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Warmlaufen - 26.02.2018

Keiner mag Montage - Über ein wanderlustiges Völkchen, das die Schnauze voll hat

Wir schreiben das Jahr 2xxx. Ort? Ein x-beliebiger Gang in einem x-beliebigen Bürokomplex irgendwo in Deutschland. Der Gang ist leer, abgesehen von einer Person – wir wollen sie DER FAN nennen. Eigentlich hätte DER FAN Besseres zu tun als auf dem Gang herumzulungern, arbeiten zum Beispiel, so wie alle anderen hier. Doch er muss etwas erledigen. Eine kurze Frage stellen.

Wenn es doch nur so einfach wäre... DER FAN ist hier, um bei seinem Chef Urlaub zu beantragen. Wäre immer noch kein Hexenwerk, aber er hat schon so oft um einzelne Tage Urlaub gebeten, meistens sehr kurzfristig, und mittlerweile ist es ihm echt unangenehm.

Soll er eine Ausrede benutzen? Die übliche „Oma gestorben“-Ausrede? Es klingt verlockend, DER FAN zweifelt trotzdem. Das ist doch echt makaber, so etwas will er gar nicht erst in den Mund nehmen. Andererseits will er auch nicht den wahren Grund für den neuen Urlaubsantrag verraten. Also doch die Oma?

Genug gewartet. DER FAN holt tief Luft, dann klopft er endlich an der Türe an, vor der er schon seit einer Weile steht. Tritt ein, tauscht ein paar Floskeln aus, dann ist es soweit, dann sitzt DER FAN seinem Chef gegenüber an dessen Schreibtisch.

„Ich bräuchte am Dienstag in zwei Wochen Urlaub.“

Vielleicht kommt er auch ohne Begründung durch. Nein, tut er nicht – der Chef hebt eine Augenbraue, er sieht ihn skeptisch an. Und dann stellt er eine Frage, die DEM FAN zeigt, dass er ihn schon längst durchschaut hat.

„Ist da ein Spiel?“

Gut, leugnen bringt jetzt auch nichts mehr. Also...

„Ja. Dienstag früh.“

„Ich verstehe das nicht.“

Der skeptische Blick bleibt. Und DER FAN weiß genau, warum. Sein Chef war früher auch einmal Fußballfan, ziemlich aktiv – doch im Gegensatz zu DER FAN hat er aufgegeben.

„Wie willst du so Freunde halten? Eine Familie gründen? Gut, es soll mir recht sein, wenn du keine Familie gründest, aber... Ich verstehe es nicht.“

Fragen, die DER FAN immer wieder gestellt bekommt, nicht nur von seinem Chef. Er kann sie sogar teilweise beantworten, kann erklären, dass er noch ein paar Freunde beim Fußball hat. Keine große Gruppe mehr an Bekannten und Menschen, die man regelmäßig sieht, ohne groß mit ihnen zu sprechen, aber immerhin noch eine kleine Ansammlung an Freunden. Die Sache mit Beziehungen dagegen... Ja, das ist echt schwierig. Wer hat schon Verständnis dafür, dass der Partner ständig beim Fußball ist? Früher, da sah das noch anders aus, da war das Wochenende für Fußball reserviert und es gab unter der Woche genug Platz für ein anderes Leben. Jetzt dagegen... Es ist schon anstrengend genug, Arbeit und Fußball zu koordinieren, all die verrückten Anstoßzeiten – wie zum Beispiel eben übernächsten Dienstag um neun Uhr vormittags am anderen Ende von Deutschland – mit der Arbeit unter einen Hut zu bringen. Platz für eine Beziehung bleibt da nicht mehr.

„Warum tust du dir das noch an?“

Diese Frage stellt DER FAN sich ständig. Was reizt ihn noch am Fußball? Was bringt ihn dazu, immer größere Strapazen auf sich zu nehmen, um seine Mannschaft zu unterstützen? Warum opfert er seine Urlaubstage, um zu Stadien zu fahren, in denen einige Blöcke komplett gesperrt sind, weil zu wenige Zuschauer kommen? Warum opfert er sein Privatleben, um von Touristen, die mal eben ein Bundesligaspiel sehen wollen, schräg beäugt zu werden, wenn er und seine Leute versuchen, für etwas Stimmung zu sorgen? Es fühlt sich trostlos an, es gibt ihm eigentlich nichts mehr.

Aber es erinnert ihn an früher. Und er will nicht loslassen – will nicht auch noch das letzte Bisschen von der Liebe von damals verlieren.

Ja, es geht wieder um Montagsspiele – ja, es geht wieder gegen Montagsspiele. Ein neuer Platz für Kommentare à la „Da mucken schon wieder die Ultras auf“ und „Die sollen doch einfach zuhause bleiben“. Ich könnte hier einiges dazu schreiben, ob Leute, die nicht ins Stadion gehen, geschweige denn zu Auswärtsspielen fahren, geschweige denn an einem Montag quer durchs Land reisen würden, besonders kompetent sind, aber... Vergebene Liebesmüh'.

