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Im Gespräch mit ... - 07.08.2018

Maximilian Philipp: "Dann sollte ich es auch hinkriegen, dass ich mich auf dieser Position festsetze"

Samstag, 04.08.2018 - Training, Mittagessen, Medienrunde - der Terminplan für ist straff für Maximilian Philipp am Tag nach dem Testspiel in Altach. Trotzdem nimmt er sich 20 Minuten exklusiv für uns Zeit, obwohl der Nachmittag eigentlich frei ist. Wir setzen uns in eine Ecke der Lobby vom Mannschaftshotel. Philipps Beine sind schwer. Lucien Favre hatte der Mannschaft beim Vormittagstraining nochmal alles abverlangt. Am Tag nach dem Testspiel gegen Stade Rennes stand kein einfaches Auslaufen an, sondern Läufe mit hoher Intensität. Wir plaudern los:

Du bist letzten Sommer zum BVB gestoßen. Mit deiner Ablösesumme rangierst du unter den zehn teuersten Einkäufen bei Borussia Dortmund. Ist das eine Last?

Gar nicht! Mich juckt das nicht. An der Summe kann ich nichts ändern, das machen die Vereine unter sich aus. Darum interessiert mich die Höhe der Ablösesumme wirklich nicht.

Die letzte Saison fing richtig gut an. Kannst du die ersten zwei Monate unter Peter Bosz beschreiben?

Alles, was wir gemacht haben, hat funktioniert. Wir haben die Spiele gewonnen, guten, offensiven Fußball gespielt. Wir haben viele Tore geschossen, nur wenige kassiert und hatten viel Spaß. Einige Fans haben dann aber angefangen zu träumen. Es war nicht mehr wichtig, ob wir das nächste Spiel gewinnen, sondern: wie hoch wir gewinnen. So sah es in der Mannschaft aber nicht aus. Wir hatten zwar eine ordentliche Portion Selbstvertrauen aufgebaut, aber dann kam der Bruch.

Danach ging es mit dem Team und dir selber verletzungsbedingt in eine schwierige Zeit. Was nimmst du aus dieser Zeit für die neue Saison mit?

Verletzungen werfen mich nicht zurück. Natürlich ist man enttäuscht, aber ich habe gelernt, direkt wieder aufzustehen. Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass die Saison für mich vorbei ist. Ich wollte aber auch unbedingt allen zeigen, dass ich in der Saison noch spielfähig bin, und das hat auch relativ früh wieder geklappt, womit keiner gerechnet hat.
Die Saison insgesamt ist natürlich nicht optimal verlaufen. Auch wenn wir das Minimalziel erreicht und uns für die Champions League qualifiziert haben. Aber alles in allem konnten wir nicht zufrieden sein.

Es war nicht deine erste schwierige Situation: In der Jugend in Berlin zum Beispiel wurdest du aussortiert. Erzeugen diese Situationen bei dir ein “Jetzt erst recht”-Gefühl?

Ich glaube, der Moment in Berlin hat mich sehr geprägt und hat mir gezeigt, dass man es immer schaffen kann, auch auf Umwegen. Ich habe den Kopf nie hängen lassen und hatte immer den Ansporn, es denen zu zeigen, die mich damals aussortiert haben. Das war eine schwierige Situation. Ich hatte einige Fürsprecher, aber auch Gegensprecher, und der Trainer hat dann letztendlich entschieden, dass er nicht mehr auf mich baut. Das war sicherlich ein Schlüsselmoment für mich.

Ebenfalls schwierig war die Stimmung zwischen Mannschaft und Fans. Besonders nach dem verlorenen Derby war der Ärger auf Seiten der Fans groß und konnte auch durch den überzeugenden Sieg gegen Leverkusen kaum gemildert werden. Konntest du das damals nachvollziehen?

Ja! Die Fans waren über die Jahre hinweg einen anderen BVB gewohnt. Vorher war es der BVB mit tollem Offensivfußball, der hoch angelaufen ist. Das konnten wir nicht auf den Platz bringen. Wir konnten nur die Minimalziele erreichen. Auf Grund unserer Leistung kann ich den Ärger schon verstehen. Natürlich haben wir gegen Leverkusen ein gutes Spiel gezeigt. Aber man kann mit einem Spiel nicht die ganze Saison retten. Ich weiß, wie sich eine Derbyniederlage anfühlt. Das tut sehr weh, das tut doppelt weh und dann ist der Ärger natürlich nur verständlich. An einigen Stellen war die Art und Weise allerdings übertrieben. Das wissen die Fans aber auch selber.

