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Im Gespräch mit ... - 28.09.2018

Jan-Pascal Reckert: "Die Internate dürfen nicht zu Produktionsmaschinen verkommen"

2011 kam Jan-Pascal Reckert von der TuS Eving-Lindenhorst zur Jugend des BVB und durchlief sowohl die B-Jugend als auch die A-Jugend und wurde mit beiden Mannschaften Deutscher Junioren-Meister. Nach seiner Zeit in der Jugend wechselte Reckert in die U23:

schwatzgelb.de: In deinem dritten Jahr ist Eric Oelschlägel nach Hendrik Bonmann, Dominik Reimann und Eike Bansen dein vierter Kollege auf der Torhüterposition. Gibt es einen bestimmten Grund, warum du dich bis jetzt jedes Jahr wieder für die Amateure entschieden hast?

Jan-Pascal Reckert: Einen bestimmten Grund gibt es auf jeden Fall: Ich weiß, was ich bei Borussia Dortmund lernen kann. Es gibt häufiger die Möglichkeit bei den Profis zu trainieren und das bringt mich jedes Mal ein Stückchen weiter. Ich habe mich in den letzten drei Jahren super entwickelt. Die Trainer wollten mit mir weitermachen, Jan Siewert hat mir letzte Saison im Winter schon gesagt, dass er gerne mit mir weiterarbeiten möchte. Das Verhältnis ist super, auch unter Farke war das schon so. Ingo Preuß setzt auf mich und deswegen bin ich hiergeblieben. Ich fühle mich natürlich in Dortmund wohl. Ich bin ein Dortmunder Junge und bleibe gerne hier.

Wann kommt der Angriff auf die Nr. 1?

Ja – eigentlich habe ich damit schon dieses Jahr gerechnet, bin auch sehr optimistisch in die Saison gegangen und habe am Anfang zwei Spiele gemacht. Ich bleibe dran und kämpfe natürlich um den Platz im Kasten.

Du bist 21, könntest also noch eine Weile bei der U23 bleiben. Eine Option - auch wenn du die Nummer 2 bleiben solltest?

Dieses Jahr werde ich auf jeden Fall noch bleiben, auch über den Winter hinaus. Mein Vertrag läuft auch noch für die folgende Saison und falls nicht irgendein super Angebot kommt – zweite Liga oder sonstiges – dann werde ich weiter hierbleiben.

Die Rolle als Ersatztorhüter wirkt nach außen relativ zementiert. Träumst du noch von der ganz großen Karriere oder wie ist da deine Sichtweise?

Würde ich nicht davon träumen, wäre ich schon längst eine Liga tiefer gegangen und hätte nebenbei eine Ausbildung oder ein Studium angefangen. Ich glaube weiterhin daran, weil ich weiß, was ich kann und habe auch schon genug Spiele gemacht, in denen ich das bewiesen habe. Ich werde weiterhin daran glauben und fest daran arbeiten, dass ich den Weg schaffe. Und wenn es erstmal eine andere Regionalligamannschaft ist, wo ich spiele oder vielleicht auch die dritte Liga – ich werde weiterhin daran glauben und auch heiß ins nächste Jahr gehen.

Hast du einen Plan neben dem Fußball?

Ich habe nebenbei in Bochum ganz normal ein Studium angefangen und schaue mal in BWL rein, wie das so ist. Es ist schon anders als zur Schule zu gehen, auch wie man sich dafür motivieren muss. Ich werde mir das mal angucken. Einen Plan B hatte ich immer. Ich habe mein Abi als Basis gemacht und früh angefangen, Kontakte zu knüpfen, falls es mit dem Profifußball nicht klappt.

Inwiefern unterstützt der BVB bereits Jugendspieler in dieser Hinsicht? Letztendlich ist die Zahl der Spieler, die es bis in die Champions League schaffen, ja begrenzt. Somit ist ein Plan B auch notwendig, oder?

