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Unsa Senf - 01.03.2018

Ergebnisoffene Diskussion? 50+1 muss unangetastet bleiben!

So nämlich!Am 22. März ist es so weit. Dann beraten Vertreter der DFL in einer „ergebnisoffenen Grundsatzdebatte“ über die weitere Zukunft der deutschen 50+1-Regel. Im Anschluss an den vorerst gescheiterten Versuch von Martin Kind, den Verein Hannover 96 zum Schleuderpreis für eine Investorengruppe einzusacken, möchte man gemeinsam erörtern, ob „neue Entwicklungsmöglichkeiten“ eröffnet werden können. Dieses wachsweiche Geseiere stammt leider von unserem Vereinspräsidenten Dr. Reinhard Rauball in seiner Funktion als DFL-Präsident. Es braucht nicht viel Aluhut, um zu prognostizieren, dass am Ende dieser Debatte mit Sicherheit kein „weiter wie bisher“ stehen wird, da sich in den letzten Wochen immer mehr Personen aus der Deckung gewagt und die 50+1-Regel öffentlich angezählt haben.

So verkündete Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge in der FAZ, dass er persönlich dafür sei, dass jeder Verein selbst für sich darüber entscheiden darf, wie weit er sich Fremdkapital öffnet. Und weitergehend, dass 50+1 ein „Luxus“ sei, bei dem in Frage stehe, wie weit Deutschland sich diesen Luxus noch leisten könne. Eine interessante Sichtweise, geht es im Kern doch auch um die Frage, in wie weit Vereinsmitglieder noch über die Geschicke ihres Vereins mitentscheiden dürfen. Teilnahme am Meinungsbildungsprozess als Luxus – Herr Rummenigge scheint sich bei seinen Werbepartnern aus Katar einiges abgeguckt zu haben. Frankfurts AG-Vorstand Axel Hellmann skizzierte gleich schon mal, unter welchen Bedingungen man 50+1 denn abschaffen könnte. Standorte des Vereins, sowie Wappen dürften nicht verändert werden und natürlich müsse sich der Investor der Fankultur verschreiben und den Erhalt von Stehplätzen garantieren, sowie von sozialverträglichen Ticketpreisen. Gute Idee, Herr Hellmann. Aber warum diese Punkte mit der 50+1-Regel verquicken? Das könnte genau so schon seit vielen Jahren im Grundlagenvertrag der DFL stehen. Gut, das hieße, dass einige Vereine mehrmalige marketingbedingte Wappenänderungen der letzten Jahre zurück nehmen müssten und das derzeitige Preisniveau müsse unter dem Gesichtspunkt der Sozialverträglichkeit auch mal nach unten korrigiert werden, aber das darf die DFL gerne anpacken. Was hat das allerdings mit 50+1 zu tun?

Vermutlich spricht man dieses Thema nicht an, um dem Chefmahner in der DFL-Spitze Christian Seifert einen amtlichen Herzklabaster zu ersparen. Hatte der doch erst beim letzten Neujahrsempfang gefordert, dass man sich zu einem „gewissen Maß zum Kommerz bekennen müsse“. Alter, wann hasse das letzte Mal Fußball geguckt? Sitzplätze gibt es kaum noch für unter 40 €, Verletzungspausen werden höhnisch von irgendwelchen Apotheken präsentiert, wir gehen in Arenen und Parks mit grenzdebilen Namen statt in Stadien, es gibt mittlerweile sieben verschiedene Anstoßzeiten in der ersten Liga und für die nächste Saison braucht der Fan drei verschiedene Abos, um das komplette Fußballprogramm im TV sehen zu können. Im gewissen Maße zum Kommerz bekennen? Jeder, der den Fußball heutzutage verfolgt, tut das schon intensiv. Dass dieser ganze Schwachsinn in der Regel unkommentiert von den medialen „Marktbegleitern“ weiterverbreitet wird, statt diesen Leuten einen Spiegel vorzuhalten, lässt tief blicken.

Nun weint also Herr Kind, weil er die Bedingungen aus einem Kompromiss von 2011, dem er selber zugestimmt hat, für eine Übernahme nicht erfüllt und schon diskutiert man „ergebnisoffen“ über die weitere Zukunft. Liebe DFL-Vertreter, habt Ihr Euch eigentlich mal überlegt, warum es diese Probleme überhaupt gibt? Eben weil Ihr, beziehungsweise Eure Vorgänger, die Regel immer weiter ausgehöhlt habt. Weil Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg als lupenreiner Konzernbesitz statt als ordentlicher Verein aufgenommen wurden. Weil Ihr bei Herrn Hopp, der ohne offizielle Vereinsfunktion sogar öffentlich mit den Bayern um den Transfer von Luiz Gustavo verhandelte, und bei Mateschitz’ Verarsche mit „Rasenball“ statt Red Bull und unauffälligen Modifizierungen am Logo nicht die Cojones hattet, einfach „Nein“ zu sagen. Und eben, weil Ihr Martin Kind nicht schon frühzeitig in die Schranken gewiesen habt. Natürlich, der ein oder andere wird jetzt einwerfen, dass 50+1 juristisch eh schwer haltbar sei – eben wegen dieser Ausnahmen, die nur noch schwerlich (aber nicht unmöglich) rückgängig zu machen sind. Ja, und? Dann lasst das doch die Richter entscheiden und guckt, was am Ende dabei herum kommt. Lasst Martin Kind doch klagen. Der Mann ist 74, mal gucken, wie viel Lust er darauf hat, seine Position durch alle möglichen Instanzen zu prügeln. Die DFL dürfte genug Justiziare beschäftigen, dass sie es sich leisten kann, so ein Verfahren inklusive Revision auf Jahre hinaus zu strecken. Dass man sich aber lieber selber kastriert, statt kämpferisch zu zeigen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass zumindest bei einigen DFL-Mitgliedern die Ziele deckungsgleich mit denen von Kind sind.

