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Unsa Senf - 13.10.2018

​Oh Captain, my Captain!

Marco Reus und Paco Alcacer mit guter Laune

Es ist der Moment gekommen, um Abbitte zu leisten. Das möchte ich hiermit tun, im Namen aller Berufsskeptiker, Generalkritiker, Meckeromas, Zweifler, Pessimistinnen und Bauchgefühlfolger unter den BVB-Fans, die sich zusammen mit mir jahrelang schwer getäuscht haben in einem Menschen, den ich heute ohne eine Sekunde zu zögern als den wichtigsten in unserem Team beschreiben würde.

Doch von vorne:

Als Reus 2012 zur Borussia kam, gab es nicht wenige Stimmen, die das Ganze skeptisch oder sogar besorgt beäugten. Rekordtransfer hieß so “kurz” nach dem 14. März 2005 letztendlich vor allem eines: Risiko. Dazu geschah die erste (und letztendlich wohl erfolgreichste) Rückholaktion beim BVB in einer Zeit, in der Borussia der heißeste Scheiß in Europa war.

Reus’ Aussage, die Borussia den Bayern vorgezogen zu haben, weil er in Dortmund geboren ist und sich hier zuhause fühlt, wurde dann auch mit einem Lächeln abgetan. Natürlich fühlt er sich hier zuhause, er ist ja auch beim Doublesieger!

“Der war ja schonmal weg.”

Richtig schlimm um Reus’ Standing unter den BVB-Fans, zumindest in der aktiven Fanszene, wurde es aber, als sein Zwilling Götze, seinesgleichen Dortmunder Wunderkind und tief mit der Borussia verwurzelt *räusper*, nicht mal ein Jahr später zu den Bayern wechselte. Spätestens ab diesem Moment war sich jeder sicher: der Abgang von Reus ist nur eine Frage der Zeit. Der war ja schonmal weg. Dem geht es doch nur ums Geld. Der ist doch genau wie Götze, schau mal seinen FB-Account an! Und wer war in der Mannschaft nach dem Abgang von Götze der einzige Spieler mit einer Ausstiegsklausel? Natürlich Marco Reus!

Dann kam 2014 die Geschichte mit dem Führerschein dazu. Selbstverständlich äußerst naiv (böse Zungen würden es sogar dumm nennen) und dazu auch einfach nur gefährlich und für einen Fußballer zu dem so viele junge Leute aufblicken auch extrem verantwortungslos. Reus bereute, entschuldigte sich, gelobte Besserung. Doch die Fans waren noch nicht mal enttäuscht. Was will man von einem Marco Reus schon erwarten. War ja klar, der kleine Star braucht sowas nicht, der hat ja seine teuren Autos und wenn es sein muss kauft er sich frei.

Und dann kam das erste kleine Anzeichen, dass wir vielleicht falsch liegen könnten. Marco Reus verlängert im Februar 2015 seinen Vertrag und der BVB verkündet: Es gibt keine Ausstiegsklausel mehr. Moment... Was??? Der BVB steht auf Rang 16, hochgeklettert von Rang 18 am Spieltag vorher, und unser größter Star verlängert seinen Vertrag? Und dann lässt er auch noch seinen einzigen Verhandlungstrumpf weg? Gut, das war dann schon ein Ausrufezeichen. Dennoch überwog die Skepsis. In der heutigen Internet-Meme-Zeit wäre wohl sowas wie “Not sure if Mohikaner or Fake” aufgetaucht. Aber er hat ja bestimmt auch viel mehr Geld bekommen für den neuen Vertrag.

Mr. 1:0 wurde er schließlich genannt.