In den letzten Jahren hat sich das schon sehr gut entwickelt. Kennt ihr zum Beispiel das Ü18-Bildungsprogramm? Die meisten haben j nach dem ersten Jahr in der A-Jugend die Schule abgeschlossen und somit vormittags nichts mehr zu tun, weil Training immer Nachmittags angesetzt ist. Da werden die Jungs dann ein Jahr lang von den Nachwuchs-Pädagogen Lea Lo Forte und Matthias Röben begleitet und die Spieler müssen daran teilnehmen. Da gibt es dann zum Beispiel Sprachkurse, Rhetorik- und Interviewtraining, Berufsberatung, Infoveranstaltungen für ein Studium, Social Media Schulungen, Kochkurse, Vorträge über die verschiedensten Dinge und jeder der Jungs macht die Trainer-B-Lizenz. Der BVB kümmert sich schon sehr um seine Jugendspieler. Es gibt auch Kooperationen mit drei Schulen, dem Goethe-Gymnasium in Dortmund-Hörde, der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Brackel und Konrad-Klepping-Berufskolleg in der Innenstadt. Da sind sehr gute Schritte gemacht worden, dass die Jungs nicht nur den Fußball im Blick haben.

Am Ende der Saison 17/18 ließ Jan Siewert dich spielen, mit der Begründung, dass du dich über die ganze Saison vorbildlich verhalten hast. Was bedeutet es dir, dass dieser Aspekt am Ende auch mit Spielzeit belohnt wird?

Dass meine Leistungen gesehen werden, auch wenn es nur Training oder Freundschaftsspiele sind. Dass ich selbst merke, dass ich gewisse Qualitäten habe und dass meine Leistung belohnt wird. Das ist heute im Fußballgeschäft nicht mehr selbstverständlich. Ich war stolz, dass er mir die drei Spiele am Ende gegeben hat, um mich nochmal zu zeigen.

Es scheint, als wärst du intern eine wichtige Persönlichkeit…

Ich würde schon sagen, dass ich für die Mannschaft eine wichtige Rolle spiele. Ich bin zwar auch erst 21, aber in einer U23 zählt man damit schon zu den älteren Spielern. Gerade, wenn die A-Jugendlichen hochkommen, bin ich immer die Person, die sie ansprechen können, wenn sie Probleme haben oder mal reden wollen. Und ich bin natürlich auch einer, der jedes Mal 100% gibt und Jungs mitzieht.

In der Regionalliga hast du bislang 10 Einsätze, davon 5 ohne Gegentor. Wie schaffst du es, trotz der wenigen Einsätze auf den Punkt da zu sein?

Das kann ich ganz einfach begründen: Weil ich Fußball einfach liebe. Wie ich gerade gesagt habe, ich gebe in jedem Training 100%. Ich bin so vom Typ her, immer da zu sein, wenn man mich braucht.

In der B-Jugend kamst du noch häufiger zum Einsatz. Mit dir im Tor seid ihr 2014 Meister geworden. Erzähl doch mal, was war das für ein Gefühl?

Das war etwas ganz Neues für mich. Uns hatte vor der Saison niemand auf der Rechnung. Wir waren damals nur der „Leverkusen-Jäger", das weiß ich noch. Hannes Wolf war unser Trainer und es entwickelte sich einfach grandios. Man kann es mit der ersten Meisterschaft unter Klopp vergleichen. Wir waren ein gutes Team, wir hatten nicht 10 bis 12 Nationalspieler in der Mannschaft, sondern sind über das Team gekommen. Wir hatten den richtigen Teamgeist, Hannes war ganz frisch – das war ein super Jahr.

Dann kam die A-Jugend. Reimann zog vorbei, es gab keine Einsätze mehr. Was war aus deiner Sicht der Grund für diesen Bruch?

