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Unsa Senf - 28.06.2018

Das Aus der Nationalelf bei der Fußball Weltmeisterschaft und die Folgen

Die Flaggen an den Balkonen sind eingerollt, die schwarzrotgoldenen Bezüge vom Außenspiegel wieder abgezogen. Die deutsche Nationalmannschaft hat Historisches geschafft und ist zum ersten Mal in der Gruppenphase einer WM ausgeschieden. Damit teilt sie zwar das Schicksal mit einigen anderen Titelverteidigern, aber den letzten Platz in einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea zu belegen, ist schon eine bemerkenswerte Nichtleistung. Nicht einmal einem ungerechten Schiedsrichter, schauspielernden Italienern oder sonstigen Ungerechtigkeiten kann man diesmal gewohnheitsmäßig die Schuld zuweisen. Die gezeigten Leistungen waren, mit Ausnahme vielleicht der zweiten Halbzeit gegen Schweden, schlecht und das frühe Turnierende hart verdient. Das Flaggschiff des deutschen Fußballs wurde amtlich und ziemlich umfassend in Russland versenkt.

Wie man als Fußballfan dazu steht, bleibt jedem selbst überlassen. Niemand ist gezwungen, beim Anblick eigentlich eher ungeliebter Spieler von Konkurrenzvereinen im Deutschlandtrikot in nationale Verzückung zu verfallen, aber ebenso sollte man diejenigen respektieren, die der DFB-Elf mit der gleichen Leidenschaft wie ihrem Lieblingsverein folgen. Wie scheiße sich das für die Fans der Nationalelf jetzt anfühlt, kann jeder von uns, seit dem Pokalfinale sogar die Anhänger der Bayern, nachvollziehen. Aber selbst, wenn man es nicht mit Löws Auswahl der nie ruhenden Besten hält, wird man die Folgen des desaströsen Ausscheidens spüren.

Die Geschicke der Nationalelf und die der Bundesliga sind eng miteinander verwoben. Das sieht man schon daran, dass 15 Kicker aus dem 23er-Kader weiterhin in Deutschland spielen. So kommt es nicht von ungefähr, dass die Geschichte der Nationalmannschaft bei der WM 2018 starke Parallelen mit den Auftritten deutscher Mannschaften im Europapokal in der vergangenen Saison aufweist. Blendete man die Namen und Trikotfarben komplett aus, wirkte der Kick Deutschland gegen Südkorea auch ähnlich temporeich und spannungsgeladen wie 80 % der Spiele in der Samstagskonferenz der Bundesliga. Der eklatante Mangel an Esprit und die absolute Systemhörigkeit, die schon den Bundesligafußball zu einem oft nur schwer verdaulichen „Erlebnis“ gemacht haben, ist jetzt auch endgültig bei der Nationalelf angekommen. Das ist vielleicht aus fußballerischer Sicht das wirklich Gute, das dieses WM-Aus mit sich bringt. Man kann nicht mehr die Augen davor verschließen und auf Bundesligaebene die vergangenen zwei, drei Jahre zu singulären „Kacksaisons“ verklären. Ähnlich Anfang der 2000er Jahre, die die deutsche Nachwuchsförderung revolutioniert haben, müssen Ziele und Inhalte in der Ausbildung junger Spieler wieder überprüft werden. Der Fokus muss wieder stärker auf Taktik und Individualität gelegt werden, statt in Serie polyvalente „Systemspieler“ zu erzeugen. Es mangelt oft einerseits an den Basics, wie zum Beispiel einen Pass präzise und in der richtigen Geschwindigkeit zu spielen, andererseits auch an Fähigkeiten, individuelle Lösungen zu erarbeiten. Im Vereins- wie im Länderfußball sieht man mittlerweile die gleiche Ratlosigkeit bei konzentriert stehenden Gegnern, die dem eingepaukten System keine Angriffsfläche bieten. Es fehlen ganz individuell Technik und Ideen, um auch mal unerwartet agieren zu können.

Zu hoffen ist auch, dass die „Bierhoffisierung“ der Nationalmannschaft ein deutliches Warnzeichen an die Vereine ist. Wobei schon der Begriff an sich nicht richtig ist. Nicht Bierhoff hat Marketingclaims, beknackte Hashtags, Abschottung zum Fußvolk und völlig überzogene Eintrittspreise für 08/15-Kicks im Fußball etabliert und damit eine große Distanz zwischen Team und Fans geschaffen, er hat nur im hohen Tempo dem Vereinsfußball nachgezogen. In manchen Punkten wie z.B. dem „Fanclub Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ mag er zwar über das Ziel hinaus geschossen sein, diese Darstellung einer Fußballmannschaft als hippe, aber auch irgendwie schwer greifbare Marketingmaschine ist allerdings nicht auf seinem Mist gewachsen. Vielleicht rüttelt diese Entfremdung im Zeitraffer ja den ein oder anderen Manager eines Bundesligavereins auf und macht ihm klar, auf welch wackelige Beine er das alles stellt, wenn er seinen Verein so weit von der Basis entfernt. Im Misserfolg erodiert dann alles, weil verbindende Kräfte und Emotionen fehlen.

