einlassen und konzentrieren, um auch die beste Leistung abzurufen. Das hat in der Vergangenheit an der einen oder anderen Stelle nicht geklappt. Am Ende sind unsere Spieler einfach Menschen, die sich auch wohlfühlen müssen, die ein Umfeld brauchen, das sie stützt und führt. Das gilt besonders, wenn man Spieler aus anderen Kulturkreisen holt, die die Sprache nicht sprechen.

Am Ende ist Dortmund einfach Dortmund – die Fußballhauptstadt zweifelsohne – und nicht London oder Madrid, also keine Weltstadt. Aber wir haben hier viel zu bieten, und das müssen wir den Spielern klarmachen. Außerdem müssen wir sie auch mit den Mitarbeitern in der Geschäftsstelle verbinden, die tagtäglich für sie arbeiten. Da sind wir noch nicht am Ende, das wird noch Zeit benötigen. Ich halte die Integration in den Verein und in die Stadt für elementar wichtig. Auch klarzumachen, was es bedeutet, in unserem Stadion zu spielen.

Wie sieht das konkret aus?

Ich finde unter anderem die Idee spannend, einem Spieler, der hier ankommt und einen Vertrag unterschreibt, ein cooles und der Generation angepasstes Imagevideo zu zeigen, das noch mal klarmacht, für welchen Club er sich da entschieden hat, wie cool und besonders der Verein ist. Damit kann man ihn erstmal abholen und das Bewusstsein schaffen, wo er gelandet ist. Außerdem fand ich die Idee der Stadttouren mit dem Spieler und seiner Familie, die immer mal wieder gemacht wurden, um ihnen die Stadt näher zu bringen, auch super. Wir könnten einen Restaurant- oder Kidsführer kreieren, um zu zeigen, was man an freien Tagen machen kann: Hier sind Möglichkeiten für deine Familie, wenn du zu Spielen unterwegs bist. Die Sprache lernen gehört unabdingbar dazu, auch für die Familie. Wir wollen für Kindergartenplätze sorgen und Hilfe für die Frau anbieten, die auch in ein völlig neues Umfeld kommt – zum Beispiel dabei behilflich sein, wenn sie studieren oder beruflich Fuß fassen möchte. All das folgt einem Konzept, das am Ende jemand begleiten muss. Das ist ein wichtiger Baustein für die Integration der Spieler.

Inwiefern helfen dir deine eigenen Erfahrungen vom Wechsel nach Dortmund, immerhin bist du auch nicht hier geboren? Oder ist das nicht vergleichbar, weil du deutschsprachig bist?

Bei mir kam nach einem halben Jahr noch die Meisterschaft dazu. Besser konnte ich eigentlich gar nicht anfangen. Ich glaube, wenn man als in Deutschland aufgewachsener Spieler nach Dortmund kommt, ist man der Sprache mächtig und weiß auch, was es bedeutet, für Borussia Dortmund zu spielen. Das ist etwas komplett Anderes. Ich bin selbst in der Lage, einen Hörer in die Hand zu nehmen und mir einen Internetanschluss zu organisieren oder ein Konto zu eröffnen. Für mich persönlich war es noch einfacher, weil ich schon mit 16 von zu Hause weggegangen bin und dadurch sehr selbstständig war. Ich hatte keinen Berater für solche Sachen. Ich glaube, die heutige Generation ist da anders, und wenn man als junger Spieler aus dem Ausland hierherkommt, dann sind die Hürden höher – an vieles denkt man da noch gar nicht. Einiges wird den Jugendlichen heutzutage auch abgenommen, wodurch sie ein Stück weit unselbstständiger werden...

Nochmal: Integration heißt für uns auf der einen Seite unter die Arme greifen, auf der anderen Seite aber auch dazu befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen. Wir wollen, dass die Jungs Entscheidungen – wichtige Entscheidungen – auf dem Platz treffen, und dann müssen Spieler auch außerhalb des Platzes Entscheidungen für sich und ihre Familien treffen können. Dann werden es große Spielerpersönlichkeiten.

Marc-André Kruska sagte bei uns im Interview: „Im Erfolg entwickelt sich der Teamgeist, im Misserfolg siehst du dann, wie stark er wirklich ist." Auf der Tribüne konnte man letzte Saison spüren, dass auf dem Platz keine zusammengewachsene Mannschaft spielt. Das Team blieb sportlich hinter den Erwartungen, befand sich also nicht gerade in der Erfolgsposition, die man zum Aufbau eines Teamgeists nutzen konnte. Wie bist du dieses Problem angegangen?