Ich war von den zwei Jahren knapp über ein Jahr verletzt, hatte das Patellasehnenspitzensyndrom. Es gab eine Zeit, da konnte ich nicht mal Treppen laufen, an Fußball spielen war erst recht nicht zu denken. Dazu hatte ich ein paar private Probleme, es lief nicht alles glatt. Ich habe sportlich ein Jahr verpasst und musste mich zurückarbeiten, was auch nochmal ein halbes Jahr gedauert hat. Das war nicht schön.

Wenn wir mal noch ein paar Jahre weiter zurückgehen: Du kamst, wie schon einige große Borussen, von der TuS Eving Lindenhorst zum BVB. War dir bewusst, in wessen Fußstapfen du da quasi trittst und hat dich das beeinflusst?

Ich wusste, dass drei BVB-Spieler, also Stefan Klos, Michael Zorc und Lars Ricken, in ihrer Jugend ebenfalls beim TuS gespielt haben. Mit Lars Ricken hat mein Papa damals noch zusammengespielt, wir kannten auch die Familie. Und im Vereinsheim hing an der Wand ein selbstgemaltes Bild vom damaligen Westfalenstadion mit den drei Namen und Unterschriften darunter. Ich wusste schon, in welche Fußstapfen ich treten könnte. Aber beeinflusst hat mich das damals jetzt nicht so groß.

In der Vorbereitung wurde es, besonders nach der 6:0 Niederlage gegen Norwich, ziemlich unruhig, Jan Siewert fand zum Teil deutliche Worte. War das deine bislang schwierigste Vorbereitung?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Für mich war die schwierigste Vorbereitung die erste mit Daniel Farke, weil ich da aus der A-Jugend hochkam. Ich musste an meiner Fitness hart arbeiten, auf dem Stand für Herrenfußball war ich zu Saisonbeginn noch nicht. Und es ist auch etwas ganz anderes, mit fünf Jahre älteren Spielern zusammenzuspielen, die dich dann auch mal anschnauzen. Da war die Vorbereitung insgesamt schwieriger. Das Spiel gegen Norwich war allerdings bislang das schlimmste, in dem ich mitgespielt habe. Es lief einfach nichts. Nichts, was wir uns die Woche vorher erarbeitet haben, konnten wir umsetzen. Aber ich glaube, das war grundsätzlich gut für uns, auch wenn es sehr deutlich ausgefallen ist. Aber da haben wir gemerkt ‚okay, jetzt müssen wir mal Gas geben‘.

Wie hat Jan Siewert auf das Spiel reagiert, um die Sinne zu schärfen?

Ja… mit ein paar Läufen (lacht). Es wurden dann auch ein paar Einzelgespräche geführt und dann war jedem klar, dass wir jetzt Gas geben müssen.

Wie kompliziert ist eine Vorbereitung generell mit so vielen Veränderungen und Neuzugängen?

Dieses Jahr waren es 16 Neuzugänge. Außerdem kamen ein paar Profis runter, unser Umbruch konnte also gar nicht vollständig vollzogen werden, weil wir zu Beginn der Saison noch nicht wussten, wer aus dem Bundesligateam zu uns kommt. Es ist schon jedes Mal eine Mammutaufgabe, weil du so viele neue Leute kennenlernen musst. Wir haben zum Glück ein schönes Trainingslager in Österreich, wo wir mit den Jungs auf den Zimmern zusammenhocken und uns kennenlernen können, aber es ist nie einfach. Das ist wirklich das Schwierige an einer U23, schnell eine gute Gemeinschaft zu finden.

Training: Eine eins gegen eins Situation. Bei welchem Gegenspieler ist es für dich am schwierigsten?

Gianluca Rizzo. Der ist schon ein abgezockter Hund. Ich habe früher schon in der U17 gegen ihn gespielt, damals spielte er noch für Mönchengladbach. Er ist ein Jahr älter als ich und war zwischendurch noch beim FC Ingolstadt und hat dort auch schon mit der ersten Mannschaft trainiert. Der ist schon am schwierigsten.

Wer schenkt dir im Training die meisten Tore ein?