Doch so langsam begann man sich in Dortmund ein wenig für den verschmähten Dortmunder Jungen zu erwärmen. Dazu trug auch bei, dass Reus – egal wie lange er verletzt war – einen Tag nachdem er vom Arzt für spielfähig erklärt wurde, nicht selten die Sterne vom Himmel spielte. Immer, außer in den wichtigen Spielen, so erzählt man sich in Dortmund. Mr. 1:0 wurde er schließlich genannt. Weil er immer das wichtige erste Tor schoss. Nur nicht in den wichtigen Spielen. Im Finale taucht er immer unter. Für das Pokalfinale gegen Wolfsburg ernannte man ihn zum Alleinschuldigen. Hätte Reus das 2:0 gemacht... So gab es eben wiederum keinen Titel für Reus. Kein Mitleid, hat er ja selbst versemmelt.

Vorspulen in die Saison 2017/2018. Reus war lange verletzt (wie oft in den Jahren davor auch) und konnte wenig beitragen. Als der BVB im Oktober begann in eine tiefe Krise zu schlittern, hatte Reus bereits seit 5 Monaten kein Bundesliga-Spiel mehr bestritten. Und es sollte noch bis Anfang März dauern, ehe er wieder eins bestreiten würde. Der ist ja immer verletzt.

Marco Reus im Spiel gegen den Club gegen Hanno Behrens

Das erste Mal, dass ich tatsächlich extrem viel Respekt für Reus empfand und das auch von anderen Leuten in ähnlicher Weise mitbekam, war nach seiner Rückkehr im März 2018. 220 Tage Verletzungspause, 27 verpasste Spiele und auf dem Platz stand der wichtigste Spieler der Mannschaft. Ohne mit der Wimper zu zucken spielte er da weiter, wo er fast ein Jahr zuvor aufgehört hatte. Und das Jahr davor. Und das Jahr davor. Was für ein begnadeter Fußballer! Was für eine Wonne ihm zuzusehen! War der schon immer so unglaublich gut? Was hatten wir ihn vermisst. Ja, wir hatten ihn vermisst! Das erste Mal spürte man Zuneigung für Reus außerhalb der Gruppe Leute, die sich gerne das Trikot beflocken lassen mit dem Spieler, der am meisten verdient. (Bitte kein Aufschrei, das ist ne überspitzte Formulierung und hiermit als solches gekennzeichnet.)

Und als wäre das noch nicht genug, verlängerte er erneut seinen Vertrag. Früher als notwendig. In einer Situation, die erneut alles andere als einfach war und in der zu keinem Zeitpunkt sicher war, dass man nächste Saison international spielen würde. Es ist wohl sein letzter großer Vertrag. Stürmer gehen mit Ende 20 stark in Richtung Rente (wenn sie nicht gerade Claudio Pizzarro heißen). Doch Reus unterschrieb nicht nur, er ließ zudem auch verlauten: “Dortmund ist meine Heimat, der BVB ist mein Verein. Seit meiner Kindheit habe ich davon geträumt, in Schwarz und Gelb aufzulaufen und für diesen Klub zu spielen. Aus tiefster Überzeugung möchte ich mit dieser Unterschrift ein klares Zeichen für die Zukunft setzen.”

Und irgendwie glaubte man ihm plötzlich doch.

Geimsamer Torjubel aus der Saison 2016/17 mit Aubameyang

Es gibt kaum einen anderen Spieler, der sich seinen Respekt vom Publikum in Dortmund derart verdienen musste, wie Marco Reus. Teilweise hat er sicherlich selbst dazu beigetragen, weil er mit nicht gerade schlauen Aktionen eher negativ als positiv aufgefallen ist. Dazu kam dann wohl auch noch das Gefühl, dass er zu gut ist für den BVB und daher zwangsläufig irgendwann weggehen würde (Besser keine Liebe verschwenden!) und er hat in der Öffentlichkeit – anders als viele andere BVB-Spieler, die allesamt zumindest zwischenzeitlich nicht mehr für den BVB spiel(t)en – bis zur zweiten Vertragsverlängerung nie große Bekenntnisse zur Borussia abgelegt. Es hat sich herausgestellt, dass er wohl einfach zurückhaltend und relativ privat ist und das nicht in seiner Natur liegt. Dafür wurde er zu lange zu hart bestraft.

