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Spielbericht Profis - 01.05.2018

Reise zu freilaufenden Kühen und freidrehenden Bullen

Torhüter unter sich mit dem besseren für Pavlenka

Der BVB schleppt sich mit einem 1:1 in Bremen weiter dem Saisonende entgegen und auch sonst war ein Ausflug nach Bremen früher netter. Die schwatzgelbe Reisegruppe ließ sich die Laune aber weder von freilaufenden Kühen noch von freidrehenden Bullen verderben.

Auswärtsspiele in Bremen waren mal eine tolle Sache. Man marschierte durch eine nette, weltoffene Stadt zum Weserstadion, welches einigermaßen idyllisch direkt am gleichnamigen Fluß gelegen ist. Dass man die Strecke zwischen lauter Werder-Fans zurücklegte, führte auch so gut wie nie zu negativen Begleiterscheinungen, denn eine größere Rivalität besteht zwischen den Grün-Weißen und Schwatzgelben außerhalb von szeneinternen Kabbeleien nicht. Am Stadion noch ein Bier und ein Fischbrötchen und dann ab in den Gästeblock, den Auswärtssieg bejubeln. Leider scheint von der Bremischen Weltoffenheit nichts mehr übrig zu sein, wenn man den Umgang mit Gästefans zum Maßstab nimmt, der inzwischen leider zum Unwürdigsten gehört, dem man in Deutschland als reisender Fußballanhänger ausgesetzt wird. Und einen Auswärtssieg, der uns an den verhassten Blauen vorbei und quasi sicher in die nächste Champions League gebracht hätte, gab es natürlich auch nicht.

Schwatzgelb.de hatte für die Tour nach Bremen zusammen mit dem befreundeten Fanclub Goldener Oktober aus Unna einen Bus organisiert und die Fahrt wurde unter das Motto „Neon“ gestellt, so dass man in den Untiefen des Kleiderschranks nach den Klamotten aus den 90ern tauchen musste. Manch einer musste traurig feststellen, dass die Jahre nicht ganz spurlos am eigenen Körperbau vorüber gezogen waren...oder waren die Trikots einfach nur beim Waschen eingelaufen? Ein erster Teil der Reisegruppe stieg schon in Unna zu, der größere Rest sammelte sich hinter dem Dortmunder Hauptbahnhof.

Die Alternative zum Bus: Die gute alte Bahn

Natürlich gab es auch Redaktionsmitglieder, die einen alternativen Anreiseweg wählten, zumal die Fanabteilung mit einer Bootstour eine coole Konkurrenzveranstaltung organisiert hatte. Oder man setzte auf die Schiene, was sich an diesem Tag wohl als die beste Alternative herausstellen sollte, wenn man schnell nach Bremen und wieder zurück wollte. „ICE 547 ab Dortmund Hbf +5 Minuten, Ankunft in Hannover pünktlich. ICE 1580 ab Hannover + 8 Minuten, Ankunft in Bremen mit -2 Minuten. Daher innerhalb von einer Stunde zehn Minuten gut gemacht. Für eine Altbaustrecke ungewöhnlich.“ Ganz so easy sollte unsere Anreise im Bus nicht ausfallen.

Bereits vor Abfahrt verbreitete sich die Nachricht über die Vollsperrung der A1. Zwischen Ascheberg und Münster-Hiltrup mussten entlaufene Kühe eingefangen werden. Das sorgte zunächst für einige Heiterkeit. Youtube-Videos einer obskuren finnischen Derrick-Parodie mit dem Titel „Die Kühe“ machten die Runde. Für uns bedeutete die Sperrung, dass wir übers Land ausweichen mussten. Und übers Land hieß in dem Fall wirklich plattes deutsches Ackerland. Der Busfahrer bog dann auch locker-lässig in eine Sackgasse ein, die in einem Feldweg mündet. Der Bus hielt. Rentner auf Fahrrädern überholten uns und schauten sparsam auf den schwatzgelben Haufen in ihrem Bus. Irgendwann startete der Fahrer ein Wendemannöver durch den Vorgarten eines Bauernhofs. Die Bäuerin lief kopfschüttelnd aus dem Haus, aber bevor sie zur Mistgabel greifen konnte, waren wir schon wieder on the road.

