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Spielberichte Profis - 06.05.2018

Weidenfellers Abschied bleibt einziger Lichtblick bei desolatem BVB-Auftritt

Ratlosigkeit nach dem Abpfiff

Sollte man sich in ein paar Monaten oder gar Jahren mal an das Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem FSV Mainz 05 erinnern, so wird in diesen Erinnerungen wohl weniger das Sportliche eine Rolle spielen. Viel mehr wird es die letzte Pflichtspiel-Partie von Roman Weidenfeller im Westfalenstadion bleiben. Eine Partie, in der die Mannschaft des BVB es verbockte, ihrem Torhüter und langjährigem Weggefährten eine besondere Ehre zu erweisen und ihm noch ein paar Minuten auf dem Feld zu geben. In seinem „Wohnzimmer“, so hatte Weidenfeller vor dem Spiel beim öffentlichen Teil der Verabschiedung das Westfalenstadion genannt, habe er sich immer wohl gefühlt. Gerne hätte er sicherlich diese besondere Ehre bekommen und Peter Stöger hatte unter der Woche deutlich kommuniziert, dass dies auch in Frage gekommen wäre. Wenn, ja wirklich wenn, denn die sportlichen Ziele heute mit einem Sieg (am Ende hätte sogar ein Punkt gereicht) gegen Mainz klar gemacht worden wären. Hätte bedeutet: der BVB hätte am Samstag die Champions League klar machen müssen. Mit einer vollkommen lust- und ideenlos wirkenden Leistung war man aber nicht einmal nah dran, sondern verlor vollkommen verdient und mindestens genauso frustrierend mit 1:2 (1:2).

Abschiedschoreografie für Roman Weidenfelle auf der Südtribüne

Wen der sportliche Teil nun mehr interessiert, der sollte zum Ende dieses Artikels springen, wo ich dem Minimum meiner Chronistenpflicht noch nachkommen werde. Ansonsten soll es hier vornehmlich um die Randerscheinungen gehen. Den Rest kann man ansonsten auch beim kicker nachlesen.

Es hätte ja durchaus ein besonderer Tag in schwarzgelb werden können. Roman Weidenfeller wurde schon vor dem Anpfiff für 16 Jahre Arbeit bei Borussia Dortmund gefeiert und bekam auch eine Choreo in Jubel-Pose mit dem Schriftzug „Danke Roman!“ spendiert. Weil es aber eben so lief, wie es lief, spitzte sich die Situation nach dem Abpfiff zu. Direkt in den letzten Sekunden schallte ein „Weidenfeller, Weidenfeller“ durch das Westfalenstadion, gefolgt von den bekannten Treue-Schwüren wie „Wir werden immer Borussen sein“ und „Dortmunder Jungs“. Die Mainzer feierten auf der anderen Seite den für sie nun dingfest gemachten Klassenerhalt. Auf der Südtribüne feierte man nur Weidenfeller, der sich dann auch auf den Weg in Richtung Südtribüne machte, wo er mit zahlreichen Plakaten gegrüßt wurde und eine ganz besondere Ehre erwiesen bekam. Denn als erster (?) Spieler überhaupt kletterte Weide über den Zaun und bahnte sich seinen Weg zum Vorsänger-Podest. Dort übernahm er das Mikro und bedankte sich für die Unterstützung in guten und in schlechten Zeiten. Selbstverständlich stimmte er einige Gesänge an

