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Unsa Senf - 11.07.2018

Und schon wieder: "Auf Wiedersehen, Andrij Yarmolenko"

Gerade einmal ein Jahr in schwarz und gelb.So langsam nimmt der Kader von Borussia Dortmund für die neue Saison Formen an. Nicht mehr dazugehören wird der Ukrainer Andrij Yarmolenko. Grundsätzlich war es das erklärte Ziel des BVB, den Kader zu verkleinern und gerade da sind die offensiven Außenbahnen der beste Ansatzpunkt. Wenn in einem Mannschaftsteil ein Überangebot an Spielern herrscht, dann hier. Trotzdem ist der Wechsel von Yarmolenko nach London zu West Ham United ziemlich kurios, weil es wohl eher selten vorkommt, dass die Transferanbahnung deutlich länger dauert als dann letztendlich die Beschäftigungszeit.

Schon seit einigen Jahren gab es immer wieder fundierte Meldungen über das Interesse des BVB an der Vereinslegende von Dynamo Kiew, bis die Verpflichtung dann letztendlich zum Start der Spielzeit 2017/2018 doch geklappt hat. Da verwundert es auf den ersten Blick schon, dass sich die Wege schon nach so kurzer Zeit wieder trennen, nachdem man den Spieler über einen langen Zeitraum fest im Blick und als Transferziel auserkoren hatte. Allerdings darf man die Begleitumstände seiner Verpflichtung nicht unberücksichtigt lassen. Obwohl schon lange auf dem Wunschzettel, war es letztendlich auch einer dieser Transfers, mit denen man schnell auf ungeplante Kaderveränderungen reagieren musste. Wir erinnern uns noch alle um das Sommertheater um Ousmane Dembélé. Nachdem sich PSG Anfang August Barcelonas Neymar gönnte, trat der französische Nationalspieler in den Streik, um seinerseits beim FC Barcelona anheuern zu können. Am Ende stand der BVB zu Saisonbeginn ohne den Spieler dar, den man für die rechte Seite ganz fest eingeplant hatte.

Ein sympathischer Typ, der durchaus beliebt warKein Wunder, dass man dann schnell reagierte, den bereits bestehenden, intensiveren Kontakt zu Yarmolenko aktivierte und nur wenige Tage später den CL-erfahrenen Spieler als Neuzugang präsentierte. Viel mehr Handlungsoptionen hatte man am Rheinlanddamm einfach nicht. Und zunächst schien es auch so, als könnte das zwischen Borussia Dortmund und „Yarmo“ auch ziemlich gut werden. Ende Oktober standen vier Tore (zwei in der Bundesliga und jeweils eins in CL und DFB-Pokal) und vier Vorlagen auf seinem Konto. Einigen dürfte vor allem sein Auftritt in Hannover in Erinnerung geblieben sein, bei dem er erst einen leichten Ball aus kurzer Entfernung in Richtung Stadiondach verballerte, nur um dann in der zweiten Halbzeit einen ungleich komplizierteren Ball volley ins Netz zu nageln. Irgendwie sehr passend, denn genau so wie spätestens dieses Spiel das endgültige Ende der Anfangseuphorie um Peter Bosz markierte, wurden auch Yarmolenkos Leistungen immer unauffälliger. Bis zum Ende der Hinrunde gelangen ihm nur noch weitere zwei Tore und zwei Assists. Zu wenig für so einen erfahrenen Mann. Im Nachhinein muss man wahrscheinlich feststellen, dass seine Verpflichtung ausgerechnet zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt realisiert wurde. Peter Bosz setzte kompromisslos auf ein extrem hohes Aufrücken, das bei Ballverlusten sehr anfällig war. Das hätte nur funktionieren können, wenn in diesem Moment die komplette Mannschaft sofort wieder extrem gut gegen den Ball gearbeitet hätte. Yarmolenko jedoch war bei Kiew von Defensivarbeiten fast komplett befreit gewesen und so kann man dem Spieler eigentlich keinen Vorwurf machen, dass vor allem die rechte Seite sehr anfällig für den Gegner war. Im weiteren Verlauf der Saison wirkte es auch so, als hätte der Spieler konditionelle Probleme, die von ihm geforderte Aufgabe umsetzen zu können und man hatte oft den Eindruck, als würde er sich mit zunehmender Spieldauer immer matter über den Platz schleppen.

In der Rückrunde bekam er dann unter Peter Stöger keine Gelegenheit mehr, diesen Eindruck wieder zu korrigieren, weil ihn eine Sehnenverletzung im Fuß bis zum 28. Spieltag außer Gefecht setzte. Es folgten nur noch zwei Kurzeinsätze gegen Werder Bremen und Mainz 05.

Am Ende hat es zu oft nur für die Ersatzbank gereichtDass man sich jetzt wieder trennt, mag manchen enttäuschen. In seinen guten Auftritten zu Beginn hat er durchaus den Eindruck vermittelt, dass sich ein erneuter Versuch lohnen könnte und er dem Offensivspiel eine körperliche Komponente geben könnte, die sonst aktuell nicht vorhanden ist. Trotzdem ist es absolut richtig, dass man sich trennt. Die Frage stellt sich nämlich durchaus, ob der neue Trainer Lucien Favre diese Komponente für sein Spiel überhaupt vorsieht. Während alle übrigen Spieler auf dieser Position eher schnell unterwegs sind, ist Tempo nicht gerade Yarmolenkos herausragenste Eigenschaft. Auch seine Ballverarbeitung wirkt vor allem vor dem Tor oft etwas zu kompliziert, um das Spiel schnell zu machen. Favre dagegen erklärte bei der Vorstellung seinen Faible für das Umschaltspiel und sagte: „Eine Mannschaft, die nicht kontern kann, ist keine große Mannschaft.“ Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es für den Ukrainer sehr schwer geworden wäre, sich für die kommende Spielzeit einen Stammplatz zu erarbeiten. Und das muss für einen Spieler mit seiner sportlichen Vita der Anspruch sein.

Nicht zuletzt ist eine schnelle Trennung auch aus finanzieller Sicht für Borussia Dortmund fast der einzig gangbare Weg. Transfers in der Region von 30 Millionen plus mögen für uns zwar durchaus darstellbar sein, aber dafür müssen wir uns auch schon strecken. Diese Transfers müssen sportlich tunlichst sitzen, was leider in den letzten Jahren nur schlecht gelang. Aber wenn ein derartiger Transfer nicht funktioniert, gehört es auch zu den Aufgaben des Transfergeschäftes, sich möglichst schnell wieder zu trennen, bevor der Spieler endgültig als „gescheitert“ deklariert wird und sein Marktwert rapide sinkt. Bei Yarmolenko gelang zumindest dieser Teil recht gut, weil die 20 Millionen Euro, die die Hammers überweisen, nur 5 Millionen Euro unter unserem Einkaufspreis liegen. Bilanziell dürfte der Verlust aufgrund der Abschreibung sogar bei Null liegen. Borussia wird das Geld auf jeden Fall bei der Stürmersuche sehr gut gebrauchen können.

Unterm Strich ist die frühe Trennung für alle Seiten die beste Lösung. Trotzdem ist es schade, weil Yarmolenko durchaus sympathisch wirkte und mit seiner Spielweise unter anderen Umständen auch das Zeug zu einem Publikumsliebling gehabt hätte. Ein richtiger Kauf zur falschen Zeit und schade, dass es nicht anders gelaufen ist.

Viel Erfolg und alles Gute in der Premier League, Andrij

Sascha, 11.07.2018


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