schwatzgelb.de
Zu schwatzgelb.com wechseln

Spieler im Fokus - 07.09.2018

Grandioser Typ - grandioser Abschied

16 Jahre, 452 Spiele, 100 % Hingabe und schwarzgelbe Leidenschaft. Was Roman Weidenfeller für den Verein, die Stadt, die Fans und die Historie des BVB bedeutet, ist schwierig in Worte zu verpacken. An diesem Abend sprachen Bilder und Menschen sowieso mehr als tausend Worte. Nicht nur die Gästeliste für den letzten großen Auftritt wirkte surreal und wie eine Reise in die Vergangenheit. Klopp an der Seitenlinie, Koller im Tor, Odonkor sprintet wie vor zwölf Jahren, Wörns ungefähr so schnell wie früher - das Gefühl einer großen Ansammlung von lange nicht gesichteten Familienmitgliedern ließ sich nicht leugnen.

„Ich habe noch nie schon vor dem Spiel so viel Übergewicht im Mittelfeld gehabt.“ Dass sich trotz so treffend beschriebenem sportlichen Niveau 70.000 Menschen + Jürgen Klopp im Tempel versammelten, und damit mehr als im Osten bei einem wichtigen Europa-League-Spiel, sprach Bände. Vor dem Spiel verabschiedete sich Teddy De Beer, in der Halbzeit mit Manni und Neven zwei nicht weniger überragende Typen - und damit auch gefühlt endgültig ein gewaltiges Stück Dortmunder Zeitgeschichte.

War früher alles besser? Definitiv, weil es Daniel Danger noch nicht gab. Vielleicht, weil Neven mithilfe von Poldi’s verschossenem Elfmeter erneut Arjen Robben aus dem Meisterschaftsrennen schreien konnte. Vielleicht, weil Jan Koller’s riesige Stelzen nochmals im Tor stehen durften. Vielleicht, weil Alex Frei den ersten Treffer des Abends markierte. Vielleicht, weil man Otto Addo, diesmal mit vermutlich gesundem Kreuzband, Fußball spielen sehen konnte. Definitiv aber vor allem, weil Roman Weidenfeller noch zwischen den Pfosten stand. In Zukunft wird dies zwar nicht mehr so sein, doch die Erinnerungen werden nie erlöschen.

Dafür wollen auch wir als Redaktion sorgen. Erinnerungen an Roman Weidenfeller gibt es viele - wir haben versucht, einen Querschnitt der größten Momente der lebenden Legende wieder ins Gedächtnis zu rufen.


Sascha:

Meine liebste Erinnerung an Weidenfeller ist

eigentlich die an jemand anderen. Nämlich an Guillaume Warmuz. Dessen

Name erschallte von der Süd, als Weidenfeller damals gegen den HSV den

Platz zum warmmachen betrat. Teils, weil man die beiden aus der

Entfernung schlicht miteinander verwechseln konnte, zum anderen Teil

aber auch, weil man mit diesem schnöselig bis arrogant wirkenden

Jüngling nicht richtig warm wurde. Wenn man das als Startpunkt nimmt,

dann zeigt das eigentlich noch viel stärker diese tolle Entwicklung zu

einem verdienten, respektierten Borussen und ziemlich feinen Typen. Und

es ist einfach schön, wenn am Ende doch alles gut wird.



Lino:

Ein gehaltener Elfmeter für die Ewigkeit: Als Robben im Strafraum fiel,

saß ich Zuhause auf dem Sofa mit schlechtem Livestream und sah das

Meisterschaftsrennen schon zu einem echten Drama werden. Der Rest ist

Geschichte. Robben läuft an, Roman ahnt die Ecke und hält das Ding. Die

Nachbarschaft vor Freude zusammengeschrien und ein paar Wochen später

die Meisterschaft gefeiert. Danke, Roman!



Scherben:

Roman Weidenfellers Karriere beim BVB ist der beste Beweis dafür, dass

man nie zu früh ein endgültiges Urteil über einen Spieler treffen

sollte. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Roman Weidenfeller

maßgeblich für zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiege verantwortlich

sein würde und sich zusätzlich noch Weltmeister nenen darf? Damals

pendelte er jedes Jahr aufs Neue zwischen Stammelf und Bank, wurde erst

von Guillaume Warmuz, dann von Dennis Gentenaar und später von Marc

Ziegler gefordert. Alles gute Torhüter, aber meilenweit von Romans

späterem Niveau entfernt. Es mag uns vielleicht eine Lehre sein.



Malte D.:

Ich nahm Roman erstmals so richtig bei einem Spiel in der Roten Erde

wahr, als er bei unserer zweiten Mannschaft zum Einsatz kam. Das war im

Sommer 2002 gegen den SV Babelsberg und war tatsächlich auch mein erster

Besuch in der altehrwürdigen Stätte. Der BVB gewann dieses Spiel

souverän mit 4:0, unter anderem dank eines Treffers des späteren

WM-Helden David Odonkor. Die drei Punkte für diesen Sieg wurden den

BVB-Amateuren kurze Zeit später jedoch leider wieder abgezogen, da der

Verein einen nicht spielberechtigten Akteur einsetzte. Dessen Name:

Roman Weidenfeller.