Was würdest du dir für die kriselnde Beziehung zwischen Mannschaft und Fans wünschen?

Ich glaube, wir sollten einfach wieder mehr BVB-like sein. Wir als Mannschaft sollten den BVB-Fußball spielen, aber auch die Beziehung zu den Fans festigen. Das war in der Vergangenheit häufig nicht der Fall, weshalb die Fans kritisch, sauer und enttäuscht waren. Nach dem Spiel gegen Leverkusen waren sie sehr wütend, gegen Hoffenheim auch. Wären wir mehr im Austausch mit den Fans gewesen, wäre wahrscheinlich mehr Verständnis füreinander und mehr Zusammenhalt da gewesen. So hat sich der Unmut über Großteile der Saison angestaut und dann waren alle einfach sehr gefrustet, was ich verstehen kann. Das Verhältnis muss wieder enger werden.

Wie kann man konkret daran arbeiten, damit es wieder besser wird?

(überlegt lange) Das kann ich schwer beantworten, weil ich das vor Dortmund gar nicht kannte, dass man so eine riesige Fanszene hat. In Freiburg waren auch mal 24.000 bei den Spielen. In Dortmund sind alleine auf der Südtribüne 25.000. Es ist nicht einfach, mit so vielen Menschen zu kommunizieren. Da muss man sich dann vielleicht mit ein paar führenden Köpfen der Fanszene treffen und sich mit denen als Multiplikator austauschen, damit man wieder mehr Nähe schaffen kann. Einen richtigen Ansatzpunkt habe ich da für mich aber noch nicht gefunden und möchte da auch keine falschen Hoffnungen wecken oder Versprechungen machen.

Warst du schon mal auf der Südtribüne?

Ich war noch nie drauf.

Würdest du gerne mal? Ist das ein Wunsch, mal in einer Fankurve zu stehen oder hast du woanders mal in einer Fankurve gestanden?

Direkt in der Fankurve war ich nie. Irgendwann würde ich das schon mal gerne erleben, stehe jetzt aber natürlich lieber auf dem Platz.

Kommen wir mal zur neuen Saison: Bislang haben wir keinen neuen Stürmer verpflichtet. Gehen wir mit dir als Stürmer Nr. 1 in die neue Saison?

Das weiß ich nicht, das müsst ihr den Trainer fragen. Ich habe da nicht die Entscheidungsgewalt. Ich bin da ganz offen, was passiert und ob überhaupt noch was passiert. Wir sehen dann, was kommt.

Spricht man darüber in der Mannschaft?

Wir sprechen gar nicht darüber. Transfers sind nicht unsere Angelegenheit. Wir sind die Mannschaft und haben uns darum zu kümmern, dass wir uns so schnell wie möglich zusammenfinden und umsetzen, was der Trainer von uns verlangt. Wenn dann noch jemand dazu stößt, dann nehmen wir ihn gerne auf.

Wie gefällt dir die Rolle? Das ist ja eigentlich nicht deine Stammposition.

Am Anfang hatte ich noch Anpassungsschwierigkeiten, weil ich über Jahre eine andere Position gespielt habe. Ich bin da noch in der Lernphase. Ein paar Sachen habe ich schon ordentlich umgesetzt aus meiner Sicht, aber ich habe auch noch viel Verbesserungspotenzial. Ich bin noch jung und lernwillig und dann sollte ich es auch hinkriegen, dass ich mich auf dieser Position festsetze.

Du sagst, du bist noch in der Lernphase. Was sind die Hauptpunkte, die du lernen musst für die Position?