Der erste Schritt war, dass die Jungs selber verstanden haben, dass es so nicht weitergehen kann. Dann hatten wir einfach auch Zeit, um gewisse Dinge aufzuarbeiten. Der Wechsel von Ousmane Dembélé zum Beispiel, auch der ein oder andere Trainerwechsel, haben zu sehr viel Unruhe innerhalb der Mannschaft geführt. Durch etwas Abstand im Sommer, durch eine gewisse Klarheit, die wir jetzt wieder hereinbekommen haben – in Abläufe, in Regeln, in das Thema Disziplin – aber auch durch einige Dinge, die aus der Mannschaft heraus entstanden sind, war es gar nicht so schwierig, allen bewusst zu machen, dass wir diesen Neustart auch von innen heraus richtig leben wollen und müssen. Da ist die Mannschaft dann vorweg gegangen.

Wir haben einen neuen Kapitän und einen neuen Mannschaftsrat bestimmt (Marcel Schmelzer, Julian Weigl, Thomas Delaney, Lukasz Piszczek, Marco Reus, Manuel Akanji Anm. d. Red.). Ich habe den Jungs immer wieder klargemacht, dass es eine neue Verantwortung ist, die sie jetzt tragen. Sie haben eine Verantwortung für das Team und für jeden einzelnen Mitspieler. Sie müssen Dinge auch eigenständig klären. Ich glaube, da hat es auch geholfen, dass im letzten Jahr einiges an Kritik kam, woran sich die Spieler dann orientiert haben. Trotzdem muss man täglich aufpassen, dass sich nicht wieder Dinge einschleichen und einschleifen. Es ist immer wieder wichtig, jeden Tag auf die Kleinigkeiten zu achten.

Mit Thomas Delaney und Axel Witsel habt ihr ganz bewusst Spieler mit Führungsqualitäten hinzugeholt, der Mannschaftsrat wurde bestimmt. Kann man eine Mannschaftshierarchie wirklich von außen vorgeben oder muss die von innen wachsen?

Ich glaube, dass wir keine Entscheidung getroffen haben, die die Mannschaft nicht auch selber so getroffen hätte. Wir hatten klare Vorstellungen für den neuen Kapitän und dafür, wer Stellvertreter wird. Und auch der Mannschaftsrat sollte eine Mischung sein: Aus jungen Spielern, aus Spielern, die schon länger da sind und Verantwortung übernehmen wollen und auch aus Neuzugang Thomas Delaney, der bereits Deutsch spricht. Da haben wir eine gute und akzeptierte Mischung. Und trotzdem kann ein Axel Witsel, der nicht im Mannschaftsrat ist, Verantwortung übernehmen und unser Kopf im Mittelfeld sein.

Ist das die Grundlage für die bärenstarke Moral, die man zum Beispiel gegen Augsburg sehen konnte?

Ich glaube, die Benennung des Mannschaftsrates hat nichts mit dem Ergebnis gegen Augsburg zu tun. Viel wichtiger war, dass die Mannschaft erkannt hat, dass sie in der Pflicht ist, die Qualität, die sie zweifelsohne hat, auch regelmäßig abzurufen. Die Ambitionen konnten in der Vergangenheit durch viele Schwankungen nicht unter Beweis gestellt werden. Da haben sich einige an der Ehre gepackt gefühlt. Der Neustart war eine gute Chance, auch für die jungen Leute, zu zeigen: „Das ist nicht Borussia Dortmund. Wir können mehr." Und dann ging es los...

Um nochmal Hans-Joachim Watzke zu zitieren: „Sebastian weiß, was der BVB-Fan sich vorstellt." Was stellen wir uns denn vor?

Was „Aki" damit vermutlich zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass ich als jemand, der 14 Jahre hier gespielt hat, die DNA des Clubs kenne und weiß, was der Verein für die Menschen bedeutet. Werte wie Bodenständigkeit, Hingabe, Leidenschaft, sich aufopfern, alles geben, auch wenn es manchmal nicht zum Erfolg führt – wie wichtig das diesen Menschen hier ist und wie viel es ihnen bedeutet, alle zwei Wochen in dieses tolle Stadion zu gehen, wie viel Geld sie investieren, wie viel Zeit sie opfern und beispielsweise ihre komplette Planung nach dem Verein ausrichten. Ich habe das verinnerlicht, weil ich hier lange gespielt habe, weil ich ein paar Derbys gewonnen habe, weil ich Titel mit dem Verein gewonnen habe. Ich denke, dass es hilfreich ist, den Verein in dieser Art zu kennen und dass es wichtig ist, dass auch an die Spieler zu transportieren, die neu dazukommen und die noch nicht wissen, was es heißt, ein Derby zu gewinnen oder sogar zu verlieren.

Was sind denn Mittel und Wege, um das Verhältnis zu verbessern? Du hattest gerade schon die Treffen in der Sommerpause genannt.