Hier könnte jetzt eine schöne Geschichte zu Ende gehen, doch für einmal möchte ich dem Borussen Marco Reus die Anerkennung zukommen lassen, die er sich so hart erarbeitet hat.

Im Sommer dieses Jahres wurde Reus das Kapitänsamt übertragen. In gewohnter Weise wurde das zuerst mal skeptisch betrachtet: Reus als Kapitän? Wir haben doch gerade erst gelernt, dass er eher schüchtern und zurückhaltend ist, wie sollte das denn zusammen passen? Zumal Schmelzer ganz offen zugegeben hat, dass der Druck dieses Amtes ihn überfordert hat. Was wird dann erst mit Reus passieren?

Nimmt auch mal gerne kein Blatt vor dem Mund

Nun, Reus wurde zum Kapitän. Und nicht nur das, er wurde zu unserem Kapitän. Noch immer kein Mann der lauten Töne, wie seine Mitspieler versichern (Schiri Markus Schmidt dürfe da vermutlich eine andere Meinung vertreten), doch mit einer Körpersprache, die Ihresgleichen sucht. Trotz – oder gerade wegen – seiner Vorrangstellung in der Mannschaft gerne auch mal grätschend-ballerobernd am eigenen Strafraum. Laut kämpfend für das Team, gegebenenfalls auch gegenüber dem Schiri und unter Drohung einer gelben Karte. Und als ob das nicht schon beeindruckend genug wäre (hab ich schon erwähnt, dass er auch einfach ein begnadeter Fußballer ist?), geht er sogar in Interviews – bestimmt nicht sein Spezialgebiet – vorne weg. Nicht total eckig und kantig, aber durchaus mit einer eigenen Meinung und wenn es sein muss auch mal laut und deutlich: “Loddar, ganz ehrlich: Wir sollten aufhören, täglich über Mario zu reden. Das tut uns nicht gut, das tut ihm nicht gut. Das bringt nichts.” Man konnte nach dieser Aussage die Fanfaren vor den TV-Bildschirmen in Dortmund bis nach Leverkusen hören. Unser Kapitän spricht für uns. Er nimmt seine – unsere – Mannschaft in Schutz und verteidigt sie vor den Angreifern. Zum ersten Mal seit Sebastian Kehl trendete der Hashtag #mycaptain unter den BVB-Fans auf Twitter.

Ein echter Kapitän, der sich am Anfang gegen Bayern und für Dortmund entschieden hat. Der seinen Vertrag immer wieder verlängert hat. Der vielen Verletzungen getrotzt hat und letztendlich durch Körpersprache und eine ruhige, bestimmte Art den BVB auf dem Feld führt und sich neben dem Feld für seine Mannschaft einsetzt. Kommt euch das auch so bekannt vor? Eben. Nur, dass Kehl bei weitem nicht so ein guter Fußballer war...

Bisheriger Höhepunkt: Marco mit dem DFB-Pokal

O Captain! my Captain! our fearful trip is done,
The ship has weather’d every rack, the prize we sought is won,
The port is near, the bells I hear, the people all exulting,
While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring;

Oh Kapitän, mein Kapitän, unsere Zweifel sind zerronnen.
Du hast jedes Hindernis umschifft und den Pokal endlich gewonnen.
Das Ziel ist nah, die Leute jubeln und ich hör die Fanfaren.
Wir schauen in Ehrfurcht zu dir auf – endlich nun nach all den Jahren.

PS: Wehe ich erwische einen von Euch dabei, dies in irgendeiner Weise als Kritik an Schmelzer zu betrachten oder sich aufgrund dieses Artikels zu Kritik an Schmelzer berufen zu fühlen. Es braucht sehr viel Größe, zuzugeben etwas nicht zu können! Die Großartigkeit mit der Reus dieses Amt ausführt, sollte in keiner Weise den Einsatz derjenigen schmälern, die aufgrund ihrer Persönlichkeit oder Talente nicht (so gut) dafür geschaffen sind.

Nadja, 13.10.2018


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