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Unsa Senf - 04.05.2018

Und sie schweigen immer noch

Nach dem Anschlag haben die Fans ein feines Gespür bewiesen.Es ist etwas mehr als ein Jahr her, seit mein Artikel zum Thema Stimmung im Westfalenstadion erschienen ist. “Das Schweigen der Lemminge” wurde witzigerweise sowohl in Ultrakreisen, als auch beim Rest der Fanszene als eine reine Kritik an den Ultras aufgefasst. Dies war jedoch nur ein kleiner Teil meiner Aussage, die sich hauptsächlich an die große Masse richten sollte.

Nun sind wir ein Jahr weiter und was ist in der Zwischenzeit passiert? Erst einmal gab es diesen fürchterlichen Anschlag, in dessen unmittelbarer Folgezeit auch stimmungstechnisch alles etwas anders war in Dortmund. Wie so oft in der Vergangenheit haben die Ultras sowie der Rest des Stadions dabei ein feines Gespür bewiesen für die Befindlichkeiten und es gab eine bedingungslose Unterstützung der Mannschaft. Spätestens jedoch mit der Rückkehr der Normalität (davon muss man als Außenstehender zur Zeit einfach ausgehen) zur neuen Saison war auch die Stimmung im Westfalenstadion wieder mäßig. Haben die anfangs großartigen Resultate unter Bosz noch ein wenig Aufbruchstimmung erzeugt, war spätestens mit dem Beginn der Niederlagenserie Schluss mit lustig.

Geändert hat sich seit meiner Kritik im letzten Jahr eigentlich nur etwas. Nämlich die Ultras. Sie sind auf mich und andere Kritiker zugegangen, haben Fragen gestellt und sich die Kritik – zumindest in Teilen – zu Herzen genommen. Ist es jemandem aufgefallen? Es gibt wieder vermehrt Gesänge für Spieler. Es werden viel öfter als früher Gesänge aus den Ecken/vom Rest der Tribüne übernommen. Es gibt manchmal Pausen. Pausen! So richtig zum Durchatmen. Oder als Chance für andere Leute, Lieder anzustimmen. Es gibt mehr spielbezogene Gesänge. Öfter mal wieder “Hinein!”-Rufe bei Eckbällen zum Beispiel. Muss man deswegen alles gut finden, was die Ultras machen? Nein, natürlich nicht. Aber man sollte zumindest anerkennen, dass sie versuchen, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen.

Doch was macht der Rest des Stadions mit dieser ausgestreckten Hand? Größtenteils wird sie ignoriert oder einfach nicht wahrgenommen. Sobald bei SG (oder auch in anderen Medien) ein Artikel erscheint, in dem es um die schlechte Stimmung geht, kommt sofort einer der ruft: “Ja, die Ultras und ihr Singsang!”

2015 in München mutierte der Dauersingsang in einen OrkanAber zum Thema Singsang möchte ich gerne eine kleine Geschichte erzählen: Es war 2015 beim Pokal-Halbfinale in München. Der BVB lag 1:0 hinten, es war um die 70. Spielminute und der Gästeblock war in eine “Lasst uns das schnell hinter uns bringen und nach Hause fahren”-Lethargie verfallen. Die Ultras hatten “Dauersingsang” in Form von “Can’t take my eyes off you” laufen und es war ein richtig gutes Beispiel dieser miesen, einschläfernden Stimmung. Und dann auf einmal, woher auch immer, kehrte die Energie zurück in den Gästeblock und auf den Platz. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Keiner konnte sagen, ob der Impuls von der Tribüne oder vom Rasen kam, er war einfach plötzlich da. Und was ist passiert? Der “Dauersingsang” wurde auf einen Schlag zum Orkan. Es war das gleiche Lied, das gerade noch so langweilig vor sich hin geplätschert ist, das ein paar Sekunden später den Beton der Arena wackeln ließ. “Borussia Doooooooortmund, shalalalalalala, Borussia Dooooooooortmund, shalalalalalaaaaa!”

Ich sage nicht, dass es keine falschen Lieder im falschen Moment oder keine Stimmungskiller gibt. Das sind jedoch die absoluten Ausnahmen. Dauersingsang entsteht in den meisten Fällen dann, wenn zu wenig Leute mitmachen und diejenigen, die schon singen, keine Energie in die Gesänge stecken. Man kann dann noch immer diskutieren, ob so ein Lied noch Sinn macht oder ob man besser nichts singen könnte. Den Ultras jedoch “Singsang” vorzuwerfen, heißt, mit einem Finger auf sie und mit mindestens drei auf sich selbst zu zeigen.

Das Spiel gegen Leverkusen war das beste Beispiel dafür, wie die Stimmung sein könnte, wenn wirklich das ganze Stadion motiviert ist, für Stimmung zu sorgen. Es gab keine andere Liederauswahl als sonst, es gab nicht mehr oder weniger spielbezogenen Support seitens der Ultras, es waren die gleichen “Vorgaben” wie in der restlichen Saison. Warum also war die Stimmung so viel besser als sonst? Weil das ganze Stadion mitgemacht hat. Das klingt logisch, nicht? Warum wird aber die schlechte Stimmung den Ultras vorgeworfen, wenn wir die gute Stimmung wie selbstverständlich darin verordnen, dass der Rest etwas ander(e)s macht? Der eine oder andere Ultrakritiker sollte da vielleicht mal ein paar Minuten drüber nachdenken...

Trotz guter Leistung wurde die Mannschaft nach dem Leverkusen-Spiel weggeschickt.Und dann kommt natürlich die Szene mit dem Wegschicken der Mannschaft nach dem Spiel. Fand ich jetzt auch nicht so toll, aber was hat ca. 24.500 Leute auf der Süd davon abgehalten, die Welle mit der Mannschaft zu machen? Die Ultras wollten nicht, ok. Das müssen sie für sich selbst entscheiden. Aber wieso macht der Rest das nicht, wenn es ihnen doch scheinbar so wichtig ist? Glaubt ihr, die Mannschaft hätte 49.000 ausgestreckte Arme übersehen, weil vorne in ihrem Blickfeld ein paar Leute ihnen bedeuteten, zu verschwinden? Ist es nicht vielleicht eher so, dass auch auf der restlichen Südtribüne kaum einer wollte? Oder jeder einfach nur abgewartet hat, obwohl die Ultras davor angekündigt hatten, nicht feiern zu wollen? Mindestens in Block drölf muss diese Ankündigung angekommen sein und auch da stehen im Verhältnis mehr Nicht-Ultras als Ultras. Was hat euch davon abgehalten? Was hat euch dazu bewogen, sauer auf die Ultras zu sein und nicht auf alle anderen neben euch, die ebenfalls nichts gemacht haben? Bevor mir nicht mindestens einer diese Frage beantworten kann, möchte ich keinen von euch mehr gegen die Ultras und die miese Stimmung meckern hören.

Nadja, 28.03+1.2018


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