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Unsa Senf - 20.09.2018

​Fußball ist der größte Sport der Welt

Fußball ist der größte Sport der Welt. Seine mediale Präsenz ist gigantisch, Spieler wie Messi und Cristiano Ronaldo sind bekannt wie internationale Filmstars und selbst lokale Zeitungen damit beschäftigt, täglich mehrere Seiten mit Fußball im Allgemeinen und den regionalen Großvereinen im Besonderen zu füllen. Statt Weltmeisterschaften irgendwelcher Randsportarten werden in der Sommerpause lieber Turniere der U-Mannschaften im TV übertragen, während die Profiteams über die Kontinente tingeln, damit auch bloß der ganze Erdball in den Genuss des europäischen Spitzenfußballs kommt. Er hat nur ein Problem: ihm laufen die Stadionbesucher davon.

Es ist nicht mehr nur ein Gefühl, dass man in Dortmund leichter an Karten kommt als noch vor acht Jahren, sondern ein Problem, das bei anderen Vereinen mittlerweile sogar mit harten Zahlen belegbar ist. 81.000 Zuschauer sollen gegen Frankfurt im Stadion gewesen sein, so wurde es von der Stadionregie durchgesagt und so steht die Zahl in den offiziellen Statistiken. Also gerade einmal 360 Plätze vom maximalen Fassungsvermögen unbesetzt. Ein Blick in meinem Block in der Süd-Ost-Ecke wies allein da schon mindestens 15 leere Sitze aus. Und das war noch gar nichts gegen die unübersehbaren Freiflächen auf dem Oberrang der Nordtribüne. Der BVB mag 81.000 Karten an den Mann und die Frau gebracht haben, wirklich anwesend dürften vielleicht zwischen 73.000 und 75.000 Leuten gewesen sein. Immer noch eine beeindruckende Zahl, aber eben auch deutlich von dem entfernt, was der Verein nach Außen präsentiert. Und zum Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg sind noch satte 10.000 Tickets im Vorverkauf erhältlich. Dabei ist es natürlich kein neues Phänomen, dass Leute trotz vorhandener Eintrittskarte nicht ins Stadion gehen – allein bei über 50.000 Dauerkarten wäre es ein biblisches Wunder, wenn jede Karte zu jedem Spiel genutzt würde – aber wer schon einmal versucht hat, seine Dauerkarte bei jemand anderem unterzukriegen, der weiß, dass das vor ein paar Jahren noch viel einfacher war. Die Leute kommen einfach nicht mehr.

Richtig in den Blickpunkt gerückt ist dieser Umstand beim Champions-League Heimspiel unserer blauen Nachbarn gegen Porto. Drei Jahre ist der letzte Auftritt in der Königsklasse her gewesen und zum Auftakt kamen trotzdem nicht einmal 46.000 Fans in die Turnhalle. Und wer im TV den Auftritt von Guardiolas Startruppe gegen Olympique Lyon verfolgt hat, konnte auch dort in den ersten Reihen am Spielfeldrand, also bei den absoluten Premiumsitzen, überraschend oft das Himmelblau der leeren Bestuhlung zwischen den Körpern der Zuschauer hindurch schimmern sehen. Kein Einzelfall bei den „Skyblues“ wie die 11Freunde am 14.09.2018 in ihrem Artikel „Der englische Premier Fake“ darstellte. Zwischen dem offiziellen Wert von rund 53.000 Fans und der an die Polizei gemeldeten Zahl von Fans, die tatsächlich das Drehkreuz präsentiert haben, klafft eine amtliche Lücke von 7.842 Zuschauern. Pro Spiel. Spitzenreiter in dieser Wertung sind die Hammers aus dem Londoner Stadtteil West Ham, die sich amtliche 12.000 Stadiongänger pro Spiel dazumogeln. Teils noch aufgefangen, indem man eine stattliche Anzahl von Freikarten für seine Heimspiele unters Volk gebracht hat. Erstaunliche Zahlen für das gelobte Land des professionell-kommerziellen Volkssports.

Das Fußball-Paralleluniversum

Die Gründe sind vielfältig. Der ein oder andere Vereinsvertreter hat schon mal anklingen lassen, dass ganz vielleicht und unter Umständen das Preisniveau doch zu hoch sein könnte. Andere führen absurde Anstoßzeiten und ungünstige Terminierungen ins Feld. Kein Wunder, wenn die neue Anstoßzeit in der Champions-League von 21.00 Uhr, die für Anreisende mit öffentlichen Verkehrsmitteln den Stadionbesuch zu einer logistischen Meisterleistung macht, den Fans in der spanischen „La Liga“ ja fast noch verhältnismäßig früh am Abend erscheint. Wieder andere führen eine gewisse Übersättigung als Argument ins Feld. Auch das kann man nicht verneinen, wenn man fleißig bestehende Wettbewerbe weiter aufbläht und gleichzeitig immer neue Ligen und Pokale erfindet, so dass selbst reine Fußballmedien Probleme haben, den Leuten Spielmodi und Zusammenhänge zwischen den Wettbewerben zu erklären. Und speziell in Deutschland muss man sagen, dass bei der aktuellen Qualität der Spiele ein Davonlaufen als natürlicher Fluchtreflex die einzig nachvollziehbare Reaktion ist. Es geht schließlich auch niemand zum Zahnarzt für eine Wurzelbehandlung, weil er gerade sonst nichts Besseres zu tun hat.