Roman auf dem Vorsängerpodest

und ergriff dann auch Partei für die Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt zwischen Sechzehner und Mittellinie wartete und applaudierte. Weidenfeller erklärte, die Mannschaft sei verunsichert und sollte bitte so unterstützt werden wie er immer unterstützt wurde. Damit ging Weidenfeller zurück auf den Platz und anstatt einfach durch das von den Spielern gebildete Spalier zu entschwinden, nahm er die gesamte Mannschaft mit in Richtung Südtribüne. Ein letzter großer (Kapitäns)Dienst für die angeknacksten Jungs, auch wenn diese sich die negativen Reaktionen der Tribüne in den 90 Minuten zuvor sicherlich verdient hatten. Leider bot dies immer noch genug Anlass für einige, weiter ihren Unmut zu äußern und die Pfiffe fortzusetzen, obwohl sie damit direkt gegen den Wunsch des einzigen Borussen handelten, der an diesem Nachmittag gefeiert wurde. Und dies wurde er übrigens auch vollkommen zurecht. Zwar wirkte der Rahmen insgesamt aufgrund der 90 Minuten zuvor kurios und die Mannschaft hätte gut daran getan, Weidenfeller noch einen würdigeren und festlicheren Abschied zu bereiten, aber dass er für 16 Jahre seiner Dienste in wirklich ganz dunklen, aber auch hellen Zeiten, einiges an Applaus bekommen muss, mag wohl niemand bestreiten. Und dass dieser dann auch im Rahmen eines Pflichtspiels und nicht nur beim Abschiedsspiel im September kommen sollte, wohl ebenso. Danke für 16 Jahre in schwarzgelb, Roman!

Marcel Schmelzer musste mit Pfiffen leben

Allerdings gab es an diesem Samstagnachmittag fernab des Sportlichen wieder einige Momente, wo ich dann doch mal wieder verständnislos auf manche Fans des Ballspielvereins blickte. Schon bei der Bekanntgabe der Mannschaftsaufstellung (und der Reservisten) mischten sich Pfiffe unter Norbert Dickels Aussagen, gerade dann als Marcel Schmelzers Name durchgegeben wurde. Dies wiederholte sich dann bei Schmelzers Einwechslung, der den verletzten Ömer Toprak vertreten musste und weitere Pfiffe bekam. Es war keine große Menge an Pfiffen, aber sie waren eben doch deutlich hörbar. Wahrscheinlich greift hier mal wieder die „Königsmörder“-Theorie, denn selten bleibt die Kritik an Marcel Schmelzer auf das Sportliche reduziert, sondern oft die Vergangenheit rund um Thomas Tuchel mit in das Narrativ eingearbeitet. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wieso man Schmelzer nach zehn Jahren Profis (und einiger Jahre in der BVB-Jugend) sowie einiger hingehaltener Knochen so eine Behandlung zukommen lässt. Über die zur Unsitte gewordenen Pfiffe während des Spiels bei teils absolut nachvollziehbaren Rückpässen zu Roman Bürki möchte ich mich gar nicht mehr beklagen, weil ich dies schon an anderer Stelle getan habe. Interessant fand ich hingegen die Tatsache, dass man in einem Gedankenzug die Mannschaft von der Südtribüne wegschickt und nur

Jadon Sancho war einer der engagiertesten Borussen

Weidenfeller feiern möchte (bis hierhin noch absolut verständlich). Den Spielern, die dann aber auch wirklich in die Kabine gehen, einen Vorwurf daraus zu machen und diese dann in den sozialen Netzwerken wie oft gelesen zum Verkauf zu wünschen, finde ich jedoch komplett drüber. Hier wird in meinen Augen zu schnell mit Attributen wie „Charakterschwäche“ oder „Söldnertum“ um sich geworfen statt einfach mal zu hinterfragen, warum da Spieler in die Kabine gehen. Es passt aber in das Bild, das Borussia Dortmund in dieser Saison abgibt. Und das sogar auf mehreren Ebenen. Die Mannschaft ist keine Einheit mehr, sondern zersplittert. Kein offenes Geheimnis mehr, sondern tatsächlich sichtbar für jeden. Die Fans sind mittlerweile auch wohl keine Einheit mehr und in vielen Szenen auch nicht der Rückhalt, den Borussia Dortmund in dieser Zeit vielleicht bräuchte.