Kann ich gar nicht sagen, es sind nie so viele (lacht). Wahrscheinlich auch Gianluca Rizzo.

In letzter Zeit hattet ihr häufig Spieler aus der ersten Mannschaft an Bord. Worin sieht man die gravierendsten Unterschiede zwischen einem Regionalliga-Spieler und einem Bundesliga-Spieler?

In der Ruhe am Ball! Die Profis legen einfach ein höheres Tempo an den Tag, was Passschärfe angeht und sie gehen ganz anders mit dem Druck um. Sagen wir, du spielst ihnen einen Ball zu und es kommen drei Leute auf ihn zu, dann hat er immer noch die Ruhe noch einen Kontakt zu nehmen und nicht nervös zu werden, um den Ball einfach schnell weiter zu spielen. Da merkst du dann, dass auf einem höheren Niveau trainiert wird.

Da du aus Dortmund kommst, erübrigt sich vermutlich die Frage, von welchem Verein du Fan bist?

Die Frage könnt ihr euch tatsächlich sparen. Ich bin mit hier in Dortmund mit Borussia groß geworden und es gibt nur einen Verein für mich.

Wer hatte da den größten Einfluss?

Ich saß mit drei Monaten damals schon im Dortmund Trikot zu Hause vor dem Fernseher und meine Eltern haben mir das Champions League Finale gezeigt. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, aber damit fing es an.

Bist du auch hin und wieder im Stadion?

Ja. Wenn wir keine Parallelansetzungen haben, über die wir uns alle sehr ärgern, dann bin ich so oft wie es geht im Stadion.

An welches Spiel erinnerst du dich am liebsten?

Ich war gegen Malaga im Stadion, das war mega. Ich war mit meinem Berater dort, der hatte noch einen Termin und wollte in der 75. Minute schon abhauen. Ich habe gesagt "Du bleibst hier, das wird noch!", und am Ende gewinnen wir 3:2. Das war schon geil.

Aber ich fand auch das Spiel gegen Madrid Wahnsinn, in dem Lewandowski vier Tore geschossen hat.

Verändert sich das Fan-sein, wenn man Spieler bei Borussia Dortmund ist?

Ich wollte es vorher nicht glauben, dass es sich ändert, weil ich immer Fan von Borussia Dortmund war und dieses Gefühl auf jeden Fall weiterhin in mir ist. Aber wenn man näher dran ist, alles ganz hautnah mitbekommt, viel Zeit investiert und mit dem Verein verbringt, ist es wirklich schwierig und vor allem anders. Du kennst alle Mitarbeiter, spielst teilweise mit den Spielern aus der ersten Mannschaft zusammen. Da verändert sich natürlich die Perspektive, vom klassischen Fan zum Mitspieler. Besonders schwierig ist es natürlich, wenn das Verhältnis zwischen Spielern und Fans angespannt ist, weil ich beide Seiten kenne und nachvollziehen kann. Dass ich nach wie vor mitfiebere und alles für den Verein gebe, ist aber geblieben und das will ich mir auch bewahren.

Wie verfolgst du die Spiele? Manchmal musst du ja auch parallel selber ran.

Soweit ich kann, schaue ich mir jedes Spiel an oder bei Parallelansetzungen höre ich unterwegs im Bus das Netradio.

Zeit zum Meckern: Aktuell tanzt der Spielplan mal wieder Lambada. Erst ist Pause, dann wieder vier Spiele in 2 Wochen. Wie groß ist da mittlerweile der Frust?

Die drei Wochen zwischen Köln und Wiedenbrück waren schon grausam für uns. Das Spiel gegen Viktoria war noch der Wahnsinn. Das 2:2, das wir so mit den Fans feiern konnten. Das fühlte sich an wie ein Sieg. Dann hast du eine Euphorie in der Mannschaft. Wir merken alle, dass die Vorbereitung super geklappt hat und dann kommen auf einmal wieder zwei Wochen Pause. Da weißt du gar nicht, was du damit anfangen sollst. Zwei Wochen zu trainieren, ist wie ein Gamebreaker. Es wäre viel besser gewesen, samstags sofort wieder zu spielen, weil wir dann einfach im Rhythmus bleiben. Da können auch ein paar Tage entscheidend sein, wie bei der Verlegung von Samstag auf Dienstag gegen Wuppertal.Würdest du dir da mehr Unterstützung von den Vereinsoffiziellen wünschen?

