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Eua Senf - 22.06.2018

​Die „Selbstveropferung“ des Mario Götze.

Ein nachdenklicher Mario Götze„Was hat dich bloß so ruiniert“ fragten einst Die Sterne in einem wundervollen Song. Im Falle des einst als „Wunderkind“ und kommenden Weltfußballer gehandelten Mario Götze schwingt diese Frage inzwischen schon seit Jahren mit. Eine vierteilige Serie des Streaminganbieters DAZN, erschaffen vom bekannten Dokumentarfilmer Aljoscha Pause, gab vor, unter dem Namen „Being Mario Götze“ dieser Frage auf den Grund zu gehen. Während die Serie handwerklich aufwendig und durchaus überzeugend gestaltet wurde, scheiterten sowohl die Macher, als auch der Protagonist selbst, beim Versuch der Analyse beziehungsweise der Selbstreflexion. Heraus kam ein mehrstündiger Werbefilm, nicht nur für geschickt platzierte Werbeprodukte, sondern für Mario Götze selbst. Die „Selbstveropferung“ nahm dabei in weiten Teilen schon beim Zuschauen schmerzhafte Züge an.

Nun kann man sagen, dass eine vom Hauptprotagonisten autorisierte und wohl auch abgenommene Serie kaum taugt, um an diese Erwartungen hinsichtlich einer kritischen Aufarbeitung dieses Protagonisten zu knüpfen. Dennoch bewarben die Erschaffer der Serie diese damit, es handle sich um eine Dokumentation, welche das an Lebensjahren noch kurze Leben von Mario Götze studieren und dessen bereits schon lange dauernde Karriere analysieren würde und die Brüche im Verlauf dieser Karriere aufspüren wolle. Heraus kam eine Aneinanderreihung von Erklärungsversuchen, die im Grunde ausschließlich in Vorwürfen gegenüber Anderen endeten. Der Regisseur selbst sagte in Interviews vor der Ausstrahlung, dass Mario Götze stolz auf seine Karriere sei, auch wenn in den letzten Jahren dann von Anderen vieles zerredet worden sei. Den einzigen Fehler, den Götze sich in dieser Image-Serie selbst ankreidet, war, dass er „den Stoppknopf“ nicht gefunden habe und „immer eher zu viel gemacht habe“, woraus resultierend er von jener Stoffwechselerkrankung heimgesucht wurde. Dies wird in der Serie auch ausgiebig durch den neuen Leibarzt Mario Götzes beschrieben, der dabei ebenfalls dazu übergeht, Vorwürfe an seine Ärztekollegen zu schicken, die einfach nicht erkannten oder erkennen wollten, welche Probleme Mario Götzes Form tatsächlich nach unten drückten.

Die Serie arbeitet sich aber zunächst halbwegs chronologisch an den Lebensweg Götzes heran. Wie der in Memmingen Geborene, dann in den USA Heranwachsende, schließlich 1997 im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie dem Vater nach Dortmund folgt, welcher dort eine neue Arbeitsstelle antrat. Im Alter von neun Jahren führte sein Weg dann bereits zu Borussia Dortmund, wo er in der Jugendabteilung zu einem, wenn nicht dem größten Talent seines Jahrgangs reifte. Nicht ohne Grund erhielt er daher 2009, geführt von einem in der Serie stolz davon berichtenden Peter Hyballa, auch die Fritz-Walter-Medaille in Gold im Jahrgang der U-17 und debütierte bereits mit 17 Jahren 2009/2010 gegen den 1.FSV Mainz 05 in der Bundesliga. Unter der Führung des damals noch jungen BVB-Trainers Jürgen Klopp, wurde er dann behutsam zu einem wesentlichen Bestandteil jener Mannschaft geformt, die mit Fug und Recht als eine historische bezeichnet wird. Die damals „jungen Wilden“ eroberten im Sturm die Bundesliga mit einer völlig neuartig erscheinenden Spielweise und Mario Götze war mittendrin und nicht nur dabei. Wenn man die in der Serie gezeigten Ausschnitte von Götzes Spiel jener Tage noch einmal sieht, kann man sich erinnern oder erahnen, warum man damals davon ausging, es hier mit einem kommenden Weltstar tun zu haben. Folgerichtig wurde er noch im Laufe seiner ersten richtigen Spielzeit im Herbst 2010 mit 18 Jahren zum jüngsten Nationalelfdebütanten seit Uwe Seeler. Und als wäre dies nicht genug, gipfelte diese Spielzeit in der sensationellen deutschen Meisterschaft von Borussia Dortmund. In jener Liga-Spielzeit kam Götze 33 Mal zum Einsatz und konnte mit stolzen 21 Scorerpunkten ganz wesentlich zum Erringen der Meisterschaft beitragen.