Die waren sehr wichtig, um den Fans sowohl im Fanrat als auch bei der Fandelegiertentagung – und ich war auch in einer kleineren Gruppe unterwegs – mal die Möglichkeit zu geben, ihre Stimme zu erheben und zu sagen, was ihnen nicht gefallen hat und was sie von uns erwarten. Ich glaube, es ist wichtig, das immer wieder kund zu tun, denn dieser Verein lebt von den Fans. Das müssen wir immer wieder pflegen, und solche Maßnahmen gehören einfach dazu.

Wir haben uns mit etlichen Spielern diesen Fragen gestellt und etwas Luft gemacht. Dann ist der Dortmunder auch so ehrlich und bereit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und zu sagen: Auf der Basis fangen wir jetzt wieder neu an. Ich glaube, diese Leidensfähigkeit, die der Dortmund-Fan hat, ist etwas, was ihn ausmacht. Das letzte Jahr war einfach blöd, und dann machen die Fans ihrem Unmut Luft, aber trotzdem ist klar, dass wir fest und treu zusammenhalten. Und letztendlich sind sie immer wieder da, ob wir oben oder unten stehen. Die Menschen wollten etwas kundtun, und die Möglichkeit haben wir ihnen gegeben.

Dann gibt es Kleinigkeiten, die wir eingeführt haben: Vor dem Spiel immer in die Ecken oder vor die Südtribüne gehen und zeigen „Schön, dass ihr da seid!", nach dem Spiel die Runde machen und sich bedanken, „Schön, dass ihr da seid!" – und hoffentlich mit einem Applaus verabschiedet werden. Das sind auch Dinge, die die Mannschaft wahrgenommen hat und ich glaube, es ist klar, dass da jetzt eine andere Mannschaft auf dem Rasen steht und eine ganz andere Gemeinschaft herrscht. Wir alle spüren wieder dieses Dortmund-Gefühl, das uns einst so stark gemacht hat!

Kommen wir noch zu einem etwas brisanteren Thema: Der belgische Fußball wird aktuell von einem Erdbeben erschüttert. Es geht um Korruption, organisiertes Verbrechen und auch um Spielabsprachen. Auch der Trainer unseres CL-Gegners Club Brügge, Ivan Leko, wurde vorübergehend festgenommen. Wie präsent ist das Thema in der Mannschaft?

Also ganz ehrlich, das war in der Mannschaft überhaupt kein Thema. Wir wurden von unserem Direktor Kommunikation über das Thema informiert. Ich habe mich damit natürlich kurz beschäftigt, weiß aber nicht, wie der jetzige Stand ist. Als ich das Spiel zwischen Brügge und Monaco im Fernsehen gesehen habe (Parallelspiel zum 4:0-Heimsieg über Atlético, Anm. d. Red.), saß er wieder auf der Bank. Deswegen kann ich da wenig zu sagen. Ich kann nur sagen, dass es in der Mannschaft kein Thema war.

Hattest du selber mit dem Thema schon mal Berührungspunkte, zum Beispiel mal das Gefühl, ein Spiel sei verschoben gewesen?

Nein, und bei der Antwort kann ich euch ganz klar in die Augen schauen. Ich habe mit diesen Themen nie irgendwelche Berührungen gehabt und auch nie das Gefühl gehabt, dass etwas abgesprochen läuft. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Aber dass es vielfältige Arten und Weisen gibt, um Geld zu verdienen, ist klar. Dass es auch Idioten gibt, die meinen, sie müssten einen Anschlag auf die Mannschaft verüben, um Geld zu verdienen, ist dann die andere Seite des Sports, der so in der Öffentlichkeit steht und in dem größere Summen bewegt werden.

Dann danken wir dir schon mal dafür, dass du dir die Zeit genommen hast. Abschließend aber noch eine Frage: Wer wird Deutscher Meister?

(überlegt lange) Ich hätte vor der Saison auf Bayern München getippt und würde im Moment den Tipp auch nicht revidieren wollen.

Das hast du schön diplomatisch formuliert.

Ich glaube, die Bayern werden sich noch mal fangen. Dass sie uns zumindest wieder ernst nehmen, zeigt auch die Berichterstattung und ich sehe es als großes Kompliment an, dass unsere Arbeit als sehr erfolgreich wahrgenommen wird. Wir haben immer wieder betont, dass es Geduld und auch eine weitere Sommer-Transferperiode braucht, um unsere Vorstellungen umzusetzen. Ich glaube, wir tun bei aller Euphorie, die wir alle gerne mitnehmen, bei aller großen Freude und bei allem Spaß, gut daran, diese Bodenständigkeit, die wir uns vorgenommen haben, zu behalten und etwas Zurückhaltung zu üben. Ich will keinen Fan bremsen, aber zumindest auf der Mannschaftsseite sollten wir nicht ins Träumen geraten. Das überlasse ich gerne euch Fans. Genießt es, wir wissen, wie schwierig es noch in anderen Phasen sein kann.


Larissa, NeusserJens, Kev und Seb, 30.10.2018


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