schwatzgelb.de
Zu schwatzgelb.com wechseln

Spielbericht Profis - 27.08.2018

Der frühe Schock verleiht Flügel

Warm-Up

Fahnenchaos mit klarer Botschaft

WM, DFB, Grindel, VAR - vor dem Saisonauftakt der Borussia in der Bundesliga gab sich der Fußball einerseits alle Mühe, die Vorfreude auf die neue schwarzgelbe Spielzeit größtmöglich einzudämmen. Auf der anderen Seite standen der neue Trainer Lucien Favre, die neuen Mentalitätsmonster um Witsel und Delaney und ein allgemein ausgerufener Neustart auf allen Ebenen im Klub, die die Vorfreude in letzter Konsequenz doch einkehren ließen. Die Leidenschaft war wieder da - auf dem Platz auf den Rängen gleichermaßen.

Taktik & Personal

Burnic, Kagawa, Isak, Gomez, Weigl, Sahin, Toprak, Rode - die Liste allein derer, die es beim Bundesliga-Auftakt nicht in den schwarzgelben Kader schafften, las sich einigermaßen beeindruckend. Hakimi und Wolf vertraten die Riege Neuzugänge auf der Bank, aufs Feld schafften es dagegen Diallo, Delaney und relativ überraschend auch Witsel. Pulisic, Philipp und Reus sollten die Brause in der Offensive durcheinander wirbeln.

Spiel

Axel Witsel stand erstmalig in der Startelf

Ob das geliebte Fußballerzeugnis aus dem Osten vor dem Spiel etwas zu viel vom eigenen Produkt des Hauptsponsors intravenös verabreicht bekommen hatte, der BVB sich nach 31 Sekunden noch gänzlich im Kollektivschlaf befand oder RB nach einem eher durchschnittlichen Trip in die Tiefen der Ukraine noch gar nicht geschlafen hatte und deshalb aufdrehte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Klar und bedauerlich war nur das frühstmögliche Gegentor und der Rückstand für die Borussia, bei dem die neue Innenverteidigung um Akanji und Diallo nicht den allerbesten Eindruck machte und Augustin am Ende Bürki zum 0:1 überwand. Der zuletzt von Ralf Rangnick so oft gescholtene Franzose hatte sich scheinbar einiges vorgenommen - die Offensive um den jungen Franzosen presste den BVB früh, der Rest der Mannschaft von RB knüppelte in der Anfangsphase gefühlt alles und jeden im gelben Trikot um und machte das Spiel hektisch. Die erste gelbe Karte sah Upamecano bereits nach 09 Minuten nach einem taktischen und harten Foul an Delaney.

Der BVB befand sich länger als gewollt sichtlich in der Findungsphase und kam kaum aus der eigenen Hälfte. Witsel als zentrale Anspielstation im Spielaufbau wurde immer wieder von Forsberg angelaufen und als Fixpunkt vom Spielgeschehen abgeschnitten. Leipzig agierte besonders in der ersten halben Stunde überraschend aggressiv und körperlich präsent - nach der kräftezehrenden Auswärtsreise in die Ukraine so nicht unbedingt zu erwarten. Die Gäste wirkten der Annahme mit extrem körperlichen Spiel entgegen und stellten die Borussia vor Probleme.

Mo Dahoud bejubelt den Ausgleichstreffer

Ein absolutes Novum sorgte im Anschluss für den erlösenden Ausgleich: Schmelzer fand mit einer perfekten Flanke den Kopf von Horst Dahoud - das erste Kopfball - und Bundesligator für den BVB netzte Favre’s Schützling der ersten Stunde in überragender Manier an Gulasci vorbei ins lange Eck. Das zweite Novum folgte zugleich: Roman Bürki erwischte einen erstklassigen Tag und parierte überragend gegen Augustin - von der Süd schallten nie gehörte Sprechchöre für den häufig kritisierten Schlussmann.