Ich weiß, dass sich Ingo Preuß (Sportlicher Leiter der U23, Anm. d. Red.) immer wieder mit dem Verband darüber auseinandersetzt, dass unser Trainer auch immer wieder darauf hinweist. Aber ich weiß auch nicht, inwiefern man überhaupt Einfluss nehmen kann, weil die Polizei vermutlich das letzte Wort hat.

Im Herbst und Winter sind zudem Ausfälle wegen Unbespielbarkeit des Rasens zu befürchten. Trotzdem gab es bereits etliche Lücken im Spielplan. Wird euch das irgendwie erläutert oder steht ihr dann im Prinzip genauso dumm da, wie wir Fans?

Ich würde mir wünschen, dass es weniger Parallelansetzungen und weniger Verschiebungen gibt.

Wir bekommen die Informationen. Aber im ersten Moment, wenn wir es zu Hause mitbekommen, stehen wir auch erstmal dumm da. Das dauert dann meistens so ein bis zwei Tage. Manchmal haben wir es aber auch erst am Abend vorher erfahren, dass nicht gespielt wird. Weil die Platzkommission eben um 15 oder 16 Uhr im Stadion war und den Rasen dann für unbespielbar erklärt. Abends gibt es dann eine Nachricht vom Trainer mit "Jungs, morgen früh Training". Das ist schlimm, weil du dann weißt, dass wieder eine Woche lang nur trainiert wird. Die meisten Infos bekommen wir auch immer erst einen Tag vorher, um die Spannung trotzdem hoch zu halten.

Nach der WM war ein Kritikpunkt, dass durch die Nachwuchsleistungszentren und die Medientrainings bereits in der Jugend alle Spieler „glattgeschliffen" sind und es keine „Typen" mehr gibt. Inwiefern würdest du dem zustimmen und wie sind da deine eigenen Erfahrungen?

Ich war in der A-Jugend auch für 6-8 Monate im Jugendhaus. Momentan sind dort 22 Jungs. Als ich dort war, war es auch schon so groß.

Ich bin erst mit 15 zum BVB gekommen und hatte in den Anfangsjahren noch meine Kollegen und meine Familie zu Hause. Das war wichtig für mich. Wir waren noch auf dem Fußballplatz und haben uns danach auch mal eine gemischte Tüte gekauft und sowas.

In diesen Jahren entwickelst du dich besonders stark und brauchst meiner Meinung nach deine Familie. Mein Eindruck ist: Wenn man jetzt aus anderen Vereinen hört, dass teilweise schon 12-Jährige in den Internaten wohnen, finde ich das einfach zu früh. Jeder Mensch ist unterschiedlich, aber ich halte es für problematisch, wenn man den Jungs einen Teil ihrer Charakterentwicklung einschränkt, weil alles stark auf Fußball ausgerichtet ist.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Mitarbeiter im und rund ums Jugendhaus viel dafür tun, den Jungs andere Horizonte neben dem Fußball aufzuzeigen. Im BVB-Jugendhaus ist es schon eine sehr familiäre Situation; Köche, die den ganzen Tag da und immer ansprechbar sind; die Hausfamilie; die Pädagogen und auch die Nachhilfelehrer. Aber: Die Internate dürfen nicht zu Produktionsmaschinen verkommen, das sind sie nicht, und das ist auch nicht ihr Auftrag. Persönlichkeitsbildung ist ein wichtiger Aspekt, damit sich Spieler entwickeln, die auch – innerhalb eines gewissen Rahmens – ihren eigenen Kopf haben; wie ein Mbappé zum Beispiel, der schon in jüngsten Jahren alles seiner sportlichen Entwicklung untergeordnet hat, aber dabei trotzdem seine eigenen Vorstellungen vom Leben entwickelt hat. Es kommt also, wie immer im Leben, auf den gesunden Mittelweg an.