Das "Wunderkind" am Anfang seiner KarriereDie Serie lässt dabei auch Jürgen Klopp oder Hans-Joachim Watzke zu Wort kommen, die schildern, wie sie damals ganz bewusst Götze vor der Öffentlichkeit abschirmten und versuchten, ihm einen Raum zu schaffen, in dem er weiter in Ruhe gedeihen konnte. Klopp betont dabei auch, dass Götze zu Gute kam, dass der Fokus nicht auf ihm lag im Spiel und andere Spieler eher die Führung auf dem Platz schultern mussten und wollten. Aber bereits in der Spielzeit 2011/2012 kam es zu einem ersten Rückschlag in der Karriere des kommenden Superstars. Eine komplizierte Schambeinentzüngung ließ ihn im Grunde die gesamte – phänomenale – Rückrunde verpassen und damit auch den historischen Doublesieg seines BVB.

Dort setzt die Serie dann auch an und findet in dieser Phase einen ersten Ansatz, der an jene Aussage ankoppelt, Götze habe immer „zu viel gemacht“ und den „Stoppknopf nicht gefunden“. Götze ist monatelang nicht im Training, kehrt aber körperlich schon deutlich verändert zurück. Sein Körper ist deutlich muskulöser geworden, seine Geschmeidigkeit aber schon damals deutlich auf dem Rückzug.

Dennoch kehrt Götze noch einmal gestärkt zurück in der neuen Spielzeit. Jürgen Klopp verordnet ihm, gemeinsam mit dem neu eingekauften Marco Reus eine neue taktische Rolle und Götzes Spiel wird dabei deutlich selbstverliebter. Seine Torquote und auch Scorerwerte steigen jedoch und er erzielt mit 22 Scorerpunkten seine bis heute gültige Bestmarke in jener Spielzeit. Und in der damaligen CL-Spielzeit ist er auch einer der wesentlichen Faktoren dafür, dass der BVB es bis ins Finale in diesem Wettbewerb schafft. Klopp sagt in der Doku dazu, dass die Entwicklung von Götze auf einem guten Weg war, alles in den angedachten und geordneten Bahnen verlief, wie er sich das als sein Trainer vorstellte. Aber Götze, der im März 2012 seinen Vertrag zur großen Freude aller Dortmunder bis 2016 verlängert, hatte sich in diesen eine Ausstiegsklausel durch seinen Berater Volker Struth reinverhandeln lassen. Leider bleibt dieser maßgebliche Berater in der Serie unerwähnt und auch ungefragt, was er allerdings wohl selbst so wählte, in dem er eine Teilnahme an dem Projekt verweigerte. Aufgrund der Art der Trennung im Jahr 2016 ist dies aber auch nicht weiter verwunderlich.

Und so kam es im Frühjahr 2013 dazu, dass Mario Götze dem BVB seinen Wechsel zum FC Bayern München kundtat. Jürgen Klopp schildert eindrücklich, wie sehr diese Information, einen Tag nach dem „Wunder“ gegen den FC Malaga, bei ihm und dem Verein einschlug und zu einem Schock führte, der durchaus auch als Enttäuschung bezeichnet werden kann. Denn Klopp legt dar, wie sehr er sich gewünscht hätte, mit jener BVB-Mannschaft aus dem Jahr 2013 noch einige Jahre weiter arbeiten zu dürfen. Auch der ehemalige Mitspieler Götzes, Marcel Schmelzer, merkte an, dass er eigentlich davon ausgegangen sei, dass die damalige Einheit gemeinsam noch „viele Jahre“ den FC Bayern München hätte ärgern wollen, dass etwas Besonderes entstanden sei.