Das alles in einem Fußball-Paralleluniversum, das sich immer weiter von den Begebenheiten der Zuschauer entfernt. Fußballunternehmen, deren Umsatzerwartungen sich bald nicht mehr in Millionen, sondern Milliarden ausdrücken sollen, Spieler mit ungeheuerlichen Gehältern, die sich trotzdem dem Steuerdienst an der Gemeinschaft entziehen und ihre Gelder in Briefkastenfirmen in der Karibik versacken lassen und Funktionäre, deren moralische Prinzipienlosigkeit gestandene Mafiabosse erschüttert.

Dabei haben wir auch noch nicht einmal die unfassbare Arroganz, mit der Clubvertreter den Leuten, die immer unverhohlener als „Kunden“ bezeichnet werden, entgegentreten, in die Betrachtung einbezogen. Der Dortmunder Klassiker von den 100 Kartenwünschen, die auf jeden kommen, der mit den aktuellen Ticketkonditionen ein Problem hat, dürfte den Verantwortlichen zwar jetzt eher nicht mehr über die Lippen kommen, aber die Aussagen rund um ein zukünftig eventuell mögliches Champions-League Finale in New York von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zeigen sehr gut, welche Denkstrukturen in den Führungsetagen vorherrschen:

"Um beispielsweise von Portugal nach Aserbaidschan zu kommen, braucht man im Prinzip genauso lange wie bis New York."

Also alles kein Problem für den Fan, der soll sich mal nicht so anstellen. Vom finanziellen Aufwand dieser Reise und dem moralischen Aspekt, eine der letzten Quasi-Diktaturen im UEFA-Verbund damit aufzuwerten, mal ganz abgesehen, ist die Frage, ob New York jetzt als Austragungsort größerer Stuss als Baku ist, oder nicht, doch völlig irrelevant. Es stellt dort einfach niemand mehr die Frage, ob es nicht generell eine Scheißhausidee ist, ein Finale in ein Land zu geben, aus dem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals ein Verein teilnehmen wird. Auch kein Club aus den Anrainerstaaten. Ein Finale sollte kein Wanderzirkus sein, der möglichst in jeder größeren Stadt eine Vorstellung gibt, sondern in allererster Linie ein Fest, ein Highlight für die Fans der beiden beteiligten Teams. Die Fans sollten, ob mit Ticket oder ohne, die Städte in ihre Farben tauchen und gemeinsam das Erlebnis genießen. Das funktioniert aber nicht, wenn man einerseits die Stadien zur Hälfte mit Sponsoren füllt und die Spiele andererseits dann auch noch an den Arsch der Welt verlegt.

Die fetten Jahre könnten schon bald vorbei sein

Alles zusammen genommen sorgt für ein Klima, bei dem der Fan immer weniger bereit ist, sich vorschreiben zu lassen, was er denn gefälligst zu akzeptieren habe und was nicht. Die Vereine und Verbände haben den sprichwörtlichen „Kunden“ immer nur als Geldkuh betrachtet, die es zu melken gilt und erfahren jetzt das, was in anderen Branchen schon längst bekannt ist: wer an den Wünschen und Anforderungen des Kunden vorbei handelt, verliert sie.

Die fetten Jahre, in denen im und mit dem Fußball alles hochpreisig verkauft wurde, könnten schon bald vorbei sein, wenn sich in den Vorstandsetagen der Clubs und der Verbände nicht schleunigst ein anderer Geist als diese Mitnahmementalität breit macht. Dabei machen Stadiongänger zwar mittlerweile nur einen Bruchteil der tatsächlichen Zuschauer eines Spiels aus, aber der Fußball verliert an Legitimation und Anziehungskraft, wenn er für alle sichtbar diesen „harten Kern“ nicht mehr begeistern kann. In der Folge wird es für Sponsoren und TV-Anstalten immer schwerer, mit den besten und tollsten Ligen und Wettbewerben aller Zeiten zu werben, wenn die Bilder ein abnehmendes Interesse dokumentieren. Und dann geht es für die Vereine richtig ans Eingemachte, respektive an die Konten.

Wie man das ändern kann, liebe Vereine? Lasst uns mal reden und zwar ganz ernsthaft. Nicht bloß als Feigenblatt und Laientheater. Lasst uns reden über automatisierte Preiserhöhungen und Topspielzuschläge. Über „Spieltagsentzerrungen“, Parallelansetzungen und Montagsspiele. Über Trikotpreise und Anstoßzeiten. Darüber, ob man seinem kleinen Kind nicht doch eine Tüte Gummibärchen mit ins Stadion nehmen darf und wie man auch Auswärtsfahrer halbwegs vernünftig behandeln kann. Da haben wir immer noch keine grundlegenden Fragen wie zum Beispiel Stadionverbotsrichtlinien behandelt, aber schon an vielen kleinen Stellschrauben gedreht.

Der Wind dreht sich. Für uns Fans bedeutet das Rückenwind, den es zu nutzen gilt.

20.09.2018, Sascha


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