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Eua Senf - 20.10.2018

Kaltakquise 2.0

Auch in einem mittlerweile 41-jährigen Leben gibt es diese Momente, die einen an einen Beginn zurückdenken lassen und eben so einen Moment hatte ich am vergangenen Samstagnachmittag.

Alles begann mit einem Facebook-Gewinnspiel eines Supermarktes, der Tickets für die Oktober-Heimspiele meiner Borussia verloste. Erfahrungsgemäß eher chancenlos bei solchen Verlosungen, forderte ich mein Glück wieder einmal heraus und wurde positiv überrascht, als ich kurz nach Ablauf des Gewinnspiels benachrichtigt wurde, das ich vier Karten für das Heimspiel gegen den FC Augsburg im Familienblock gewonnen hatte.

Erfreut darüber, meiner Familie einen Stadionbesuch ermöglichen zu können, lief die Maschinerie an, die meine beiden Töchter (10 und 6), bestmöglich aufgestellt, auf ihre Tempelpremiere vorbereiten sollte. Mal eben online Trikots bestellt (gleich mal neue Trikots für meine Frau und mich dazu) und die Mädels auf den BVB eingeschworen.

Plötzlich war diese Aufregung und Euphorie wieder zu spüren und ich erinnerte mich an meine BVB-Vergangenheit zurück, die heute wie die Reise in eine, leider, längst vergessene, romantische Vergangenheit führt:

Als ich am 17.06.1977 geboren werde, ich der Ballspielverein Borussia Dortmund von 1909 gerade mal knappe 68 Jahre alt und gerade wieder in die Bundesliga aufgestiegen.

Als Kind war ich (und bin es bis heute) ein großer Tierfreund und nutzte jede Gelegenheit, mit meinem Vater, der stilecht auf der Kokerei in Huckarde arbeitet, die umgebenden Zoos zu besuchen und ein solcher Zoobesuch in Dortmund stand auch am 12.03.1988 geplant und wir sind bereits auf dem Weg, als mein Vater mich fragt, ob ich nicht lieber mal zum BVB gehen möchte, der am gleichen Tag ein Heimspiel gegen die Eintracht aus Frankfurt austrägt.

Meine Stadionpremiere in der Bundesliga hatte ich zwar bereits im Sommer davor gefeiert, als wir, während einer Ferienfreizeit das Heimspiel des SV Werder Bremen gegen den VfL Bochum im Weserstadion besuchten, aber diese Bundesliga hatte mich, im Gegensatz zu vielen meiner Schulfreunde, noch nicht in ihren Bann gezogen.

Trotzdem sage ich einfach mal „ja“, als mein Papa fragt, vielleicht auch einfach als kleines Dankeschön, weil er mich immer wieder zu irgendwelchen Zoos in Köln, Wuppertal, oder in dieses Gelsenkirchen, fährt.

So parken wir dann, anstatt am Tierpark (so heißt er damals offiziell noch), in der Nähe des Stadions und kaufen an einem der geziegelten Kassenhäuschen zwei Karten für die Nordtribüne, auch sowas ging damals noch…

An diesem Samstag laufen beim, von Reinhard Saftig trainierten, BVB Teddy de Beer, Helmer, Hupe, Kleppinger, Kutowski, Lusch, McLeod, Andy Möller, Susi Zorc, Mill und Nobby Dickel auf (Storck und Raducanu werden eingewechselt), während bei der Eintracht z.B. Manni Binz oder der Vater von Ebi Smolarek spielen.

Der BVB gerät in der ersten Halbzeit mit 0:1 in Rückstand, dreht das Spiel aber in Halbzeit zwei durch Helmer, Hupe und Mill zu einem 3:1 Heimsieg, so dass meine Stadionpremiere als geglückt betrachtet werden kann.

Von da an sind wir oft auf der Nordtribüne zu finden, wo es einen harten Kern von BVB-Fans gibt, die mich schnell in ihrer Mitte integrieren…

In den kommenden Spielzeiten begleite ich den BVB bei allen Heimspielen zum späteren Pokalsieg 1989, verabschiede ich den Helden von Berlin bei seinem Abschiedsspiel und erlebe tolle Spiele mit Spielern wie meinem absoluten Idol Flemming Povlsen.

Aus dem mittelmäßigen BVB erwächst in den 90ern erstmals wieder eine ernstzunehmende Spitzenmannschaft, die 1991/1992 plötzlich wieder um die Meisterschaft spielt (und diese unglücklich kurz vor Schluss an den VfB Stuttgart verliert).