Götze bei BayernAn dieser Stelle nimmt die Serie dann Fahrt auf. Allerdings eine eher ungute. Denn fortan kann man Mario Götze an unterschiedlichen Schauplätzen beobachten, wie er seine Entscheidungen verklärt, sie schönredet oder schlicht anderen die Schuld daran zuspricht, warum seine damaligen Pläne nicht aufgingen. Ihm zur Seite stehen dabei sein wie so oft seltsam auftretender Vater, der sich im Zuge des Transfers seines Sohns zum FC Bayern München seinerzeit sogar zu einem mehr als arroganten Email-Kleinkrieg mit einem BVB-Fan einließ, dessen Inhalt bis heute viel über die Gedankenmuster bei dieser Entscheidung aussagt. Und Götzes Bruder, Fabian Götze, selbst einst für den BVB als Jugend- und Amateurspieler aktiv. Fabian Götze ist dabei der einzige, der authentisch herüberkommt und auch tatsächlich ein ganz klein wenig Einblick in jene Krisen gibt, die seinen Bruder seit diesen Tagen umgibt.

Die Serie erklärt, dass Götze bei diesem Transfer vor allem seinen sportlichen Fortschritt im Blick hatte. Kann man dies noch nachvollziehen, fällt auf, dass finanzielle Erwägungen und Komponenten bei all dieser „Selbstreflexion“ an keiner Stelle auftauchen. Geld scheint in dieser Fußballstory schlichtweg keine Rolle zu spielen. Stattdessen berichten Götze selbst, sein Vater, der damals als Sportvorstand des FC Bayern aktive Matthias Sammer und natürlich auch Götzes Ehefrau davon, wie bescheiden, nachdenklich und immer reflektiert Mario Götze sei. Und zugleich fokussiert und sich von anderen Profis abhebender „besessener“ Arbeiter, der auch nach dem offiziellen Training noch stundelang in seinen privaten Fitnessräumen (ebenfalls in der Serie zu bewundern), Eiskammern und mit privaten Physiotherapeuten seine eigenen Trainingspläne abspult. Und natürlich in puncto Ernährung und Regeneration immer den neusten Trends nachging, um das Optimum zu ermöglichen. Diese Dinge werden ausgiebig dargestellt. Man sieht in Hantel hebend, in Eiskammern kletternd, Müsli essend, sich massieren lassend und meditierend oder wie er mit einem Rennrad eine „kleine Tour“ durch die Wüste Dubais macht. Kurzum, man sieht einen Musterprofi, wie man es sich nicht vorstellen kann. Nur wie hält dies jenem Stand, was man dann von Mario Götze regelmäßig und seit Jahren als Fußballbeobachter zu sehen kriegt? Und jenem, was diese Story erst interessant machte bei einem 26 jährigen Profi? Die Serie lässt dies offen. Dass Trainer wie Guardiola, Ancelotti, Tuchel, Stöger am Ende auch immer wieder den Fitnesszustand von Mario Götze zum Anlass für Kritik nahmen, bleibt unerwähnt.

Götze selbst und sein Bruder, erklären, dass für ihn ein Traum in Erfüllung ging, als er die Möglichkeit sah, unter Pep Guardiola zu arbeiten. Er habe sich als Kind und Jugendlicher stundenlang Videos von Guardiolas FC Barcelona angeschaut und sein größter Traum sei immer gewesen, mal für diesen Trainer zu spielen. Dass diese Überlegung nicht beinhaltet, dass dieser Trainer selbst viel lieber mit Neymar beim FC Bayern München gearbeitet hätte, wird dem Protagonisten nicht dargelegt oder er dazu gar befragt. Stattdessen wird in Bildern gezeigt, wie Götze seine ersten Schritte beim FC Bayern machte und aufgezeigt, dass er dort zwar sehr oft spielte (insgesamt 44 Einsätze in seiner ersten Saison) und auch gute Scorerwerte erzielte (allein 10 Tore in der Liga), allerdings die Öffentlichkeit ihn ungerechterweise sehr kritisch begleitete dabei und diesem noch jungen Profi viel zu viel abverlangte. Und auch sein Traumtrainer neigte dazu, ihn, für Götze kaum zu erklären, in den wirklich wichtigen Spielen nicht aufzubieten. Sein Spiel allerdings verlor bereits schon in dieser Spielzeit auffallend an Esprit, Tempo und eben jenem, was ihn so außergewöhnlich machte. Und doch mündet diese Spielzeit für den hochveranlagten in dem aus seiner Sicht inzwischen problematischsten Moment in seiner Karriere. Er fährt zur WM 2014, spielt ein mehr als mittelmäßiges und enttäuschendes Turnier, und erzielt doch nach Helmut Rahn, Gerd Müller und Andreas Brehme als vierter deutscher Fußballer das entscheidende Tor zum Weltmeistertitel. Ein Tor, welches aufzeigt, welch unglaubliches Talent in ihm ist. Dieses Tor ist daher auch zentrale Schnittmenge in dieser vierteiligen Serie. Der Vorspann ist gefüllt mit diesem und in der Serie kommt es immer wieder zur Sprache. Götze redet davon, welche Last dieses Tor fortan für ihn wurde. Wie ungerecht er sich behandelt fühlte, indem alle ihn immer auf dieses Tor reduzierten und gleichzeitig durch dieses Tor große Erwartungen an ihn knüpften. Die von Götze autorisierte Serie begeht dabei aber im Grunde die gleiche Tat. Alles andere bei dieser WM, Götzes schwachen Auftritte in den Spielen zuvor, bleiben unerwähnt. Bis auf seine Rolle im Halbfinale, wo er 90 Minuten das 7:1 gegen Brasilien von der Bank aus begleiten muss. Worüber, inzwischen wundert es einen in dieser Serie nicht mehr, auch seine Unzufriedenheit ausdrückt und sein Unverständnis, warum dem so war.