Fahnenintro im Gästeblock

Dann fuhren wir am Dorfsportplatz vorbei. Das Kreisligaspiel war in vollem Gange. Eine Mannschaft spielt sogar in schwatzgelb und wird entsprechend bejubelt. Ein Witzbold auf dem Platz hat die Rückennummer 69 und der Schiri ist ne Tonne. Wahrscheinlich wäre es jetzt die beste Idee gewesen, einfach anzuhalten und hier ehrlichen Fußball zu gucken. Doch wir sind auf einer Mission, also ging es weiter durch die Provinz gen Norden.

„Eins kann mir keiner... Eins kann mir keiner... Eins kann mir keiner nehmen und das ist der Hass auf Werder Bremen!“ Wurde dieser Song noch eher augenzwinkernd zum Hit im Bus, so verstärkten sich die negativen Gefühle für die Stadt Bremen und ihre Ordnungshüter zunehmend, bis am Ende tatsächlich so etwas wie Hass aufkam. Da wir durch die kuhbedingte Landpartie einiges an Zeit verloren hatten, versuchte unser Busfahrer den direkten Weg zum Stadion einzuschlagen, auch wenn es dort keinerlei Gästeparkplätze mehr gibt. Aber man hätte ja in Stadionnähe schnell aus dem Bus springen können, der dann woanders parkt. Doch die Bremer Polizei war auf solche Ideen natürlich vorbereitet und so wurden wir bereits an der Autobahnausfahrt gestoppt und streng darauf hingewiesen, dass wir den Weg zum Hauptbahnhof einzuschlagen hatten.

Fahnenintro in der Bremer Ostkurve

Die Ultraszene, gegen die sich solche sinnlosen Maßnahmen mutmaßlich in erster Linie richten sollen, schaffte es übrigens irgendwie, ihre Busse doch im Stadionumfeld parken zu lassen. 1:0 für die Fans und ein weiterer Beleg dafür, dass am Ende immer diejenigen unter dem Sicherheitswahn zu leiden haben, die noch nicht einmal von der ZIS als potentielle Gefahr für irgendwen eingestuft werden. Herzlichen Dank!

Am Hauptbahnhof angekommen und so langsam schon einigermaßen nervös, ob der Anpfiff noch zu schaffen war, stießen wir auf ein Willkommenskommittee bestehend aus einer Einsatzhundertschaft in voller Kampfmontur und ein nächstes Hindernis. Bevor unser Bus einparken konnte, mussten erstmal eilig drei Polizeiwannen umgeparkt werden. Das wäre ja noch ein lustiger Anblick gewesen, doch wir standen so langsam unter Zeitdruck und da hat man natürlich nur ein eingeschränktes Verständnis dafür, dass der ausgewiesene Gästebusparkplatz von irgendwelchen Polizeiwagen zugeparkt wird.

Also schnell in den nächsten Shuttlebus umgestiegen, der uns dann endlich zum Stadion bringen sollte. Außer unserer Busbesatzung waren keine BVB-Fans in der Nähe, einige behelmte Polizisten stiegen auch mit ein, aber trotzdem fuhr der Bus nicht ab. Nun regte sich Unmut unter den Fans, zumal uns auch keine Gründe dafür mitgeteilt wurden, warum es nicht weiter ging. Nach schier endlosen Minuten kam eine circa 30-köpfige Gruppe Security-Menschen in roten Jacken angerannt, sprang in den Bus und nachdem nun jeder Fan seinen persönlichen Bewacher an Bord hatte, konnte es endlich los gehen. Mit Motoradeskorte, Blaulicht und Tatütata fuhren wir auf verschlungenen Wegen Richtung Stadion. Man kam sich wie ein Schwerverbrecher vor.

Auch in Bremen in das PAG ein Thema

Wer jetzt erwartet hätte, dass die Shuttlebusse uns bis direkt vor den Gästeblock fahren würden, sah sich getäuscht. Gut 200 Meter vor dem Stadion hielt der Bus an und bereits direkt nach dem Aussteigen befand man sich inmitten von Werder-Fans, die auf dem Weg zum Stadion waren. Von Fantrennung keine Spur (sie wäre ja auch nicht nötig, da es keine Probleme mit den Bremern gibt). Auf Nachfrage konnte einem die Sinnhaftigkeit solcher Schikanen nicht erklärt werden. "Ist halt unsere Strategie", war dann die Antwort. Aha. Macht Sinn! Der einzige Grund, der mir dazu einfällt, ist dass man bei der Bremer Polizei offenbar Einsatzstunden schinden will, die man sich dann bei der DFL rückerstatten lassen möchte.