Früher habe ich weiter hinten gespielt, stand mit dem Gesicht zum Tor und bin auf die Viererkette zugelaufen. Das war anders. Jetzt stehe ich eher mit dem Rücken zum Tor. Als zentraler Stürmer musst du immer den richtigen Moment abpassen, musst dich clever bewegen und ein Gespür für die wenigen Räume haben. Das kann ich auf jeden Fall verbessern, um in bessere Positionen zu kommen, um mehr Abschlusschancen zu bekommen und so auch mehr Tore zu schießen. Davor habe ich auch gerne mal aus der zweiten Reihe geschossen, das geht als Stürmer eher selten.

Wie lernt man sowas? Es gibt ja vermutlich keine Lehrvideos nach dem Motto ‚So werde ich Stürmer‘. Wie arbeitest du genau daran?

Das Trainerteam hilft mir sehr. Die wissen, wie ich mich bewegen muss, und haben eine klare Vorstellung. Das erklären sie mir. Aber auch meine Mitspieler unterstützen mich. Dafür sind die Mitspieler ja da. Und natürlich schaue ich mir Topstürmer an, wie die sich verhalten, wie die sich bewegen und dann versuche ich das selber umzusetzen.

Wen schaust du dir am liebsten an?

Lewandowski ist ein Top-Stürmer und auch Ronaldo gucke ich mir sehr gerne an. Der spielt inzwischen weiter vorne und ist da eine echte Maschine mit einer wahnsinnigen Torquote. Den Körpereinsatz von Lukaku finde ich auch sehr spannend. Da gibt es einige, die ich mir angucke.

Sebastian Kehl ist wieder im Verein zurück. Was für eine Rolle nimmt er ein und wie ist die Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit ist gut. Er versteht uns Spieler, weil er noch sehr jung ist, finde ich (lacht). Er stand selber lange genug auf dem Rasen und kennt die Abläufe daher sehr gut. Er kümmert sich um uns, wenn wir Fragen oder Probleme haben. Und ist der erste Ansprechpartner. Ich bin mir sicher, er wird uns sehr viel helfen.

Kehl ist in Dortmund eine Identifikationsfigur. Macht das die Zusammenarbeit mit ihm noch einmal ein Stück anders?

Natürlich weiß ich, dass Sebastian Kehl viel für den Verein geleistet hat und dass er dadurch zu Recht einen hohen Status hat. Das ist für mich etwas Besonderes. Aber trotz des Status ist er auch echt cool. Der ist einfach, wie er ist und vom Typ her super.

Auch Lucien Favre ist neu in den Verein gekommen. Er wurde jüngst vom Kicker als “knuffiger Kauz” beschrieben. Wie nimmst du Herrn Favre wahr?

Knuffiger Kauz (lacht) … Wer kommt denn bitte auf sowas? Vermutlich ist das im Sinne von „süß“ gemeint? Durch den französischen Akzent wirkt natürlich alles ein bisschen süß, wenn er spricht. Aber er kann auch anders. Den Akzent wird er sicher nicht los, was auch nicht schlimm ist. Er macht einen guten Eindruck, sehr akribisch, detailversessen. Wir können richtig viel von ihm lernen.

Er hat auch nicht knuffige Seiten?

Bislang haben wir die noch nicht gesehen, zum Glück. Ich hoffe, durch den Akzent wird es immer ein bisschen knuffig bleiben (lacht).

Worauf legt er besonders viel Wert im Training?

Unterschiedliche Themen: Zurzeit sind wir beim Verinnerlichen des Spielaufbaus. Er will das genau so umgesetzt haben, wie er sich das vorstellt. Wir haben bis jetzt schon einen ordentlichen Spielaufbau gezeigt, aber in seinem Plan sieht das noch besser aus. Das ist dann auch seine Art: detailversessen. Er legt viel Wert darauf, dass wir einen guten Spielaufbau haben, keine langen Bälle schlagen. Er weiß, dass wir die Klasse besitzen und verlangt deshalb viel von uns.

In deiner kurzen Zeit in Dortmund hast du bereits drei Trainer kennen gelernt. Worin unterscheiden sie sich?