Web:

Mein persönlicher Roman Weidenfeller Moment spielt in der letzten

Klopp-Saison: Die Mannschaft spielte schlecht und die Gegner machten

gefühlt aus jeder Chance einen Treffer. Auch Roman wackelte und machte

einen immer missmutigeren Eindruck. Als er schließlich noch seinen

jungen Vordermann Matthias Ginter auf dem Platz zur Sau machte, reichte

es mir. Zusammen mit einem Kollegen schrieb ich einen kritischen Text in

dem wir Romans Rolle in der Krise anprangerten und ihn auch sportlich

anzählten. Keiner rechnete damit was dann geschah. Weidenfeller griff

zum Telefon und meldete sich bei einem schwatzgelb.de Redakteur, der

Jahre zuvor mal ein Interview mit ihm geführt hatte. Er hatte den Text

nicht nur gelesen, sondern war ehrlich betroffen, dass er von Fans so

wahrgenommen wurde. Natürlich fühlte er sich auch ungerecht behandelt,

aber es war ihm ein echtes Anliegen, das persönlich zu klären. "Hallo

Arne, hier ist Roman..." wurde daraufhin in der Redaktion zum

geflügelten Wort und mir war spätestens dann klar, dass Weidenfeller

einer der Spieler ist, die sich mit dem BVB und seinen Fans weit über

das übliche Maß hinaus identifizieren. Ein echter Borusse eben!



Seb:

Eine Zeit lang stand ich häufiger in Block 14, an der Grenze zu 13. Auf

der anderen Seite vom Zaun stand jemand, der bei jedem(!) Ballkontakt

von Weidenfeller schrie "Fausten". Egal, ob er den Ball am Fuß hatte

oder dieser nach einer Ecke in den Strafraum segelte - "Fausten!". Roman

war sicher nicht der beste Fußballer, ich erinnere mich noch gut an

eine Trainingseinheit unter Peter Bosz, wo minutenlang ein Spielzug

erklärt wurde, den Weidenfeller einleiten sollte und er pöhlt den Ball

einfach stumpf ins Seitenaus. Aber: Er haute sich rein, riskierte oft

Kopf, Kragen und Rippen, um Bälle abzuwehren und das konnte er. Im eins

gegen eins und auf der Linie besonders gut. Vom "Weidenfehler" zum Fels,

von der Talsohle der Fast-Insolvenz bis zum Double und ins Champions

League Finale. Es gibt wirklich nicht viele Spieler, die so eine Zeit

beim Verein durchmachen und so eine Verbundenheit, auch gegenüber den

Fans, leben. Und dann sind da natürlich noch die ganzen kurzen und

bedeutenden Momente, die im Gedächtnis bleiben: wie er die Schale 2011

hochreckt, wie er den Elfmeter gegen Robben hält, wie er unter Schmerzen

bei der Pokalübergabe hüpft und wie er nach dem gewonnen Derby auf den

Zaun klettert.



Nicky:

Es ist nicht einfach, aus den vielen tollen Momenten, den einen

Lieblingsmoment herauszusuchen. In 16 Jahren haben sich viele

Erinnerungen angesammelt. Viele schöne, viele traurige. Aber alle

besonders. Roman war in meinen ganzen Fan-Jahren immer präsent. War

immer da und gehört für mich zum BVB dazu. Roman und Borussia Dortmund

sind eins. Ein schöner Moment, vielleicht einer meiner liebsten, ist

noch gar nicht so lange her. Das letzte Bundesligaspiel für den BVB

auswärts in Sinsheim. Nach dem Abpfiff des Spiels und gleichzeitig dem

Abpfiff einer großen Spielerkarriere ging er schnurstracks zur

Gästekurve. Hat in der Kurve mit den Fans gesungen, hat sich feiern

lassen. In diesem Augenblick, dieser inoffiziellen Verabschiedung, ist

mir noch einmal bewusst geworden, wie sehr Roman das Gesicht des BVBs

geprägt hat, wieviel er den Fans bedeutet. Und andersherum. Es war nicht

immer die einfachste Beziehung, nicht die perfekteste aber doch eine

wunderschöne.



Michael:

Es ist die eine Szene am 20.03.2010, die mir bei Weidenfeller immer

wieder einfällt. Dortmund spielt an diesem 20. Spieltag abends um 18:30

Uhr gegen Leverkusen. Und Bayer spielt Dortmund phasenweise an die Wand.

Bereits nach 11 Minuten rettet Weidenfeller gegen den frei vor ihm

auftauchenden Kießling ehe es in der 20. Minute zur besagten Szene

kommt: Gonzalo Castro, damals noch in Leverkusen, flankt und Eren

Derdiyok kommt zum Kopfball. Der Ball hätte genau unter die Latte

gepasst, wenn, ja wenn nicht im letzten Moment Weidenfellers Hand

aufgetaucht wäre und den Ball über die Latte gelenkt hätte. Es war vom

Absprung bis zur Landung eine einzige fließende Bewegung, eine Parade,

wie aus dem Lehrbuch, die der Borussia das 0:0 rettete. Der Rest ist

schnell erzählt: Barrios (2) und Rangelov schossen in der zweiten

Halbzeit Leverkusen mit 3:0 nach Hause und am Ende der Saison

qualifizierte sich Dortmund zum ersten Mal seit Jahren wieder über die

Liga für den Europapokal.


Vermutlich könnte man noch Bücher füllen mit der Anzahl an verschiedenen Dingen, Szenen, Paraden und glorreichen Momenten, die jeder einzelne BVB-Fan mit der ewigen Nummer 1 verbindet und für immer verbinden wird.

Ein Satz geht jedoch jedem Borussen leicht von den Lippen: Danke, Roman. Für alles.




Boris, 08.09.2018



Du möchtest schwatzgelb.de unterstützen?

Schwatzgelb.de ist kostenlos und werbefrei. Wir finanzieren unsere ehrenamtliche Arbeit über unsere Shops. Schaut doch mal rein!