Manche Dinge sind nicht verhandelbar.Im Kern werden alle wissen, dass man im Bereich von Sponsoring und TV-Vermarktung mittlerweile an die Grenzen stößt und hier eine Möglichkeit zu weiteren Geldquellen sehen. Und natürlich braucht man dieses Geld ganz dringend, damit alle wieder wettbewerbsfähig werden. Man muss einfach nur 50+1 kippen und schon kann Borussia Mönchengladbach wieder mit den Bayern um die Meisterschale und die Bayern wiederum auf dem Transfermarkt mit Real Madrid um Neymar konkurrieren. Wir brauchen dieses Geld, dringend. So zumindest die Botschaft hinter den Worten von Rummenigge und Co. Diese Darstellung ist so hanebüchend simpel und naiv, dass man die Fans schon für sehr beschränkt halten muss, dass man ihnen das so unterjubeln möchte. Als ob mit dem offiziellen oder nur de facto Fall von 50+1 die „Scheichs, Oligarchen und Investoren“ den Vereinen wie Mainz, Augsburg oder Hertha auf einmal die Bude einrennen würden. Die englischen Vereine haben aufgrund ihrer Historie seit über einem Jahrhundert diese Möglichkeiten und trotzdem spielen Burnley, Southampton oder Brighton Hove keine Rolle im Konzert der Großen. Chelsea mit Abramovich war die große Ausnahme und nicht die Regel. Stattdessen durfte man bei vielen kleinen Vereinen sehen, wie sich mehr oder weniger halbseidene Besitzer die Klinke in die Hand gaben und sogar bekannte Vereine wie Newcastle oder Leeds United zumindest kurzzeitig in die Zweit- oder Drittklassigkeit führten. In Deutschland zeigen die Possenspiele von Herrn Ismaik bei den Münchener Löwen und beim HSV + der LKW-Kühne, dass derartiges auch bei uns alles andere als undenkbar ist.

Selbst die Bayern werden es schwer haben, noch jemanden zu finden, der bereit ist, so viel Geld hinein zu pumpen, dass man den CL-Titel wirklich wieder in Angriff nehmen kann. Wir reden hier schließlich davon, dass Bayerns teuerstes Finanzierungsmodell James Rodriguez bei ca. 60 Millionen Euro liegt, PSG für Neymar aber allein für die Ausstiegsklausel fast das Vierfache an Barcelona überwiesen hat. Und da sind Zahlungen an Neymar und dessen Beratervater noch nicht einmal berücksichtigt. Das Gesamtpaket soll über die Laufzeit bei rund 700 Millionen Euro liegen. Das ist die Benchmark für die Zukunft und in dieser Liga können nur sehr, sehr wenige Investoren mitspielen. Wobei Investoren das falsche Wort ist. Investoren wollen eine Rendite für ihr Invest. Finanziell rechnet sich dieses Modell niemals. Im Falle von PSG und Katar ist es wohl auch eher die Möglichkeit der Einflussnahme, die das Emirat sich damit erkauft. Wollen wir das?

Nein, auch wenn in Deutschland 50+1 fällt, an der sportlichen Realität der Bundesliga wird es wenig ändern, es ändert nur die sich im Umlauf befindenden Geldsummen. Wir geben unsere Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitgestaltung, die letzten Reste der Identität der Vereine als Breitensportvereine und wohl auch ein Stück weit moralische Werte dafür auf, dass Einkommensmillionäre noch reicher werden. Das ist bizarr. Drehen wir den Spieß doch einfach mal um und fordern von den Clubbossen, dass sie das vorhandene Geld auch vernünftig einsetzen. Hier liegt nämlich der Hase seit einiger Zeit im Pfeffer. Dass sich die deutschen Vertreter in der Europa-League nicht gegen Vereine wie Sporting Braga, BATE Baryssau oder Östersund durchsetzen konnten, liegt ebenso wenig an knappen Finanzmitteln, wie die zwei glorreichen Unentschieden unserer Borussia in der Champions-League gegen Nikosia. Wer sich Samstag Nachmittags mal die Restkonferenz im TV gibt, der findet von vier Spielen, wenn überhaupt, nur ein einziges, das man sich auch in der Einzeloption angucken könnte. Der Rest ist unerträgliches Gepöhle, bei dem keine der beiden Mannschaften eigentlich den Ball haben will. Und wenn sie denn dazu genötigt werden, sieht man auch warum.

Bevor wir unsere Rechte zur Mitbestimmung aufgeben, damit Ihr, liebe DFL-Vertreter, neue Geldquellen erschließen könnt, solltet Ihr endlich mal wieder Eure Jobs vernünftig machen und mit dem vorhandenen Geld auch ein adäquates Ergebnis erzielen. Das ist der Weg zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. Findet wieder sportliche Lösungen. Das hat die Bundesliga auch in der Vergangenheit, in der man nie die finanzkräftigste der Topligen war, ausgezeichnet und zu Erfolgen geführt. Spart Euch Eure offenen Palaverrunden, zeigt Herrn Kind den Mittelfinger und setzt Euch wieder an die Schreibtische. Da wartet genug Arbeit auf Euch.

Aber lasst 50+1 unangetastet!

Sascha, 01.03.2018


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