Es ist die gesamte Negativität rund um Borussia Dortmund und auch seine Fanszene, die ich schwer erträglich finde und sich an diesem Nachmittag im Westfalenstadion mal wieder sammelte. Seien es nun Pfiffe gegen die Mannschaft, einzelne Spieler oder die Verwunderung darüber, dass Spieler, die sich „verpissen sollen“, dies dann auch im Zweifel wirklich tun, es kam wirklich einiges rund um die Partie zusammen.

Schwerer Stand: Marco Reus

Nun zur schon angekündigten Chronistenpflicht: Fußballerisch ließ Borussia Dortmund über 90 Minuten hinweg fast alles vermissen, was es gegen Leverkusen und in Bremen (zumindest über 45 Minuten) noch auf den Platz bringen konnte. Es war ein rundum ideen-, kreativ- und lustlos wirkender Auftritt, bei dem die Weichen schon früh auf „Heimniederlage gegen einen Abstiegskandidaten“ gestellt wurden. Vier Zeigerumdrehungen hatte es gedauert, bis die Mainzer Offensive sich nahezu ohne Gegenwehr durch die Dortmunder Defensive kombinieren konnte, nach einem Hackentrick von Gbamin war Baku mutterseelenallein im Strafraum und konnte unbedrängt und mühelos zur Führung einschieben. Diese wurde neun Minuten später noch weiter ausgebaut, erneut sah die BVB-Defensive (dieses Mal auch inklusive Torhüter Roman Bürki) nach einer Flanke von der linken Seite nicht gut aus, Muto nickte ein. Und als man dann dachte, nach dem Anschlusstreffer in Minute 16 wird nun doch zur Aufholjagd geblasen, war diese auch schon wieder verflacht. In der ersten Hälfte war Sancho noch der einzige Borusse, der so etwas wie Zug zum Tor ausstrahlte und somit auch Philipps 1:2 einleitete. Und abgesehen von einer kurzen Phase zu Beginn der zweiten Hälfte sah es auch nie wirklich danach aus, als könnte der BVB im eigenen Stadion noch zu einem Punktgewinn kommen. Im Fußball wird die Phrase „zu wenig“ oft in den Mund genommen und erklärt dabei häufig recht wenig substantielle Hintergründe. In diesem Fall war sie jedoch durchaus

So blieb Romans Verabschiedung der einzige Höhepunkt

passend, einfach weil der BVB in allen Bereichen zu wenig bieten konnte. Im Grunde hatte man noch Glück, dass Hoffenheim in Stuttgart verlor und Leverkusen in Bremen nur Unentschieden spielte. So hat man immer noch die absurde Tabellensituation, dass dem BVB eine knappe Niederlage in Sinsheim reichen wird, um am Ende dieser auf so vielen Ebenen verhunzten Saison noch zu einem Platz in der Champions League zu kommen. Und das ist am Ende des Tages neben dem strahlenden Sonnenschein und dem Abschied von Roman Weidenfeller wohl auch das einzig Positive, an das man sich zu diesem Spiel wohl jemals zurück erinnern sollte.

Statistik

BVB: Weidenfeller – Weidenfeller, Weidenfeller, Weidenfeller (38. Weidenfeller), Weidenfeller – Weidenfeller, Weidenfeller (74. Weidenfeller) – Weidenfeller (56. Weidenfeller), Weidenfeller, Weidenfeller – Weidenfeller

FSV Mainz 05: Müller – Brosinski, Bell, Hack, Diallo – De Jong – Öztunali (63. Onisiwo), Gbamin, Baku (53. Maxim), De Blasis – Muto (86. Donati)

Tore: 0:1 Baku (4.), 0:2 Muto (13.), 1:2 Philipp (16.)

Gelbe Karten: Weidenfeller, Weidenfeller, Weidenfeller – Baku, Muto, Bell

Zuschauer: 81.360 (ausverkauft)

Vanni, 05.05.2018


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