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Eua Senf - 03.05.2018

Subotic-Entdecker Keith Fulk: „In den USA sind wir alle sehr stolz auf Neven“ (Teil I)

Um einen verdienten Borussen gebührend zu verabschieden, bin ich 350 Kilometer durch Amerika gelaufen. Im G.T. Bray Park in Bradenton, Floridahabe ich Keith Fulk (56) treffen dürfen. Den Mann, der Neven Subotic als Jugendlichen an genau diesem Ort entdeckte. In Teil 1 des Interviews spricht Keith über die erste Begegnung, ein nahezu explodierendes Faxgerät sowie über Eigenschaften, mit denen Neven ihn schon im Jugendalter beeindruckte. Das Interview ist Teil einer gemeinsamen Abschiedsaktion: Ich bitte daher jeden Leser, die Spendenaktion zugunsten der Neven Subotic Stiftung zu unterstützen — jeder Euro hilft und fließt zu 100% an die Stiftung.


Hallo Keith, wir stehen an einem besonderen Ort, auf diesem grünen Rasenhast du Neven Subotic das erste Mal getroffen, kannst du die Situation bitte beschreiben?

Ich habe hier im Park ein Jugendteam trainiert und Neven dort jeden Abend alleine trainieren sehen — von Montag bis Freitag war er dort und suchte sich jeden Abend ein freies Tor. Ich habe ihn zwei, drei Wochen beobachtet und ich weiß nicht, ob er es bemerkte. Zu Hause sagte ich meiner Frau, dass ich einen richtig guten Spieler gefunden habe, und sie fragte: „Für dein Clubteam?“ Ich sagte nein, für die Nationalmannschaft (lacht). Und dann habe ich ihn im Park angesprochen, mich vorgestellt und erklärt, dass ich als Co-Trainer für die U17-Nationalmannschaft arbeite und auch als Scout für den Westen des Landes zuständig bin. Danach hat Neven mir seine Geschichte erzählt, dass seine Eltern in die USA gezogen sind und seine Schwester eine talentierte Tennisspielerin sei. Er selbst ging zur Schule und liebte es, Fußball zu spielen. Ich fragte, wann ich ihn denn in einem Spiel sehen kann. Denn ich sah ihn nur im Training, und das war sehr beeindruckend. Wir als Trainer sagen immer: Es ist nicht entscheidend was du tust, wenn jeder zusieht. Was wirklich entscheidet ist das was du tust, wenn du denkst niemand sieht zu. Und ich sah Neven, als niemand ihm zusah und es war beeindruckend. Ich dachte mir, wow der Junge wäre ein richtig professioneller Spieler.
Was genau hat dich am meisten beeindruckt?

Erstens war er wirklich jeden Abend dort. Zweitens war er alleine dort, um alleine zu trainieren. Das sprach für eine große Motivation. Außerdem hat er sein Training immer variiert, mal Distanzschüsse, mal Schüsse aus kurzer Distanz oder Flanken. Und nach jedem Training fing er an Runden zu laufen — und kein Amerikaner läuft freiwillig Runden, wir sind eher faul (lacht). Diese Mentalität hat mich sehr beeindruckt.

Neven war noch ziemlich jung, wie hat er reagiert?

Ja, er war ungefähr 15 Jahre alt, daher etwas aufgeregt und schüchtern, gleichzeitig aber auch sehr demütig und froh über diese Chance. Donnerstags habe ich mit ihm gesprochen, am Samstag habe ich mir dann ein Spiel angesehen, Sonntag noch ein zweites in einer mexikanischen Freizeitliga. Dort spielte Neven gegen erwachsene Männer. Körperlich war es also sehr hart und man kennt ja Neven, er war eher groß und dünn (lacht). Er wirkte etwas schlaksig, manchmal sah es vielleicht ungeschickt aus, das machte er aber mit seinem Kopf und seiner Leidenschaft wieder wett. Nach dem Spiel am Sonntag habe ich ihm dann gesagt, dass ich für die Nationalmannschaft amerikanische Unterlagen brauche, eine Greencard oder einen amerikanischen Pass. Als ich am Montagmorgen ins Büro ging, ist das Faxgerät fast explodiert, weil Neven schon alle Unterlagen verschickt hat (lacht). Dann bin ich zu meinem Cheftrainer und sagte, dass ich einen Jungen entdeckt habe und sie fragten wo, in Miami, Los Angeles? Und ich sagte nein, hier bei uns in Bradenton und natürlich sahen mich alle an, als wäre ich verrückt. Das änderte sich aber schnell (lacht).

Er bekam also ein Probetraining bei der Nationalmannschaft, ein Team mit den besten U17-Spielern der USA. Das hört sich nicht so leicht an für „einen Jungen aus dem Park“?

Ja, wir hatten die besten 36 Spieler des Landes hier — aber Neven hatte von Beginn an keine Probleme. Er war nicht ängstlich und war voller Tatendrang. Wenn wir ihm sagten, du musst um acht Uhr da sein, war er da, als wir sagten, hey wir mögen wie du spielst und hätten dich gerne hier in unserer Akademie, sagte er: Trainer, alles was getan werden muss. Er war sehr leicht trainierbar, sehr demütig und gleichermaßen extrem professionell.

Wie genau funktionierte die Akademie?

Es war das amerikanische U17 Akademieprogramm, wir suchten also die besten Spieler aus und sie kamen nach Bradenton . Man könnte es mit einer Jugendakademie in Dortmund vergleichen, hier hatten wir alle beisammen. Wir haben sie trainiert, sie beispielsweise in Ernährungsweisen ausgebildet und sie gingen natürlich zur Schule. Das ist sehr wichtig im amerikanischen System: Wenn die Jungs Profis werden ist es toll, wenn nicht, können sich alle auf ihren Abschluss verlassen.