Götze, der sich als bescheiden und eher zurückhaltend darstellt und auch dargestellt wird, wird dann dabei gezeigt, wie er sich selbst im DFB-Museum anschaut, wie er Werbeclips mit seiner Frau dreht, durch eine Shoppingmal in Dubai schlendert und mit seinem mehr als mächtigen Mercedes auf das Trainingsgelände von Borussia Dortmund kurvt. Oder man sieht ihn in seiner am Dortmunder Phoenixsee gelegenen Villa, wie er von seiner Bescheidenheit, Demut und Fokussiertheit berichtet, während an den Wänden seiner Villa metergroße Selbstportraits mit dem verfluchten WM-Pokal hängen. Und, fast zeitgleich zu diesen Kaskaden an „Fluch des Siegtors“ Äußerungen und der Last die daraus entstand, flimmert über die Kanäle ein Werbespot. Mario Götze und sein Werbepartner behandeln seine Nichtnominierung zur WM 2018 und suhlen sich zu Johnny Cash in Bildern dieses Siegtores. Widersprüche, welche diese Serie nicht aufgreift oder abfragt. Zumal diese Serie selbst schon einen Widerspruch darstellt. Eine Person, die in dieser von sich selbst sagt, einfach nur mehr Ruhe, Zurückhaltung und Fokus auf sein sportliches Wirken haben zu wollen, stimmt einer vierteiligen Serie zu, die ihn öffentlich ausleuchten soll. An keiner Stelle wird klar, wie diese zwei Stränge zusammengeführt werden könnten.

Unter der Last des Siegtores von Rio, öffentlich überladen mit Erwartungen und von einem Trainer nicht ausreichend gefördert und wertgeschätzt, so die Selbsteinschätzung Götzes, kommt er in München zwar abermals fast 50 Spiele zum Einsatz, kann erneut Titel gewinnen, aber Guardiola sieht ihn offenbar nur als Ergänzung für den Alltag in einer von Bayern München blind dominierten Liga, oder den ersten Runden der Pokalwettbewerbe. In den großen Spielen ist Götze abermals außen vor.

Alle Protagonisten dieser Serie versuchen mehr oder weniger schlüssig, dies zu erklären. Auch, dass Götzes Präsenz auf dem Platz auch in der Spielzeit 2014/2015 weiter abnimmt. Er spielt mit, er schießt auch Tore, aber er fällt kaum mehr großartig auf im Starensemble des FC Bayerns. Sein Notenschnitt im Kicker fällt deutlich ab und auch im Nationalteam erlangt er nie einen wirklichen Status als Stammkraft. Mittendrin, aber nur dabei.