Drei Trainer und natürlich drei verschiedene Typen. Bosz wollte sehr offensiv spielen, was am Anfang super geklappt hat. Er hat wirklich komplett auf Offensive gesetzt, wir haben viel Pressing geübt. Nach Ballverlust sollten wir zum Beispiel direkt pressen. Für Herrn Stöger war es ein bisschen schwieriger, weil das einzige Ziel war, die Champions League-Qualifikation zu schaffen. Er hat zuvor auch eine schwierige Phase mit Köln durchgemacht, mit denen er kein Spiel gewonnen hatte. Und dann kam er zu einer Mannschaft, die selber verunsichert war und eine schwierige Zeit hinter sich hatte. Wir hatten ups and downs, das war schwierig und er hatte auch nur ein halbes Jahr Zeit. Herr Stöger hat sich das wahrscheinlich anders vorgestellt, aber vorrangig ging es darum, Punkte einzufahren. Das haben wir geschafft und dafür sind wir ihm dankbar. Er hat gute Arbeit geleistet. Und Favre: Die ersten drei bis vier Wochen, die er nun hier ist, waren schon sehr intensiv. Wir trainieren sehr viel. Freizeit haben wir kaum bis gar nicht, muss ich zugeben. Aber er will, dass wir so schnell wie möglich alles perfektionieren, und ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.

Du sagst, ihr trainiert sehr viel. Habt ihr unter den anderen Trainern weniger gemacht?

Die Vorbereitung ist immer anstrengend. Die Läufe, die wir einen Tag nach dem Test-Spiel gemacht haben, müssen nicht unbedingt sein (lacht). Das tut schon weh. Bei Bosz haben wir zwar auch Läufe gemacht, aber nicht so viele und nicht ganz so intensiv. Die waren kürzer und dafür in höherem Tempo. Bei Stöger war ich in der Vorbereitung verletzt, deswegen kann ich das nicht einschätzen. Das ist von Trainer zu Trainer verschieden. Da hat jeder seine eigene Philosophie. Die letzte sehr harte Vorbereitung ist bei mir schon ein paar Jahre her. Sowas ist nicht ganz so schön, aber es wird uns sicher weiterbringen.

Ist Dortmund schon zu einem richtigen zu Hause für dich geworden?

Ich fühle mich wohl, das steht außer Frage. Die Jungs haben mich toll aufgenommen. Ich kam von einem kleinen Club, da ist es nicht selbstverständlich, dass große Spieler wie Marco oder Nuri normal mit mir umgehen. In der Kabine war ich sehr ruhig, weil ich mich nicht getraut habe, was zu sagen. Natürlich kennt man sich, weil man gegeneinander gespielt hat, aber die Kabine zu teilen, ist schon etwas Anderes. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Dortmund würde ich aber nicht als mein zu Hause bezeichnen, weil ich aus Berlin komme und dort meine Familie wohnt. Wo die Familie wohnt, bleibt auch mein zu Hause. Aber in Dortmund fühle ich mich wirklich sehr wohl.

Wer waren denn die Spieler, die das Ankommen erleichtert haben?

Nach der U21-EM hat mir Schmelle als Erster geschrieben, dass ich herzlich willkommen bin und er immer da ist, wenn ich Hilfe brauche. Egal, ob Wohnungssuche oder bei sonst irgendwelchen Fragen. Das hätte er nicht machen müssen, aber dafür bin ich sehr dankbar. Das hat mir auch gezeigt, dass die Jungs cool drauf sind und wahrscheinlich genauso so wie ich ticken. Aber ich bin am Anfang in einer neuen Umgebung und mit einem neuen Team immer sehr zurückhaltend. Ich bin auch ganz alleine nach Dortmund gekommen. Später haben mir dann viele geholfen. Marco zum Beispiel, auch wenn er erst eine Zeit lang nicht da war. Und Mario hat viel mit mir gesprochen. Ein paar Jungs kannte ich auch schon. Mit Roman hab ich in Freiburg zusammen gespielt. Mo und Jeremy, mit denen habe ich die EM gewonnen und das hat dann gepasst, da findet man sich zusammen. Sie haben mich alle sehr gut aufgenommen.

Was ist dein Lieblingsort in Dortmund - außer dem Westfalenstadion?

Schwer zu sagen. Ich bin eigentlich sehr viel am Phoenixsee unterwegs. Außer sonntags, da ist es überfüllt, das ist ein bisschen nervig, aber ansonsten habe ich eigentlich keinen besonderen Ort. Den See, zu Hause halt.

Vielen Dank für das Interview.


Larissa und Seb, 07.08.2018


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