Um Neven als Fußballer zum Start zu beschreiben, war es eher Talent oder eher Wille?

Ich denke es war beides. Als ich ihn das erste Mal in den Freizeitligen gesehen habe, spielte er erst in der Offensive und erzielte ein Tor, danach zogen sie ihn in die Abwehr, dann ins Mittelfeld — er war quasi das Rückgrat des Teams und definitiv einer der besten. Als er in die Akademie kam wollten wir ihn im defensiven Mittelfeld spielen lassen, wussten aber, dass er auch als Innenverteidiger sehr gut wäre. Aber zu der Zeit hatten wir schon vier Verteidiger.

Was waren seine Stärken und worin musst er sich verbessern?

Die größte Stärke war seine Einstellung, er hatte schon als Jugendlicher eine starke Mentalität. Neven war sehr früh professionell und hat sich auf die Arbeit konzentriert. Hätten wir ihm gesagt er soll ins Tor gehen, wäre es für ihn vermutlich okay gewesen. Außerdem war er gut in der Luft und erzielte daher Tore, auch Diagonalpässe funktionierten und er war sehr stark im Eins gegen Eins verteidigen. Am meisten musste er sich im taktischen Bereich weiterentwickeln. Als ich Dortmund besucht habe und die Ehre hatte Jürgen Klopp zu treffen, sprachen wir auch über Taktik. Und ich erklärte, dass Neven erst spät Innenverteidiger wurde, außerdem ist das Niveau in Deutschland schlicht höher. In den USA konnte er gefühlt tun, was er wollte. Aber von Beginn an war seine Einstellung entscheidend, wenn man ihm Anweisungen oder Tipps gab, versuchte er es sofort innerhalb des Teams umzusetzen. Genau deswegen dachten wir uns, dass er ein richtig guter Profi werden könnte.

Wie hat sich Neven als „Neuling“ im Team eingefunden?

Zu Beginn war er natürlich etwas ruhiger, weil er später dazukam — ich glaube aber, das ist auch Teil seiner Persönlichkeit gewesen. Sehr schnell fühlte er sich aber wohl im Team und nahm eher eine Führungsrolle ein — genau das wollten wir auch.

Wie sahen die nächsten fußballerischen Schritte aus?

Er war glaube ich etwas mehr als 1,5 Jahre in der Akademie, spielte auch die Qualifikation und Endrunde der U17-WM in Peru — das war für uns alle eine tolle Erfahrung. Er war zwar kein Stammspieler, kam aber in zwei von drei Gruppenspielen zum Einsatz, auch in der nächsten Runde — da sind wir gegen Holland ausgeschieden. Da ein Verteidiger die rote Karte sah, konnten wir Neven auch in die Innenverteidigung ziehen. Er machte seine Sache gut und nachdem er dann den Abschluss in der Tasche hatte, unterschrieb er für die University of South Florida in Tampa, also knapp 45 Minuten entfernt. Durch die WM und die Spiele am College haben ihn natürlich viele Scouts gesehen. So traf er auch seinen Berater Steve Kelly, er brachte ihn letztlich auch nach Mainz. Dort traf er auf Klopp und naja, der Rest ist Geschichte.

Wie lange spielte Neven denn für das College?

Eigentlich sehr kurz, wenn ich mich nicht irre vielleicht sogar nur ein Semester. Die U17-WM ging im Oktober 2005 zu Ende, zum Ende des Jahres hatte er seinen Abschluss und ging ans College. Dort spielte er im Frühjahr 2006 und im Sommer, „Boom“ war er plötzlich in Mainz.

Hast du früh erkannt, dass er tatsächlich ein solch besonderes Talent war, für eine Karriere in Europa?

Ich dachte mir, es wird vielleicht viel Arbeit, aber da er eine solche Arbeitsmoral und Einstellung hatte, dachten wir im Trainerteam, dass er ganz sicher ein guter Profi werden könnte. Und jetzt spielt er schon so lange auf solchem Niveau und wir hier in den USA freuen uns alle unheimlich für ihn. Wir haben immer das große Ganze gesehen und mittelfristig gedacht, deswegen haben wir ihm eine Profikarriere zugetraut — heute schauen viele nur auf das hier und jetzt, ohne die Entwicklung zu beachten. Als er die Möglichkeit in Mainz erhielt, waren wir alle sehr begeistert, dann bekam er dort als junger Spieler viel Spielzeit und ich dachte mir „Oh man das wird ihn immer besser machen.“ Als Klopp nach Dortmund wechselte und ihn mitnahm, war ich mir sicher, dass es wunderbar wird.

Es folgte eine beeindruckende Karriere mit einigen Titeln und dem Champions League Finale — bist du stolz darauf?

Oh mein Gott, ich bin sowas von stolz. Es war sehr lustig: Als Neven mit Dortmund die Chance hatte, zum ersten Mal Meister zu werden, war das Spiel hier nach US-Ortszeit natürlich am frühen Morgen. Ich weckte meine Frau und meine Kinder auf und hatte ein BVB-Trikot an und die Kids sahen mich an und fragten: „Papa, was ist los mit dir?!“ (lacht) Wir haben dann gemeinsam das Spiel geschaut und waren unheimlich stolz. Ich kenne noch alle Trainer von früher, John Hackward, John Allenger, Peter Miller, sie alle verfolgen seine Karriere und waren sehr stolz auf Neven. Und wir alle in den USA sind es weiterhin!


03.05.2018, Martin


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