Diese Zeit war wahrscheinlich meine aktivste BVB-Zeit, in der ich oft am Trainingsgelände kiebitzte, jedes Jahr mindestens ein neues Trikot kaufte und, außer zu Auswärtsspielen des BVB auf dem Bökelberg, im Wedau- oder im Parkstadion, auch zu anderen Bundesligaspielen wie (warum auch immer) SG Wattenscheid 09 – VfB Leipzig fahre…

Über ein UEFA-Cup-Finale, das ich mit tausenden anderer Fans auf dem Friedensplatz erlebe, und bei dem die alte Dame aus Turin, mit Möller und Kohler, noch ein paar Nummern zu groß für den BVB ist, steuert meine Borussia in der Hitzfeld-Ära 1994/95 verdient auf den ersten Meistertitel seit Ewigkeiten zu.

Am vorletzten Spieltag fahren mein Vater und ich nach Duisburg, wo der BVB, durch einen zwischenzeitlichen 2:0 Rückstand gegen den MSV schon aus dem Rennen scheint, das Spiel aber, vor allem durch Stefan Reuter, noch in einen 3:2-Sieg umbiegt und so am letzten Spieltag die historische Chance hat, Deutscher Meister zu werden.

Es ist der 17.06.1995, mein 18. Geburtstag, als ich von einem Ordner am Eingang, auch ohne Karte, durchgewinkt werde und mir meine Borussia das größte Geschenk zur Volljährigkeit macht. Nach dem Stadion mache ich kurz Station auf meiner eigenen Familienfeier, um nach einer halben Stunde wieder in die Stadt zu fahren. Am nächsten Tag schwanke ich auf dem Friedensplatz zwischen Jubel und Tränen, als Flemming verabschiedet wird.

Die kommenden Jahre geraten zu einem Triumphzug für den BVB und ich bin urplötzlich als Verkäufer der Stadionzeitung mittendrin, verdiene alle zwei Wochen ca. 20,- DM und bekomme, noch dazu, eine Arbeitskarte, die mich dazu berechtigt, auf der Süd, direkt hinter dem Tor, die Spiele mit zu verfolgen.

1995/96 wird der Titel verteidigt und in der Saison darauf spielt der BVB um einen weiteren Lieblingsspieler, Paulo Sousa, überraschend um Europas Krone. Im Stadion fiebere ich bei tollen Spielen gegen Auxerre oder Manchester United mit und bin wirklich traurig, dass ich nicht an eine Karte für das Finale in München komme…

Am Abend vor dem Finale, dem 27.05.1997, sitze ich, mittlerweile Bio-Student in Bochum, mit Freunden in unserer Stammkneipe, als plötzlich eine Bekannte meint, dass ein Freund ihrer Eltern erkrankt sei und Fahrt und Karte für das Finale nicht nutzen kann. Eine Stunde später habe ich beides für 200,- DM (inkl. Hotel) übernommen und sitze im Bus nach München, wo ich im, Trikot mit der Nummer 13, auf Höhe der Mittellinie im Olympiastadion sitze und eine Sternstunde des BVB vor Ort miterleben darf. Ungläubig bejubele ich die Tore von Kalle Riedle und drehe mich in der 70. Minute schimpfend weg, als Ottmar Hitzfeld den bei mir nicht gerade beliebten Lars Ricken einwechselt…

Als ich mich wieder zum Spielfeld drehe, ist der Ball bereits unterwegs zum Jahrhunderttor und beschert mir eine Partynacht in der Stadt des größten Kontrahenten, in der die einschlägigen FCB-Kneipen bereits geschlossen haben, während man in den Gaststätten der 60er freundlich aufgenommen wird.

Während meines Studiums finanziere ich mir das selbige immer wieder mit Ferienjobs, wobei mir im Sommer 1998 die Zeitarbeitsfirma eine besondere Stelle zuteilt. Ich, der geborene Theoretiker, bekomme eine Hilti in die Hand gedrückt und darf für eine süddeutsche Baufirma Löcher für die Bestuhlung von Nord- und Südtribüne in der, sogenannten, Ausbauphase II bohren. So bin ich als Bauhelfer auch im Stadion, als der neue Sportmanager Michael Zorc einem schmächtigen, jungen Brasilianer das Stadion zeigt, in dem dieser bis 2011 spielen und sich zu einem der besten Linksverteidiger seiner Zeit entwickeln wird.