Auf jeden Fall dürfte das gestrige Ergebnis für einige Sorgenfalten bei Geschäftsführern und in den Marketingstäben der Bundesligaclubs gesorgt haben. Die allumfassende Präsenz des Fußballs und seine zentrale Bedeutung für die Gesellschaft hat er im Wesentlichen durch die Heim-WM 2006 erlangt und in den Folgeturnieren ausgebaut. Fußball wurde zu dem Sport, der überall zu sehen war und überall diskutiert wurde. In den Stadien konnte man Fans in Nationalmannschaftstrikots sehen, die offenkundig nicht im Vereinsfußball sozialisiert wurden und wer mit seiner Werbung wirklich Beachtung finden wollte, wurde Sponsor eines Vereins oder ließ sein Produkt gleich direkt von einem kickenden Heroen präsentieren. Für die Vereine wirkte sich die hohe Popularität auch direkt auf der Einnahmenseite in Form von höheren Erlösen im Sponsoring, der Vermarktung von hochpreisigen VIP-Logen und vor allem in steigenden Einnahmen bei der Vergabe der TV-Rechte aus. Nun wird das alles nicht von heute auf morgen wegbrechen, weil Südkorea zwei Tore gegen Deutschland geschossen hat, aber die Vereine werden auf eine Euphoriewelle im Anschluss an die WM gehofft, wenn nicht sogar damit gerechnet haben. Schon das Erreichen des Viertel- oder gar Halbfinals wäre dafür ausreichend gewesen. Zumindest hätte man das in eine Aufbruchsstimmung umdeuten können, während jetzt auf nationaler Ebene die Zeichen eher auf Abbruch stehen.

Der Fußball hat ganz aktuell sein Gewinner-Image verloren, mit dem sich die Werbepartner so gerne schmücken wollen und mit dem sich auch eher nicht so beinhart fußballaffine Anhänger identifizieren können. Auf Vereinsebene sind die großen Zugpferde, mit Ausnahme von Frankfurt und vielleicht den Blauen, auch eher enttäuschend durch die Saison gestolpert. Köln und der HSV sind abgestiegen, bei uns hängt man am besten das Mäntelchen des Schweigens über den Verlauf und in München würde die Abomeisterschaft auch eher widerwillig, denn begeistert gefeiert. Nun ist man auch noch als Deutschlandfan ein Looser. Jeder Verein, der nicht gerade zum jetzigen Zeitpunkt große Hauptsponsoren- oder Ausrüsterverträge aushandeln muss, wird darüber froh sein. Wenigstens kurzfristig dürften die Steigerungsraten hier eher moderat ausfallen.

Darüber hinaus könnte sich das aktuell schwache Image auch nachteilig für die Vereine auf dem Transfermarkt auswirken. Selbst wenn man beide Europapokalwettbewerbe zusammennimmt, präsentierte sich zuletzt nur noch Bayern München wirklich höher wettbewerbsfähig. Jetzt hat sich auch die Nationalmannschaft weltweit als behäbig, spielerisch rückständig und wenig anspruchsvoll präsentiert. Ist man in Sachen Gehalt schon traditionell nie das Land gewesen, in dem die höchsten Beträge gezahlt wurden, sinkt jetzt auch die Strahlkraft als große Fußballnation. Die Bundesliga hat endgültig und krachend den Status als Weltmeisterliga und somit einen gehörigen immateriellen Pluspunkt verloren. Das wird es noch schwerer machen, Spieler die einen qualitativen Mehrwert darstellen, in die Bundesliga zu locken.

Das frühe Aus bei der WM wird auch der Bundesliga Probleme bereiten. Es bedeutet einen gravierenden Imageverlust und in der Folge damit auch wirtschaftliche Einbußen. Aber es bietet auch Chancen, wenn man es als überdimensionales Stoppschild einerseits in Sachen fußballerischer Entwicklung und andererseits im Verhältnis zwischen Verein und Fans begreift. Dazu müssen jetzt aber Fragen gestellt werden, die über eine Weiterbeschäftigung von Jogi Löw oder Diskussionen über zu satte Spieler hinaus gehen. Ersteres ist eh ziemlich müßig, weil es gar nicht mal von so großem Belang ist, ob jetzt Löw, oder ein anderer Ex-Spieler, Vorruheständler oder C-Klasse-Trainer den Bundestrainer gibt. Die wirklich fähigen und innovativen Leute verdienen eh lieber viel mehr Geld im Vereinsfußball und sind, nicht nur in Deutschland, für die Nationalverbände unerreichbar. Zweiteres ist ziemlich lustig, wenn es vor allem Spielern vorgehalten wird, die in ihrer Karriere Pokale und Meisterschaften in Serie gewonnen haben. Das Erreichen und Erlangen von Titeln ist ihr täglich Brot – und ausgerechnet bei einem so seltenen Ereignis wie einer Weltmeisterschaft sollen sie dann mit einem Titel zufrieden sein? Aber das sind Themen, die man als reiner Anhänger des Vereinsfußballs gottlob bequem ausblenden kann.

Sascha, 28.6.2018


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