In der letzten Zeit wurde viel zu Montagsspielen geschrieben. Ganz langsam halten sie Einzug - sie haben sich schon in der 2. Liga breit gemacht, dann wurde der 1. Mai für das erste Montagsspiel in der Bundesliga verantwortlich gemacht und seit dieser Saison gibt es ganz reguläre Montagsspiele. Es wurde schon viel dazu gesagt – was gibt's noch zu erzählen?

Die Situation aus Augsburger Sicht.

Dass wir ein Auswärtsspiel an einem Wochentag haben, ist mittlerweile fast schon Standard. In dieser Saison gab es zum ersten Mal seit längerem ein Heimspiel unter der Woche. Und während man in Augsburg nicht unbedingt Nein zu internationalen Spielen unter der Woche sagen würde – unsere erste Europapokalsaison war schon ganz spaßig -, ist es nicht unbedingt prickelnd, wenn man in jeder Englischen Woche wieder quer durchs Land reisen darf.

Apropos Reisen: Klar, die Augsburger sind ein reiselustiges Völkchen. Jakob Fugger, der bekannteste Sohn Augsburgs, baute ein Handelsnetz auf, das sich über ganz Europa erstreckte – ein für seine Zeit erstaunliches Unterfangen. Und wenn der Augsburger heutzutage auf Reisen geht, um den hiesigen Fußballverein zu unterstützen, gehört es dazu, größere Strecken zu bewältigen. Was andere Klubs angeht, liegt Augsburg nicht gerade ideal.

So weit, so gut. Gibt ja genügend andere Vereine in Deutschland, da sollte sich doch etwas machen lassen, da sollte man doch eine vernünftige Verteilung der Spiele unter der Woche hinbekommen.

Nein. Scheinbar nicht. Die Anhänger des FC Augsburg sind einsamer Spitzenreiter, was die Entfernungen in den Englischen Wochen angeht. Nicht nur, dass wir ständig Auswärtsspiele zugeteilt bekommen – in den letzten drei Jahren gab es nur ein Spiel mit einer Entfernung von unter 500 km. Klar, was soll man unter der Woche sonst tun, als von Augsburg nach Leverkusen und wieder zurück zu pendeln...

Jetzt also Montag. In Dortmund. Vielen Dank auch. Das ist das Ass unter den Arschkarten.

Gut, eine gleichmäßige Verteilung ist wohl nicht möglich. (Vor allem, wenn man einen Verein 70 km von Augsburg entfernt außen vor lassen muss. Komisch, dass der eine bayerische Verein in einer Tour Auswärtsfahrten unter der Woche zugeteilt bekommt, während der andere bayerische Verein immer in der Heimat bleiben darf...) Aber eine etwas ausgewogenere? Mit etwas mehr Hirn?

Es beschränkt sich ja nicht nur darauf, dass der FCA immer wieder Auswärtsspiele in der Englischen Woche bekommt, Auswärtsspiele, die nicht gerade ums Eck sind. Dazu kommt, dass es der FCA ist. So manch anderer Verein hätte weniger Probleme damit, unter der Woche einen Gästeblock zu füllen, weil es für viele Anhänger ein Heimspiel ist. Beim FC Augsburg überwiegen dagegen die Fans in der Region. Um Zuschauer in den Gästeblock zu bekommen, ist es also ein Muss, dass die Fans auch für beschissene Anstoßzeiten durch Deutschland reisen. Oder wird es irgendwann nur noch Vereine geben, bei denen sich die Gästefans darüber freuen, dass ihr Verein auf ihrer Deutschland-Tournee auch bei ihnen vor Ort Halt macht?

Das wäre verdammt schade. Für mich ist der lokale Part ein extrem wichtiger – für mich gehört es zur Vereinsliebe dazu, dass mein Verein der vor Ort ist. Ich bin ein Kind des Südens, ich habe keine Ahnung vom Ruhrpott, also gehört mein Herz einem Verein aus dem Süden und nicht einem Verein aus dem Ruhrpott. Aber je mehr bescheuerte Terminierungen eingeführt werden, desto schwerer wird es, unseren Verein so zu unterstützen, wie es sich eigentlich gehört.

Abschließend bleibt zu klären: Glaube ich daran, dass eine Dystopie, wie am Anfang beschrieben, irgendwann eintritt? Nein. Ich denke, dass das Produkt Bundesliga kaputtgewirtschaftet wird, bevor es so weit kommt. Aber natürlich wäre es mir viel lieber, wenn wir das nicht testen müssten. Wenn man es noch schaffen würde, das Ruder herumzureißen, sowohl beim Thema Montagsspiele als auch bei anderen Problemen, mit denen wir Fußballfans im Moment so kämpfen. Und ich glaube daran, dass das machbar ist. Schließlich bin ich Fußballfan. Da glaubt man auch noch an Dinge, die längst verloren scheinen.

Niki, 25.02.2018


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