Götze führt dies vor allem auf das Finaltor zurück und einen Trainer, der ihn nicht richtig behandelt. Auch Matthias Sammer stößt in dieses Horn und versteift sich sogar auf eine Aussage, dass Mario Götze in München nicht „genug Liebe“ gespürt und bekommen hätte. Dass Sammer höchstselbst als Sportvorstand damals beim FC Bayern München aktiv war, sei nur am Rande erwähnt. Dass Götze bei der Vorstellung in München meinte, er müsse in einem Nike T-Shirt beim Adidas-Klub auftreten und damit einen zweiten Riss (der erste kam vom FC Bayern, in dem man den Transfer den Zeitungen am Tag des CL Halbfinals von Borussia Dortmund wohl den Medien steckte) bereits vor seinem ersten Spiel verursachte, fand seinen Weg nicht in die Serie.

Als Götze dann erneut von Verletzungen geplagt wurde und in seiner letzten Spielzeit beim FC Bayern München erstmals nur 21 Spiele wettbewberbsübergreifend mitmachen konnte und durfte, war spätestens mit dem Antritt des neuen Trainers Ancelotti klar, dass seine Zeit in München enden würde. Der FC Bayern München servierte den (für damalige Verhältnisse) mit 37 Mio. EUR sehr teuren Einkauf nach drei Jahren ab. Im Umfeld Götzes herrschte damals große Unklarheit darüber, wohin der Weg des „Gescheiterten“ führen sollte. Dies mündete dann in der bereits erwähnten Trennung von seinem Management. Und statt wie wohl favorisiert zum FC Liverpool zu wechseln, entschied sich Mario Götze, in Dortmund eine „neue Herausforderung“ zu suchen. Abermals unter Ausblendung dessen, dass auch hier ein Trainer im Amt war, der ihn zwar nicht völlig ablehnte, aber auch nicht übermäßig auf diesen Wechsel drängte. Diese erneute völlige Fehleinschätzung, wie schon im Falle Guardiola, klärt Götze aber in der Serie ebenfalls nicht auf. Stattdessen verteidigt er seine Entscheidung für München erneut, als eine richtige und gute Entscheidung für seine Karriere. Was darin gipfelt, dass er in der Serie verlautbart: „Dass ich sehr viel spielstärker geworden bin, viel sicherer in meinen Aktionen geworden bin, besser in den Zwischenräumen arbeiten kann, sehr viel gelernt habe, auch positionsspezifisch. Dass ich gerade auch durch Pep und seine Taktik viel mitgenommen habe. Meine Rolle ist klar im Mittelfeld Spielgestalter zu sein, dafür zu sorgen, dass wir wirklich möglichst wenig Fehler machen, ich das Spiel aufziehen und offensiv Akzente setze und wir defensiv stabil zu stehen“.

Zurück beim BVBBeim BVB, wo diese Rückkehr große Wellen schlägt, erkennt man beim Trainingsauftakt zur Saison 2016/2017 aber vor allem erst einmal nur eins: Von der Europameisterschaft kehrt ein sichtlich schlecht austrainierter, übergewichtiger und nicht in guter Verfassung befindlicher Mario Götze zurück und betritt den Trainingsplatz. Und schnell äußern die ersten im Umfeld von Borussia Dortmund auch, dass man Götze viel Zeit geben müsse und er erst einmal wieder in Tritt kommen müsse. Der Geschäftsführer des BVB, Hans-Joachim Watzke, ließ sich, gewohnt forsch und offensiv in solchen Fällen, reagierend auf Kritik am Zustande Götzes zu einer Aussage hinreißen, in der er mitteilte, dass man sich noch über Mario Götze wundern werde, wenn er erstmal wieder voll integriert sei.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Thomas Tuchel setzt Mario Götze nur sporadisch ein. Wenn er spielt, wirkt er müde, langsam und noch viel weniger präsent, als es bereits in München immer wieder zu sehen war. An dieser Stelle wird die Serie dann unappetitlich. Denn während Mario Götze, sein Vater und sein Bruder darauf verweisen, dass Götze sich bei seinem damaligen Wechsel nach München nichts zu Schulden kommen ließ, sahen dies viele BVB-Anhänger bekannter Weise anders. Und obwohl es eine Gemengelage aus Missfallen, Ablehnung und vorsichtigem Wohlwollen gab, als die Rückkehr sich abzeichnete, wurde Mario Götze dann doch vergleichsweise fair und ruhig wieder eingegliedert in die Mannschaft und den Verein.