Und was war mit dem neu ernannten Kapitän? An Marco Reus lief das Spiel in vorderster Front weitgehend vorbei, der ungelernte Stürmer hing in der Luft und nahm nur unbedingt am Zusammenspiel in der Offensive teil - auch dem Umstand geschuldet, dass das letzte Drittel des Feldes im Spielaufbau nur mangelhaft angeschlossen werden konnte. Kurz vor der Halbzeit musste ein Standard her, und der kam: Aus dem linken Halbfeld brachte Reus einen gefährlichen Freistoß in den Strafraum, Sabitzer verlängerte den Ball per Kopf ins lange Eck zur schwarzgelben Führung. Reus’ 100. BL-Tor fiel glücklich, wurde aber dankend angenommen. Der Treffer öffnete dem BVB Tür und Tor für eine kurze aber extreme Offensiv-Lawine, im Anschluss kam Delaney im Strafraum frei zum wuchtigen Kopfball - den Abpraller der von Gulasci überragend gehaltenen Parade verwertete Witsel artistisch auf dem Bicycle zum 3:1.

Marco Reus leitete das 2-1 ein

Pünktlich um 19:09 Uhr lieferte Bürki den erneuten Beweis für seine herausragende Tagesform - den scharfen Volley von Klostermann lenkte der Schweizer überragend über die Latte. Hätte Dahoud im direkten Anschluss nach starker Vorarbeit von Reus seinen zweiten Treffer gemacht und damit quasi seine Unsterblichkeit manifestiert, das Spiel wäre wohl gelaufen gewesen. So blieb nur ein verwertetes Field Goal und nach knapp einer Stunde eine beeindruckende Statistik von Axel Witsel’s Dominanz: 50 Mal war der Belgier bis dahin am Ball, 97,5 % der Pässe kamen an den Mann.

Und was war erneut mit Marco Reus? Der Kapitän ackerte, rannte, kämpfte und biss - bekam aber offensiv kein Bein auf den Boden - bis zur Schlussminute. Mit der beinahe letzten Aktion schwebte Dahoud durchs Mittelfeld, Sancho bekam Flügel verliehen und steckte stark auf den falschen Stürmer durch: Das 4:1 war das Ausrufezeichen hinter der Partie und ein doch noch persönliches Highlight im ersten Heimspiel mit der Binde um den Arm.

Fazit

Der saß: Axel Witzsel und Thomas Delaney bejubeln das 3-1

Fußball ist manchmal doch ein groteskes und seltsames Spiel. Der Auftaktsieg gegen einen hochkarätigen Gegner tut gut, war letztlich verdient und machte die Borussia zumindest für eine Woche zum ersten Spitzenreiter der neuen Saison. Die Partie offenbarte jedoch auch deutliche Schwächen und erhebliches Verbesserungspotenzial. Wäre Leipzig in der Lage gewesen das hocheffektive Pressing länger als nur eine halbe Stunde zu praktizieren - der BVB wäre deutlich länger und tiefer geschwommen als ohnehin schon. So erwischte man mit einer Portion Glück und gutem Timing ein zu hoch ausgefallenes Erfolgserlebnis.

Der Spielaufbau und die taktischen Feinheiten waren noch deutlich und nachvollziehbarer Weise verbesserungswürdig und ausbaufähig. Die verspätete Reaktion auf den frühen Rückstand machte aber Hoffnung auf das, was in der letzten Saison noch so schmerzlich vermisst wurde: Rückgrat und Widerstandsfähigkeit. Witsel, Delaney und Dahoud erfüllten die Rolle in ihrem Fahrwasser schon mehr als gut - bei frühem Anlaufen der Leipziger erkannte man jedoch auch hier den fehlenden Plan B im Spielaufbau und die noch nicht vorhandenen Automatismen, die vor allem Diallo, Akanji und Schmelzer immer wieder zu schlechten Pässen zwangen.

