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Unsa Senf - 27.05.2018

"Eigentlich heißt der Sokkalis"

Viele der Heimspiele in der letzten Saison waren von einschläferndem Rumpelfußball geprägt. So hatte unser Autor häufiger Zeit, den Gesprächen anderer Fans auf der Südtribüne etwas genauer zu lauschen. Das absolute Highlight der letzten Saison soll euch auf keinen Fall vorenthalten werden.

Jaja, ich kenne diese Meinungen: „Wir sind alle eine große BVB-Familie.“ „Es gibt keine besseren Fans in dieser Gemeinschaft“ usw. Ich bin da völlig anderer Ansicht, wenn man 90 Minuten mit solch einem Experten im angestammten Block verbringen musste, den man weder davor noch danach jemals (wieder)gesehen hat.

Bei diesem sogenannten Fan in Anführungszeichen handelte es sich um einen absoluten Erfolgstypen unserer Gesellschaft. Sein Gel bezog er offenbar vom gleichen Anbieter wie Österreichs Kanzler Sebastian Kurz. Man sah ihm förmlich an, dass er es nicht nötig hatte, sich groß um Tickets zu normalsterbleichen Preisen zu kümmern. Ab auf viagogo und für 80 Euro den Schnapper für die Süd gemacht. Das selbst gegründete Start Up im Bereich „Mobile Payment“ wird schon genug Bitcoins abwerfen, um endlich mal in die „legendäre Südkurve“ (sic!) zu gehen.

Nun sind solche Leute schon per se unerträglich. Absolut katastrophal wird es dann, wenn solche Stützen unserer Gesellschaft auch noch junge Frauen neben sich erblicken, die sie mit ihrem widerlichen Schmalz im Hirn und auf den Haaren 90 Minuten zuquatschen und anflirten wollen. Zumindest hat der externe Beobachter aber seinen Spaß bei diesem großartigen Schauspiel gehabt, während unten auf dem Rasen noch sinnloser rumgestögert wurde.

Nachdem er also zwei Zeilen angelallt und im wahrsten Sinne des Wortes vollkommen taktlos „Forza DVD“ (!) mitgesungen hatte, wollte unser neues BVB-Familienmitglied seiner Herzensdame sein angelesenes Fußballwissen präsentieren: „Der Spieler da unten heißt eigentlich Sokkalis. Aber von uns wird er nur 'Papa' genannt.“

Auch im musikalischen Bereich offenbarte „Kev“, wie ihn seine guten Freunde, Mitarbeiter und natürlich ab jetzt auch die Angebetete nennen dürfen, stupende Wissensbestände. Denn als die Süd zur Melodie von „Was wollen wir trinken?“ erstmals richtig laut wurde, half er seinem Schwarm gerne weiter: „Solltest du mal aus dem Takt geraten, dann denk einfach an das Pippi Langstrumpf-Lied.“

Ebenfalls beeindruckend bei diesen „BVB-Fans seit Geburt“ ist immer wieder deren profundes Wissen über den aktuellen BVB-Kader: „Gomez sitzt auf der Bank?! Wer ist das denn? Mario? HAHAHAHA!“ Solchen Zitaten folgt dann häufig eine kenntnisreiche Analyse der diversen U-Mannschaften des BVB mit dem Resultat, dass man sich das Geld dafür doch lieber sparen solle, um es in einen internationalen Star zu investieren.

Nun muss sich so ein High Performer wie Kev natürlich auch eine gewisse Street Credibility geben, um bei der blonden Schönheit neben ihm noch besser anzukommen. Da kommen natürlich unsere Ultras ins Spiel, mit deren Vorsängern er im Grunde auf Du und Du ist: „Eigentlich stehen wir gar nicht so weit außen hier. Ist ja auch total öde. Normalerweise stehen wir immer in der Mitte. Direkt über den Ultras.“

Nach diesen kaum zu widerstehenden Flirtsprüchen musste unser CEO in spe aber auch endlich mal in die Offensive gehen und die ersten Körperflüssigkeiten zumindest indirekt austauschen: „Willste einen Schluck Bier ab? Wir sind hier alle eine große Familie.“ Gut zu wissen war in diesem Moment, dass dieses schwarze Schaf unserer „Familie“ auf Grund des unattraktiven BVB-Fußballs hoffentlich bald verstoßen sein wird. Was nicht nur mit seinen homophoben Sprüchen zu tun hatte, denn „solche kurzen Ecken nennt man auch schwule Ecken hier.“

Nach der nächsten Sangeseinlange - „ich bin The Voice, ich sag dir das“ - führte uns Kev Gott sei Dank auch noch in die Feinheiten des internationalen Fußballs ein. Das viele Geld solle doch jetzt wirklich mal in einen internationalen Top-Stürmer fließen. Das hätten die Bayern schließlich damals mit dem van Nistelrooy aus Valencia auch so gemacht. „Ach nee, war gar nicht van Nistelrooy. Makaay kam ja aus Valencia.“

Solche Koryphäen unserer Tribüne zeichnen sich zudem glücklicherweise auch dadurch aus, dass sie auch eher komplizierte Gesänge wie „Es war Liebe auf den ersten Blick“ oder „Wir halten deine Fahne hoch“ laut und gerne mitsingen. Gut, zwar nur jedes fünfte Wort, während alle anderen Begriffe durch „La“ oder „Na“ ersetzt werden, aber immerhin. Und auch geografisch ist so jemand einfach auf dem neuesten Stand des Wissens, werden doch Heimatorte der aktuellen und ehemaligen Spieler einfach kreuz und quer durcheinander gebracht: „Der Nuri Sahin hat in Meinerzhagen Fußball gespielt, wurde aber in Solingen geboren.“

Auch wenn diese obigen Zeilen möglicherweise herablassend wirken, sind doch gerade Fans wie diese unglaublich wichtig, weil sie den Verein doch erst so richtig finanzieren. Die sind auch oft so „verrückt in der BVB-Birne“ (sic!), dass sie auf ihr Trikot unter „Kevin“ die 69 flocken lassen, um der jungen Frau auch direkt die sexuelle Präferenz offenzulegen. Aber trotz aller Lästerei muss man ihnen zumindest zugestehen, dass sie immer eine gute Sicht auf das Spielfeld und die Akteure haben. So ist es kein Wunder, dass bei einer Einwechslung wie von Sinnen laut und ausdauernd „Schüüü“ gerufen wird, ehe sich über dessen taktische Rolle gewundert wird: „Hä? Jetzt lässt der Ösi den Schürrle ganz auf links spielen?! Ist der völlig bekloppt geworden?“ Ehe fünf Minuten später endlich die rettende Erkenntnis naht:

„Ach so. Hat er doch den Schmelzer gebracht. Die sehen sich aber wirklich ähnlich.“

Malte D., 27.5.2018


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