Selbst erfahrene und herausragende Profifußballer tun sich schwer, sich bei Themen wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie zu äußern. Wie erklärst du dir das? Wäre es nicht wünschenswert, dass Fußballer dort eine größere Vorbildfunktion einnehmen?

Es wäre sehr wünschenswert, wenn man seine eigene Meinung ganz normal öffentlich vertreten könnte. Aber im Profifußball ist das vermutlich schwierig. Habt ihr das Interview von Löhmannsröben mitbekommen? Das ist zwar kein Thema, was Rassismus und so angeht, aber es war einfach eine Äußerung seiner Meinung über den Schiri und das nimmt dann auf einmal so einen Lauf. Da denkt man sich schon: ‘Leute, der hat doch nur seine Meinung gesagt!’. Er war sauer nach dem Spiel, er war emotional und hat seinem Ärger Luft gemacht. Auf der anderen Seite hört man dann, dass alle nur noch das gleiche reden. Da frage ich mich, was wollen die Leute jetzt eigentlich? Wollen sie jetzt wirklich wieder Charaktere im Fußball haben oder eben diese Stereotypen? Ich finde das schade. Das ist sicher ein Grund, warum sich heutzutage viele Spieler, gerade bei strittigen Themen, nicht mehr wirklich äußern.

Aber wäre es dann nicht von Vorteil, wenn sich nicht jeder so glattbügeln lässt?

Das ist halt schwierig. Wenn man sieht, wie es bei Kevin Großkreutz war: Er stand immer zu allem, was er gesagt hat und da hagelte es Kritik, die teilweise auf eine sehr private und persönliche Ebene ging. Ich würde mir wünschen, dass mehr Profis ihre Meinung zu solchen Themen äußern, aber es ist sehr schwierig.

Mal konkret zum Thema Homosexualität: Die Anzahl der geouteten Spieler lässt sich vermutlich an einer Hand abzählen. Ist man da innerhalb der Mannschaft offener?

Kann ich gar nicht sagen. Ich habe damit persönlich kein Problem. Wenn sich jemand als schwul outen würde, könnte er sich auf jeden Fall auf meine Unterstützung verlassen und ich würde ihn auch direkt gegen jegliche Form von Homophobie in Schutz nehmen. Aber ich wurde damit in der Mannschaft noch nicht konfrontiert.

Wie kann man ein Klima innerhalb der Mannschaft schaffen, dass auch unangenehme oder vorurteilsbehaftete Themen offen angesprochen werden können?

Das ist eine gute Frage… indem du es vorbereitest, würde ich sagen. Man sollte mit den Führungsspielern reden, die das mit dem Trainer bequatschen, vielleicht auch mit dem Spieler selbst. Indem du ein Umfeld schaffst, in dem auch das Funktionsteam komplett dabei und für schwierige Themen sensibilisiert ist, womit du dem Spieler Sicherheit gibst. Ich würde sagen, unser Coach würde das sehr gut schaffen, weil er einfach ein super Typ ist. Er ist wirklich sehr herzlich und man kann mit ihm über alles reden. Es kommt vermutlich auch auf das Team an. Wir haben ein sehr harmonisches Team mit vielen jungen Leuten. Ich weiß nicht, wie es bei anderen Mannschaften ist, da gibt es vielleicht noch ein paar andere Typen. Aber das wäre mein Ansatz: Über Führungsspieler zu gehen, dafür sorgen, dass der betroffene Spieler sich wohl fühlt und dann mit Unterstützung vor die Mannschaft zu treten.

Vielen Dank für das Interview.


Larissa und Nici, 28.09.2018


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