Götze hingegen erklärt in der Serie, und die Macher dieser untermauern dies mit Statements von Fans und den üblichen Bildern aus der Dortmunder Innenstadt (Borsigplatz, mit BVB Stickern beklebte Haustüren am Wildschütz, Hochöfen im Hintergrund und eher graue Straßen im Stadtbild), dass die Fans zu sehr beleidigt waren, weil sein Wechsel einst ihnen das Herz brach. Das Dortmunder Fanvolk also, welches, außer den BVB und Mario Götze nichts habend, beleidigt war und ihn abermals mit zu großen Erwartungen überlud, beurteilt seine Leistungen daraus resultierend immer wieder falsch; viel zu kritisch. An dieser Stelle gilt es auch zu bedenken, auch wenn Geld wie gesagt in dieser Serie an keiner Stelle eine relevante Rolle spielt, dass Götze sowohl in München 2013, als auch beim BVB 2016 mit seinem ausgehandelten Vertrag jeweils im Segment der Spitzenverdiener seiner Mannschaft war und ist.

Und was bereits mit seiner Schambeinentzündung 2012 seinen Anfang nahm, in München seinen Gang nahm, weil man ihn zu wenig beachtet, durch die enorme Last des Finaltors von Rio befeuert wurde, gipfelt dann in Dortmund 2016 darin, dass Götze, getrieben durch seinen Ehrgeiz und seinen außergewöhnlichen Trainingswillen und Perfektionismus seinen Körper – laut seines Leibarztes – an die Grenzen dessen treibt, was dieser aushalten kann. Götze muss, so wird es erklärt, die Notbremse ziehen. Eine Stoffwechselerkrankung sei entstanden, jedoch, darauf wird deutlich hingewiesen, keine Depression. Götze steigt aus und Watzke legt in der Serie dar, dass der BVB da sofort einverstanden war, dass Mario Götze erst einmal völlig aus dem Liga- und Trainingsbetrieb aussteigen soll und auch öffentlich komplett abgeschottet werden soll. Dass der BVB sich von ihm bereits bei der Verpflichtung gewünscht hatte, es sogar eher gefordert hatte, seine öffentlichen Aktivitäten im Socia Media Bereich deutlich einszuschränken, kam dem auch entgegen. War der selbstdefiniert zurückhaltende und öffentlichkeitsscheue Götze in München mehr und mehr zu einem Socia Media Stern gewachsen und weniger zu einem kommenden Weltfußballer, standen nun alle Ampeln auf Rot. Der hohe Erwartungsdruck, auch von enttäuschten BVB-Fans angefeuert, die sonst im Leben nichts haben, steht somit als Mittäter dessen fest.

Und auch Thomas Tuchel bekommt als nächster Trainer sein Fett ab. Der im Dortmunder Umfeld mehr als kritisch gesehene Coach bekommt auch von Seiten Götzes noch einige Aussagen ins Buch geschrieben. Taktisch und strategisch sei es ein sehr guter Trainer, aber menschlich hätte es nicht wirklich funktioniert. Worunter schlussendlich auch Götze selbst litt, obwohl er sich so viel vorgenommen hatte bei seinem Transfer zurück nach Dortmund.

Als Götze dann im Sommer 2017/2018 wieder einsteigen kann, sieht man weiterhin einen eher schwerfälligen und antrittsschwachen Spieler. Seine gesamte Spielweise hat sich stark verändert. Weniger spektakulär, weniger dynamisch, mit deutlich weniger Tempo. Und doch kann er einige Wochen unter dem neuen Trainer Peter Bosz mehr als auffallend daran mitwirken, dass der BVB wieder auf Platz 1 steht. Hoffnung macht sich breit, die dann aber auch schnell wieder dahingespült wird. Bereits nach dem 10. Spieltag ist sein Aufschwung beendet. Entweder ist er verletzt oder sitzt aus anderen Gründen auf der Reservebank. Götze geht gemeinsam mit der restlichen Mannschaft „den Bach runter“ und im Winter bereits muss er sich einem neuen Trainer stellen.