Wir schafften es dann doch noch kurz vor Anpfiff in den Gästeblock. Der ist im umgebauten Weserstadion stimmungstechnisch ja einigermaßen problematisch, weil er sehr breit und schmal ist (wenige Reihen, dafür lange Reihen). Dementsprechend versuchten sich drei Vorsänger an der Koordination der Gesänge und das klappte eigentlich auch sehr gut, so dass wir endlich mal wieder über weite Strecken eine vernünftige Mitmachquote hatten. Ob man direkt nach der Halbzeit über nahezu 10 Minuten versuchen muss, ein neues Lied einzustudieren, das außer den Ultras kaum jemand zu kennen scheint, ist allerdings zweifelhaft. Da wäre anders sicher ein besserer Support möglich gewesen und es gibt wohl auch passendere Zeitpunkte als diesen beim Stand von 1:1. Das Spiel verging irgendwie sehr schnell. Kam einem nicht wie 90 Minuten vor, im Gegensatz zu manch anderen Spielen in dieser Saison, die scheinbar nie enden wollten.

Jubel um Marco Reus Führungstreffer

Die Mannschaft erspielte sich eine verdiente Führung, die sie leider kurz vor dem Halbzeitpfiff noch dumm aus der Hand gab. Nach der Pause spielte Borussia phasenweise wieder den rasanten Offensivfußball, den man noch dunkel aus der Anfangsphase der Saison im Hinterkopf hat. Den verdienten Sieg verhinderte allein ein überragender Bremer Torwart, das Aluminium und das eigene Unvermögen beim Torabschluss. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die Mannschaft tatsächlich in der Lage wäre, zwei Spiele hintereinander zu ihren Gunsten zu entscheiden, um den Fans einen versöhnlichen Abschluss dieser Saison zu bescheren, die viele beim und rund um den BVB wohl lieber heute als morgen beenden und vergessen würden. So blieb es bei einem letztlich unbefriedigenden Unentschieden, dem Tabellenplatz hinter den Blauen und dem Druck das Heimspiel gegen Mainz gewinnen zu müssen, um die Champions League schon vor dem Saisonfinale beim Hopp sicher zu haben.

Schlussendlich den großen Schritt verpasst

Nach dem Spiel wurde man außerhalb des Stadions per Lautsprecherdurchsage dazu aufgefordert, sich wieder in die Shuttlebusse zu begeben. Wer das allerdings lieber nicht wollte, wurde von der Polizei auch in Dortmunder Fankleidung nicht daran gehindert, den Weg zum Bahnhof zu Fuß anzutreten. So bekamen wenigstens einige Dortmunder noch was von der eigentlich schönen Stadt Bremen zu sehen, die sich anscheinend stark von den Werten verabschiedet hat, für die sie früher mal stand. Man kann nur hoffen, dass an der Weser irgendwann wieder Vernunft einkehrt und man den Sicherheitswahn überwindet, der es einem derzeit unmöglich macht, eine Auswärtstour an die Weser zu genießen.

Als wir wieder sicher in unserem Bus saßen, erhellte sich die Stimmung schnell wieder. Unser Fahrer hatte noch eine Kapriole in petto und musste direkt außerhalb des Busparkplatzes vor einer niedrigen Brücke erneut ein schnelles Wendemannöver fahren. Auf der Rückfahrt wurden dann weiter Fangetränke vernichtet und Fangesänge zum Besten gegeben. Insgesamt eine lustige Tour mit netten Mitfahrern und sicher nicht die letzte gemeinsame Auswärtsfahrt von schwatzgelben und Oktoberisten. Bleibt nur zu hoffen, dass der Empfang am Zielort das nächste Mal etwas weniger schikanös ausfällt.

Web&die schwatzgelb.de Buscrew, 01.05.2018


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