Durch die Tätigkeit für die Stadionzeitung hatte ich zudem das Glück auch einige Spiele der Nationalmannschaft (gegen Nordirland, die Ukraine und Schottland), sowie das UEFA-Cup-Finale zwischen Liverpool und Alaves 2001 im Westfalenstadion zu erleben, wodurch ich auch zum Anhänger der Reds wurde (und es bis heute bin).

2002, das Studium war bereits Geschichte und ich war kurz vor dem Abschluss meiner Ausbildung zum Bürokaufmann, lernte ich dann meine jetzige Frau kennen und schleuste sie ebenfalls in den Kreis der Zeitungsverkäufer ein, während der BVB eine erneute Meisterschaft mit Spielern wie Kehl, Rosicky, Amoroso und Koller einfuhr, die den Verein, wie man im Nachhinein erfahren musste, bereits an den Rand seiner Existenz brachte.

Danach plätscherten die Jahre unter wechselnden Trainern, mal in Abstiegsgefahr, mal im europäischen Wettbewerb vor sich hin. Am Ende der Saison 2005/2006 ging ich als Zeitungsverkäufer in Rente und wurde zur Saison 2006/07 Besitzer einer Dauerkarte im Block 13 der Südtribüne (wie immer behielt ich meinen Platz und meine Stadion-Clique hinterm Tor bei). „Wir“ versauten den Blauen die Meisterschaft, qualifizierten uns nach Jahren voller Blamagen endlich mal wieder für das Pokalfinale, das wir unglücklich gegen den Stern des Südens verloren und dann kam plötzlich dieser neue Trainer aus Mainz und mit ihm Spieler wie Hummels, Subotic, Schmelle, „Manni“ Bender, Shinji, Götze und Kevin.

Borussia war wieder in, aber ich hatte mich, trotz der sensationellen Spiele und der Titel zwischen 2010 und 2013, in der Zwischenzeit ein wenig von meiner Borussia entfremdet. Mittlerweile gab es eine Ehefrau und zwei Töchter und die Stadionbesuche wurden seltener. Die Dauerkarte habe ich immer noch, allerdings wurde sie, mangels Zeit und oftmals auch aus Bequemlichkeit (zu kalt, zu warm, Regen, oder andere vorgeschobene Gründe) in den letzten Jahren zu einer Art Dauerleihgabe an eine gute Freundin.

Zwar verfolgte ich, mal mehr und mal weniger euphorisch, die Spiele bei sky, allerdings datierte mein letzter Stadionbesuch jetzt auch schon auf den 24.10.2012 (Schmelzers 2:1 gegen die Königlichen aus Madrid).

Und dann ist plötzlich dieser 06.10.2018, knapp 30 Jahre nach meinem ersten Besuch im Westfalenstadion.

Wir, alle im Trikot, parken für 7,- € an der Westfalenhalle und marschieren mit zwei aufgeregten Kindern zuerst an wartenden Besuchern des „Dortmunder Herbst“ und des „Syndicate“ vorbei, passieren dann die Helmut-Körnig-Halle und kaufen uns vor der Roten Erde Mineralwasser und Radler, kehren dann ins alte Stadion ein, essen eine Bratwurst und plötzlich kommt, wie aus dem Nichts, das Gefühl von zuhause sein zurück.

Über den vollen Stadionvorplatz zum Nordwest-Eingang, wo ich registriere, dass ich bisher noch nicht mal in der neuen Fan-Welt war, im Strom der drängelnden Masse vorbei an Kontrollen und elektrischen Kartenlesern (so wäre ich 1995 garantiert nie reingekommen), geht es auf unsere Plätze im Familienblock, Reihe 22, Plätze 1-4.

Nobby verliest, wie schon seit Ewigkeiten, die Aufstellung, das Stadion singt, hymnisch und gänsehautbescherend „You´ll never walk alone“ und dann geht es auch schon los.

Während die Kleine relativ schnell die Lust verliert und sich langweilt (wahrscheinlich ist Euphorie bei einer 6-jährigen auch ein wenig zu viel verlangt), befasst sich die Große damit, wie sie ihr Zugangsbändchen zum Familienblock bloß je wieder vom Arm bekommt. Währenddessen jagt Reus eine 100%ige Chance in Richtung Oberrang Nord und Augsburg verkauft sich überraschend gut, geht sogar mit 1:0 in Führung.

