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Unsa Senf - 21.02.2018

NOFV – wenn Zivilcourage zum Strafbestand wird

Bald ist das „Brandenburgderby“ zwischen Babelsberg 03 und Energie Cottbus ein Jahr her. Im April letzten Jahres unterlag der ehemalige Bundesligist den Babelsbergern mit 1:2, was sportlich gesehen eher völlig bedeutungslos war, da beide Mannschaften am 31. Spieltag mit Auf- oder Abstieg rein gar nichts mehr zu tun hatte. Und trotzdem beschäftigt dieses Spiel den deutschen Fußball immer noch, für Babelsberg wird es gar zur Existenzfrage. Was war passiert?

Rechtsextreme Anhänger von Energie Cottbus zeigten im Gästeblock bei den bekanntermaßen links orientierten Babelsbergern offen den Hitlergruß, stürmten den Platz, skandierten widerliche Parolen wie „Arbeit macht frei, Babelsberg Nulldrei“ und feuerten Leuchtraketen in den Block. Babelsberg antwortete auf diesen Beschuss ebenfalls mit dem Einsatz von Pyro.

Am Ende wurden beide Vereine vom Nordostdeutschen Fußballverband bestraft. Energie Cottbus zu einem Geisterspiel und einer Zahlung von 10.000 € (plus 6.000 € für Vergehen bei anderen Spielen), die Babelsberger ebenfalls zu einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit, allerdings auf Bewährung, und einer Geldstrafe in Höhe von 7.000 €. So eklig, so gut, könnte man bis dahin meinen. Skandalös wird das Verhalten des NOFV erst durch die Urteilsbegründungen und den weiteren Verlauf. Von einer Strafe wegen des Zeigens verfassungsfeindlicher Symboliken und antisemitischer Äußerungen, immerhin wurde implizit die Deportation des Babelsberger Anhangs in Konzentrationslager gefordert, taucht im Urteil des NOFV gegen Energie Cottbus kein einziges Wort auf. Davon gibt es genug Videomaterial und Berichte in teils auch überregionalen Medien über die Vorfälle beim Spiel. Energie Cottbus selbst bestritt die Vorgänge nicht, wenn man auch leider bei der Schilderung die Verantwortung ein Stück weit von sich schob mit der Darstellung, dass es sich bei den Tätern nicht um die eigenen Fans, sondern um „Kriminelle und Gewalttäter“ gehandelt habe. Letzteres ist zwar richtig, aber es ist einfach ihre Problemklientel, um die man sich in der Vergangenheit nicht ausreichend gekümmert hat. Einzig und allein der mit der Verhandlung beauftragte Richter des NOFV Herr Oberholz hat davon nach eigenem Bekunden nichts mitbekommen.

Dafür sind anscheinend die Worte aus dem Babelsberger Block zu seinen Ohren durchgedrungen. Zumindest taucht in der Begründung an das Urteil gegen Babelsberg eine Passage auf, in der ein „Nazischweine raus“ angeführt wird. Kleiner Exkurs: Ein Appell, dem wir uns gerne anschließen. Im Stadion und außerhalb. Dass diese Darstellung in der Öffentlichkeit eher so semigut für den NOFV wirkt, scheinen die Verantwortlichen dann aber schnell gemerkt zu haben und so beeilte man sich zu versichern, dass man diesen Ruf nur als Erläuterung des Sachverhalts angeführt habe und er keinesfalls Teil des zu bestrafenden Verhaltens sei.

Vollends absurd wird der ganze Vorgang, wenn man sich anschaut, was zwei Einsprüche später von beiden Strafen übrig geblieben ist. Bei Energie wurde das Geisterspiel komplett gestrichen, die Strafe auf 10.000 € gekürzt, von denen weitere 4.000 € auf Bewährung erteilt wurden, erst einmal also nicht gezahlt werden müssen. Im Endeffekt ist die Strafe für Cottbus also geringer als diejenige, die Babelsberg auferlegt wurde. Deren Einspruch wurde abgelehnt mit der Begründung, dass den Berufungsunterlagen die notwendige Unterschrift gefehlt habe. Allein die Verfahrensordnung des NOFV gibt diese zwingende Notwendigkeit einer Unterschrift gar nicht her. Babelsberg blieb konsequent und verweigerte daraufhin die Zahlung der Strafe. Weil sie das Strafmaß in Relation zu dem, was gegen Energie Cottbus verhängt wurde, für unverhältnismäßig erachten und sich vom Verband nicht mit der notwendigen Fairness behandelt fühlen. Eine Sichtweise, die man so nur teilen kann.

Unter dem Strich lässt einen das Verhalten des Verbandes nur ungläubig mit dem Kopf schütteln. Das allermindeste, was man ihm und seinen Vertretern vorwerfen muss, ist völlige Blindheit in Hinsicht auf die öffentliche Darstellung und Wirkung seines Verhaltens. Böswillig könnte man hier auch ein politisches Statement in Hinblick auf die wahre Problemgewichtung vermuten. Auf jeden Fall konterkariert der NOFV damit jede seiner Antirassismuskampagnen und auch die des übergeordneten DFB.

Babelsberg wiederum erfährt für ihre Standhaftigkeit breite Solidarität in allen Ligen und das ist ein positives Zeichen. So zeigten die JUBOS im Vorfeld des Spiels gegen den HSV ein Plakat mit der Aufschrift „Fuck NOFV – Nazis raus aus den Stadien“. Letzteres nimmt Bezug auf eine gleichnamige Kampagne von 03. Wer diese Kampagne unterstützen mag, darf das sehr gerne durch den Kauf eines Solishirts in deren Onlineshop. Von den Erstligavereinen selber haben sich bislang nur Werder Bremen und der BVB an die Seite von Babelsberg gestellt. Leider haben beide Vereine erklärt, dass ein angefragtes Benefizspiel aus terminlichen Gründen nicht machbar sei. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn die Solidarität nicht nur aus bloßen Lippenbekenntnissen bestehen, sondern den Worten eher kurz- als langfristig auch echte Taten folgen würden. Die Vereine haben hier die Möglichkeit, den Kampf gegen rechts aktiv zu unterstützen, indem sie sich auf die Seite von Babelsberg stellen. Natürlich dürfen sich auch andere Proficlubs sehr gerne anschließen.

Laut gegen Nazis. So laut wie Babelsberg 03.

20.02.2018, Sascha


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