Dies soll Trainer Nummer drei werden, dem Götze kein gutes Zeugnis ausstellt. Stöger habe nie mit ihm gesprochen, ihn nie miteinbezogen, völlig unbegründet auf die Reservebank gesetzt und er selbst konnte dies zu keinem Zeitpunkt nachvollziehen. Dass unter Umständen Form oder körperliche Verfassung eine Rolle spielten, scheint ihm nicht in den Gedanken zu kommen. Der „Konflikt“ endet dann im Spiel in Salzburg, als der BVB im Europapokal ausscheidet, Götze nach 46 Minuten völlig indisponiert vom Platz muss und Stöger ihn dann auch direkt und namentlich vor der Presse angeht. An dieser Stelle kann man Götzes Unmut dann mal ausnahmsweise nachvollziehen. Zum einen hatte die gesamte Mannschaft versagt, zum anderen ist ein derart klares kritisieren doch eher unüblich. Götze allerdings beschwert sich, dass dies bei seinem Kampf um die WM-Teilnahme sehr schädlich war. Also ob dies für den BVB oder Peter Stöger irgendeine Rolle spielte oder hätte spielen müssen in diesem Moment.

Torschütze im Derby - unter Bosz kam kurzzeitig Hoffnung aufDen Kampf um die WM-Teilnahme verliert Götze dann auch folgerichtig. Dass Löw ihn bei den letzten großen Tests, wie z.B. gegen Brasilien im Frühjahr, nicht berief, war dabei auch von Götze als deutliches Zeichen erkannt worden. Aber ihm fehlt auch hier das Verständnis für die Entscheidung Löws. Er bemängelt, dass Löw, anders als bei anderen Spielern, in seinem Fall nicht auf alte Verdienste blickte und ihm keine faire Chance gab, sich zu zeigen. Womit er Trainer Nummer 4 in dieser Serie für den Umgang mit ihm kritisiert.

Die Macher der Serie verzichten dabei bis zum Schluss konsequent auf Versuche, diese über vier Teile verteilte „Selbstveropferung“ irgendwie auch nur dezent einzuordnen. Weder geben Bilder oder Ausschnitte da einen Beitrag, noch die sprechenden Protagonisten. Nur hier und da blitzt bei den befragten Journalisten etwas Kritik durch. Verschwindet aber direkt hinter dem mächtigen Schleier eines perfekt orchestrierten Werbe- und Imagefilms. Dass selbst große Widersprüche, die aus der Serie selbst entstehen, nicht angerissen werden, ist dabei ein Ärgernis.

Wenn man der Serie aber Positives abgewinnen will, dann vielleicht doch eine Erkenntnis: Sollte Mario Götze selbst und sein Umfeld, derart von der Motivation getrieben sein, im Grunde alle negativen Entwicklungen anderen Personen oder aber schwer zu beeinflussenden Faktoren in die Schuhe zu schieben, kann man von dem einstigen Wunderkind des deutschen Fußballs tatsächlich nicht mehr viel erwarten. Wer meint, dass über Jahre nur Trainer, Umfeld, Medien, Berater und allgemeine Erwartungshaltungen das Problem sind, der blendet verdammt viel aus. Was, trotz allem, weiterhin ein Trauerspiel des deutschen Fußballs ist, dass es offenbar keinem, auch nicht den größten Trainern dieser Dekade, gelang, dieses ungewöhnliche Talent abschließend zu formen. Auf, aber vor allem auch neben dem Platz.

Und wenn man mit „Die Sterne“ schließen, will, und aus jenem Lied vom Anfang zitieren will, findet man sogar eine ziemlich passende Passage zur Person Mario Götzes:

Wo fing es an?
Was ist passiert?
Hast Du denn niemals richtig rebelliert?
Kannst Du nicht richtig laufen?
Oder was lief schief?
Und sitzt die Wunde tief in Deinem Innern?
Kannst Du Dich nicht erinnern?
Bist Du nicht immer noch, Gott weiß wie, privilegiert?

Dies wären die Fragen einer Selbstreflexion, die es zu stellen gilt. Und auch einer Serie, die sich als „Langzeit-Dokumentation“ anpries, aber als Imagefilm daherkam, in welchem sich ein junger Fußballprofi als Opfer von so vielem darstellen darf und so sehr aus dem Blick verliert, wofür man im Leben auch selbst Verantwortung zu tragen hat. Dass dieser Film dabei auch nicht auf geschicktes Product Placement verzichten wollte, kommt am Ende dann auch nur noch als bezeichnend daher.

Gastautoren Janni und Phil, 22.06.2018


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