Alles wie immer also, der BVB kann die Tabellenführung festigen, oder zumindest verteidigen und dann sowas…

Die zweite Halbzeit beginnt, Favre ersetzt den glücklosen Philipp durch Paco Alcacer und plötzlich steht es 1:1. Das Stadion erwacht und mit ihm mein alter Heimspiel-Kampfgeist. Ich erwische mich widerholt beim Beschimpfen des Schiedsrichters, beim Fluchen über unfähige Borussen (Augsburg schießt das 2:1) und unfaire Augsburger, die an diesem Tag sieben gelbe Karten sammeln.

Weigl geht vom Platz und es kommt, ausgerechnet, Mario Götze, einer der wenigen Gründe, die mich zuletzt emotional mit dem BVB verbunden haben (aufgrund der dauernden Medien-Hetzjagd durch sky, Bild und Konsorten). Ein komisches Gefühl liegt in der Luft, lässt sich im Stadion fast schon greifen.

Freistoß Guerreiro; Direktabnahme Paco; 2:2! Es wird laut, wie nach jedem Heimspieltor. Während unsere 6-jährige meiner Frau auf dem Schoß klebt und ihr Stadion-Erlebnis somit ziemlich einschränkt, bemerke ich im Augenwinkel eine, eigentlich, introvertierte 10-jährige, die plötzlich anfeuert und versucht, die Lieder der Süd mitzusingen.

Wieder ein Angriff des BVB, Frau und Tochter 2 planen schon den Aufbruch, Hakimi bekommt den Ball, spielt ihn in die Gasse, Ballannahme schräg vor dem Tor und dann explodiert das Stadion. Er, das Klopp´sche Versprechen in die Zukunft, der zum Feind gewechselte Judas, der WM-Goldjunge 2014, der (in den Medien und bei vielen ans und Experten) gescheiterte Star, erzielt das 3:2!

Ich bin mir plötzlich nicht sicher, ob da mehr Druck von diesem 26-jährigen, oder von den über 80.000 auf den Tribünen abfällt, aber schon bin ich wieder abgelenkt von dieser 10-jährigen, die Nobby´s Jubel „mit der Nummer 10: Marioooo…“ fünf mal laut mit „Götze, Götze, Götze, Götze, GÖTZEEEEEE“ erwidert (ich würde schwören, sie ist lauter als unser Held von Berlin über den Lautsprecher). Sie steht neben mir, schreit und eskaliert fast, rote Wangen, glänzende Augen (bekommt sie doch wieder Scharlach???). Wir klatschen uns ab, geben uns dann aber Mama und der Kurzen geschlagen und gehen langsam Richtung Auto, der Sieg ist uns jetzt ja sicher…

Wir verlassen die Tribüne und es wird still, der Fernseher im Innenraum zeigt ein Augsburger Tor (bestimmt eine Wiederholung), aber plötzlich steht es 3:3 und wir gehen über den verlassenen Vorplatz. Ein- oder zweimal hört man die Tribünen raunen, dann müsste das Spiel eigentlich zu Ende sein.

Alles wie immer, mein BVB ein Spiegelbild unserer gemeinsamen 30 Jahre zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Meine Frau checkt das Handy, 3:3; aber das Spiel läuft noch. Wir sind schon an der Westfalenhalle, als uns plötzlich 80.000 Menschen akustisch einholen. Mein BVB ist wieder zurückgekommen, auch das ist eine seiner Charaktereigenschaften in unseren 30 Jahren…

Zurück im Auto schreit eine beseelte 10-jährige noch mindestens fünf Mal: „Die 84. Spielminute, 3:2 für unseren BVB, Torschütze, die Nummer 10… Mariooooo GÖTZE!!!“, zuhause angekommen aktualisiert sie ihren WhatsApp-Status mit Fotos aus dem Stadion (wie hab ich das 88 eigentlich verarbeiten können?), freut sich, dass sie im Stadion laut schreien kann, ohne, dass es jemandem auffällt (immerhin schreien die Anderen ja auch) und lächelt sich abends in den Schlaf.

„Eins noch, Papa! Entschuldige, dass ich das so sagen muss, aber das war heute total GEIL!“

Es scheint, als würde sich die Geschichte widerholen…

DANKE für 30 Jahre, alter Freund! Schön, dass wir uns wiederhaben.

Gastautor Tim, 15.10.2018


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