Roman Bürki verdiente sich Bestnoten

Nicht unerwähnt bleiben soll auch die jederzeit überzeugende und extrem abgeklärte Leistung von Schiri Deniz Aytekin im Verbund mit seinem Team. Bei der derzeit allgegenwärtigen Diskussion um Schiedsrichter, VAR etc. bot der zurzeit wahrscheinlich beste deutsche Spielleiter eine Vorstellung wie aus dem Lehrbuch. So muss eine Partie geleitet werden.

Statistik

BVB:

Bürki - Piszczek, Diallo, Akanji, Schmelzer (87. Guerreiro) - Witsel, Delaney, Dahoud - Pulisic (77. Sancho), Philipp (70. Wolf), Reus

RB:

Gulasci - Saracchi, Upamecano, Konate, Klostermann - Kampl, Demme (85. Bruma) - Forsberg, Sabitzer (46. Ti. Werner) - Augustin (72. Cunha), Y.

Wer nicht hüpft der ist ein Bulle...

Poulsen

Schiedsrichter: Deniz Aytekin
Assistenten: Christian Dietz, Eduard Beitinger
Vierter Offizieller: Johann Pfeifer
Video-Assistent: Benjamin Cortus

Tore: 1:0 Augustin (1.), 1:1 Dahoud (21.), 2:1 Sabitzer (40., Eigentor), 3:1 Witsel (43.), 4:1 Reus (90.+1.)

Zuschauer: 80.000

Karten: Upamecano, Saracchi - Diallo, Dahoud

Torschüsse:10:11

Ecken: 7:9

Ballbesitz:46:54

"Sie waren besser als wir, vor allem in den ersten 25 Minuten"


Stimmen zum Spiel:

Lucien Favre:

Sie waren besser als wir, vor allem in den ersten 25 Minuten. Sie waren schneller und stärker in den Zweikämpfen, sie machten schnell das 0:1 und hatten weitere Torchancen, weil wir insgesamt nicht gut verteidigt haben. Wir haben dann eine gute Reaktion gezeigt. Der Ausgleich war ein schönes Tor, Roman Bürki hat mehrfach gut gerettet. Das 3:1 war ein super Tor von Witsel und kam auch im richtigen Moment. Die zweite Halbzeit war zunächst auch okay, doch dann war Leipzig wieder da. Wir hätten durch Dahoud das vierte Tor machen können, dann wäre das Spiel vorbei gewesen. Insgesamt will ich nicht sagen, dass wir Glück gehabt hätten, aber es ist gut gelaufen für uns heute."

Marco Reus:

„Ein überragender Start? Ab der 30. Minute sage ich: Ja. Vorher war es extrem schwierig. Leipzig war besser im Rhythmus. Wir waren noch nicht richtig da, hatten noch nicht einen Ballkontakt, und schon steht es 0:1. Das ist ein Start, den man sich nicht wünscht. Wir haben Moral und Charakter gezeigt gegen hoch pressende Leipziger, machen glücklich das 1:1, haben dann mehr Räume, mehr unser Spiel gemacht und innerhalb weniger Minuten das

"Ich finde, dass wir in der ersten Halbzeit ein nahezu perfektes Spiel gemacht haben."

3:1 erzielt.“

Roman Bürki:

„Leipzig hat hoch gepresst, so dass wir das Spiel nicht gepflegt aufbauen konnten. Wir haben uns dann in die Zweikämpfe geworfen und guten Fußball gespielt. Die Euphorie sollten wir mitnehmen.“

Ralf Rangnick:

"Ich finde, dass wir in der ersten Halbzeit ein nahezu perfektes Spiel gemacht haben. Wir waren im Spiel mit und gegen den Ball dominant. Ich glaube nicht, dass die Europa League etwas mit dem heutigen Spielausgang zu tun hatte. Viel besser als das, was wir in der ersten halben Stunde gespielt haben, kann man nicht spielen."

Boris, 27.08.2018


Du möchtest schwatzgelb.de unterstützen?

Schwatzgelb.de ist kostenlos und werbefrei. Wir finanzieren unsere ehrenamtliche Arbeit über unsere Shops. Schaut doch mal rein!